Harris versus Trump: „Wer die US-Wahl gewinnt, wird sich erst spät entscheiden“
Die USA befindet sich in einer polarisierten Phase – vergleichbar mit den letzten 25 Jahren des 19. Jahrhunderts, meint Karl Rove, ein ehemaliger Berater von George W. Bush.
Foto: REUTERSWirtschaftsWoche: Herr Rove, der republikanische Ex-Vizepräsident Dick Cheney unterstützt in diesem Wahlkampf die Demokratin Kamala Harris. Auch andere konservative Veteranen der Bush-Administration sprechen sich für sie aus. Welchen Einfluss hat das auf die Wahl?
Karl Rove: Genau kann man das nicht sagen. Es verstärkt zumindest den Eindruck, dass es nominelle Republikaner gibt, die sich nicht dazu bringen können, Donald Trump zu wählen. Aber das wussten wir bereits. Ich will die Entscheidung des Vizepräsidenten nicht kleinreden, aber er ist seit 16 Jahren kein aktiver Politiker mehr. Ich glaube, die Effekte auf den Wahlausgang werden überschaubar sein.
Sagt es nicht etwas über die Republikaner aus, dass sich so viele prominente Vertreter in diesem Jahr von ihrem Kandidaten distanzieren?
Beide Parteien haben in diesem Jahr Probleme damit, ihre traditionellen Koalitionen zusammenzuhalten. Die Demokraten schwächeln bei jungen Wählern, bei Schwarzen und bei Latinos. Die Republikaner tun sich mit Wählern schwer, die in den Vorwahlen vielleicht Nikki Haley unterstützt haben. Die halten nicht viel von Populismus und haben Vorbehalte, was Trump angeht.
Sind diese Probleme für die Parteien lösbar?
Dass die Demokraten Joe Biden mit Kamala Harris ersetzt haben, hat schon viel geholfen. Trump wiederum hat noch nicht viel getan, um seine Basis zusammenzubringen. Es war klug von ihm, Haley auf dem Parteitag im Juli sprechen zu lassen, aber als es um die Wahl eines Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten ging, hat er mit J.D. Vance nicht jemanden ausgesucht, der seine Anziehungskraft vergrößert hätte. Das grundsätzliche Problem seiner Kampagne hat er damit nicht gelöst.
Karl Rove hat das Potenzial der Vororte für die Republikaner früh erkannt.
Foto: Shutterstock, BEI, Matt BaronWoher kommen diese Vorbehalte?
Zum Teil gehen sie auf seine politischen Inhalte zurück. Trump umgibt sich beispielsweise mit zahlreichen Neo-Isolationisten. Das bereitet vielen Republikanern in der Tradition von Ronald Reagan große Sorgen. Vor allem aber ist es die Art, wie er sich verhält. Sein Umgang mit dem 6. Januar, sein Anzweifeln des Wahlergebnisses von 2020 – all das kommt nicht gut an. Seine Kampagne weiß das und sie versuchen es zu kontrollieren. Doch das gelingt nicht immer, wie Trumps Rally-Reden zeigen. Dort sagt er einfach, was er will – und meistens spricht er eben nicht über Themen wie die Wirtschaft, die Inflation oder die Grenze, sondern über das, was ihn an diesem Tag gerade besonders geärgert hat – sei es das Justizsystem, der Wahlausgang oder irgendetwas anderes.
Wie sehen die Wähler aus, die sich von solchen Auftritten abgestoßen fühlen?
