US-Wahlen 2024: „Für ein Exportland wie Deutschland wäre das eine Katastrophe“
WirtschaftsWoche: Herr Bachmann, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind extrem wichtig für die Wahlentscheidung der Amerikaner, das zeigen Umfragen. Wie geht es der US-Wirtschaft denn?
Rüdiger Bachmann: Die Wirtschaft ergibt ein zweigeteiltes Bild. Die traditionellen Kennzahlen sehen schon sehr gut aus. Während die deutsche Wirtschaft auf dem Vor-Covid-Niveau stagniert, haben die Amerikaner die damaligen Wachstumsprognosen noch einmal übertroffen. Gleichzeitig ist die Inflationsrate im Griff und die Arbeitslosigkeit niedrig. Eigentlich kann man sich keine bessere makroökonomische Situation vorstellen.
…aber?
Trotzdem sind viele Amerikaner unglücklich mit ihrer wirtschaftlichen Situation. Man darf nicht vergessen, wir kommen gerade aus einer hochinflationären Periode. Die Lebenshaltungskosten haben sich dauerhaft erhöht. Aber noch hat nicht jeder eine entsprechende Lohnerhöhung bekommen.
Das heißt nach Abzug der Preissteigerung können sich viele Amerikaner heute weniger leisten als früher?
Genau, die Reallöhne wachsen zwar seit einem Jahr, aber viele Amerikaner stehen beim Einkommen noch schlechter da als vor der Pandemie. Zu der Unzufriedenheit gesellt sich ein psychologisches Phänomen: Diejenigen, die das Reallohnplus schon bekommen haben, schreiben das nicht der Regierung zu, sondern ihrem eigenen Verhandlungsgeschick. Für die Inflation machen sie die Demokraten aber schon verantwortlich. Das ist das Marketing-Problem der Biden-Regierung, und damit auch für Kamala Harris.
Weniger leisten können sich die Amerikaner auch, weil die US-Zentralbank die Leitzinsen erhöht hat.
Das ist das zweite Problem. Die Federal Reserve hat zwar richtigerweise die Leitzinsen massiv angehoben, um die Inflation zu bekämpfen. Aber das ist verbunden mit Kosten, für die Konsumenten, die ihre Einkäufe über Kreditkarte zahlen und nun mit gestiegenen Kreditzinsen konfrontiert sind. Noch stärker wirkt sich das auf junge Amerikaner aus, die sich ihren Traum vom Eigenheim erfüllen wollen. Die sechs, sieben Prozent Hypothekenzinsen – fast eine Verdoppelung im Vergleich zur Niedrigzinsphase – können sich viele nicht leisten. Und das frustriert die Menschen.
Die Inflation hat also das Leben vieler Amerikaner auf den Kopf gestellt. Um wie viel Prozent ist das Preisniveau insgesamt gestiegen?
Im Vergleich zu Februar 2020 hat sich das Preisniveau in den viereinhalb Jahren um etwa 20 Prozent erhöht, je nach dem welchen Indikator man wählt. Das ist eine ähnliche Dimension, wie wir sie in Europa erlebt haben.
Die Finanzmärkte bewegt ja vor allem der Schuldenberg, den die US-Regierung angehäuft hat. Wie groß ist die Hypothek für die nächste Amtszeit?
Der Normalbürger wird sich zwar kaum dafür interessieren, wie sich die Staatsverschuldung entwickelt. Aber es ist richtig, dass sich die Verschuldung auf einem explodierenden Pfad befindet, wenn sich nichts ändert. Das heißt, egal, wer ins Weiße Haus einzieht, wird sich darum kümmern müssen. Obwohl es natürlich Aussagen aus dem Trump-Lager gibt, man müsse die Wirtschaft erstmal kaputt machen, bevor man sie wieder aufbaut – was auch immer das heißt.
Halten Sie das für realistisch?
Die Budgethoheit hat der Kongress. Aber dessen Besetzung hängt auch vom Wahlergebnis ab. Gewinnen die Republikaner den Senat und das Repräsentantenhaus, könnten sie durchregieren, entsprechend wäre auch ein Staatsbankrott denkbar. Aber im Senat sitzen einige vernünftige Republikaner, die das nicht mitmachen würden. Das ist wirklich schwer zu sagen.
Inflation und Zinsen sind also die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Wahlentscheidung?
Auch die Frage der Migration spielt eine große Rolle. Da ist viel Rassismus bei, den die Trump-Rhetorik weiter befeuert. Aber die Demokraten sind auch nicht ganz unschuldig. Präsident Biden hat lange so getan, als könne er den Kontrollverlust an der Grenze zu Mexiko nur per Gesetzesänderung aufhalten. Als die Republikaner das wegen einer Trump-Anweisung blockiert haben, ging es dann aber doch über die exekutive Macht des Präsidentenamts. Und es geht darum, dass Waffen und illegale Drogen über die Grenze kommen. In den Bundesstaaten des mittleren Westens hat sich ein riesiges Fetanyl-Problem ausgebreitet und der Zusammenbruch der sozialen Ordnung dort ist nicht nur republikanische Propaganda.
Kommen wir zur Wirtschaftspolitik: Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris plant, die Unternehmenssteuern zu erhöhen. Donald Trump will sie senken. Was wäre besser für die Gesamtwirtschaft?
Erstmal ist gar nicht klar, ob ein Präsident Trump die Unternehmenssteuern weiter senken könnte, wir haben ja schon über die explodierenden Staatsschulden gesprochen. Die erste Unternehmenssteuersenkung unter Trump war ja weitgehend schuldenfinanziert. Trump sagt, er würde die Steuersenkung gegenfinanzieren mit Zolleinahmen. Aber das ist eine Chimäre: Die Zolleinnahmen würden dafür nie ausreichen.
Also ist es doch besser, die Unternehmenssteuern zu erhöhen?
Eine moderate Erhöhung der Unternehmenssteuer, wie sie Harris angekündigt hat, ist in der Tat eine Möglichkeit, die Staatseinnahmen zu erhöhen und das Budget zu sanieren, ohne das Wachstum allzu stark zu bremsen. Aber ich würde eher vorschlagen, eine Vermögensteuer einzuführen oder die Erbschaftsteuer zu erhöhen, um die enorme Vermögensungleichheit in den USA in den Griff zu bekommen. Aber das wäre verfassungsrechtlich schwierig.
Egal, wer nun ins Weiße Haus einzieht, eine Rückkehr zum Freihandel wird es weder unter Trump noch Harris geben. Was bedeutet das für die US-Wirtschaft?
Wenn man die internationale Arbeitsteilung reduziert, werden Waren deutlich teurer, die amerikanische Gesellschaft als ganze also ärmer. Wen das besonders trifft, muss man sehen. Trumps Milliardärfreunde werden es nicht sein. Und für ein Exportland wie Deutschland ist das natürlich eine Katastrophe.
Im Draghi-Bericht steht, dass die real verfügbaren Einkommen in Amerika seit 2000 doppelt so schnell gewachsen sind wie in Europa. Hängen die USA uns ab?
Einerseits: Ja, die USA sind dynamischer und innovativer. Andererseits kann man sich fragen: Wie viel muss man dafür arbeiten? Denn beim Einkommen pro geleistete Arbeitsstunde liegen die USA und Deutschland deutlich näher beieinander. Das bedeutet, die Amerikaner arbeiten mehr, Deutsche haben mehr Urlaub. Das ist ein Wohlfahrtsgewinn für die Deutschen.
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