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Russland-SanktionenWarum wir Putins Reich als Absatzmarkt nicht brauchen

Eine neue Datenanalyse zeigt, wie die Bedeutung Russlands für die deutsche Wirtschaft schon vor dem Überfall auf die Ukraine gesunken ist. Für einen Großteil der deutschen Exporte gäbe es aber eine Alternative, schreiben Holger Görg, Anna Jacobs und Saskia Meuchelböck in einem Gastbeitrag.Holger Görg, Anna Jacobs, Saskia Meuchelböck 28.09.2022 - 16:34 Uhr

Saure Gurken: Russische und Deutsche Waren in einem Geschäft in Moskau.

Foto: dpa Picture-Alliance

Die Invasion Russlands in die Ukraine Ende Februar 2022 hat schlagartig zu einer Neubewertung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland geführt. Die Europäische Union, die USA und viele weitere Länder haben eine Reihe von Sanktionspaketen gegen Russland beschlossen. Die Sanktionen reichen von Maßnahmen gegen Einzelpersonen in Form von Reisebeschränkungen und dem Einfrieren von Vermögenswerten bis hin zu starken Einschränkungen im Transportsektor sowie Wirtschaftssanktionen, die auf Russlands Handels- und Finanzbeziehungen mit anderen Ländern abzielen. Sie ergänzen die weniger umfassenden Sanktionen, die bereits seit der Annexion der Krim durch Russland 2014 in Kraft sind und auf die Russland mit einem bis heute gültigen Importembargo für bestimmte Landwirtschafts- und Lebensmittelprodukte reagiert hatte.

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Auf der Liste der Produkte, die nicht nach Russland exportiert werden dürfen, stehen mittlerweile unter anderem hochwertige Elektronikerzeugnisse, Halbleiter und Software, bestimmte Maschinen und Fahrzeuge, Ausrüstung für die Energiewirtschaft sowie die Luft- und Raumfahrtindustrie, Güter mit doppeltem Verwendungszweck (die sowohl militärisch als auch zivil eingesetzt werden können) und Luxusgüter. Die Importsanktionen betreffen unter anderem Kohle, Gold, Stahl, Eisen, Holz, Spirituosen und – mit Übergangsfristen und Ausnahmen – Erdöl. Der Europäische Rat (2022) gibt einen detaillierteren Überblick über die EU-Sanktionen gegen Russland.

Zudem hat eine Vielzahl von Unternehmen beschlossen, ihre Geschäfte mit Russland einzuschränken oder sich ganz aus dem Markt zurückzuziehen, selbst wenn sie nicht unmittelbar von den Sanktionen betroffen sind. Angaben der Yale School of Management (2022) zufolge, die Informationen zu den Geschäftsaktivitäten multinationaler Unternehmen in Russland auswertet, haben sich von knapp 130 untersuchten deutschen Unternehmen 24 komplett aus dem russischen Markt zurückgezogen, 39 haben vorübergehend ihr Russlandgeschäft nahezu vollständig eingestellt und weitere 22 haben ihr Engagement deutlich reduziert.

Die Sanktionen und der freiwillige Rückzug deutscher Unternehmen haben sich deutlich auf den Außenhandel mit Russland ausgewirkt. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes lagen deutsche Exporte nach Russland im Zeitraum März bis Juni 2022 – also seit Ausbruch des Krieges – insgesamt 55 Prozent unter den Vorjahreswerten. Besonders drastisch gingen die Exporte von Kfz-Produkten (minus 95 Prozent ), Datenverarbeitungsgeräten (minus 77 Prozent ) und elektrischen Ausrüstungen (minus 71 Prozent ) zurück. Die Exporte von pharmazeutischen und landwirtschaftlichen Produkten stiegen dagegen im gleichen Zeitraum um rund 20 Prozent, was jedoch auf höhere Preise zurückzuführen ist. Die Importe aus Russland sind – insbesondere aufgrund höherer Preise für Rohstoffe – seit Ausbruch des Krieges um 47 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.
Lesen Sie auch: Viele Länder weltweit haben bislang noch keine Sanktionen gegen Russland verhängt. Eine Weltkarte zeigt, welche das sind.

Allerdings sind die importierten Mengen nahezu in allen Produktkategorien deutlich zurückgegangen, was für rückläufige Abhängigkeiten von russischen Lieferungen spricht. Eine Ausnahme sind landwirtschaftliche Erzeugnisse sowie Nahrungs- und Futtermittel, für die die importierten Mengen zwischen März und Juni mehr als 30 Prozent über dem Vorjahr lagen. In Anbetracht des Einbruchs der Exporte nach Russland stellt sich die Frage nach den Folgen für die deutsche Wirtschaft.

Zu den Autoren
Holger Görg ist Interimspräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Anna Jacobs und Saskia Meuchelböck sind Doktorandinnen am Institut.