Es sind vor allem Bewohner der Vororte mit Universitätsabschluss – vor allem Frauen. Und die Entscheidung des Supreme Courts, das landesweite Recht auf Abtreibung zu kassieren, dürfte diese Gruppe noch weiter abgestoßen haben. Wir dürften aber nicht vergessen, dass es Trump trotz der Vorbehalte in dieser Wählerschicht schon einmal gelungen ist, das Weiße Haus zu erobern. Damals waren seine Probleme allerdings nicht so groß wie heute. Trotzdem wird die Wahl auch diesmal wieder knapp ausgehen. Zwei Drittel der Amerikaner glauben, dass sich das Land in die falsche Richtung entwickelt. Kamala Harris ist die Vizepräsidentin einer Administration, die von der Bevölkerung schlechte Noten in fast allen wichtigen Politikbereichen bekommt – sei es die Wirtschaft, die Grenzsicherheit, Verteidigung oder Außenpolitik. Nur bei Themen wie Abtreibung und Gesundheitspolitik liegt sie vorne.
Trotzdem: Die Vororte waren einmal republikanische Hochburgen – auch dank Ihrer Arbeit. Jetzt tendieren sie zu den Demokraten. Können die Republikaner sie zurückerobern?
Ich denke nicht, dass diese Wähler dauerhaft für uns verloren sind. Nehmen Sie das Beispiel Wisconsin: 2020 haben rund 60.000 Wähler dort für republikanische Kandidaten für das State House, den State Senate oder den Kongress gestimmt, die Donald Trump nicht gewählt haben. In Texas haben im selben Jahr sämtliche 83 Republikaner, die ins Repräsentantenhaus in Austin gewählt wurden, mehr Stimmen geholt als Trump. Das ist ungewöhnlich.
Inwiefern?
Normalerweise holen Präsidentschaftskandidaten immer mehr Stimmen als Kandidaten, die weiter unten auf dem Wahlzettel stehen. Aber ja: Die Republikaner finden besser schnell einen Weg, um die Vorstädte zurückzuerobern und gleichzeitig ihre Stärke in ländlichen Regionen aufrechtzuerhalten. Und wenn sie richtig clever sind, dann nutzen sie die derzeitige Schwäche der Demokraten, um bei Schwarzen und hispanischen Wählern in den Städten dazuzugewinnen. Wenn sie dort den Abstand verringern können, dann haben die Demokraten ein enormes Problem.
Unter Trump haben sich die Republikaner auch inhaltlich neu sortiert. Müsste sie sich also auch programmatisch neu aufstellen, um in den Suburbs wieder erfolgreicher zu sein oder reicht ein neuer Kandidat?
Solche Fragen sind voreilig. Warten wir erst einmal ab, wer die Wahl gewinnt. Wenn Trump erneut Präsident wird, werden sich die Republikaner weiter in eine populistische Richtung entwickeln. Das könnte es ihnen erlauben, ihren Vorsprung in der weißen Arbeiterklasse auszubauen und auch bei weniger informierten Schwarzen und hispanischen Wählern zuzulegen. Das könnte ausreichen, um die Verluste in den Vorstädten auszugleichen. Aber das lässt sich jetzt noch nicht sagen.
Als Trump das Weiße Haus im Januar 2021 verließ, waren seine Zustimmungswerte nach dem Sturm aufs Kapitol abgestürzt. Heute hat er gute Chancen, im November erneut die Wahl zu gewinnen. Was ist da passiert?
Joe Biden. Seine Administration betrachtet sich selbst als transformative Regierung, aber die US-Bevölkerung ist nicht zufrieden mit ihr. Schon bevor sie ihr erstes großes Gesetz durch den Kongress gebracht hat – den American Rescue Plan – haben demokratische Ökonomen wie Larry Summers und Jason Furman gewarnt, dass das Paket die Inflation anheizen würde. Die Administration hat nicht darauf gehört und die Preise sind durch die Decke gegangen. Hinzu kamen neue Regulierungen und Auflagen, die das Wachstum geschwächt haben und Maßnahmen, mit denen die Förderung von billiger Energie erschwert wurde. Und die Administration wirkt auf der Weltbühne schwach. Sie hilft der Ukraine – aber es ist immer zu wenig und zu spät. Von dem desaströsen Abzug aus Afghanistan, der 13 amerikanische Soldaten das Leben kostete, haben wir da noch gar nicht gesprochen. Die Biden-Administration war weder effektiv noch beliebt. Das ist es, was passiert ist.
