Lindau 2025: Diese drei Themen treiben die Nobelpreisträger um
Man muss sich schon besonders geschickt anstellen, wenn man den Nobelpreisträgern auf der Bühne eine Frage stellen will. Sich nahe des Zuschauermikrofons einen Platz suchen, zum Beispiel. Oder gleich bei den Stehtischen warten, um im richtigen Moment nur wenige Schritte zum Mikro überbrücken zu müssen.
Am Donnerstagnachmittag hatten sich genau das einige Nachwuchsökonomen vorgenommen: Wenige Sekunden nachdem die Podiumsdiskussion zu neuen Ansätzen in der Klimapolitik vorbei war, hatten sich bereits fünf von ihnen in eine Schlange eingereiht.
Der Redebedarf schien bei diesem Panel besonders groß zu sein, zumal sich auf der Bühne Jahrzehnte an Wissen und Erfahrungen ballten: Neben dem US-Ökonomen Joseph Stiglitz saßen dort die Nobelpreisträger Lars Peter Hansen, Steven Chu und Brian Schmidt sowie Elisa Rottner, Klimaökonomin am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).
So politisch wie an diesem Nachmittag haben die Ökonomen auf der Lindau-Nobelpreistagung immer wieder diskutiert, seit die Konferenz am Dienstag losging: auf dem Podium, in den Kurzpräsentationen der aufstrebenden Nachwuchswissenschaftler, aber auch bei den exklusiven gemeinsamen Mittagessen und Spaziergängen mit den Nobelpreisträgern, berichten einige Teilnehmer.
Eigentlich geht es auf der Tagung um neueste Forschungsergebnisse, ums Kontakteknüpfen und den Austausch zwischen jungen und alten Wissenschaftlern. Dennoch kristallisieren sich auf der Agenda insbesondere drei Themen heraus, die die vielen klugen Köpfe umtreiben.
Insgesamt sind es 18 Wirtschaftsnobelpreisträger und knapp 300 Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt, die hier für fünf Tage zusammenkommen. Immer wieder landen sie bei diesen drei Fragen: Wie verändert Künstliche Intelligenz die Arbeitswelt? Wie sieht die Zukunft der Klimapolitik aus? Und wie sollte die EU mit der neuen amerikanischen Geopolitik umgehen?
Sorgen um Arbeitslosigkeit durch KI unbegründet
Simon Johnson, der 2024 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis gemeinsam mit Daron Acemoglu erhielt, sieht man auf der Konferenz selten ohne eine Traube junger Menschen um sich herum. Wer Glück hat, erwischt Johnson während einer der Vorlesungen für ein Vieraugengespräch im Foyer. Von allen Preisträgern wirkt seine Vorlesung am wenigsten wie ein Forschungsvortrag. Vielmehr erinnert die Präsentation an einen gut eingeübten Ted-Talk.
Die Botschaft: „Künstliche Intelligenz wird den Arbeitsmarkt weiter polarisieren“, erklärt Johnson. Damit meint er, dass KI die Lohnunterschiede zwischen hochqualifizierten und geringqualifizierten Arbeitskräften weiter auseinandertreiben wird. Das ist eine Entwicklung, die sich in den vergangenen 40 Jahren in den USA beobachten lässt.
Außerdem will Johnson ein Missverständnis ausräumen: Wie sich Technologien entwickeln, sei nicht von außen vorgegeben, sondern das Ergebnis von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Darin versteckt sich Kritik an den großen Tech-Konzernen: Von ihrer technologischen Innovation würden nur Wenige profitieren.
Auch Christopher Pissarides, Wirtschaftsnobelpreisträger von 2010, widmet sich in seinem Vortrag der Frage, welche Fähigkeiten der Arbeitsmarkt zukünftig nachfragen wird. Gleich zu Beginn seiner Präsentation gibt er Entwarnung: „Es gibt keine Hinweise, dass KI die Arbeitswelt zerstört.“ Im Gegenteil: Die Arbeitslosigkeit befinde sich in vielen Ländern auf einem Rekordtief.
Was der Ökonom allerdings prophezeit, sind „Rollenanpassungen“: Arbeitskräfte werden sich um- oder weiterbilden müssen. Die wichtigste Fähigkeit der Zukunft? „Lernen zu lernen“, betont Pissarides. 75 Stunden Weiterbildung im Jahr seien das Minimum, lautet seine Empfehlung.
