Digitaler Euro: „Der digitale Euro könnte auch die Gefahr für Bank-Runs verstärken“
Der frühere EZB-Direktor Ignazio Angeloni spricht im Interview über die Gesetzesgrundlage für digitales Notenbankgeld in der Eurozone.
Foto: Getty ImagesWirtschaftsWoche: Herr Angeloni, warum beschäftigen sich so viele Notenbanken rund um den Globus mit digitalen Währungen?
Ignazio Angeloni: Das hat vor drei, vier Jahren angefangen, als Facebook seine Kryptowährung Libra ankündigte und Bitcoin sehr stark war. Mittlerweile hat sich eine Eigendynamik entwickelt. Den Verantwortlichen fällt es schwer, das Thema wieder ad acta zu legen.
Das klingt so, als ob Notenbanker von Angst um ihren Einfluss hätten. Stimmt dieser Eindruck?
Wir haben etwas erlebt, dass die Amerikaner „fear of missing out“ (Fomo) nennen – die Angst nicht dabei zu sein und als technologisch rückständig zu gelten. Dabei ist es wichtig, zwei Punkte im Blick zu behalten. Erstens besteht aus Verbrauchersicht kein notwendiger Bedarf für digitales Notenbankgeld. Es gibt nichts, was man damit machen könnte, was sich heute nicht schon effizient und sicher mit den vorhandenen Instrumenten erledigen lässt. Wir haben also keinen Fall von Marktversagen, der einen Eingriff der Politik rechtfertigen würde.
Und der zweite Punkt?
Leute wie Sie und ich könnten mit dem digitalen Euro zum ersten Mal Geld bei der Notenbank einlegen und nicht mehr nur bei einer Geschäftsbank. Das ändert den Transmissionsriemen der Geldpolitik und hat Auswirkungen auf die Finanzstabilität. Die Geschäftsbanken verlieren Einlagen, wenn die Leute ihre Guthaben in den digitalen Euro umwandeln. Den Geschäftsbanken könnten damit schätzungsweise bis zu zehn Prozent der Einlagen abhandenkommen. Der digitale Euro könnte auch die Gefahr für Bank-Runs verstärken, weil Bankkunden ihr Geld per Mausklick in Notenbankgeld umwandeln können.
Das Haltelimit für den digitalen Euro soll auf 3000 Euro beschränkt werden, um die Finanzstabilität sicherzustellen. Reicht das aus?
Ohne Limit würde der Stabilitätsaspekt noch viel stärker ins Gewicht fallen. 3000 Euro sind aber ein willkürlich gewählter Wert. Der Betrag sollte nicht zu hoch sein und nicht zu niedrig. Aber wo ist die Mitte? Wie will man das genau festlegen? Diese Punkte sind bislang offen.
Täuscht der Eindruck, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den digitalen Euro mit besonders viel Vehemenz vorantreibt? Mehr als etwa die Bank of England oder die Fed in den USA?
Die US-Zentralbanker scheinen unentschlossen zu sein. Ein gewisser Druck könnte von der Regierung von Joe Biden ausgehen. Aber ich vertraue darauf, dass die dortigen Ökonomen diese Frage mit Bedacht angehen werden. Ich erwarte auch von der Bank of England, dass sie vorausschauend denkt und handelt.
Und in der Euro-Zone?
Die EZB und die EU-Kommission, vielleicht auch einige europäische Regierungen, scheinen sich eher für eine digitale Währung zu erwärmen. Sowohl EZB-Präsidentin Christine Lagarde als auch die EU-Kommission argumentieren, dass der digitale Euro die strategische Autonomie der EU stärke.
Spielt Geopolitik also eine größere Rolle als ökonomische Argumente?
Mich erinnert das an die Debatte über nationale Fluggesellschaften. Vor vielen Jahren schien es unerlässlich, dass jedes Land in Europa seine eigene nationale Fluggesellschaft hat. Das lief unter dem Stichwort strategische Autonomie. Inzwischen hat Lufthansa Anteile an Brussels Airlines, Swiss, Austrian Airlines und neuerdings auch an der italienischen Fluggesellschaft ITA erworben. Niemand scheint sich mehr um die strategische Autonomie im Luftfahrtsektor zu sorgen. Das Argument ist also kaum überzeugend.
China treibt seine digitale Währung mit Nachdruck voran. Geopolitik-Analysten sehen die Gefahr, dass chinesische Unternehmen europäische Geschäftspartner zwingen könnten, mit eYuan zu bezahlen. Ein realistisches Szenario?
Der Wettbewerb zwischen dem Dollar, dem Euro und dem Yuan hängt von vielem ab, aber nicht von der Existenz eines digitalen Zentralbankgeldes. Der eYuan ist ein öffentliches Projekt und jeder weiß, dass der chinesische Staat und die Kommunistische Partei damit auch Kontrolle ausüben wollen. Sicherheitsfragen spielen in den internationalen Beziehungen eine immer größere Rolle. Europäische Unternehmen werden also möglicherweise zögern, sich auf den eYuan einzulassen.
Die EU-Kommission macht sich auch deshalb für den digitalen Euro stark, weil die EU bisher stark von Zahlungsdienstleistern aus Drittländern wie den USA abhängig ist. Was ist da dran?
Wer glaubt, dass der digitale Euro die US-Kreditkartennetze und Smartphone-Anwendungen ersetzen wird, hat Pech gehabt. Der Blick auf Marktanteile und Trends deutet darauf hin, dass dies nicht der Fall sein wird.
Was passiert, wenn der digitale Euro zum Flop würde? Wenn er eingeführt wird und niemand ihn haben will?
In diesem Fall würde der Status quo weiterbestehen, was für das Zahlungssystem der Eurozone nicht schlecht wäre. Dagegen könnte die Vorbereitung auf einen digitalen Euro Vorteile haben. Wir hätten dann ein System, das bei Bedarf hochgefahren werden könnte. Ich sehe den digitalen Euro als Vorsichtsmaßnahme für den Fall eines fatalen Systemzusammenbruchs oder anderer widriger Umstände.
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