Trotzdem hat Harris in den Umfragen nach ihrer Nominierung zugelegt…
Ich habe den Parteitag der Demokraten besucht. Da lag ein spürbares Gefühl der Erleichterung in der Luft. Die Demokraten dachten, dass sie verlieren würden – und plötzlich hatten sie wieder eine Chance. Es wird knapp, das liegt in der Natur eines polarisierten politischen Systems. Aber im Moment hat sie einen Vorteil, denke ich.
Warum?
Sie ist ein neues Gesicht. Sie ist nicht eins dieser zwei Gesichter, die die amerikanische Politik in den vergangenen sechs bis acht Jahren dominiert haben.
Harris hält sich mit detaillierten Plänen weitgehend zurück. Wird ihr das noch schaden?
Es wird noch eine Rolle spielen. Harris ist es gelungen, die Demokraten hinter sich zu vereinigen – einfach weil diese Wähler Trump ablehnen. Aber die Wahl wird von zwei Gruppen entschieden werden: Von Wählern, die Trump und Biden nicht noch einmal im Amt sehen wollen und die sich noch ein Bild davon machen wollen, mit wem die nächsten vier Jahre besser werden. Diese Gruppe ist kleiner geworden seit Harris Kandidatin ist – aber nicht viel. Die zweite Gruppe sind Wähler, die sich kaum für Politik interessieren und die den Wahlkampf bislang kaum verfolgt haben. Wer die Wahl gewinnen will, muss diese Wähler gewinnen.
Welche Kampagne sehen Sie dafür in der besseren Ausgangslage?
Beide haben Dinge, die für sie sprechen. In einer knappen Wahl ist es wichtig, eine gute Kampagneninfrastruktur aufgebaut zu haben, um die eigenen Wähler an die Urne zu bringen. Da liegen die Demokraten vorne. Und es ist ein Vorteil für Harris, dass sie nicht Trump ist und sich als zentristische Alternative präsentieren kann, die in der Lage ist, das Land zusammenzuführen. Trump wiederum wird als stärkere Führungspersönlichkeit angesehen, der bei Themen wie der Wirtschaft, der Inflation oder der Grenze die besseren Ideen hat. Deshalb wird es knapp ausgehen. Und wer gewinnt, wird sich erst spät entscheiden. 2016 haben von insgesamt 138 Millionen abgegebenen Stimmen nur 77.000 Wähler in drei Swing States den Ausschlag gegeben, vier Jahre später waren es 42.000 Stimmen von insgesamt 153 Millionen. So ein Ergebnis erwartet uns vermutlich auch in diesem Jahr.
Team Harris verfügt über deutlich mehr Geld als Team Trump. Wie wird sich das niederschlagen?
Da kommen wir zurück zur Kampagneninfrastruktur. Die Demokraten haben hier zwei Vorteile: Zeit und Geld. Sie haben schon im vergangenen Frühjahr damit angefangen, Wahlkampfbüros aufzubauen und Personal einzustellen. Das passt zu ihrem Wahlkampfmodell: Die Zentrale gibt die Richtung vor und Mitarbeiter vor Ort dirigieren die Aktivitäten vor Ort und mit verbündeten Gruppen wie etwa Gewerkschaften.
Und die Republikaner?
Die Republikaner verfolgen in diesem Jahr ein anderes Verfahren: Sie arbeiten mit Verbündeten vor Ort – wie sprechen von Kapitänen – die dafür sorgen, dass in ihren Distrikten die Basis an die Urnen geht und die Wähler direkt ansprechen, die überzeugbar sind. Ich halte diesen Ansatz für erfolgsversprechender, und er ist billiger. Wir haben ihn 2004 auch genutzt. Aber um so erfolgreich zu sein, braucht man viel Zeit. Und Team Trump hat zu spät angefangen, Kapitäne ins Feld zu schicken. Aktuell haben sie 23.000 Kapitäne in den entscheidenden Bundesstaaten. Jeder von ihnen ist für rund 25 Wähler verantwortlich. Das sind 575.000 Wähler, verteilt über sieben Bundesstaaten. Das reicht nicht. Sie wollen demnächst bei 40.000 Kapitänen sein, was eine Million Wähler bedeuten würde. Aber das wäre auch zu wenig.
