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De-Globalisierung
De-Globalisierung: Immer mehr sicher geglaubte Eckpfeiler der Weltwirtschaft kommen ins Wanken. Quelle: imago images

Die Eckpfeiler der Weltwirtschaft wanken

Immer mehr sicher geglaubte Eckpfeiler der Weltwirtschaft kommen ins Wanken. Handelsstreitigkeiten und Protektionismus sorgen für eine „De-Globalisierung“. Auf der Suche nach sicherem Ertrag müssen die Anleger umdenken.

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In wenigen Tagen haben wir den 9. November. Dieses Datum ist nicht nur für uns Deutsche von vielfacher historischer Bedeutung. Auch für die Weltwirtschaft war der 9. November immer wieder ein Schicksalstag. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Dieses Ereignis war nicht nur der Startschuss für die deutsche Wiedervereinigung, sondern es beendete auch das Blockdenken zwischen Ost und West.

Die Globalisierung ging danach in großen Schritten voran. Die bis dahin tragende Säule der Weltwirtschaftsordnung des Westens, ein immer freierer Handel, moderiert durch die WTO wurde gen Osten erweitert. Russland und China traten der WTO bei, und die EU als de facto westeuropäische Union integrierte weite Teile Osteuropas. Auch der Westen profitierte von der Globalisierung. Neben dem für alle Seiten vorteilhaft intensivierten Handelsbeziehungen trug Peking zur Stabilisierung der Weltkonjunktur bei. Nach dem globalen Konjunktureinbruch in Folge der Lehman-Krise verkündete China – am 9. November 2008 – ein Konjunkturprogramm in Höhe von vier Billionen Yuan und trug damit wesentlich zur Stabilisierung der Weltwirtschaft bei.

Doch vor drei Jahren kamen es zu einem Einschnitt, der sich durch die Verteilungskämpfe nach der großen Rezession bereits abgezeichnet hatte. Dynamik und Richtung der beiden Faktoren „immer freiere Handel“ und „immer stärkere europäische Integration“ wurden auf Eis gelegt.

Am 9. November 2016 wurde Donald Trump mit seiner protektionistischen Agenda zum 45. US. Präsidenten gewählt, und dass, nachdem Mitte des Jahres die Briten in einer Volksabstimmung mit einer knappen Mehrheit für einen Austritt aus der EU votiert hatten. Immer schneller sind seitdem Faktoren am Werk, die eine „De-Globalisierung“ vorantreiben. Immer neue Zölle, vorrangig gegen China zwingen seitdem globale Unternehmen, ihre Lieferketten und deren regionale Diversifikation zu hinterfragen.

Der Begriff der „nationalen Sicherheit“ wird inflationär verwendet, um protektionistische und nationale Maßnahmen durchzusetzen. Der Brexit steht kurz davor, zu einem nicht umkehrbaren und nicht verschiebbaren Tatbestand zu werden und im Süden und Osten Europas gewinnen nationale, populistische Stimmen und Globalisierungsgegner kontinuierlich an Gewicht.

Dieser Drang zur De-Globalisierung, zum stärkeren Protektionismus, trägt zu den derzeitigen Rezessionsgefahren maßgeblich bei. Hohe Unsicherheiten über die Eckpfeiler der zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen und -regeln verzögern Investitionen und verdunkeln den Wachstumsausblick. Notenbanken haben vor diesem Hintergrund die zaghaften Normalisierungsversuche der Geldpolitik abgebrochen, obgleich die Notenbankpolitik grundsätzlich nicht in der Lage sein kann, einen Handelskonflikt von der Wurzel her zu neutralisieren.

Weniger Handel sollte sich in der Zukunft in weniger Wachstum übersetzen. Das trägt, neben einer umstrittenen Notenbankpolitik, zum gegenwärtigen Paradox am Rentenmarkt bei: Im Herbst des längsten konjunkturellen Aufschwungs in den USA erleben wir global Zinsniveaus, die in der Vergangenheit selbst in tiefen Rezessionen nicht erreicht wurden.

Trugschluss der Notenbanken

Was bedeutet dies für die Zukunft? Notenbanken unterliegen seit Jahren dem Trugschluss, mit immer stärkeren geldpolitischen Lockerungen die Konjunktur steuern zu können. Sie werden in Anbetracht der politischen Entwicklung zur De-Globalisierung absehbar nicht zur traditionellen Geldpolitik zurückkehren, sondern weiterhin ihren sehr expansiven Kurs fortsetzen. Die realökonomischen Effekte dürften angesichts des weitgehend ausgeschöpften Arsenals zwar gering sein, die Jagd nach Rendite wird aber weiter verstärkt, die Kollateralschäden der Notenbankpolitik werden stärker spürbar werden. Die Rufe nach stärkerer fiskalpolitischen Expansion werden steigen: Wenn Investitionen wegen Unsicherheit verzögert werden, Handelsimpulse unter (ausgesprochenen und befürchteten) Zöllen leiden und private Haushalte aus Rezessionsangst nicht ihren Konsum weiter ankurbeln, bleibt entweder ein Schritt zur Globalisierung, zur Angebotspolitik oder zur Fiskalpolitik.

Mut zur Reaktivierung der Globalisierung fehlt derzeit, politischer Konsens für eine Angebotspolitik ist vielfach nicht vorhanden. Aber angesichts der enorm aufgebauten staatlichen Verschuldung seit der Lehman-Krise wird eine fiskalische Expansion die Markterwartungen kaum erfüllen können. Deutschlands kleine Programme sind sicher kein Game Changer für Europa, geschweige denn die Weltwirtschaft. Rezessionsängste werden uns also auch in den nächsten Monaten begleiten.

Was heißt dies für den Anleger? Die Niedrigzinsphase wird anhalten und auch die Notwendigkeit, bei der Suche nach einem höherem langfristigen Ertrag mehr Risiko eingehen zu müssen. Anleger werden ihr Heil abseits von Rentenpapieren in anderen höherverzinslichen Anlageformen suchen müssen, mithin stärker diversifizieren. Dabei bleibt, solange das Risiko einer Rezession hoch ist, professionelles Risikomanagement oberstes Gebot.

Der November könnte eine Entscheidung bezüglich des Brexit bringen, und ob das Thema Autozölle seitens der USA eingeläutet oder verschoben wird, dürfte sich auch im November zeigen. Dasselbe gilt für die Frage, ob die USA und China ihren Handelskonflikt zumindest beruhigen können. Vor allem aber wird sich der Blick ab jetzt auf den November des nächsten Jahres zu richten: diesmal nicht den 9. November, sondern den 3. November. Denn dann wird der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin der USA gewählt. Das wird sicher nicht nur ein bedeutsames Datum für die amerikanische Demokratie, sondern auch für die Weltwirtschaft und die weltweiten Kapitalmärkte.

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