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Maduro und Erdoğan Die Caracas-Ankara-Connection

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu Besuch in Caracas bei Nicolas Maduro, Präsident Venezuelas Quelle: REUTERS

Nicolas Maduro, der noch amtierende Machthaber Venezuelas, lässt große Mengen Gold in die Türkei bringen. Das Edelmetall ist der Schmierstoff für Maduros Romance mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

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Çorum ist eine Stadt nordöstlich von Ankara mit 200.000 Einwohnern. Man kann sie im weitesten Sinne zu den „Anatolian Tigers“ zählen: Die Bevölkerung ist konservativ, strebsam und unternehmerfreundlich. Es gibt dort einige Fabriken, die Auto-Teile und Computer-Komponenten herstellen. Es gibt Dutzende solcher Städte in Zentralanatolien. Und doch könnte Çorum bald eine geopolitische Bedeutung haben.  

Çorum nämlich soll, so wünscht es die türkische Regierung, ein Zentrum der Goldverarbeitung werden. Nun gehört die Türkei nicht gerade zu den größten Goldproduzenten der Welt. Das zu verarbeitende Gold kommt deshalb aus dem Ausland und zwar aus Venezuela. Der venezolanische Machthaber wird von seinen politischen Gegnern beschuldigt, das Gold illegal zu fördern und außer Landes zu schaffen. 

Alles begann im Januar 2018, als die gerade neu gegründete türkische Firma Sardes Gold im Wert von 41 Millionen Dollar aus Venezuela brachte. Es war die erste Gold-Transaktion zwischen beiden Ländern seit 50 Jahren. Zuvor waren Aufträge für die Verfeinerung des Rohstoffes an Schweizer Firmen gegangen. Die venezolanische Regierung aber befürchtete, diese könnten aufgrund von Sanktionen das Edelmetall einbehalten und vergaben die Aufträge neu. Keine unbegründete Sorge - 132 Tonnen venezolanisches Gold lagern in Tresoren in London - und sind momentan durch die britische Regierung gesperrt. In die Bresche sprang das türkische Unternehmen Sardes. Die Firma ist mysteriös - laut Bloomberg beläuft sich das Kapital der Firma auf gerade einmal eine Million US-Dollar - etwas wenig für einen Auftrag solcher Größe. 

Denn  allein im vergangenen Jahr soll Gold im Wert von einer Milliarde Dollar aus Venezuela in die Türkei gebracht worden sein. Angeblich, um es dort zu verarbeiten und verfeinern. Nur ist über Exporte nichts bekannt. Das legt den Schluss nahe, dass das Gold die Türkei nicht verlassen hat, oder von dort in ein Drittland gebracht worden ist.

Der türkische Präsident Erdoğan und sein venezolanischer Kollege Maduro pflegen eine spezielle Romance. Maduro besuchte im September vergangenen Jahres Istanbul und ließ sich mit „Salt Bae“, dem Inhaber des High-End Steak-Restaurants Nusret, fotografieren - und dies während die Versorgungslage der venezolanischen Bevölkerung zumindest suboptimal ist. 

Als in Venezuela Forderungen nach Neuwahlen aufkamen, und sich der 35-Jährige Guaidó zum Interimspräsident erklärt hatte, soll Erdoğan bei Maduro angerufen und ihm geraten haben, standhaft zu bleiben. Das war eine Art Revanche dafür, dass Maduro sich nach dem fehlgeschlagenen Putsch im Juli 2016 in der Türkei sofort solidarisch mit Erdoğan gezeigt hatte. Beide Staatschefs sind überzeugt, dass die USA immer wieder Aufstände, Bürgerkriege und Staatsstreiche initiieren, um ihnen unliebsame Regierungen zu stürzen. Für Erdoğan trifft das auf den Arabischen Frühling zu, für Maduro sind es die Umsturzversuche in zahlreichen lateinamerikanischen Nachbarstaaten. Man sieht sich also im selben Boot sitzend. Dass die Türkei gleichzeitig NATO-Partner der USA ist, verringert für Erdoğan die wahrgenommene Bedrohung nicht. 

Auch die türkischen Exporte in das lateinamerikanische Land haben sich im vergangenen Jahr verdreifacht. So wurden Lebensmittel im Wert von 120 Millionen US-Dollar 2018 nach Venezuela exportiert. Das schließt freilich noch lange nicht die Lücke zu dem Wert des eingeführten Goldes. Was also geschieht damit?  

Es wird vermutet, dass das Gold von der Türkei in den Iran gelangt. Auch das ist der Grund, weshalb die USA sehr wachsam sind.

Im November warnte US-Präsident Trump Ankara, weiter venezolanisches Gold zu akzeptieren, indem er einen Sondergesandten schickte. Aber schon im Dezember reiste Erdoğan persönlich in das Land, und stellte seinem Kollegen Maduro Ahmet Ahlatci vor - Vorsitzender des größten Gold-Verfeinerers in der Stadt Çorum. 

Es ist auch nicht das erste Mal, dass die Türkei zu einer Drehscheibe für illegalen Handel mit dem Iran wird. In den Jahren zwischen 2010 und 2012 kaufte die Türkei in großem Stil Erdöl und -gas vom Nachbarn Iran. Um die gegen den Iran wegen seines Atomprogramms verhängten Sanktionen zu umgehen, bezahlte Ankara via eines komplizierten Firmengeflechts mit Gold.
In den Handel sollen auch die oberste Führungsriege sowie Erdoğans Familie verwickelt gewesen sein. Der Vize-Direktor der türkischen Halkbank Hakan Atilla wurde in den USA verurteilt. Die Schlüsselfigur ist Reza Zarrab - der schillernde Milliardär wurde 2016 in den USA bei einem Familienurlaub festgenommen, und war Kronzeuge in dem Prozess. 

Erdoğan selbst sieht das als Teil einer Verschwörung von CIA und Gülenisten gegen ihn. Maduro spinnt die antiamerikanischen Fantasien sogar noch weiter. So könnte seiner Meinung nach aus der aktuellen Krise ein alternativer Wirtschaftsblock aus China, dem Iran, Russland, der Türkei und Venezuela entstehen. Auch Erdoğan flirtet immer wieder mit autoritären Partnern, trifft aber keine endgültige Entscheidung. 

All dies geschieht in einer Zeit, in der sich die NATO-Partner aufgrund des Syrienkriegs und des Streits im Sommer um die Freilassung eines amerikanischen Pastors weit entfremdet haben. Nach dem angekündigten Truppenabzug der Amerikaner aus Syrien rückt die Türkei auch dort näher an Russland. Am Donnerstag trafen sich die russischen, iranischen und türkischen Staatschefs im russischen Sotschi, um über die Syrien-Frage zu beraten. Und schließlich drängt Moskau Ankara dazu, das Raketenabwehrsystem S-400 zu kaufen. Es steht in Konkurrenz zum amerikanischen Patriotsystem, und ist mit anderen NATO-Waffensystemen nicht kompatibel.

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