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US-Handelspolitik„Die Entscheidung für das Fiskalpaket ist richtig“

Anfang April könnte der Zollkonflikt zwischen Europa und den USA eskalieren. Der europäische Chefvolkswirt von Goldman Sachs erklärt, was auf die EU zukommt.Henrike Adamsen 24.03.2025 - 16:58 Uhr aktualisiert
Jari Stehn, Europäischer Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, hat wegen der US-Zölle die Wachstumsaussichten für Europa gesenkt Foto: Bloomberg via Getty Images

WirtschaftsWoche: Herr Stehn, die USA setzen Europa mit ihrer Zollpolitik immer stärker unter Druck, Anfang April könnte Präsident Trump weitere Zölle verhängen. Was bedeutet das für die europäische Wirtschaft?
Jari Stehn: Keine Frage: Die Handelsspannungen drücken die Wachstumserwartungen im Euroraum – wobei man zwischen den tatsächlichen Effekten der Zölle und der Unsicherheit unterscheiden muss, die in den vergangenen Monaten extrem gestiegen ist. Noch gehen wir von gezielten Strafzöllen gegenüber der EU aus, beispielsweise auf Autos und Pharmaprodukte. Die senken in unserer Prognose das Wachstum um 0,5 Prozentpunkte.

US-Präsident Trump hat aber auch Zölle angekündigt, die Europa noch viel stärker treffen könnten: universelle Zölle und reziproke Zölle, deren Höhe sich an der Mehrwertsteuer orientiert …
Das ist in der Tat unser Negativ-Szenario, bei dem die Zollquote insgesamt stark ansteigt. Dann würde unser Wachstumsminus deutlich höher ausfallen: 1,0 bis 1,3 Prozentpunkte. Interessant ist, der Inflationseffekt durch europäische Gegenzölle dürfte in beiden Fällen recht gering ausfallen. Erstens wirken die Zölle als einmalige Preiserhöhung und schaffen keinen dauerhaften Preisdruck. Zweitens dürfte China Handelsströme nach Europa umlenken, was wiederum preisdämpfend wirkt.

Trump hat wiederholt die militärische Unterstützung für die Ukraine in Frage gestellt. Deswegen wollen Europa und vor allem Deutschland massiv in die Verteidigung investieren. Erwarten Sie dadurch einen Wachstumsschub?
Wir haben die Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft für 2026 und 2027 um 0,7 und 0,9 Prozentpunkte auf 1,5 und 2,0 Prozent erhöht – allein wegen der permanent höheren Verteidigungsausgaben und des beschlossenen Sondervermögens. Die Rüstungsindustrie in Deutschland hat einen Jahresumsatz von zehn bis 20 Milliarden Euro. Durch die Lockerung der Schuldenbremse fließen in Zukunft wahrscheinlich etwa 40 Milliarden Euro zusätzlich in die Rüstungsindustrie.

Zur Person
ist der europäische Chefvolkswirt der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs und damit zuständig für Einschätzungen und Vorhersagen zur wirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum. Stehn arbeitet seit 2010 bei Goldman Sachs, zuvor war er Ökonom beim Internationalen Währungsfonds.

Heißt: Die deutsche Industrie kann das gar nicht alleine stemmen?
Der Wachstumseffekt durch höhere Verteidigungsausgaben hängt tatsächlich stark davon ab, wie viele der Verteidigungsgüter aus dem Ausland importiert werden. In der Vergangenheit lag der Importanteil bei rund 35 Prozent. Die Bundesregierung stellt jetzt so viel Geld bereit, dass die deutschen Unternehmen ihre Produktion gar nicht schnell genug hochfahren können.

Zölle schwächen die europäische Wirtschaft, die Verteidigungsausgaben stärken sie: Welcher Effekt überwiegt?
Kurzfristig überwiegen die Risiken aus der Handelspolitik, mittelfristig aber die Wachstumsaussichten. Die deutsche Entscheidung für das Fiskalpaket war richtig. Daraus erwächst eine Chance, wenn die Bundesregierung die Rüstungsindustrie gezielt stärkt, Kapazitäten aufbaut und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung anhebt. Fachkräfte aus der Automobilindustrie in die Verteidigungsindustrie zu holen, könnte ein Weg sein, Kapazitäten schneller aufzubauen. Zudem ist zu hoffen, dass die EU ihre Integration weiter vorantreibt und ihre Aufrüstungsbestrebungen koordiniert.

Wie groß ist das Risiko für die europäische Wirtschaft durch die schwächelnde US-Konjunktur?
Es ist im Interesse Europas, dass die US-Wirtschaft stabil ist und wächst. Niedrigeres US-Wachstum bedeutet für Europa weniger Exporte und nachteilige Währungseffekte. Der Euro hat gegenüber dem Dollar zuletzt wieder aufgewertet. Wir haben die Prognose für die USA gesenkt.

Die US-Regierung hat auch Pläne, den Finanzmarkt zu deregulieren. Mit welchen Folgen rechnen Sie dadurch?
Die Pläne sind noch zu unsicher, um das einschätzen zu können. Da müssen wir mögliche Entscheidungen abwarten.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) blickt auf die US-Politik. Bleibt es bei den von Ihnen erwarteten zwei Leitzinssenkungen in diesem Jahr?
Für die Entscheidung im April kann man sich nicht sicher sein. Zuletzt hat EZB-Chefin Christine Lagarde das Signal gesendet, dass man noch abwarten müsse. Ich halte eine Zinssenkung für wahrscheinlicher, weil kurzfristig das Risiko durch die Handelskonflikte überwiegt, was die Wirtschaft schwächen könnte. Aber das hängt stark davon ab, ob und welche Zölle die USA am 2. April gegenüber der EU verhängen – und wie die EU darauf reagiert.

Niedrige Leitzinsen wären für die EZB auch eine Möglichkeit, die Finanzierung der europäischen Verteidigung zu unterstützen. Glauben Sie, diese Überlegung spielt für die Mitglieder des EZB-Direktoriums eine Rolle?
Das glaube ich nicht. Christine Lagarde hat dazu gesagt: „Das ist nicht der Job der EZB“. Dass wir zwei Zinssenkungen erwarten, ist allein von unseren Wachstums- und Inflationsprognosen getrieben – und nicht von dem Gedanken, dass die EZB die europäische Fiskalpolitik mitfinanzieren will.

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