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Deindustrialisierung „Das war ein Bruch, der politisch gewollt war“

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„Es gibt immer noch Alternativen zum weiteren Abstieg“

Allerdings werden auch in Deutschland immer mehr Jobs vergeben, der Niedriglohnsektor hierzulande ist der größte Europas.
Gerade im Dienstleistungssektor sieht es in Deutschland in der Tat schlecht aus. Anspruchsvolle neue Berufsprofile konnten sich kaum etablieren, sodass sich hier vor allem Billigjobs finden. Damit hat Deutschland seit 2000 eine Entwicklung nachvollzogen, die man in Großbritannien in deutlich ausgeprägterer Form schon seit den Achtzigerjahren beobachten konnte.

In Ihrem Buch gehen Sie auch auf einzelne Arbeiter- und Arbeiterinnenbiographien ein. Viele wurde frühverrentet. Wie wirkte sich der Verlust ihres Arbeitsplatzes auf sie aus?
Für die Betroffenen konnte die Frühverrentung neben den vielen offensichtlichen Vorteilen auch negative Auswirkungen haben. Viele waren noch arbeitsfähig und -willig, sie waren nicht alle alt und krank. Gerade für die fitten Arbeiter bedeutete Frühverrentung das Abschneiden von Sozialverbindungen, die der Beruf für sie brachte. Viele erlebten großen Frust, über dessen gesellschaftliche Konsequenzen wir noch viel zu wenig wissen. Wir wissen beispielsweise von türkischen Arbeitsmigranten, die sich nach der Frühverrentung von ihrer deutschen Umgebung zurückzogen und türkischsprachigen konservativen, religiösen Gruppen zugewendet haben.

Sie betrachten den alten Industriebetrieb als Stabilitätsanker für den Arbeiter, der dessen negative Erfahrungen in Gesellschaft und Politik abmilderte, indem er ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Arbeitern schuf. Gibt es diesen Anker in der heutigen industriellen Arbeitswelt noch? 
Ich vermute, dass es diesen Stabilitätsanker in vielen Unternehmen weiterhin gibt. Wir wissen allerdings nicht genau, wie viel berufliche Verankerung den Menschen heute überhaupt noch bedeutet. Ich glaube, sie ist nach wie vor ein wichtiger Stabilitätsfaktor für unsere Gesellschaft. Gerade bei kleineren und mittleren Unternehmen ist die durchschnittliche Beschäftigungsdauer länger, als wir das gemeinhin annehmen. Gibt es in diesen Betrieben eine funktionierende Sozialordnung, machen die Arbeiter dort positive soziale Erfahrungen, die Unsicherheit und Ohnmachtserfahrungen auch heute noch abmildern dürften. Mit Sorge blicke ich auf Betriebe, wo Arbeiter solche sozialen Erfahrungen nicht machen – der Industriesoziologie Hermann Kotthoff  hat solche Betriebe treffend als seelenlose Arbeitshäuser bezeichnet.

Was genau bereitet Ihnen Sorge?
Insbesondere in der Dienstleistungsbranche finden Sie Berufswelten ohne Tradition und gewachsene Berufskulturen. Hier können sich Ressentiments ohne Gegenstimme verbreiten.

Die Welt der Logistik, der großen Verteilungszentren, Auslieferungslager und Speditionen ist ein Beispiel: niedrige Löhne, eher geringe Aufstiegsmöglichkeiten, hohe Belastungen durch Arbeitsverdichtung und wechselnde Arbeitszeiten. Hier herrschen in allen drei Ländern, die ich untersucht habe, deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen als in Industrieunternehmen.

Mit der gesellschaftlichen Marginalisierung des Industriearbeiters ging auch dessen Abwenden von den Gewerkschaften und der einstmaligen linken Volkspartei SPD einher. Wie konnte das passieren?
Das war ein gegenseitiger Entfremdungsprozess. Als die Zahl der Industriearbeiter abnahm, lockerte die SPD ihre Bindung zu ihnen und wandte sich stärker anderen Berufsgruppen zu. Die Arbeiter haben sich gleichzeitig zunehmend aus den Parteien, Vereinen und Gewerkschaften zurückgezogen, zahlten ihre Mitgliedsbeiträge nicht mehr, sahen keinen Sinn mehr darin, sich zu engagieren. Das war massiv in Frankreich und Großbritannien zu erleben, in der Bundesrepublik war dieser Rückzug etwas verhaltener. Aber in Ostdeutschland beispielsweise ist es den Gewerkschaften bis heute nie gelungen, wirklich Fuß zu fassen. Eine wachsende Zahl von Arbeitern und Angestellten fühlte sich ständig missachtet und zurückgesetzt, ihre Lebenswirklichkeit kam in der politischen Diskussion nicht mehr vor. Daraus entstand ein Ressentiment. Im Ergebnis wurden die Wählerstimmen der Arbeiter frei für andere politische Strömungen.

Ist der SPD ihr klassisches Wählermilieu endgültig abhandengekommen?
Wenn wir solche Sätze aussprechen, hat das immer das Potential zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Es gab Erneuerungsoptionen nach dem parallelen Abstieg der SPD nach der Regierung Gerhard Schröders und der Labour Party nach Tony Blair. Labour hat sich wieder stärker seinen klassischen Wählermilieus zugewandt, den Verlierern der radikalen Reformen. So konnte Labour bis zum großen Brexit-Chaos glaubhaft vermitteln, etwas verändern zu wollen. Diese Option hat die sozialistische Partei in Frankreich wohl nicht mehr, sie implodiert. In der Bundesrepublik ist jüngst eine ähnliche Implosion zu beobachten, das ist aber nichts Zwangsläufiges. Wir können die Probleme der SPD auch nicht ohne Weiteres aus ökonomischen oder politischen Trends ableiten. Ich arbeite aktuell an einem Projekt, in dem wir versuchen, den Wandel der SPD und der Labour Party in den Achtziger- und Neunzigerjahren für einzelne Städte zu untersuchen. Da sehen wir, die Parteien haben viele unterschiedliche Handlungsoptionen – und entwickeln sich auch regional unterschiedlich. Es gibt also immer noch Alternativen zum weiteren Abstieg.

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