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EZB-EntscheidEZB senkt Leitzins um einen Viertel-Prozentpunkt

Die Inflation im Euroraum geht zurück, die Europäische Zentralbank kommt ihrem Ziel näher. Jetzt hat die EZB erneut den Leitzins gesenkt. 12.09.2024 - 16:27 Uhr

Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB).

Foto: dpa

Angesichts der abebbenden Inflation senkt die Europäische Zentralbank (EZB) das Leitzins-Niveau weiter. Nach der geldpolitischen Wende vom Juni legte sie am Donnerstag erstmals nach: Der für die Finanzmärkte maßgebliche Einlagesatz, zu dem Banken bei der EZB kurzfristig überschüssige Gelder anlegen können, wurde von 3,75 auf 3,50 Prozent gekappt. Zugleich lassen die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde nur wenige Wochen vor der nächsten Sitzung im Oktober offen, wie es geldpolitisch weitergeht: „Der EZB-Rat legt sich nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest.“

Der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Banken Geld leihen können, wird mit dem jüngsten Beschluss um 0,6 Punkte auf 3,65 Prozent verringert. Dass der Schritt nach unten größer ausfällt als beim Einlagesatz, ergibt sich aus bereits im Frühjahr festgezurrten Änderungen am operativen Rahmen der EZB. Damals hatte sie für Mitte September beschlossen, den Abstand zwischen dem Einlage- und dem Hauptrefinanzierungssatz zu verkleinern. Die EZB will damit Anreize zur Teilnahme an ihren wöchentlichen Kreditgeschäften schaffen und zugleich den Umfang von Marktzinsschwankungen begrenzen.

Der Einlagesatz wird jedoch der zentrale geldpolitische Zins bleiben. Denn er setzt die Untergrenze am Geldmarkt - den niedrigsten Zins, zu dem sich Banken untereinander Geld ausleihen.

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„Die Zinssenkung der EZB ist vertretbar. Angesichts der sinkenden Inflation in den letzten Monaten und schwacher Konjunkturaussichten kann man eine Lockerung der Geldpolitik rechtfertigen. Allerdings ist zu beachten, dass die Inflation im Dienstleistungssektor noch über vier Prozent liegt. Insofern bleiben Inflationsrisiken“, beurteilt Clemens Fuest, Präsident vom Ifo-Institut, den Zinsschritt und fügt hinzu: „Weitere Zinssenkungen erscheinen nur dann angemessen, wenn der Rückgang der Inflation sich fortsetzt. Unmittelbare Auswirkungen auf die Konjunktur wird diese Zinssenkung nicht haben, weil sie an den Märkten schon eingepreist war.“

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Mit den Leitzinssenkungen wird zugleich die Aufnahme von Krediten für Unternehmen tendenziell günstiger, während Spareinlagen wie Tages- oder Festgeld weniger abwerfen. Vor der Zinswende vom Juni hatte die Zentralbank in Frankfurt lange Zeit im Kampf gegen die Inflation die Zinsen hoch gehalten, um die Teuerung im Euroraum im Zaum zu halten.

Sinkende Energiepreise haben die Inflationsrate im August auf 2,2 Prozent gedrückt - den niedrigsten Stand seit gut drei Jahren. Der EZB-Rat bekräftigte nun, er sei entschlossen, für eine zeitnahe Rückkehr der Inflation zum mittelfristigen Ziel von zwei Prozent zu sorgen. Die Festlegung der angemessenen Höhe des Zinsniveaus werde auch in Zukunft von der Datenlage abhängen. Darüber werde von Sitzung zu Sitzung entschieden.

Zinssenkung im Oktober mit Fragezeichen

„Der EZB-Rat legt sich nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest“, sagte Lagarde am Donnerstagnachmittag zu Journalisten. Laut Lagarde wurde der Zinsbeschluss einstimmig gefasst. Die Französin ließ sich jedoch nicht in die Karten schauen, ob es bereits kommenden Monat auf der auswärtigen EZB-Ratssitzung im slowenischen Ljubljana eine weitere Zinssenkung geben könnte. Man sei zwar grundsätzlich auf einem Zinspfad, der abwärts führe. Die EZB sei aber nicht vorab festgelegt - weder in Bezug auf den Zeitpunkt noch auf den Umfang eines nächsten Zinsschritts. Dies hänge von den Konjunkturdaten ab. Es sei sehr wahrscheinlich, dass die Inflation im September wegen statistischer Basiseffekte mit Blick auf Energiekosten niedrig ausfallen werde. Doch richte die EZB ihren Kurs nicht an einzelnen Daten aus, sondern an einer „ganzen Reihe von Indikatoren“.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Die Commerzbank rechnet mit drei weiteren Zinssenkungen – und zwar im Dezember, März und Juni. Laut Bundesbankchef Joachim Nagel ist die EZB „nicht mit dem Autopiloten unterwegs“. Doch ist die große Welle bei der Teuerung seiner Meinung nach überstanden.

