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Ifo-InstitutPrognose für die deutsche Konjunktur gesenkt

Die Wirtschaft in Deutschland wird laut Experten auch in diesem Jahr schrumpfen. Größte Bremse dürfte wegen der hohen Inflation der private Konsum sein. 21.06.2023 - 13:31 Uhr

Die deutsche Wirtschaft wird nach Einschätzung des Ifo-Instituts dieses Jahr um 0,4 Prozent schrumpfen.

Foto: dpa

Das Münchener Ifo-Institut hat seine Konjunkturprognose gesenkt. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr mit 0,4 Prozent stärker sinken als noch im Frühjahr mit minus 0,1 Prozent vorausgesagt. Das teilten die Forscher am Mittwoch mit.  

Zugleich wurde die Wachstumsprognose für das kommende Jahr zurück gestutzt, und zwar von 1,7 auf 1,5 Prozent. „Die deutsche Wirtschaft arbeitet sich nur ganz langsam aus der Rezession heraus“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser in Berlin.

Die Inflationsrate werde langsam sinken: von 6,9 Prozent 2022 auf 5,8 Prozent in diesem Jahr und dann auf 2,1 Prozent 2024. Größte Bremse im laufenden Jahr dürfte der private Konsum sein. Wegen der hohen Inflation, die für viele Verbraucher teils deutliche Kaufkraftverluste bedeutet, dürfte er um 1,7 Prozent zurückgehen. „Erst 2024 wird er wieder zunehmen, um 2,2 Prozent“, sagte Wollmershäuser.

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Sinken soll laut des Ifo-Instituts die Neuverschuldung des Staates. Lag sie im vergangenen Jahr noch bei 106 Milliarden Euro, werden für 2023 noch 69 und für 2024 dann 27 Milliarden Euro an Defizit erwartet. Fast verdoppeln dürfte sich dagegen der deutsche Leistungsbilanzüberschuss mit dem Ausland – von 145 Milliarden Euro im vergangenen auf 269 Milliarden im kommenden Jahr. Das entspreche dann 6,3 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der von EU empfohlene Schwellenwert von 6,0 Prozent würde damit übertroffen

Auch das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung verkündete am Mittwoch, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wohl nicht aus der Rezession herauskommt und 2023 gar um 0,5 Prozent schrumpft. „Im kommenden Jahr gewinnt die Konjunktur dann wieder etwas stärker an Fahrt, das Bruttoinlandsprodukt dürfte um durchschnittlich 1,2 Prozent zulegen“, hieß es.

Schneller schlau: Rezession
Der Begriff Rezession bedeutet Rückgang und stammt aus dem Lateinischen. Es handelt sich um eine Rezession, wenn die Wirtschaft nicht wächst, sondern schrumpft – sich also in einem Abschwung beziehungsweise Rückgang befindet. Für die Bemessung der Konjunktur dient das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Offiziell tritt eine sogenannte technische Rezession ein, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahresquartalen nicht wächst, sondern zurückgeht.Die Rezession ist eine der vier Phasen, die der Konjunkturzyklus einer Volkswirtschaft durchlaufen kann. Sie folgt auf die Phase der Hochkonjunktur und kann im schlimmsten Fall in eine Depression übergehen. Auf eine Depression folgt dann früher oder später ein Aufschwung.
Eine Rezession zeichnet sich durch unterschiedliche Merkmale aus. Dazu gehören unter anderem:Rückgang der Nachfrageüberfüllte LagerAbbau von Überstunden und beginnende KurzarbeitEntlassung von Arbeitskräftenausbleibende Investitionenteilweise Stilllegung von Produktionsanlagenstagnierende oder sinkende Preise, Löhne und Zinsenfallende Börsenkurse
Zu den Ursachen einer Rezession gehören unterschiedliche Punkte, die sich nur schwerlich verallgemeinern lassen. Aktuell wirkt sich etwa der Krieg in der Ukraine erheblich auf die Konjunktur in Europa und den USA aus.
In einer Rezession halten Unternehmen und private Haushalte ihr Geld in der Regel beisammen. Zu den Folgen einer Rezession zählen steigende Arbeitslosenzahlen, außerdem arbeiten mehr Menschen in Kurzarbeit. Beides führt zu geringerer Nachfrage. Denn wenn die Bürger weniger Geld verdienen, konsumieren sie auch weniger. Dies ist wiederum schlecht für Unternehmen, die dadurch weniger verkaufen und auf ihren Lagerbeständen sitzen bleiben. Die fehlenden Einnahmen können zu weiteren Entlassungen führen, sodass die Arbeitslosigkeit weiter steigt.Auch Menschen, die auf der Suche nach einem neuen Job sind, stehen in einer Rezession vor Problemen. Denn wer sich um eine neue Stelle bewirbt, dürfte während einer Rezession Schwierigkeiten haben eine entsprechende Stelle zu finden – denn geht es Unternehmen wirtschaftlich schlechter, stoppen sie Neueinstellungen.
Durch eine steigende Inflation sinkt die Kaufkraft der Menschen. Durch eine sinkende Kaufkraft sinkt wiederum die Konsumbereitschaft der Menschen, da sie ihr Geld beisammen halten, statt es für Waren und Güter auszugeben.

Etwas positivere wirtschaftliche Perspektiven hätten sich zerschlagen

Die Inflationsrate werde 2023 im Schnitt „noch hohe 5,3 Prozent“ betragen, im Jahresverlauf jedoch werde sich der Preisauftrieb verringern. „2024 dürfte die Teuerungsrate mit 2,4 Prozent wieder relativ nahe am Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen.“ Im März hatten die Ökonominnen und Ökonomen noch eine Stagnation für 2023 erwartet. Es sei bedauerlich, dass sich die im Frühjahr etwas positiveren wirtschaftlichen Perspektiven nun wieder zerschlagen hätten, sagte Sebastian Dullien, der wissenschaftliche IMK-Direktor.

Aber angesichts der enormen Herausforderungen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine seien die Ausschläge nach unten moderat. Nach der leichten Rezession im Winterhalbjahr und einer Stagnation im zweiten Quartal dürfte sich die Konjunktur ab Jahresmitte zögerlich beleben. „Im nächsten Jahr setzt sich die Erholung fort.“ Die deutsche Wirtschaft erweise sich einmal mehr als robust und die Bundesregierung habe in ihrer Anti-Krisen-Politik „bei aller berechtigten Kritik grundsätzlich viel richtig gemacht, weil sie die Kaufkrafteinbußen in einer extrem schwierigen Phase begrenzt“, erklärte Dullien.

Notenbanken sollten sich mit weiteren Zinserhöhungen zurückhalten

Mit Blick auf Konjunktur und Finanzmarktstabilität sei es aber wichtig, dass sich die Notenbanken mit weiteren Zinserhöhungen zurückhielten. „Da die Inflation sich absehbar in Richtung des EZB-Ziels von zwei Prozent entwickelt, zugleich aber die kräftigen Zinserhöhungen der vergangenen Monate ihre volle Wirkung erst mit Zeitverzögerung entfalten, sollte die Europäische Zentralbank mit ihren Zinsschritten nun zunächst eine Pause einlegen und die weitere Entwicklung abwarten.“

Allerdings signalisierten EZB-Chefvolkswirt Philip Lane und EZB-Direktorin Isabel Schnabel, dass die Notenbank der Euro-Zone die Leitzinsen mindestens noch im Juli weiter erhöhen dürfte.

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rtr
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