Wirtschaft im Weitwinkel

Schwellenländer vor dem Sprung

Die Notenbanken tun was sie können. Aber die Weltwirtschaft kommt einfach nicht in Schwung. Für eine wirtschaftliche Belebung fehlt bislang eine Trendwende in den großen Schwellenländern. Die deutet sich nun an.

Der Reformkurs des indischen Premierministers Narendra Modi zeigt für Indiens Wirtschaft in die richtige Richtung. Das ist gut für die Weltwirtschaft. Quelle: dpa

In den letzten zwei Jahren war die Entwicklung in den meisten großen Schwellenländern alles andere als erfreulich. Die Krisenlage in Brasilien, Russland und Südafrika hat stark an deren Nimbus als „Wachstumsmärkte“ genagt. Auch China, das lange der Treiber des globalen Wachstums war, konnte sich des Trends hin zu ständig niedrigeren gesamtwirtschaftlichen Zuwachsraten nicht erwehren. Peking war nun schon mehrfach gezwungen, das jährliche Wachstumsziel nach unten zu korrigieren.

Daran wird sich wohl auch in den nächsten Jahren nicht viel ändern. Positive Ausnahme in den letzten beiden Jahren war lediglich Indien. Seit dem Regierungswechsel 2014 geht Ministerpräsident Modi beherzt neue Reformen an. Mit Erfolg: Indiens Wachstum ist inzwischen deutlich höher als das von China.