Ihr Wahlkampf im Jahr 2004 war das letzte Mal, dass ein republikanischer Kandidat die Mehrheit der abgegebenen Stimmen gewonnen hat. Warum folgt die Trump-Kampagne nicht ihrem Vorbild?
Trumps derzeitiger Wahlkampf ist der am besten organisierte, den er jemals geführt hat. Seine anderen beiden Kampagnen waren komplett um seine Persona herum aufgebaut. 2016 hatte er das Glück, gegen eine unbeliebte Kandidatin anzutreten, die sich schon als Siegerin sah und deren Team einige Fehler gemacht hat. Und 2020 hat er verloren. Ich schätze seine beiden derzeitigen Wahlkampfleiter sehr. Aber es ist nicht leicht, diese Organisation in eine gut geölte Maschine zu verwandeln.
Unabhängig von Trump: Die Republikaner haben seit Jahrzehnten Probleme, die Stimmenmehrheit zu erobern. Vor dem Erfolg von Präsident Bush im Jahr 2004 gelang es das letzte Mal 1988. Warum tut sich die Partei so schwer?
Das Land befindet sich in einer polarisierten Phase – vergleichbar mit den letzten 25 Jahren des 19. Jahrhunderts. Damals hatten wie fünf Wahlsieger in Folge mit weniger als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen – und zwei der fünf Präsidenten hatten weniger Stimmen als ihr Gegenkandidat und zogen nur dank des Electoral College ins Weiße Haus ein. An so einem Punkt sind wir jetzt wieder. Die Demokraten gewinnen landesweit oftmals mehr Stimmen, weil sie viele Wähler in Staaten wie Kalifornien, Illinois, Washington, New York und Massachusetts gewinnen. Die helfen ihnen aber im Zweifel nicht im Electoral College.
Ihnen wird der Begriff der „Permanent Majority“ zugeschrieben – also dem Zustand, dass eine Partei dauerhaft die Mehrheit in der US-Gesellschaft stellt. Ist das aus heutiger Sicht überhaupt noch erreichbar?
Ich habe mir diesen Begriff nie zu eigen gemacht. Und dauerhafte Mehrheiten gibt es nicht. Es gibt Perioden, in denen eine Partei strukturell im Vorteil ist – William McKinley läutete mit seinem Wahlsieg 1896 etwa eine 32 Jahre währende Dominanz der Republikaner ein, die nur unterbrochen wurde, als die Partei sich 1912 kurzzeitig spaltete. Eine solche Phase könnte sich wiederholen, wenn eine der beiden Parteien sich zusammenraufen würde. Aber derzeit leben wir in einer Phase der Instabilität – vergleichbar mit dem Gilded Age im 19. Jahrhundert. Damals hatten wir vier Jahre, in denen die Republikaner die Präsidentschaft und beide Kongresskammern kontrollierten, zwei Jahre, in denen die Demokraten dies taten – und 18 Jahre mit gemischten Mehrheiten. In einer solchen Periode befinden wir uns jetzt auch wieder.
Im Januar droht uns wieder eine solche Phase, in der die Präsidentschaft und mindestens eine Kongresskammer von unterschiedlichen Parteien kontrolliert werden. Was erwartet das Land dann außer Blockade?
Ich bin da optimistisch. Die meisten Politiker kommen nach Washington, um etwas Gutes für ihr Land, ihren Wahlkreis oder beides zu erreichen. In den vergangenen Jahren haben das Infrastrukturpaket und der CHIPS Act gezeigt, dass große, überparteiliche Vorhaben durchaus erfüllbar sind.
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