Auch in den Kurzpräsentationen der jüngeren Ökonomen taucht die Frage nach den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf. Zum Beispiel bei Hugo Reichhardt, Wissenschaftler am spanischen Centre de Recerca en Economia Internacional. Nachdem er in knackigen sechs Minuten seine Ergebnisse vorgetragen hat, meldet sich sofort Preisträger Joshua Angrist zu Wort. Der Ökonom hatte sich in die zweite Reihe gesetzt: „Ich stelle immer die gleiche Frage“, schickt er entschuldigend voraus: „Aber was steht bei dir links und was steht rechts in der Gleichung?“
Über die verschiedenen Forschungszweige innerhalb der Ökonomie hinweg, müsse man immer wieder übersetzen, erklärt eine Teilnehmerin später. Da seien solche Fragen wie von Angrist hilfreich. Selbst Ökonomen unter sich sprechen nicht die gleiche Sprache.
Neue Ansätze für die Klimapolitik?
Wie hoch das Interesse der anwesenden Ökonomen ist, wertvolle Beiträge zur Klimapolitik zu leisten, zeigt sich nicht nur während der Podiumsdiskussion. Viele der Kurzpräsentationen bringen einen neuen Blickwinkel in die Diskussion ein. Sind sich Finanzmärkte wirklich der Klimarisiken bewusst? Wie hoch ist die Umweltbelastung durch Bitcoin-Mining?
Auf dem Podium geht es zuerst um den Emissionshandel, also das Instrument, zu dem Ökonomen raten, um klimaschädliche Emissionen zu reduzieren. Für Joseph Stiglitz reicht das aber nicht aus. Auch die Kompensation, also eine Rückgabe der Einnahmen aus dem Emissionshandel an die Haushalte, scheitere daran, dass sie zu unpräzise sei, kritisiert er.
Das ist auch für die Bundesregierung relevant. Denn bereits die Ampelregierung hatte Vorbereitungen getroffen, ein Klimageld einzuführen, um Haushalte vor bald steigenden Kosten für Benzin und Heizöl zu schützen. Doch die aktuelle Bundesregierung hat sich vorerst gegen eine solche Einführung entschieden.
Stiglitz übt auch Kritik an der eigenen Zunft. Es sei ein Fehler gewesen, Klimapolitik in den ökonomischen Modellen so darzustellen, als müssten die Menschen für Klimaschutz Wachstum aufgeben. Man müsse stattdessen eine positivere Erzählung finden, die auf die Wachstumschancen eingeht.
Der Physik-Nobelpreisträger und ehemalige US-Energieminister Steven Chu fügte hinzu: Das Ziel müsse sein, eine Einigung zwischen den USA, der EU und China zu erzielen, auch wenn die USA unter Donald Trump davon weit entfernt sind. Die Panelisten waren sich einig, dass das Pariser Klimaabkommen nur noch geringe Erfolgschancen habe.
EU vor großen geopolitischen Risiken
Paul Romer, US-Ökonom, Nobelpreisträger und ehemaliger Chefvolkswirt der Weltbank, ist immer für einen Paukenschlag gut. In seinem Vortrag finden sich einige kontroverse Thesen: Der US-Techkonzern Microsoft sei das größte Sicherheitsrisiko für die USA und die EU solle die Software am besten verbieten. Dass die US-Regierung die Monopolmacht der großen Techkonzerne nicht eingeschränkt habe, sei ein katastrophaler Fehler gewesen.
Die Nachwuchswissenschaftler suchen dennoch – oder gerade deshalb – den Austausch. Während in der Konferenzhalle am Mittwochabend eine Liveband vor tanzender Menge Macklemores „Can't Hold Us“ spielt, steht Romer ins Gespräch mit einer Gruppe Nachwuchsökonomen vertieft an einem der langen Stehtische im Foyer.
Auch die geopolitischen Risiken, vor denen die EU steht, setzen die Nobelpreisträger immer wieder auf die Agenda. Zum Auftakt diskutierten Nobelpreisträger Jean Tirole, Steven Chu sowie der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi und Thomas Schafbauer, Sensorik-Chef bei Infineon, über Innovationspolitik in Europa. Draghi brachte das Problem so auf den Punkt: „Ohne Anschluss an Spitzentechnologien verliert Europa seine Macht.“
Als einer der letzten Vorträge spricht US-Ökonom Stiglitz am Freitagmorgen über eine neue Architektur des Welthandels. „Große Freihandelsabkommen gehören der Vergangenheit an“, erklärte der 82-Jährige. In Zukunft werde es vielmehr regionale und auf bestimmte Wirtschaftszweige begrenzte Abkommen geben. Auch exklusive Handels- oder Klimaclubs, mit Vorteilen für die Mitgliedsländer beziehungsweise Nachteilen für Nicht-Mitglieder, könnten eine Lösung sein.
Bevor am Samstag die letzten Programmpunkte anstehen, verbringen Nobelpreisträger und der wissenschaftliche Nachwuchs noch einen „bayerischen Abend“ in Lindau. Das ist dann eine der letzten Gelegenheiten, die Argumente der Ökonomen auf den Prüfstand zu stellen.
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