Bürgerschaftswahl Hamburg: „Wir haben unsere Bedeutung als Hafenstandort verloren“
Hamburg hat seine Bedeutung als Hafenstandort verloren, der Hafenumschlag stagniert. Sonnenaufgang hinter Hafenkränen und der Elbphilharmonie.
Foto: Marcus Brandt/dpaWirtschaftsWoche: Die Parteien der Ampelkoalition haben bei der Bundestagswahl verloren – in Hamburg wird die rot-grüne Koalition nach der Bürgerschaftswahl wohl weiter regieren können, zeigen die Umfragen. Was machen SPD und Grüne in Hamburg besser als im Bund?
Johanna von Eben-Worlée: In Hamburg gibt es eine gewisse Wohlstandssättigung. Es herrscht kein großer Veränderungsdrang, sondern das Gefühl: Es ist gut, so wie es ist. Das schlägt sich auch in der Wahl nieder: Es werden wieder die Parteien gewählt, die gerade nicht so viel bewegt haben.
Dalia Das: Rot-Grün hat hier auch die stärkeren Persönlichkeiten. Aber: Das Ergebnis der Bundestagswahl spiegelt doch ganz eindeutig den Wunsch nach Veränderung wider, nach mehr Innovationen, nach mehr Stärkung der Wirtschaft. Diese Themen sollte auch Hamburg nach vorne rücken.
Welche Versäumnisse sehen Sie denn?
Das: Unsere Stadt droht, den Strukturwandel zu verpassen. Wir haben unsere Bedeutung als Hafenstandort verloren und rangieren auf Platz 23 in der Welt, der Hafenumschlag stagniert. Auch als Finanzplatz haben wir an internationaler Relevanz eingebüßt. Und um Innovationen und Zukunftstechnologien, die unsere Wohlstandstreiber von morgen sein könnten, groß zu denken, fehlen Hamburg schlichtweg eigene Talente. Im Vergleich zu München starten an der TU Hamburg sieben Mal weniger Studienanfänger – jedes Jahr. Wir sind als zweitgrößte Stadt in Deutschland, das muss man plakativ so sagen, ‚Mini in MINT‘…
…also den Studienfächern aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik…
…und das setzt sich natürlich fort in der Zahl der Berufsanfänger, die die hiesige Wirtschaft in Sachen Technologie verstärken können oder selbst gründen. In den Top 10 der Gründerhochschulen in Deutschland taucht Hamburg gar nicht auf. Das sagt schon eine Menge aus. Schließlich sind Gründer von heute die Arbeitgeber von morgen.
Eben-Worlée: Wir betreiben als Familienunternehmen eine Chemiefabrik in Schleswig-Holstein, etwa 40 Minuten von hier. Dafür brauchen wir Fachkräfte. Die finden wir eben nicht in Hamburg, dort fehlen die entsprechenden Studiengänge. Auf Messen oder Veranstaltungen kommen durchaus Studierende zum Beispiel aus Süddeutschland zu mir und sagen, ich habe an der Fachhochschule mit Worlée-Produkten gearbeitet, ich würde gern bei euch anfangen – aber es ist mir zu weit weg.
Nun ist es nicht so, dass Hamburg wirtschaftlich brachliegen würde…
Das: Aber im europäischen Vergleich liegt die Produktivität in Hamburg schon heute weit unter der anderer Metropolen, bei 44.600 Euro pro Kopf. In München beträgt die Bruttowertschöpfung pro Kopf dagegen 67.000 Euro, etwa 50 Prozent mehr. Und in Zürich liegt sie sogar fast doppelt so hoch, bei 87.000 Euro pro Kopf. Das sind Einnahmen, die am Ende für Investitionen fehlen.
Eben-Worlée: In Dublin arbeiten zum Beispiel doppelt so viele Hochqualifizierte wie in Hamburg, und mit nur 34 Prozent Beschäftigten mit Hochschulabschluss liegen wir sogar hinter München, Bonn, Darmstadt und Gießen. Um schlechter zu sein als andere, reicht es ja schon, dass sich die anderen schneller und besser weiterentwickeln – und man selbst gemütlich nach unten rutscht, ohne es richtig mitzubekommen.
Sie haben mit anderen eine Initiative gegründet, die Hamburg wieder nach vorne bringen will. Welche Ideen haben Sie, auf die die regierenden Parteien noch nicht gekommen sind?
Das: Eines mal vorweg: Unsere Ideen sind nicht brandneu und wir sind mit Ideen auch nicht allein – auch die Handelskammer hat in den letzten Jahren gute Vorschläge präsentiert. Die Frage ist eher, warum man gute Ideen in Hamburg bisher nicht umsetzt.
Eben-Worlée: Es geht um Fokus – wie ich ihn als Unternehmerin ja auch habe. Ich weiß, wo es für mein Unternehmen in den nächsten fünf, zehn Jahren hingehen soll. Ich muss mich fokussieren, all meine Energie auf wenige Aktionen setzen, um mein Ziel zu erreichen. Und das Gleiche gilt für Hamburg: Die Stadt braucht eine mutige Zukunftsstrategie, um wieder eine führende Rolle in Europa einzunehmen.
Was schlagen Sie konkret vor?
