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Anders gesagt
Quelle: dapd

Ein Menetekel nicht nur für die Wirtschaft

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Angesichts der Konjunkturschwäche muss man sich nicht so sehr vor materiellen Einbußen fürchten. Bedrohlicher ist der Test für die Stabilität der Gesellschaft.

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Die Zeichen an der Wand waren unübersehbar, aber Belsazar, der übermütige König von Babylon, konnte sie nicht deuten: „Mene mene tekel u-parsin“. Nur der weise Prophet Daniel erkannte, dass dem Reich großes Unheil bevorstand: es würde zerbrechen.

Das Menetekel der deutschen Gegenwart hat nicht der alttestamentarische Gott verfasst, sondern Statistiker und Konjunkturforscher. Seine vordergründige Bedeutung ist nicht schwer zu entziffern. Der Ifo-Index, das für Deutschlands Wirtschaft wohl wichtigste Konjunktur-Barometer ist stark gefallen, auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren. Und die führenden Köpfe der Unternehmen erwarten, dass es mit dem Geschäft in den kommenden sechs Monaten deutlich bergab geht. Diese Nachricht ist nur die jüngste von vielen, die keinen Zweifel daran lassen, dass die lange Phase der Hochkonjunktur vorbei ist – im Rest der Welt sowieso und nun auch in Deutschland.

Aus einer abgehobenen Perspektive sollte man eigentlich meinen, dass es für eine Gesellschaft/Gemeinschaft/Nation (suchen Sie sich einen Begriff aus, ich bin da leidenschaftslos) keine Katastrophe ist, wenn der in Geld ausgedrückte Wert der in ihr produzierten Waren, der in den vergangenen Jahrzehnten ein für frühere Generation unfassbar hohes Niveau erreicht hat, nun stagniert oder vielleicht sogar einmal ein wenig abnimmt. Die Panik, mit der konjunkturelle Krisen betrachtet werden, ist nicht wirklich materiell zu erklären. Genauso viel oder ein bis zwei Prozent weniger zu produzieren und konsumieren wie im Vorjahr, sollte angesichts unseres immensen gesamtgesellschaftlichen Wohlstands nun wirklich keine Katastrophe sein.

Ist es auch nicht. Eigentlich. Die Erklärung dafür, dass es zu einer werden kann, ist eben nicht materiell, sondern – extrem vereinfacht gesagt – einerseits strukturell und andererseits ideell. Zunächst ist sie in der Konstruktion unseres Geld- und Finanzsystems zu finden, in dem alles am Geld hängt und dieses wiederum im Nichts wurzelt, nämlich im Versprechen, künftig einen Wert dafür zu erwirtschaften. Privatwirtschaftliche Profitinteressen (das „Kapital“) und das Ausbreitungsinteresse des kümmernden Staates („Wagnersches Gesetz“) sind in diesem System eine Symbiose eingegangen. Beide Seiten, nicht nur das Kapital, sondern auch der real existierende Staat, der sich (in Deutschland mehr als anderswo) im Laufe der Moderne von einem Ordner und Beschützer zu einem Verteiler und Versorger gewandelt hat, sind strukturell auf Wirtschaftswachstum gebaut.

Das ist die Absurdität des Wachstumsdogmas: Man braucht für die Stabilität des Systems eine endlose Aufwärtsdynamik. Dass das nicht ewig dauern kann, ist für jeden einsehbar. Daher musste ja auch ein Dogma der ewigen Möglichkeit, Nützlichkeit und Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum geschaffen werden (Vgl. Matthias Schmelzer, The Hegemony of Growth: The OECD and the Making of the Economic Growth Paradigm, 2016).

Oben Gesagtes gilt für alle westlichen, frühindustrialisierten, spätmodernen Länder. Aber für Deutschland in ganz besonderer Weise, weil es besonders arm ist an allem, was das Land zusammenhält. Das Bewusstsein, dass nicht nur der Einzelne nicht nur vom Brot alleine lebt, sondern auch das Gemeinwesen, ist hier aus historischen Gründen zutiefst beschädigt. Von Preußen sagte man, es sei eigentlich eine Armee, die sich einen Staat hält. Für Deutschland seit 1949 (und 1990) könnte man sagen: Die Bundesrepublik will ein Wirtschafts- und Sozialsystem sein, das sich nur notgedrungen andere Staatsinstitutionen (z.B. Streitkräfte) hält.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die neuen intellektuellen Eliten unter Führung des inoffiziellen Staatsphilosophen Jürgen Habermas als Ersatz für die diskreditierten herkömmlichen Bindekräfte als Nation den „Verfassungspatriotismus“ ins Leben gerufen. Nicht mehr in der Zugehörigkeit zu einer intergenerationellen Schicksalsgemeinschaft mit gemeinsamer Geschichte (mag sie auch tatsächlich „vorgestellt“ sein) sondern in dem Bekenntnis zu universellen, humanitären Werten wie Weltoffenheit und Menschenwürde sollte der Kitt der Gesellschaft bestehen. Man könnte diesen Habermasianismus als analog betrachten zur Aufhebung des Goldstandards. Das Fiat-Geld und die Gesellschaft der Verfassungspatrioten sind beide „völlig losgelöst“ von früheren Gewiss- und Sicherheiten.

Inwiefern eine habermasianistische Gesellschaft von Verfassungspatrioten wirklich dauerhaft funktioniert, ist bisher noch nicht wirklich getestet worden. So etwas weiß man erst nach Krisen. Die immer konsequentere Habermasianisierung der deutschen Politik, für die die Jahreszahl 2015 steht, war bislang vor allem eines: teuer. Akzeptabel war das bisher, weil es mit einem ungebrochenen Wirtschaftswachstum einherging. Die materiellen Überschüsse haben das großzügige Ausleben humanitärer Werte sehr erleichtert. Wenn das Geld spürbar knapper wird, sieht meist alles anders aus.

Wer sich zu höchsten Höhen aufschwingen zu können glaubt, wird die Lösung von historischen und anderen Bindungen begrüßen. Aber wenn klar wird, dass der Aufschwung nicht trägt, ist es vielleicht doch nicht schlecht, wenn man weiß, dass es noch einen festen, sicheren Boden unter den eigenen Füßen gibt.

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