Neusortierung der Wirtschaftsmächte
„Das ist kluge Finanzpolitik.“An einem Vormittag Mitte September sitzt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in seinem Büro an der Berliner Wilhelmstraße und weiß nicht so recht, ob er nun schlecht- oder gutgelaunt sein soll. Gerade hat seine CDU in Berlin das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten eingefahren. Es wäre also Zeit für einen schlecht gelaunten Schäuble. Und so geht das Gespräch auch los. Dann aber, das Thema Wahlkrise der CDU und Aufstieg der AfD ist mittlerweile erschöpfend behandelt, bessert sich die Laune des Finanzministers. Es geht nun um den Standort Deutschland, um Wirtschafts- und Finanzpolitik. Und plötzlich ist Schäuble nicht mehr zu stoppen: Der Bundeshaushalt? Seit Jahren ausgeglichen. Ausgaben für Bildung und Forschung? In Schäubles Amtszeit um sieben Prozent gestiegen. Investitionen in Infrastruktur? So hoch, dass Bund und Länder mit ausgeben gar nicht hinterherkämen. „Das“, endet Schäuble schließlich begeistert von sich selbst, „ist kluge Finanzpolitik.“ Deutschland, das lässt sich zwischen diesen Schäuble-Zeilen lesen, ist Wirtschaftswunderland. Quelle: dpa
Exportweltmeister, wachsende Wirtschaft, sinkende ArbeitslosigkeitUnd, es stimmt ja auch: die Stimmung ist, Flüchtlingskrise hin, Zinskrise her, gut. Gerade wurde das Land wieder Exportweltmeister, die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt. Und doch, das wird dieser Tage klar werden: Alles ist relativ. Wenn das Weltwirtschaftsforum, bekannt durch sein jährliches Winterspektaktel der Mächtigen in Davos, an diesem Mittwoch seinen Bericht über die globale Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften vorstellt, wird Deutschland einen Platz abgerutscht sein. Zwar schneidet die größte Wirtschaft der Eurozone noch immer gut ab, andere Länder machen es aber besser als der selbst ernannte Musterknabe der Eurozone; und zwar auch Euro-Partnerländer. So ziehen ausgerechnet die Niederlande an Deutschland vorbei und belegen in dem weltweiten Ranking, für das die Schweizer Nichtregierungsorganisation 138 Länder nach zwölf Kriterien vergleicht, vor Deutschland Platz vier. An der Spitze des Rankings stehen in unveränderter Reihenfolge die Schweiz, Singapur und die USA. Was Deutschlands Rückschlag auslöst, wie Chancen und Risiken in der Welt verteilt  sind – und was das größte Risiko für die Weltwirtschaft ist: Quelle: dpa
DeutschlandEin Grund zur Panik ist der Rückfall Deutschlands um einen Platz nicht. Allenfalls ein kleiner Warnschuss gegen das allzu selbstbewusste Auftreten manches Standortpolitikers und Ökonoms angesichts der deutschen Erfolgssträhne in den vergangenen Jahren. Vor allem in Sachen Innovation sehen die Schweizer Forscher Deutschland besser aufgestellt, damit einher geht eine Verbesserung beim technologischen Entwicklungsgrad. Hier rückt die Bundesrepublik um zwei Ränge auf Platz zehn vor. Schlecht sieht es dagegen bei zwei Kriterien aus: Im Bereich institutionelle Stärke rutscht ausgerechnet Effizienz-Weltmeister Deutschland um zwei Ränge auf Platz 22 abn und in Fragen der von Schäuble so gelobten Infrastruktur auf Platz acht. Quelle: dpa
Die Top 10Auf Deutschland folgen unter den zehn besten Ländern der Welt nun Schweden und Großbritannien. Beide Länder haben sich verbessert, allerdings beziehen sich die Ergebnisse Großbritanniens auf die Vor-Brexit-Zeit. Wer den Bericht und seine Beschreibung von Chancen und Risiken richtig liest, ahnt: bei der guten Performance des Vereinigten Königreichs wird es nicht bleiben. Schließlich nennen die Schweizer Forscher vor allem Abschottungstendenzen als eines der größten Risiken für Volkswirtschaften. Japan (8), Hongkong (9) und Finnland (10) komplettieren die Top-Ten. Quelle: dpa
Das Euro-GefälleWährend es den Ländern im Norden Europas vergleichsweise gut geht, manifestiert sich das Nord-Süd-Gefälle des Euro-Raums auch in der Rangliste der Wettbewerbsfähigkeit. Während Spanien, das seit einem dreiviertel Jahr ohne Regierung vor sich hin werkelt, immerhin noch um einen Platz auf Rang 32 kletterte, fällt Italien weiter zurück. Das drittgrößte Land der Eurozone rangiert nunmehr auf Platz 44. Auch Portugal auf Platz 46 und Griechenland auf Platz 86 rutschten weiter ab. Dass die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank da hilft, bezweifelt der Bericht im Übrigen. Quantitative Lockerungen der Geldpolitik kämen gerade nicht den schwachen sondern eher den starken Ländern des Währungsraums zu Gute. Quelle: dpa
Aufstieg der SchwellenländerWährend Euro-Land also weiter auseinanderdriftet, streben die großen Schwellenländer weiter nach oben. China  bleibt auf Platz 28 und damit Klassenprimus dieser Gruppe. Große Fortschritte macht Indien. Das um 16 Ränge auf Platz 39 klettert. Auch Russland und Südafrika verbessern sich um je zwei Ränge auf 43 bzw. 47. Ist das die Rückkehr der schon totgesagten BRICS-Länder? Wohl ehr das Comeback der RICS. Denn Brasilien kann vom Aufwärtstrend nicht profitieren. Das politisch gebeutelte Land fällt trotz Olympia um sechs Ränge auf Platz 81. Quelle: REUTERS
Asien-KriseDie zweite Reihe der Schwellenländer im Osten dagegen kriselt: Malaysia verliert seinen Platz in den Top 20 und fällt um sieben Ränge auf Platz 25, Thailand rutscht um zwei Ränge auf Platz 34, Indonesien um vier auf Platz 41 und die Philippinen verschlechtern sich um zehn Ränge auf Platz 57. „Ein Dauerthema für die Entwicklungsländer der Region ist die Notwendigkeit, Fortschritte in den komplexeren Bereichen der Wettbewerbsfähigkeit zu machen, die mit dem Entwicklungsstand der Unternehmen und Innovation zusammenhängen“, schreiben die Experten aus Genf. Passiere das nicht, würden die Länder auf dem jetzigen Niveau verharren – relativ also absteigen. Quelle: dpa
Arabiens DilemmaVerheerend bleibt der Eindruck der arabischen Welt. Trotz absoluten Reichtums hängt Wohl und Wehe der Länder weiter am Energiemarkt. Und dort schlagen die negativen Preise voll durch. Die Vereinigten Arabischen Emirate (16), Katar (18) und Saudi-Arabien (29) rangieren zwar weiter vor vielen Ländern der Euro-Zone, allerdings mit deutlich schlechteren Aussichten, sollte sich der Energiemarkt nicht drehen. Quelle: dpa
Das größte RisikoOb der Siegeszug von Donald Trumps Slogan „America First“ in den USA, der geballte TTIP-Protest in Deutschland oder das Brexit-Votum: Weltweit sind politische Kräfte auf dem Vormarsch, die den Freihandel einschränken und Grenzen wieder hochziehen wollen. Für das Weltwirtschaftsforum spiegelt sich darin das Risiko Nummer eins für die Weltwirtschaft wider.  „Der sinkende Offenheitsgrad in der Weltwirtschaft stellt für einen neuen Aufschwung und zukünftigen Wohlstand ein Risiko dar“, sagt Klaus Schwab, Gründer und Executive Chairman des Weltwirtschaftsforums. Er mahnt die Politik, nicht nur die Vorteile der wirtschaftlichen Offenheit hervorzustellen sondern auch dafür zu sorgen, dass diese in allen Gesellschaftsteilen ankämen. Quelle: AP