Görg, Jacobs und Meuchelböck (2022) analysieren einen neuen Datensatz auf Unternehmensebene, um das Engagement deutscher Unternehmen auf dem russischen Markt zu untersuchen. Obwohl die Daten nur bis 2018 – und damit weit vor Kriegsbeginn – verfügbar sind, bieten sie wertvolle Einblicke in das Engagement deutscher Unternehmen in Russland. Bereits seit der Annexion der Krim 2014 hat Russland als Absatzmarkt merklich an Bedeutung verloren. So sank der Anteil Russlands an den Warenexporten auf rund zwei Prozent , vor 2015 hatte er noch bei über drei Prozent gelegen.

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Die Analysen auf Unternehmensebene zeigen, dass zum einen die Zahl der Unternehmen, die nach Russland exportieren, stark zurückgegangen ist. Während 2012 noch rund 28.500 Firmen den russischen Markt bedienten, reduzierte sich diese Zahl insbesondere ab 2014 stetig auf knapp 18.500 Firmen 2018. Gleichzeitig hat Russland als Exportziel für diejenigen Unternehmen, die den Markt noch bedienen, erheblich an Bedeutung eingebüßt. So ist der durchschnittliche Anteil Russlands an den gesamten Exporten eines Unternehmens deutlich von rund 28 Prozent im Jahr 2012 auf 16 Prozent im Jahr 2018 gesunken. Rund drei Viertel der Firmen, die nach Russland exportieren, liefern weniger als zehn Prozent ihrer gesamten Exporte dorthin. Hinter dem gesamtwirtschaftlichen Bedeutungsverlust Russlands als Absatzmarkt seit 2014 steht also, dass sowohl die Zahl der Exportierenden als auch die Spezialisierung der Unternehmen auf Russland seitdem erheblich reduziert wurde.

Zudem zeigt die Analyse der Unternehmensdaten, dass der Großteil der gesamten deutschen Exporte von Unternehmen getätigt wird, die nur einen kleinen Teil ihres Exportgeschäfts in Russland erwirtschaften. Im Jahr 2018 entfallen 68 Prozent des Gesamtwerts der Ausfuhren nach Russland auf Unternehmen, die weniger als zehn Prozent ihrer Exporte nach Russland verkaufen. Diese Unternehmen sind vor allem dem verarbeitenden Gewerbe, gefolgt vom Groß- und Einzelhandel und dem Dienstleistungssektor zuzurechnen. Es ist davon auszugehen, dass Unternehmen, die nur einen kleinen Anteil ihres Exportgeschäfts in Russland erwirtschaften, die zuvor für Russland vorgesehenen Produkte einfacher in andere Länder oder den heimischen Markt umlenken können.

Nur wenige Firmen richteten ihr Exportgeschäft maßgeblich auf Russland aus, und die Russlandexporte dieser Firmen waren 2018 nur für sechs Prozent der deutschen Exporte dorthin verantwortlich. Diese hochspezialisierten Firmen sind eher klein (durchschnittlich 3,6 Mio. Euro Umsatz und 18 Beschäftigte) und hauptsächlich im Groß- und Einzelhandel tätig. Insgesamt ist die Abhängigkeit von Russland als Exportmarkt für deutsche Unternehmen gering. Der Anteil Russlands an den gesamten Exporten ist seit der Annexion der Krim auf rund zwei Prozent gefallen und hat sich seit Ausbruch des Krieges nochmal halbiert. Auch die Zahl der Unternehmen, die nach Russland exportieren, ist deutlich gesunken.

Ein Fokus auf die Unternehmensperspektive zeigt noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Der Großteil der Exporte nach Russland stammt von Unternehmen, die nicht in hohem Maße auf Russland spezialisiert sind. Das deutet darauf hin, dass solche Unternehmen hinreichend diversifiziert sind und die für Russland vorgesehenen Produkte relativ einfach in andere Länder oder auf den heimischen Markt umlenken können. Dies gilt derzeit umso mehr, als der Auftragsüberhang in der deutschen Industrie infolge von Lieferschwierigkeiten immer noch erheblich ist. Nur wenige, meist kleine Firmen sind hochspezialisiert auf Russland.

Auf der Importseite deutet sich seit Kriegsausbruch ebenfalls ein fortschreitendes Decoupling von der russischen Wirtschaft an. Die Importmengen sind bei vielen Produktkategorien stark gesunken. Wertmäßig haben sich die Importe aus Russland allerdings seit Kriegsbeginn erhöht. Das liegt insbesondere an steigenden Preisen von Energieträgern – ein Problem, das die deutsche Wirtschaft noch für geraume Zeit belasten dürfte.

Der Artikel ist zuerst in Wirtschaftsdienst, Zeitschrift für Wirtschaftspolitik erschienen (Heft 9/2022). 
Auswirkungen der Russland-Sanktionen - Wirtschaftsdienst

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