1. Startseite
  2. Politik
  3. Ausland
  4. Ukraine-Krieg: Russen im Ausland bekommen Sanktionen zu spüren

Toxisches GeldRussen im Ausland bekommen Sanktionen zu spüren

Russische Staatsbürger bekommen Probleme bei Geldgeschäften, denn die Banken haben Angst vor Sanktionsverstößen. Russen berichten von einem Klima des Misstrauens. 02.04.2022 - 10:48 Uhr

Die westlichen Sanktionen treffen immer öfter normale Bürger.

Foto: dpa

Im Ausland lebende Russen geraten zunehmend in ihrem Alltag in die Mühlen der Sanktionen des Westens gegen ihr Land. Auch wenn sie nicht Ziel von Sanktionen sind, haben viele Russen bei Geldgeschäften inzwischen Probleme.

Die Nachrichtenagentur Reuters interviewte neun russische Staatsbürger, die im Ausland leben, sowie Vermögensverwalter, Anwälte, Steuerberater, Makler und Kunsthändler. Die Antworten legen nahe, dass die Finanzsanktionen, die gezielt den inneren Machtzirkel um Staatschef Wladimir Putin treffen sollten, inzwischen weitaus größere Kreise von Menschen mit russischem Pass erfassen.

„Ich habe mit Russen zu tun, die ihre Hotels nicht verlassen können, Studenten, die kein Geld haben, weil ihre Kreditkarten wertlos sind,“ berichtete Bob Amsterdam, Gründungspartner der in Washington und London ansässigen Kanzlei Amsterdam & Partners. „Banken verweigern Russen Bankkonten. Sie schließen ihre Türen für Russen wegen ihrer Nationalität.“ Auch führende Anwaltskanzleien in der Londoner City verhielten sich so.

Evgeny Chichvarkin, ein Telekom-Tycoon, der 2008 aus Russland floh und sich danach in London niederließ, ist seit langem ein lautstarker Unterstützer der Ukraine. Zusammen mit seiner Partnerin Tatjana Fokina hat der Multimillionär nach eigenen Angaben vier Lkw-Ladungen mit medizinischer Ausrüstung und Schutzausrüstung nach Polen geschickt, um den Ukrainern nach der russischen Invasion am 24. Februar zu helfen. Die erste Ladung habe er sogar selbst gefahren, sagte Chichvarkin.

Aber der 48-jährige, der ein langjähriger Kritiker von Putin ist, gab auch an, dass eines seiner Schweizer Bankkonten unerwartet gesperrt worden sei. Den Namen der Bank nannte er nicht.

Lesen Sie auch: Russische Milliardäre sind für Banken plötzlich Problemkunden

Auch russische Spenden machen skeptisch

Der russische Schriftsteller Grigori Tschchartischwili, der in London lebt und dessen Name georgisch ist, berichtete davon, dass er erfolgreich einen Geldbetrag über die britische Bank Barclays überwiesen habe, um seine ukrainische Flüchtlingshilfsorganisation „True Russia“ zu unterstützen. Seiner Frau aber, die einen russischen Namen trage, sei dies bei Barclays jedoch zunächst nicht gelungen, als sie versucht habe, Geld an dieselbe Hilfsorganisation zu senden. Die Bank habe ein persönliches Gespräch verlangt.

Die wesentlichen Sanktionen gegen Russland
Die EU schließt drei russische Banken vom Zahlungsverkehr aus und friert die Vermögenswerte ein. Sieben russische Banken bleiben beim Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift außen vor. Ein Verbot gilt für Transaktionen mit bestimmten staatseigenen Unternehmen Russlands. Zudem ist auch jede Transaktion mit Gold im Zusammenhang mit der russischen Zentralbank von den G7 mit Sanktionen belegt. Japan hat die Guthaben der russischen Sberbank und der Alfa Bank eingefroren.
Die USA verhängen ein Importverbot für Öl aus Russland. Deutschland legt die geplante Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 auf Eis. Die EU verbietet Verkauf, Lieferung, Weitergabe oder Ausfuhr bestimmter Güter und Technologien für die Ölveredelung.
Die EU sperrt den Luftraum für alle russischen Maschinen und erlässt ein Ausfuhrverbot für Güter, Technologien und Dienstleistungen für die Luft- und Raumfahrtindustrie.
Mikroprozessoren zum Beispiel dürfen nicht mehr aus der EU nach Russland exportiert werden. Das gilt auch für Produkte wie Drohnen, die militärisch eingesetzt werden könnten. Auch die USA verbieten den Export von Hightech-Produkten.
Die EU untersagt die Verbreitung der russischen Staatsmedien Russia Today und Sputnik auf allen Ebenen, einschließlich Kabel, Satellit, Webseiten oder Apps.
Die EU friert die Vermögenswerte von 862 Personen (Stand: 23. März) ein und beschränkt deren Reisefreiheit. Darunter befinden sich russische Oligarchen und Mitglieder der russischen Regierung. Die größten Kreditkartenanbieter der Welt - Visa, Mastercard und American Express - setzen ihre Arbeit in Russland aus. Japan stoppte alle neuen Investitionen in Russland.
Das vierte große Sanktionspaket der EU beinhaltet eine Ausfuhrsperre für Luxusgüter nach Russland. Dabei geht es etwa um Kunstwerke, Uhren und Autos im Wert von mehr als 50.000 Euro. Große Firmen ziehen sich zurück, darunter McDonald's, Starbucks und Coca-Cola. Japan verhängte ein Importverbot für Kohle, Wodka, Holz und russische Maschinen.
Russland wird von zahlreichen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen, unter anderem im Fußball, Handball, Eishockey oder Rudern. Auch die Winter-Paralympics in Peking gehen letztlich ohne russische Sportler über die Bühne.Russland darf außerdem nicht am Eurovision Song Contest 2022 in Turin teilnehmen. Das Royal Opera House in London hat Gastauftritte des weltberühmten Moskauer Bolschoi-Theaters gestoppt.