Inzwischen gibt es aber auch in anderen Ländern positive Signale: Sofern keine neuen Krisenherde aufflammen, könnte die wirtschaftliche Krise insbesondere in Brasilien und Russland, bald dem Ende entgegen gehen. 2018 kann dann durchaus ein Jahr werden mit recht guten gesamtwirtschaftlichen Zuwachsraten für diese Länder.

Bewährungsprobe für Brasiliens Politik

In Brasilien werden die Präsidentschaftswahlen im Oktober 2018 entscheiden, ob der Reformkurs des derzeitigen Amtsinhabers Michel Temer Bestand haben wird. Bis dahin wird alles, was wirtschaftspolitisch getan wird, nur „provisorischen“ Charakter haben. Dennoch: Der jetzige Reformweg führt in die richtige Richtung. Die Industrieproduktion und die Investitionstätigkeit zeigen bereits wieder aufwärts – die Anlageinvestitionen sind im zweiten Quartal 2016 erstmals seit zehn Quartalen wieder gestiegen.

Dies ist ein wichtiges Signal dafür, dass die Konjunktur nach sechs negativen Quartalen beim Bruttoinlandsprodukt bald „drehen“ und das Jahr 2017 zumindest keine negativen Wachstumsraten mehr ausweisen wird. Voraussetzung ist jedoch, dass das Investitionsklima weiter gestärkt wird. Dann kann sich auch der Konsum normalisieren. Noch zeigt der Trend bei der  Arbeitslosenquote nach oben! Die Reformen werden darüber entscheiden, ob Direktinvestoren aus dem Ausland  wieder mehr Interesse an Brasilien finden. Die überfällige Umgestaltung des komplexen Steuersystems sowie der Ausbau der Infrastrukturen würden hier positiv wirken.

Es besteht aber das Risiko, dass die Konjunkturwende verschleppt wird. Denn unpopuläre Maßnahmen wie etwa Kürzungen bei den Sozialausgaben sind zur Konsolidierung des Staatshaushaltes nötig. Der Bevölkerung könnte das zu weit gehen. Dann droht sich das politische Klima wieder zu verhärten.

Aufwärtsanzeichen in Russland

Russland profitiert mehr als alle anderen BRICS-Länder von steigenden Ölpreisen. Die bisherige Erholung reicht aber noch nicht aus, um die dortige Wirtschaftskrise zu überwinden. Erschwerend kommt für den Kreml hinzu, dass der staatliche „Stabilitätsfond“ zuletzt stark in Anspruch genommen worden ist. Wird das Ausmaß der Entnahmen nicht bald gedrosselt, könnte er möglicherweise schon im Laufe des kommenden Jahres ausgeschöpft sein. Deshalb muss die Regierung vorerst auch an ihren Budgetkürzungen festhalten. Auch das Konsumklima dürfte wohl wegen der Realeinkommenseinbußen im privaten Sektor negativ bleiben. Dennoch: Die Rezession wird im ersten Halbjahr 2017 überwunden sein. Das Wachstumstempo in Russland wird aber zunächst begrenzt bleiben. Wir sehen es bei weniger als einem Prozent.

Indien in Zahlen

China erlahmt und Indien erblüht

In China dagegen dürfte im nächsten Jahr der leichte Abwärtstrend beim Potenzialwachstum anhalten. Die demografische Entwicklung (leicht schrumpfende Erwerbsbevölkerung) und die nachlassende Produktivität werden das Wirtschaftswachstum weiter dämpfen, so dass der Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes wohl deutlich unter der für dieses Jahr erwarteten Rate von 6,6 Prozent liegen wird.

Demgegenüber sind wir für Indien wegen der bereits erwähnten Reformprozesse optimistisch. Dort dürfte sich das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr bei knapp 7,5 Prozent und somit auf einem recht hohen Niveau stabilisieren. Wir erwarten zwar nicht, dass bis April 2017 die kürzlich beschlossene Einführung der landesweit einheitlichen Mehrwertsteuer vollwirksam in die Praxis umgesetzt sein wird. Von dieser sind auf jeden Fall in den Folgejahren deutlich positive Wachstumsimpulse zu erwarten, die im günstigen Fall auf bis zu einem Prozentpunkt geschätzt werden können. 

 

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%