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Die Reform-Pläne ihres Vorgängers Mario Draghi für die EU begrüßt die EZB-Chefin. „Das ist ein beeindruckender Bericht“, sagte die Französin am Donnerstag vor der Presse. Draghis Report diagnostiziere die Lage in Europa genau und mache praktische Vorschläge für nötige strukturelle Reformen. „Das könnte extrem hilfreich sein für Europa, um stärker zu sein - aber auch für uns als Zentralbank, um bessere Ergebnisse in unserer Geldpolitik zu erzielen.“ So wäre etwa eine verbesserte Produktivität eine gute Nachricht für die Europäische Zentralbank.

Zinswende bald auch in USA?

Der Preisauftrieb in den USA lässt ebenfalls spürbar nach und räumt letzte Zweifel an einer nahenden Zinswende aus. Die Teuerungsrate sank im August auf 2,5 Prozent, nach 2,9 Prozent im Juli, wie das Arbeitsministerium am Mittwoch in Washington mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte hatten lediglich mit einem Rückgang auf 2,6 Prozent gerechnet. Von Juli auf August stiegen die Preise wie von Experten erwartet um 0,2 Prozent. An den Terminmärkten wird damit gerechnet, dass die Notenbank Federal Reserve die Zinsen am 18. September um einen Viertel-Prozentpunkt senken wird.

Top-Ökonomen zu Inflation in USA
„In den USA hat der Inflationsdruck im August überraschend wieder angezogen. Die für den Trend wichtigen Verbraucherpreise ohne Energie und Nahrungsmittel (Kernrate) legten um 0,3 Prozent gegenüber Juli zu. Dies lag vor allem an den Mieten. Die Daten stützen unsere Prognose, dass die US-Notenbank die Zinsen nächste Woche 'nur' um 25 Basispunkte senkt und nicht wie vielfach erwartet um 50 Basispunkte. Für einen kleinen Schritt spricht auch der Umstand, dass das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal noch heutiger Datenlage bei etwa zwei Prozent liegen dürfte. Der Arbeitsmarkt hat sich zwar abgeschwächt, zeigt aber noch keine Anzeichen einer Krise.“
„Wieder einmal spuckt uns die Preisentwicklung für das Wohnen in die Suppe. Die Preise für das Wohnen zogen im August 2024 mit einer Veränderungsrate von 0,5 Prozent gegenüber dem Vormonat an und trugen damit maßgeblich zum Anstieg des US-Konsumentenpreisindex bei. Die Super-Kernrate – die ohne die Preise für Nahrungsmittel, Energie und Wohnen berechnete Rate – belief sich im August 2024 auf lediglich 0,1 Prozent, nach einer Stagnation in den beiden Vormonaten. Es macht die Aufgabe für die US-Notenbank nicht einfacher, dass die Inflation nicht verschwunden ist, aber hauptsächlich von einer Preisgruppe getragen wird. Es kommt erschwerend hinzu, dass gerade der Auftrieb der Preise für das Wohnen durch Leitzinssenkungen besonders stimuliert wird. Gleichwohl sollte eine Leitzinssenkung auf der Gremiensitzung am 18. September nicht infrage stehen. Wahrscheinlicher ist aber nun eher eine Senkung um 25 Basispunkte, anstatt 50 Basispunkte.“
„Die aktuellen Zahlen zur Entwicklung der US-Konsumentenpreise machen den ohnehin schon ziemlich schwierigen Job von Fed-Chef Jerome Powell sicherlich nicht einfacher. Das weitere deutliche Anziehen der Lebenshaltungskosten im Segment Wohnraum ist ohne jeden Zweifel ein gewisses Problem für die Notenbanker in Washington. Allerdings werden die momentanen Entwicklungen an der makroökomischen Preisfront die Zinswende im September nicht mehr verhindern können. Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten dürfte 2024 also noch zu einem Jahr der geldpolitischen Tauben werden. Die Fed sollte nach den aktuellen US-Inflationsdaten aber zu einer recht ausgeprägten Vorsicht bei der Anpassung seiner Zinspolitik neigen. Die Wirtschaftsentwicklung in den USA dürfte eine solche Zurückhaltung wahrscheinlich erlauben. Die jüngsten Arbeitsmarktzahlen haben sich zumindest nicht eindeutig schwach präsentiert und das Wirtschaftswachstum konnte zuletzt sogar wieder einmal positiv überraschen. Dennoch ist die Geldpolitik der Fed momentan wohl zu restriktiv ausgerichtet.“
„Die Fed kann in der kommenden Woche die Zinsen ruhigen Gewissens die Zinsen senken. Das Leitzinsniveau ist gemessen an der aktuellen Inflation, selbst unter Einschluss der Kerninflationsrate, sehr hoch. Das gegenwärtige Zinsniveau von über fünf Prozent birgt das Risiko, dass, wenn es noch längere Zeit auf diesem hohen Niveau verbleibt, deutliche realwirtschaftliche Bremsspuren hinterlässt. Dies könnte insbesondere dann der Fall sein, wenn US-Unternehmen in den kommenden Jahren für ihre Kredite eine deutlich kostspieligere Anschlussfinanzierung eingehen müssten.Allerdings macht andererseits die noch immer hohe Kerninflationsrate ein vorsichtiges Vorgehen notwendig. Gerade dass die Kerninflationsrate im direkten Monatsvergleich wieder etwas stärker zulegt, dürfe der Fed nicht gefallen. Gleichzeitig schlägt sich die US-Wirtschaft noch immer wacker. Die Fed tut also gut daran, den Leitzins schrittweise zurückzunehmen.“
„Die Preissteigerung im Monatsvergleich liegt insgesamt im Rahmen der Erwartungen. Dennoch sinkt die Jahresrate dank eines Basiseffektes spürbar. Ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise ergab sich aber ein unerwartet kräftiges Plus gegenüber Juli und die Jahresrate stagnierte hier oberhalb von drei Prozent. Die Zinssenkungserwartungen dürften daher gedämpft werden, bleiben aber insgesamt präsent. Eine Reduktion des Leitzinsbandes um 25 Basispunkte erscheint uns nach wie vor als das wahrscheinlichste Szenario.“
„Der Inflationsschreck ist deutlich verblasst, das Inflationsthema ist aber besonders mit Blick auf die Kernrate nicht erledigt. Arbeitsmarkt und Inflation zeigen, dass eine streng restriktive Geldpolitik nicht mehr notwendig ist. Die Fed kann ihren Zinssenkungskurs in der nächsten Wochen starten. Einen großen Zinsschritt verlangt die Datenlage allerdings nicht. Es liegt nun in der Hand der Fed, ob sie sich für einen langsamen oder einen schnellen Abwärtspfad entscheidet.“

