Geldpolitik: Scheitert die EZB an der Investitionsfalle?

EZB-Präsidentin Christine Lagarde während der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid.
Foto: APEs kam, wie alle erwartet hatten: Die Europäische Zentralbank hat heute zum zweiten Mal in diesem Jahr die Leitzinsen gesenkt. Die Notenbanker reduzierten den Einlagensatz, den die EZB den Geschäftsbanken auf deren Einlagen zahlt, um 25 Basispunkte auf 3,5 Prozent. Den Hauptrefinanzierungssatz (zuvor 4,25 Prozent), den die EZB den Banken bei Geldleihgeschäften in Rechnung stellt, schleuste die EZB sogar um 60 Basispunkte nach unten. Damit folgten die Währungshüter der Ankündigung von EZB-Chefin Lagarde, den Abstand zwischen den einzelnen Zinssätzen zu verringern.
Sinkende Zinsen sind prinzipiell gut für die Konjunktur. Sie machen Investitionen attraktiver. Wenn die Finanzierungskosten sinken, werden mehr Projekte rentabel, entscheiden sich mehr Unternehmen für neue Maschinen und größere Fabriken.
Doch es gibt zwei große Fragezeichen. Viele betriebliche Investitionspläne sind mittel- und langfristig orientiert. Bis eine Zinssenkung in die Realwirtschaft einsickert, vergehen aller Erfahrung nach mehrere Quartale, manche Experten sehen gar einen „time lag“ von bis zu zwei Jahren. Was die EZB heute beschlossen hat, dürfte daher auf kurze Sicht konjunkturell wenig bewirken.
Hinzu kommt die schlechte Stimmungslage speziell in der deutschen Industrie. Seit nunmehr sieben (!) Quartalen liegen die Bruttoanlageinvestitionen preisbereinigt unter ihren Vorjahreswerten. Womöglich erleben wir aktuell eine konjunkturelle Ausnahmesituation, die der berühmte Ökonom John Maynard Keynes einst als „Investitionsfalle“ bezeichnete. Dabei reagieren die Investitionen nicht mehr auf veränderte Zinsen, sie werden „zinsunelastisch“, wie es in der Ökonomensprache heißt. Wenn „die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals rascher als der Zinsfuß fällt“, so Keynes, verliere die Geldpolitik ihre Steuerungswirkung. Mögliche Gründe dafür können wirtschaftliche Schocks sein. Oder eine tiefe Verunsicherung der Wirtschaftslenker, die um ihre Gewinne bangen.
Es ist keine Phantasterei, die deutsche Wirtschaft in einem solchen Szenario zu verorten. Ein übler Mix aus geopolitischen Risiken, Fachkräftemangel, nicht wettbewerbsfähigen Energiepreisen und dem allseits bekannten Reformstau führt dazu, dass viele Unternehmen ihr Geld lieber zusammenhalten und abwarten, als in Deutschland neue Werkshallen hochzuziehen und neue Produktionsflächen zu erschließen.
Das zu ändern. liegt weniger in den Händen von Christine Lagarde. Sondern vielmehr in denen von Olaf Scholz.
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