1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Bauernproteste: Bauern blockieren Fähre trotz Einlenken der Bundesregierung

Wütende Bauern blockieren HabeckTumult am Fähranleger: „Landfriedensbruch steht schon im Raum“

Die Ampel lenkt ein, die Stimmung kocht trotzdem über: Obwohl geplante Subventionskürzungen teilweise zurückgenommen werden, bekam Vizekanzler Habeck die Wut der Bauern an der Nordseeküste zu spüren. 06.01.2024 - 08:44 Uhr aktualisiert

Schlüttsiel: Wütende Bauern hindern Robert Habeck am Verlassen einer Fähre. Nach Angaben der Polizei handelte es sich um mehr als hundert Demonstranten.

Foto: dpa

Tumultartige Szene an der Nordsee: Wütende Demonstranten hindern am Donnerstag im schleswig-holsteinischen Schlüttsiel Passagiere einer Fähre daran, an Land zu gehen. Ein Teil der Blockierer versucht das Schiff der Wyker Dampfschiffs-Reederei zu erstürmen. Ihr Wut richtet sich gegen den aus dem Norden stammenden Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Einige Polizisten mit Pfefferspray und das gerade noch rechtzeitige Ablegemanöver des Kapitäns verhindern Schlimmeres. Doch wer steckt hinter der Aktion?

Schleswig-Holsteins Bauernverband distanziert sich klar von der Aktion in Nordfriesland. Präsident Klaus-Peter Lucht treibt die Entwicklung um. „Wir merken, dass wir unterwandert werden sollten“, sagt der Funktionär. Der Protest der Landwirte richte sich gegen die geplanten Kürzungen der Bundesregierung. Mit der Aktion in Schlüttsiel habe der Verband nichts zu tun. Gewalt lehne er ab. „Wir wissen wirklich nicht, wer das organisiert hat.“

Der Unmut der Landwirte sei angesichts der Kürzungspläne der Bundesregierung groß, sagt Lucht. Die Vorfälle am Anleger hätten viele von ihnen aber aufgeweckt, denn so gehe es nicht. Die meisten Kollegen lehnten das Geschehene ab: „Nur einige wenige sagen: Das war alles richtig.“

Landwirte distanzieren sich

Auch der Vorsitzende des kleinen Landwirte-Verbands Land schafft Verbindung (LSV), Stefan Wendtland, sagt, man habe mit den Protesten in Schlüttsiel nichts zu tun. Er habe aber mit einem Teilnehmer aus der ersten Reihe gesprochen. „Da gab es unschöne Szenen.“ In der Menschenmenge sei demnach ein gewisser Druck entstanden. Die Demonstranten hätten die Fähre aber nicht stürmen wollen.

Wut gegen Habeck

Wer unzivilisiert protestiert, darf sich am Ende nicht als Märtyrer feiern

Nachdem einige Bauern versucht haben, Robert Habecks Fähre zu stürmen, muss die Regierung ein deutliches Signal senden. Ansonsten schafft sie Boden für Nachahmer. Ein Kommentar.

Kommentar von Thomas Stölzel

Der Fähranleger liegt in der kleinen Gemeinde Ockholm. Dort gab es bereits frühzeitig Hinweise auf die Aktion. Initiiert worden sei das Ganze über die sozialen Medien, sagt Bürgermeister Matthias Feddersen. Die Gemeinde habe sich erkundigt, weil kursierende Infos, wonach sich Habeck vor Ort mit Bauern treffen wolle, für Fake News gehalten worden seien. Schließlich hätten sie die Polizei informiert. „Man kann ihn ja nicht ins offene Messer laufen lassen.“

Habeck äußert sich nach dem Vorfall beunruhigt über die Entwicklung: „Was mir Gedanken, ja Sorgen macht, ist, dass sich die Stimmung im Land so sehr aufheizt.“ Protestieren sei in Deutschland ein hohes Gut. „Nötigung und Gewalt zerstören dieses Gut.“

Nach Polizeiangaben befinden sich bei Ankunft der Fähre bis 300 Menschen an dem Anleger, die Stimmung beschreiben die Beamten als angespannt. „In den sozialen Medien wurden Aufrufe zur Demonstration am Fähranleger Schlüttsiel verbreitet, an welchem Herr Dr. Habeck am Nachmittag eintreffen sollte“, berichtet die zuständige Polizeidirektion Flensburg.

