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Wahlumfragen Warum die Wahlprognosen unsicher sind

Die aktuellen Umfragen machen die Tage vor der Wahl nochmal richtig spannend. Doch Experten zweifeln an ihrer Zuverlässigkeit.

Die Bilder des Wahlkampf-Endspurts
Hillary Clinton (ca. 1,65 Meter) an der Seite von Basketball-Superstar Lebron James (2,03 Meter) bei einem Auftritt am Sonntag in Cleveland, Ohio. Quelle: REUTERS
Wenige Stunden zuvor: Clinton besucht eine Kirche im Bundesstaat Pennsylvania. Quelle: REUTERS
Donald Trump bei einem Stopp in Minneapolis, Minnesota, am Sonntag. Quelle: REUTERS
Am Samstag moderierte Melania Trump ihren Ehemann bei einer Veranstaltung in Wilmington, North Carolina, an. Danach gab es Küsschen. Quelle: AP
In Berwyn, Pennsylvania, hatte Melania Trump vergangene Woche eine Rede gehalten – recht hölzern vom Teleprompter abgelesen. Sie sprach sich für einen besseren Umgangston in sozialen Netzwerken aus. Es war ihr zweiter bedeutender Auftritt im Wahlkampf ihres Mannes. Quelle: AP
Am Samstag gab der Popstar ein Konzert und präsentierte einen Mantel: „Ich unterstütze Madam President.“ Quelle: REUTERS
Der Song „Roar“ der 32-Jährigen wird regelmäßig auf Clinton-Wahlkampfveranstaltungen gespielt. Quelle: REUTERS

Als Hillary Clinton am 8. März aufstand war die Welt noch in Ordnung. An diesem Tag wählten die Menschen in Michigan ihren demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Clinton war gelassen, die Umfragewerte waren schließlich völlig klar: Sieg für Clinton, mit Abstand, mindestens 20 Prozent. Doch dann wurde ausgezählt. Erst war da Irritation, dann Verwunderung und schließlich die blanke Überraschung: Bernie Sanders gewann die Wahl.

Wie konnten die Wahlforscher derart irren? Und vor allem: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das auch am 9. November passiert? Ein Brexit-gleicher Schock-Moment, ein Aufwachen in der Ära Trump?

Kamil Marcinkiewicz  ist Politikwissenschaftler an der Universität Hamburg. Er weiß, wie die Wahlforscher zu ihren Zahlen kommen und sagt: „Die Umfragen in Amerika können trügerisch sein. Sie geben zwar ein Stimmungsbild ab, sollten aber mit Vorsicht interpretiert werden.“  Auch andere Experten warnen darauf, sich auf die Vorhersagen zu verlassen.

Die Prognosen haben gleich mehrere Schwachstellen.  

1. Umfragemethode

Politische Umfragen werden in Amerika über das Telefon durchgeführt. Das Problem: Viele Amerikaner besitzen keinen Festnetzanschluss mehr. Über die Hälfte nutzt nur noch das Handy als Telefon – und sind damit unerreichbar für die Wahlforscher.

„Menschen, die nicht im Telefonbuch stehen werden ebenso wenig erreicht wie die, die noch bei ihren Eltern gemeldet und längst weggezogen sind“, sagt Tim Büthe, Professor für Internationale Beziehungen an der TU München.

Das verzerrte beispielsweise in Michigan die Vorhersagen. Denn Bernie Sanders‘ Wähler kamen vor allem aus der jungen Wählerschaft und beteiligten sich überraschend stark an der Wahl.

2. Fragebögen

„In vielen Umfragen müssen sich die Menschen zwischen Clinton und Trump entscheiden, obwohl sie einen dritten Kandidaten wählen werden“, sagt Kamil Marcinkiewicz von der Universität Hamburg.  In Utah beispielsweise kommt der unabhängige Kandidat Erin McMullin auf fast gleich viele Stimmen wie Trump. In anderen Umfragen wiederum werden Alternativen zu Clinton und Trump vernachlässigt, was das Ergebnis verzerrt.

Welche Staaten tendieren zu welchem Kandidaten

Manche Wahlforscher befragen alle Amerikaner, andere wiederum nur jene, die sich zur Wahl registriert haben. Politikwissenschaftler Marcinkiewicz empfiehlt deshalb, sich Projekte anzuschauen, die verschiedene Umfragen zusammenführen, wie zum Beispiel Five Thirty Eight oder The Upshot.

3. Politisches System der USA

Die meisten Umfragen zeigen uns: Wie viel Prozent der US-Bürger würden Clinton wählen? Und wie viele Amerikaner geben ihre Stimme für Trump?

Das suggeriert jedoch, dass die Wahl auf Ebene des Gesamtstaates stattfindet. In Amerika wird jedoch auf Ebene der Einzelstaaten abgestimmt und das Ergebnis in Wahlmänner übersetzt.

Sobald jemand eine Stimmenmehrheit erreicht, bekommt sie oder er alle Stimmen der Wahlmänner – egal wie hoch die Mehrheit letztlich war. Das kann zu der Situation führen, dass jemand zwar in absoluten Zahlen mehr Stimmen gewinnen konnte und trotzdem verliert.

Zuletzt ist das vor 16 Jahren passiert: Al Gore hatte zwar insgesamt mehr Wähler gewonnen, doch die entscheidenden Staaten gingen an Bush, der daraufhin zum Präsident wurde.

Hinzu kommt, dass manche Staaten überproportional stark durch Wahlmänner vertreten sind. „In den dünnbesiedelten Staaten wie  Montana, North Dakota oder Wyoming liegt Trump vorne. Das bedeutet, er könnte überproportional mehr Wahlmänner bekommen“, sagt Politikwissenschaftler Marcinkiewicz.

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