„Meine Summe war zehnmal so groß, aber es war kein Problem“, sagte Tschchartischwili. „Das verdeutlicht die Atmosphäre.“ Seine Frau habe nach einem Anruf bei der Bank schließlich das Geld überweisen können. Von Barclays war zunächst keine Stellungnahme erhältlich.

Von Erfahrungen wie Chichvarkin und Tschchartischwili können auch andere berichten. Vier im Ausland lebende Russen mit doppelter Staatsbürgerschaft erzählten davon, dass in London, Zürich und Paris Banken Konten oder Zahlungen eingefroren hätten.

Ein reicher Emigrant in London gab an, er sei auf Bargeld umgestiegen, um Einkäufe zu tätigen, und versuche sich ansonsten unauffällig zu verhalten. Zwei Vermögensberater und ein Anwalt nannten Fälle, in denen Banken Anträge von russischen Kunden auf Bankkonten abgelehnt hätten.

Geldhäuser würden zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen bei russischem Geld treffen. Mehrere Makler wiesen auf Fälle von ins Stocken geratenen Immobilien- und Kunstgeschäften hin.

„Alles russische ist toxisch“

Mehrere Anwälte, die wohlhabende Russen in Europa vertreten, sprachen von einem allgegenwärtigen Klima des Misstrauens. Eine Expertin für Steuer- und Vermögensplanung, die darum bat, nicht genannt zu werden, erklärte, Russen würden unabhängig von ihrem Wohnort oder ihrem Vermögen besonders unter die Lupe genommen. „Derzeit ist alles, was russisch ist, toxisch. Das heißt, jeder versucht, extrem, extrem vorsichtig zu sein, wenn es um russische Mandanten geht“, sagte die Anwältin, die eine russische und britische Staatsbürgerschaft hat.



Die Journalistin Elena Servettaz, die seit 2005 in Frankreich lebt, berichtete, die französische Bank Crédit Mutuel habe eine Überweisung von weniger als 1000 Euro auf ihr Konto abgelehnt. Es sei Geld gewesen, das ihr aus London zur Unterstützung der ukrainischen Flüchtlingshilfe geschickt worden sei.

Als Servettaz die Bank angerufen habe, sei ihr mitgeteilt worden, dass die Transaktion aufgrund ihrer russischen Staatsangehörigkeit als auffällig markiert worden sei. Sie habe das Geld dann mehr als eine Woche später erhalten. „Es ist so unfair, wenn man Teil der russischen Opposition ist und ukrainischen Flüchtlingen hilft, und man dann gesagt bekommt, man sei Russe, deshalb könne man sein Geld nicht bekommen“, beklagte sie.

Bei Crédit Mutuel hieß es dazu, europäische Banken seien verpflichtet, bei der Prüfung von Transaktionen, die von EU-Sanktionen betroffen sein könnten, Vorsicht walten zu lassen. Zusätzliche Kontrollen könnten daher zu Verzögerungen führen.

Die Bank unternehme aber das ihr mögliche, um die Folgen für Kunden zu begrenzen. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte bereits Mitte März berichtet, dass Bankenaufseher Institute angewiesen hätten, Transaktionen aller russischen und weißrussischen Kunden besonders unter die Lupe zu nehmen. Diese Vorsichtsmaßnahme gelte für Personen, die nicht auf der Sanktionsliste stünden, und mit Blick auf russische und belarussische EU-Bewohner, sagten mit der Sache vertrauten Personen.

Lesen Sie auch: Der peinliche Umgang mit Oligarchenvermögen zeigt, dass Deutschland eine schlagkräftige Finanzpolizei wie in Italien braucht.

rtr
Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick