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Tauchsieder

Die Mission der Facebook-Kanzlerin

Angela Merkel und das Internet werden keine Freunde mehr? In Wahrheit arbeitet sie dem wichtigsten Projekt von Facebook-Chef Mark Zuckerberg eifrig zu: die Rettung der Welt durch das Verschwinden von Politik.

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Facebook-Kanzlerin Merkel. Quelle: REUTERS

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt sich in diesen Wahlkampfwochen alle Mühe, um auch mit jungen Wählern ins Gespräch zu kommen. Sie initiiert Digitalgipfel, schaut bei der Computerspielmesse in Köln vorbei, besucht Start-ups in Berlin und plauscht mit Youtubern. Vergebliche Liebesmüh’? Einer Studie der Münchener Digitalagentur „Territory Webguerillas“ zufolge versagt Merkel in den Sozialen Medien. Ihre „Facebook-Performance“ erreiche vier Wochen vor der Wahl „absolute Tiefstwerte“, heißt es in der Studie. 

Vor allem was die „Zustimmung der Fans“ und die „Virilität ihrer Inhalte“ anbelangt, werde Merkel von allen anderen Spitzenkandidaten abgehängt - sogar von Horst Seehofer. Sahra Wagenknecht (Linke), Christian Lindner (FDP) und Cem Özdemir (Grüne) hingegen werden von den Webguerillas beglückwünscht: Sie unterhielten ihre „Fans mit zahlreichen Postings“ und ernteten dafür „besonders viele ‚Daumen-hoch‘, Shares und Kommentare“.

Was die Studie nicht sagt: dass Angela Merkel dennoch Facebook-Königin ist. Weil ihr Regierungsstil perfekt harmoniert mit dem großen Ziel von Facebook-Chef Mark Zuckerberg: die Rettung der Welt durch das Verschwinden von Politik. Um das zu verstehen, müssen wir Facebooks „Filterblase“ größer denken als in den Kommentarspalten der Tageszeitungen. Denn Zuckerberg wie Merkel kommt es nicht auf Virilität und Mobilisierung an, auf die Kraft von Worten, Kriterien, Argumenten - sondern auf Zerstreuung und Entpolitisierung, auf die Kraft von Zahlen, Floskeln, Klicks. 

Offenbar haben wir im angstlüsternen Blick auf „Fake News“ und „Donald Trump“ den Blick dafür verloren, dass Facebook nicht nur viele kleine Filterblasen produziert, in denen die Autopropaganda blüht - in denen sich Gleichgesinnte ihre Vorurteile bestätigen, um sie als alternativen Wahrheiten zirkulieren zu lassen. Sondern dass man Zuckerberg bei seinem Weltfriedensprojekt schon beim Wort nehmen muss, um es wirklich fürchten zu lernen: Facebook bringt die Menschen durch die systematische Trivialisierung der Welt einander näher - indem es seinen Nutzern die Denk- und Diskursfähigkeit abtrainiert. Bei Facebook und seinen Nutzern zählt der Trend, nicht die Bedeutsamkeit. Das „Gefällt mir“, nicht dessen Grund. Die Präsenz des Hier-und-Jetzt-Ereignisses, nicht die Arbeit an einem Ziel. 

Angela Merkel hat das Facebook-Prinzip perfekt auf die Politik übertragen. Auch der Kanzlerin kommt es nicht auf den Enthusiasmus der Bewegten, auf ein Feuerwerk der Argumente an, sondern auf die passive Zustimmung ihrer, nunja: Fans - auf ein träges, möglichst gleichgültiges „Like“, sprich: Kreuzchen ihrer Wähler. „Asymmetrische Demobilisierung“ nennen sie das im Konrad-Adenauer-Haus: die Ausschaltung des Politischen durch die Produktion eines diskussionsfreien öffentlichen Raumes - Ende der Geschichte(n). Allerdings ohne Hegelsche Pointe: Die Merkel-CDU ist geradezu definiert als Partei, die dem Primat der Demoskopie allen geschichtlichen Sinn opfert - die nicht etwa am Weltgeist arbeitet, sondern sich dem lauen Zeitgeist unterwirft.

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