Die Chance, dass die Fed sie um einen halben Prozentpunkt nach unten setzt, gilt als gering. Die Wahrscheinlichkeit für einen solchen XL-Schritt, über den an den Märkten zwischenzeitlich stärker spekuliert wurde, wird nunmehr nur noch auf 15 Prozent taxiert. Derzeit liegt der geldpolitische Schlüsselsatz noch in der Spanne von 5,25 bis 5,50 Prozent. Fed-Chef Jerome Powell gab den Finanzmärkten im August auf dem Notenbankforum in Jackson Hole das erhoffte Signal für einen Lockerungsschritt: Es sei an der Zeit, die Geldpolitik anzupassen.

Fed: Inflationsthema in USA „nicht erledigt“

Bei dem von der Fed stark beachteten zugrundeliegenden Inflationstrend zeichnet sich in den USA allerdings noch keine Entspannung ab: Die sogenannte Kernrate, bei der die schwankungsanfälligen Kosten für Energie und Lebensmittel außen vor bleiben, verharrte im August auf dem Vormonatswert von 3,2 Prozent. Experten hatten damit gerechnet. „Der Inflationsschreck ist deutlich verblasst, das Inflationsthema ist aber besonders mit Blick auf die Kernrate nicht erledigt“, meint Ökonom Bastian Hepperle von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank.

Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank verweist darauf, dass die Inflationsrate vor allem aufgrund der im Jahresvergleich niedrigeren Energiepreise gesunken ist. Die Fed könne die Zinsen „ruhigen Gewissens“ senken. Das Leitzinsniveau sei gemessen an der aktuellen Inflation, selbst unter Einschluss der Kerninflationsrate, sehr hoch. „Das gegenwärtige Zinsniveau von über fünf Prozent birgt das Risiko, dass wenn es noch längere Zeit auf diesem hohen Niveau verbleibt, deutliche realwirtschaftliche Bremsspuren hinterlässt.“ Dies könne insbesondere dann der Fall sein, wenn US-Unternehmen in den kommenden Jahren für ihre Kredite eine deutlich kostspieligere Anschlussfinanzierung eingehen müssten.

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