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Terrorbekämpfung 20 Jahre nach 9/11: Wie wir den Islamismus eindämmen können

Taliban-Kämpfer patrouillieren Mitte August 2021 in Kabul. Die Taliban feierten den Unabhängigkeitstag Afghanistans, indem sie erklärten, sie hätten die Vereinigten Staaten besiegt. Quelle: dpa

Tony Blair hat den Einmarsch in Afghanistan als britischer Premier mitverantwortet. Für ihn hat der radikale Islam seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht an Wucht verloren. Was nötig wäre, um die Gefahr klar zu erfassen und zu bekämpfen, schreibt er in einem Gastbeitrag.

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Die Taliban sind Teil der weltweiten Bewegung des radikalen Islam. Dieser Bewegung gehören zwar viele unterschiedliche Gruppen an, sie alle bauen jedoch auf derselben grundlegenden Ideologie auf. Vereinfacht ausgedrückt besagt diese Ideologie, dass es nur einen wahren Glauben und nur eine wahre Auslegung dieses Glaubens gibt und dass Gesellschaft, Politik und Kultur einzig und allein von dieser Auslegung bestimmt werden sollten. Der radikale Islam glaubt nicht nur an den Islamismus – die Umwandlung der islamischen Religion in eine politische Doktrin – sondern auch daran, dass es gerechtfertigt sei, dieses Ziel durch Kampf und notfalls mit Waffengewalt zu erreichen. Andere Islamisten heißen zwar die Ziele gut, vermeiden aber Gewalt.

Diese Ideologie steht unweigerlich im Widerspruch zu offenen, modernen und kulturell toleranten Gesellschaften. Nahezu alles, was mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und deren Folgen zu tun hat, ist vor allem jetzt von Kontroversen geprägt. Zweifellos fest steht allerdings, dass der radikale Islam seit 9/11 – auch wenn es glücklicherweise keinen weiteren Terroranschlag dieser Dimension gegeben hat – nichts von seiner Kraft eingebüßt hat. Strittig ist die Frage, warum das so ist.

Die Zwillingstürme in Manhattan sind das Symbol für den verheerendsten Terroranschlag des 21. Jahrhunderts. Quelle: AP

Ist der radikale Islam eine schlüssige Ideologie, die eine Bedrohung ersten Ranges für unsere Sicherheit darstellt? Oder haben wir es trotz einiger gemeinsamer Merkmale der verschiedenen Gruppierungen mit einer Reihe unzusammenhängender Herausforderungen für die Sicherheit zu tun, von denen jede auf der Grundlage lokaler Gegebenheiten separat behandelt werden muss? Ist der Islamismus selbst ein Problem oder nur seine Erscheinungsform des gewalttätigen Extremismus? Ist er mit dem revolutionären Kommunismus vergleichbar und muss daher langfristig durch eine Kombination aus sicherheitspolitischen und ideologischen Maßnahmen bekämpft werden? Oder würde man damit den Islamismus überbewerten und überschätzen und so in kontraproduktiver Weise – wie einige hinsichtlich der westlichen Interventionen in Afghanistan und im Irak argumentieren – seine Anziehungskraft noch verstärken, anstatt sie zu verringern?

Dies sind grundlegende strategische Frage, die klare Antworten erfordern.

Meiner Ansicht nach stellen sowohl die Ideologie als auch die Gewalt des Islamismus eine Sicherheitsbedrohung ersten Ranges dar. Und wie 9/11 schon gezeigt hat, wird sie uns erreichen, auch wenn sie derzeit noch so weit entfernt ist.

Eine vor kurzem veröffentlichte Untersuchung von Emman El-Badawy, eines Mitarbeiters meines Instituts, zeigt, dass die Wurzeln des Islamismus jahrzehntelang zurückreichen und schon lange vor 9/11 immer mehr an Stärke gewannen. Darüber hinaus werden in der Arbeit die Verbindungen zwischen Ideologie und Gewalt analysiert. Ergänzt werden diese Erkenntnisse durch Ahmet Kurus hervorragende Analyse des Staatskonzepts der Ulama und durch unseren Jahresbericht über dschihadistische Gruppen, in dem aufgezeigt wird, dass es sich dabei um eine sich verschärfende globale Herausforderung handelt.

Diese Ideologie – ob schiitisch, wie von der Islamischen Republik Iran verbreitet, oder sunnitisch, wie durch Gruppen von der Muslimbruderschaft über al-Qaida, dem Islamischen Staat (IS) bis Boko Haram und vielen anderen vertreten – ist der Hauptgrund für die Destabilisierung im gesamten Nahen Osten und darüber hinaus. Heute ist sie auch eine der wichtigsten Ursachen der Instabilität in Afrika.

Wie der revolutionäre Kommunismus operiert auch der Islamismus in zahlreichen unterschiedlichen Bereichen und Größenordnungen. Letztlich wird man ihn nur niederringen können, wenn sowohl die Gewalt als auch die Ideologie mit einer Kombination aus harter und weicher Macht bekämpft werden. Wenn das zutrifft, müssen sich die führenden Mächte, insbesondere nach dem Fall Afghanistans, zusammenschließen, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Auch wenn sich die ersten Diskussionen darüber auf die westlichen Länder konzentrieren, ist festzustellen, dass auch in China und Russland tiefgreifende Sicherheitsinteressen bestehen, dieser Ideologie entgegenzuwirken. Und die geeignetsten Verbündeten des Westens bei der Formulierung einer erfolgreichen Strategie sind unter den zahlreichen Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung zu finden, die verzweifelt versuchen, ihre Religion vom Extremismus zurückzuerobern.

Außerdem gilt es, unsere Verwundbarkeit genau einzuschätzen. Covid-19 hat uns alle etwas über tödliche Krankheitserreger gelehrt. Die Möglichkeiten des Bioterrorismus mögen wie Science-Fiction erscheinen, aber es wäre trotzdem klug, uns jetzt auf deren potenziellen Einsatz durch nichtstaatliche Akteure vorzubereiten.

Verschließen wir uns diesen Erkenntnissen, besteht die Alternative tatsächlich darin, den Islamismus als ein zweitrangiges Problem zu betrachten. Wo wir direkt bedroht sind, schlagen wir mit Maßnahmen der Terrorismusbekämpfung wie Drohnenangriffen, Überwachung und Spezialeinheiten zurück. Ansonsten lassen wir die Sache auf sich beruhen. Doch wenn die Politik in diese Richtung geht, zeugt das von einem viel zu beschränkten Verständnis des Problems.

Wir müssen herausarbeiten, was wir darunter verstehen, Länder, von denen terroristische Bedrohungen ausgehen können, nicht „umzugestalten“. Für mich heißt es, dass wir unterlassen, was wir in Afghanistan versucht haben. Eines sollte allerdings klar sein: Unsere „Umgestaltung“ Afghanistans scheiterte nicht, weil die Menschen in Afghanistan diese Umgestaltung nicht wollten. Sicherlich hätten wir das Land besser „umgestalten“ können, aber die Afghanen haben sich die Machtübernahme durch die Taliban nicht ausgesucht. Die Taliban haben das Land nicht mit Überzeugungskraft, sondern mit Gewalt zurückerobert.

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