Anschlag in Berlin Sind wir wirklich erschüttert?

Politiker reagieren mit emotionalen Phrasen auf Terroranschläge. Doch tatsächlich gewöhnen sich die Menschen an die Bilder des Terrors. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

Streife auf Frankfurter Weihnachtsmarkt. Quelle: dpa Picture-Alliance

Sie sei „entsetzt, erschüttert, tief traurig“, sagte Angela Merkel am Dienstag nach der Gewalttat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Das Land sei in tiefer Trauer mit den Opfern vereint. Von „uns allen“ spricht sie. Ähnliche Worte sprach Joachim Gauck. Eine Bundeskanzlerin und ein Bundespräsident pflegen so etwas zu sagen, wenn ein Terroranschlag erfolgt. Viel Gefühl und viel wir.

"Kampf gegen Terror ist auch ein Kampf für Freiheit"
Frank-Walter Steinmeier Quelle: REUTERS
Klaus Bouillon Quelle: dpa
Horst Seehofer Quelle: dpa
Andreas Scheuer Quelle: dpa
Julia Klöckner Quelle: dpa
Thomas Strobl Quelle: dpa
Heiko Maas Quelle: dpa
Michael Müller Quelle: dpa
John B. Emerson Quelle: dpa
US-Präsident Barack Obama Quelle: REUTERS
Angela Merkel Quelle: dpa
Martin Schulz Quelle: AP
Bundestagspräsident Norbert Lammert Quelle: dpa
UN-Generalsekretär Ban Ki MoonUN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilt den "terroristischen Anschlag" in Berlin. Der Generalsekretär hoffe, dass jeder, der an dieser abscheulichen Tat beteiligt war, rasch zur Rechenschaft gezogen werde, teilen die UN mit. Quelle: dpa
Papst Franziskus Quelle: dpa
Joachim HerrmannBayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat eine Überprüfung der deutschen Flüchtlingspolitik gefordert. „Wenn sich bestätigen sollte, dass dieser Anschlag von jemandem verübt worden ist, der als Asylbewerber ins Land eingereist ist, dann muss das in Berlin schon noch mal zu einem grundsätzlichen Nachdenken darüber führen, wie diese ganze Flüchtlingsaufnahme gestaltet wird“, sagte Herrmann dem Hörfunksender Antenne Bayern. Es sei naheliegend, dass durch die große Zahl von Flüchtlingen viele Personen eingereist seien, deren Hintergründe nicht bekannt seien. „Meines Erachtens wird dann schon auch die Frage sein, ob wir das wirklich so weiterlaufen lassen können“, sagte der Innenminister. Dem Bayerischen Rundfunk sagte Herrmann, der Bevölkerung könne nicht zugemutet werden, „das jetzt einfach weiter so laufen zu lassen, dass wir ein erhöhtes Anschlagsrisiko von Personen haben, die aus einem radikalen Islamismus-Verständnis heraus solche Anschläge begehen“. Quelle: dpa
Joachim GauckBundespräsident Joachim Gauck zeigt sich erschüttert. „Das ist ein schlimmer Abend für Berlin und unser Land, der mich wie zahllose Menschen sehr bestürzt“, sagt er. „Auch wenn wir noch nicht viel über die Hintergründe des schrecklichen Geschehens auf dem Berliner Weihnachtsmarkt wissen: Ich bin in Gedanken bei den Opfern, bei ihren Angehörigen, bei allen Menschen, die um Familienangehörige oder Freunde fürchten. Und ich danke den Helfern und Sicherheitskräften für ihren Einsatz.“ Quelle: dpa
Reinhard Marx Quelle: dpa
Michael Müller Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller sagt am Ort des Geschehens: „Es ist einfach furchtbar, das hier zu sehen.“ Es sei „sehr bedrückend, ein Schock, weil wir immer gehofft haben, dass wir diese Situation in Berlin nicht haben werden. Die Lage hier vor Ort ist unter Kontrolle.“ „Es ist mal wieder ein Anschlag auf unser aller Freiheit, unser Leben - und es hätte tatsächlich auch jeden treffen können. Dieses Mal wird das Brandenburger Tor in unseren eigenen Farben angestrahlt werden.“ Quelle: dpa
Donald TrumpDer zukünftige US-Präsident Donald Trump spricht auf Twitter von „Terroranschlägen“ in Deutschland, der Türkei und der Schweiz. „Die zivilisierte Welt muss umdenken!“, erklärt er. Quelle: REUTERS

Aber sind die Deutschen tatsächlich mit ihrer Kanzlerin und ihrem Präsidenten erschüttert? Oder sind die merkelschen und gauckschen Gefühlsbekundungen nur ein Teil einer längst eingeübten medialen Anti-Terror-Routine?

An der Börse, die einmal als Indikator für Stimmungen galt, ist nicht der geringste Ausschlag zu erkennen. Den Börsianern vorzuhalten, sie seien besonders abgebrüht, empfindungslos oder abgestumpft, ist unsinnig. Denn die nicht an der Börse handelnden Deutschen benehmen sich ähnlich.

Schon gestern Abend unter dem unmittelbaren Eindruck des Anschlags wirkten die Menschen in Berlin gelassen und besonnen, wie unser Berliner Kollege Florian Willershausen aus eigenem Erleben berichtet. Die Polizei tat ruhig ihre Arbeit, die Straßen waren und sind nicht leergefegt, keine überschäumenden Emotionen. Ebenso routiniert, wie die Kanzlerin vor der Presse auftritt, informieren sich die Deutschen, was passiert ist. Aber schon beim dienstäglichen Mittagessen in einem Düsseldorfer Schnellrestaurant blickt keiner mehr auf die Fernsehübertragung der Berliner Pressekonferenz, man unterhält sich über den Job, Weihnachtsgeschenke, Fußball. Wie immer.

Der Berliner Terroranschlag war, so könnte man sagen, vermutlich nicht nur an der Börse sondern auch im Alltagsleben der meisten Deutschen längst eingepreist. Man hatte so etwas schon lange erwartet. Nun ist es eingetreten.

Große Terroranschläge in Europa

Vor wenigen Tagen erst schrieb die Chefin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher, in der WirtschaftsWoche, dass sich in der Bevölkerung ein latentes Gefühl der Bedrohung breit gemacht habe: „Mittlerweile fürchten 80 Prozent, dass der Terrorismus weltweit zunimmt, 70 Prozent, dass es zu einem größeren Anschlag in Deutschland kommen wird.“ Zudem hätten 77 Prozent der Bürger „auch abseits von Terroranschlägen den Eindruck, dass Gewalt und Kriminalität generell zunehmen“.

„Keep calm and carry on“ – Die britische Regierung verzichtete 1939 darauf, bereits gedruckte Poster mit dieser Botschaft aufzuhängen. Es scheint auch 2016 unnötig. Die Menschen bleiben auch im Angesicht von Leiden und Schrecken ruhig – und führen ihr Leben weiter.

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