„Keine Minute zu spät, sonst wäre der Mob an Bord gewesen“

Habeck reist nach Angaben einer Ministeriumssprecherin von einem Privatbesuch von Hallig Hooge zurück zum Festland. Der Vizekanzler sei sehr gerne bereit gewesen, mit den Landwirten zu sprechen, weil er die Nöte kenne, sagt die Sprecherin. Aufgrund der Sicherheitslage sei es aber nicht zu einem Gespräch gekommen. Angebote, mit einzelnen Landwirten an Bord des Schiffes zu reden, hätten die Demonstranten abgelehnt. Wegen der Sicherheitslage sei es nicht möglich gewesen, zu den Menschen an Land zu gehen. Die Sicherheit Habecks sei nicht gewährleistet.

Bundesweite Aktion

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Protest der Landwirte

Im Dezember erzeugten Landwirte mit Tausenden Traktoren in Berlin viel Aufmerksamkeit für ihre Kritik an der Bundesregierung. Nun gibt es bundesweit Aktionen, schwere Verkehrsbehinderungen inklusive.

Neben Habeck können auch die anderen etwa 30 Passagiere das Schiff nicht verlassen. „Das ist aus meiner Sicht Nötigung. Das ist ein schlimmer Vorgang“, sagt der Geschäftsführer der Wyker Dampfschiffs-Reederei, Axel Meynköhn. Es hätten auch medizinische Notfälle an Bord sein können. Mit seinem Ablegemanöver habe der Kapitän im letzten Moment die Erstürmung der Fähre verhindert: „Es war keine Minute zu spät, sonst wäre der Mob an Bord gewesen, mit nicht auszudenkenden Folgen.“ Das Schiff fährt dann wegen der Tumulte zurück zur Hallig Hooge. Erst in der Nacht zum Freitag erreicht der Vizekanzler wieder das Festland.

Die ehemalige Hooger Bürgermeisterin Katja Just kritisiert die Protestaktion, die auch ihre Feriengäste betroffen habe. „Diese Art und Weise der Konfrontation ist nicht zielführend, sondern schädlich, wenn Menschen bedroht werden“, sagt sie.

Aufgeheizte Stimmung gegen Politiker im Land

Die Protestaktion gegen Habeck kommt nur wenige Stunden, nachdem auch Bundeskanzler Olaf Scholz sich bittere Vorwürfe von Bürgern anhören muss. Bei einem Besuch im Hochwasser-Gebiet in Sachsen-Anhalt wird der SPD-Politiker am Donnerstag mit Rufen wie „Geh gleich wieder zurück“ empfangen.

Bundeshaushalt

Die Ampel, der Bauernzorn und die neue, alte Sprachlosigkeit

Kommentar von Max Haerder

Die miese Stimmung im Land bekommen die Ampel-Politiker zugleich schwarz auf weiß im jüngsten ARD-Deutschlandtrend: Nur noch 19 Prozent der von Infratest dimap Befragten äußern sich zufrieden über die Arbeit des Kanzlers, der niedrigste Wert für einen Regierungschef seit 1997. Habeck liegt mit 24 Prozent nur wenig besser und knapp vor Finanzminister Christian Lindner (FDP) mit 23 Prozent.

Da hat sich mit dem Hin und Her in der Energie- und Haushaltspolitik großer Ärger aufgestaut. Aber die Art und Weise des Protests schockt offenbar auch erfahrene Politiker. Fast normal ist für sie inzwischen, auf öffentlichen Kundgebungen Sprechchöre wie „Kriegstreiber“, „Versager“ oder „Lügner“ zu hören, wie es Scholz immer wieder passiert. Eine andere Qualität hat es, wenn Amtsträger in einer Situation als Privatperson angegangen werden.

Beobachter fühlten sich nach dem Ansturm auf Habecks Fähre an einen Fackelzug zum Privathaus der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) während der Coronapandemie 2021 erinnert. Auch damals sagten Politikerinnen und Politiker parteiübergreifend, das sei kein legitimer Protest, sondern Einschüchterung. Habeck sagt, er habe als Minister Polizeischutz, aber andere müssten „Angriffe allein abwehren“. Sie seien „die Helden und Heldinnen der Demokratie“.

Lesen Sie auch: Vier Grafiken zeigen die Situation der Landwirte in Deutschland

dpa
Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick