Energiewende: Was für ein Handelsabkommen mit Australien spricht
Australiens Minister für Handel Don Farrell.
Foto: imago imagesZwischen Berlin und Canberra liegen rund 15.000 Kilometer – diese Distanz war in der Vergangenheit eine Hürde für eine engere Partnerschaft, aber nun ändern sich die geopolitischen und geoökonomischen Faktoren. Der Klimawandel stellt eine Bedrohung ungekannten Ausmaßes dar. Und der Aufstieg von Staaten, die Rechtsstaatlichkeit ablehnen, erfordert eine engere Zusammenarbeit derjenigen, die diese achten. Deutschland und Australien teilen wichtige Gemeinsamkeiten: das Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftlicher Offenheit. Für beide Länder besteht jetzt die Chance auf eine moderne und enge Partnerschaft – vor allem im wirtschaftlichen Sektor.
Deshalb ist Australiens Partnerschaft mit Deutschland wichtiger denn je – bei erneuerbaren Energien, vor allem grünem Wasserstoff, und kritischen Rohstoffen. Wenn ich nächste Woche zum ersten Mal Vizekanzler Robert Habeck in Berlin treffe, möchte ich auf diesem Fundament bauen und die Partnerschaft vertiefen.
Eines der drängendsten Probleme unserer Zeit ist der Klimawandel. Noch nie stand so viel auf dem Spiel, deshalb muss unsere Antwort ambitioniert sein. Daher hat die neue australische Regierung unter Premier Anthony Albanese bei ihrem Amtsantritt im Mai sofort Maßnahmen eingeleitet. Unser erster Rechtsakt war die Verabschiedung eines Klimaschutzgesetzes, das die Reduktion der Emissionen bis 2030 um 43 Prozent und bis 2050 auf null vorsieht.
Doch der Klimawandel kennt keine Grenzen, deshalb muss auch Australiens Antwort international sein. Wir setzen bei der Bekämpfung auf globale Zusammenarbeit und bewerben uns gemeinsam mit unseren Partnern im pazifischen Raum um die Ausrichtung der UN-Klimakonferenz COP31. Damit wollen wir auf die existenzielle Bedrohung aufmerksam machen, die der Klimawandel für besonders gefährdete Länder darstellt, und möchten globale Maßnahmen beschleunigen. Deutschlands Unterstützung dafür begrüßen wir sehr.
Australien braucht deutsche Investitionen
Die Energiewende kann nur durch Zusammenarbeit gelingen, und Handel spielt dabei eine zentrale Rolle. Als erfahrener und zuverlässiger Energielieferant plant Australien, eine Supermacht der erneuerbaren Energien zu werden. Mit unseren Solar- und Windressourcen können wir zu den größten Exporteuren grüner Energie gehören. Außerdem besitzt Australien erhebliche Reserven an, für die Energiewende unverzichtbaren, kritischen Rohstoffen.
Viele benötigte Ressourcen sind in Australien vorhanden, aber unsere Unternehmen und Bergbaufirmen brauchen Unterstützung. Australien braucht deutsche Investitionen zur Erschließung neuer Versorgungsquellen und der Weiterverarbeitung kritischer Mineralien, damit wir unsere umweltfreundlichen Energieprodukte schneller auf den Markt bringen können. Wir brauchen die Abnahmegarantie deutscher Firmen.
Diese neuen bilateralen Arbeitsfelder rechtfertigen ein Handelsabkommen auf EU-Ebene, das die geopolitische und wirtschaftliche Bedeutung unserer Beziehung unterstreicht – die geostrategische und geoökonomische Bedeutung war nie größer.
Ein ehrgeiziges Handelsabkommen zwischen Australien und der EU würde Jobs und Wachstum in Europa unterstützen. Als Volkswirtschaft steht Australien weltweit an 13. Stelle – ein Markt mit knapp 26 Millionen zahlungskräftigen Verbrauchern. Bereits jetzt ist die Nachfrage nach EU-Waren und -Dienstleistungen groß und das Wachstumspotenzial enorm. Modellen der EU zufolge könnte ein Handelsabkommen bis 2030 zu einer Steigerung der EU-Exporte nach Australien um 33 Prozent und des realen Bruttoinlandsprodukts um 3,9 Milliarden Euro führen.
Handelsabkommen mit Australien: Arbeits- und Umweltstandards
Ohne Handelsabkommen sind die EU-Exporteure auf dem australischen Markt im Nachteil. Autos, Lkws, Automobilteile und Maschinen aus Europa sind mit höheren Zöllen belegt als solche aus Japan, China, den USA und Südkorea. Europas Unternehmen würden auch von einem breiteren Zugang zum 51 Milliarden Euro schweren öffentlichen Beschaffungsmarkt Australiens profitieren, von mehr Rechtssicherheit bei Investitionen und Dienstleistungen.
Ein Handelsabkommen mit Australien würde auf unserer gemeinsamen Verpflichtung zu hohen Arbeits- und Umweltstandards basieren. Neben unserer ambitionierten Klimaschutzpolitik ist der australischen Regierung auch der Schutz der Arbeitnehmerrechte wichtig. Als stolzes Gewerkschaftsmitglied und früherer Gewerkschaftsführer weiß ich, wie wichtig eine gerechte Verteilung von Handelsvorteilen ist.
Wir wollen ein Handelsabkommen schließen, das einerseits für deutsche Industriegüter in Australien, speziell Automobilteile, und andererseits für unsere Landwirtschaftsprodukte und kritischen Rohstoffe in der EU einen neuen, kommerziell wichtigen Marktzugang schafft.
Unsere Länder stehen vor einer neuen Ära der Zusammenarbeit. Ich bin zuversichtlich, dass wir im nächsten Jahr ein starkes Handelsabkommen abschließen, das auf unseren gewinnbringenden Wirtschaftsbeziehungen aufbaut. Mein Ziel ist es, den Handel mit grünem Wasserstoff zu realisieren und die Lieferketten für unsere kritischen Mineralien zu sichern. Geografisch mögen wir weit entfernt voneinander sein, aber bei wichtigen Themen waren wir uns noch nie so nah.
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