Das: Wir empfehlen eine auf forschungsstarke Unternehmen ausgerichtete Wirtschaftsförderung, eine verbesserte Zusammenarbeit in der Metropolregion und die Nutzung von Teilbereichen im Hafen als Innovationsfläche. Dort könnte zum Beispiel eine deregulierte Sonderinnovationszone entstehen, wo Wissenschaft, Start-ups, Finanzierungspartner und größere Unternehmen optimierte Rahmenbedingungen vorfinden, um sich auszuprobieren. Das heißt: Steuererleichterungen, ein Minimum an Bürokratie und finanztechnischen Auflagen. Einfach all das in Hamburg vereinen, was in der EU schon möglich ist, um Zukunftsfelder schneller zu erschließen und Gründungen unbürokratischer von Statten gehen zu lassen.
Eben-Worlée: Und eine bessere Clusterpolitik. Da gibt es Bestrebungen aus der Politik, aber ich erlaube mir die Frage: Gehen wir die richtigen Cluster an? Natürlich schneide ich mir ins eigene Fleisch, wenn ich sage „Food“, also die Lebensmittelindustrie, und auch Logistik sind wenig wissensbasierte Branchen, mit denen wir unsere Bruttowertschöpfung nicht deutlich erhöhen können.
Aber im Sinne der Stadt und nicht im Sinne meines Unternehmens sollten wir mehr auf Zukunftstechnologien setzen und weniger auf das, womit wir in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhunderten unser Geld verdient haben. Wir schlagen daher ein Cluster „Climate Solutions“ vor, das sich mit Lösungen zur Bekämpfung des Klimawandels beschäftigt.
Außerdem wollen Sie, dass 20.000 zusätzliche Studienplätze in den MINT-Fächern geschaffen werden. Bereits jetzt gibt es in Hamburg allerdings weniger Studierende in technischen Fächern als Plätze. Wo sollen die ganzen Studierenden herkommen?
Das: Die Zahl von 20.000 haben wir uns nicht ausgedacht, die bräuchte Hamburg, um im Verhältnis auf das Niveau der MINT-Studierenden in München zu kommen. Dass bei uns sogar einige Studienplätze unbesetzt bleiben, liegt auch daran, dass wir im Vergleich zu anderen Universitätsstädten weniger international sind. In Aachen und Berlin liegt der Anteil internationaler Studierender bei 40 Prozent, in Hamburg sind es gerade einmal 20 Prozent. Um internationale Studierende anzuwerben, müssten wir aber nicht nur mehr attraktive, technische Studienplätze schaffen, sondern auch mehr Programme in englischer Sprache anbieten. Wie viele englischsprachige Bachelor-Studiengänge haben wir an den öffentlichen Hochschulen in Hamburg?
Verraten Sie es uns.
Einen einzigen an der TU. An der Uni gibt es keinen. An den privaten Hochschulen sind es mehr. Wenn man Studiengänge gar nicht erst auf Englisch anbietet, ist es natürlich schwer, internationale Studierende anzulocken.
Politiker und Politikerinnen könnten Ihnen entgegenhalten: Danke für die Forderungen – aber was macht eigentlich ihr Unternehmerinnen, um zukunftsgerichteter zu sein?
Eben-Worlée: In München gibt es das Gründerzentrum UnternehmerTUM, das Ausgründungen fördert und sie mit etablierten Unternehmen zusammenbringt. Dort beteiligen wir uns. Gleiches würden wir natürlich hier in Hamburg tun. Es wäre uns sogar lieber, hier ein solches Ökosystem vorzufinden, wir schaffen es gar nicht, häufig genug in München zu sein, um all die interessanten Start-ups kennenzulernen und dieses Ökosystem ausgiebig zu nutzen.
Das: Die Distanz setzt sich übrigens fort in der Geldgeberszene. Die großen Venture-Capital-Firmen haben Vertretungen in München, weil sie dort das Ökosystem von Talenten aus der Uni, von Start-ups, von Unternehmen vorfinden. Google und Meta sind mit ihren Tech-Teams aus Hamburg abgewandert, um in München zu all dem schnelleren Zugang zu haben.
Sie haben selbst nachgerechnet: 20.000 zusätzliche Studienplätze in technischen Fächern kosteten die Stadt 200 Millionen Euro. Wundert es sie da, dass keine Partei den Vorschlag in ihr Wahlprogramm aufgenommen hat?
Das: Das wäre ein Prozent des Hamburger Haushalts. Das ist viel Geld, klar, aber eine lohnende Investition in die Zukunft unserer Stadt. Den Effekt einer solchen Ausgabe sieht man erst in einigen Jahren. Mit diesem Thema gewinnt man vermutlich keinen Wahlkampf. Die Anzahl der Baustellen zu verringern, eignet sich da wohl besser.
Andererseits lassen sich Infrastruktur, Sicherheit und kostenlose Kitas nur finanzieren, wenn wir eine gut funktionierende Wirtschaft und vor allem eine hohe Wertschöpfung in der Stadt haben. Ohne eine fokussierte Innovations- und Forschungspolitik wird es uns nicht gelingen, dass Hamburg auch zukünftig das bleibt, was wir wollen. Nämlich die schönste Stadt der Welt.
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