Zeitumstellung Der große Betrug um Zeit und Schlaf

In der Nacht auf Sonntag bekommen wir eine Stunde „geschenkt“. Quatsch, sagt der Chronobiologe Till Roenneberg. Wir betrügen uns nicht nur mit der „Zeitumstellung“, sondern auch mit unserem Tag- und Nachtrhythmus.

Zehn Fakten zur Zeitumstellung
Zeitumstellung: Die vielen Menschen verhasste Umstellerei der Uhren haben wir dem Briten William Willet zu verdanken Quelle: dpa
Zeitumstellung: Seit wann gibt es sie in Deutschland? Quelle: dpa
Bringt die Zeitumstellung wirklich eine Energieersparnis? Quelle: dpa
Gibt es die Sommerzeit überall? Quelle: dpa
„Zeitumstellung funktioniert wie das Thermometer“: im Frühjahr plus und im Winter Minus. Quelle: dpa
Warum tun wir uns so schwer mit der Zeitumstellung? Quelle: dpa
Führt die Zeitumstellung zu Gesundheitsproblemen? Quelle: obs

In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird an der Uhr gedreht. Dann gilt die Winter- statt Sommerzeit, der Zeiger wandert also von drei Uhr zurück auf zwei Uhr. Wir bekommen quasi eine Stunde geschenkt. Die uns im März wieder abgezogen wird, wenn die Sommerzeit kommt. Jedes Jahr streiten sich Gegner und Befürworter erneut, ob und wie sinnvoll das Ganze ist.

Seit wann stellen wir unsere Uhren um und warum?
Die erste Umstellung auf die Sommerzeit in Deutschland gab es während des Ersten Weltkriegs, danach ließ man die Zeigerdreherei bis 1939 erstmal wieder sein. Während der Kriegsjahre gab es mal eine Zeitumstellung und mal nicht und nach dem Krieg durften die jeweiligen Besatzungsmächte entscheiden, wie spät es denn nun ist. Von 1950 bis 1979 gab es in Deutschland gar keine Sommerzeit und seit 1996 dreht die gesamte EU zweimal im Jahr am Zeiger: einmal am letzten Sonntag im März und dann wieder am letzten Oktober-Sonntag.

Pro & Contra zur Zeitumstellung

Und es gibt ja auch gute Argumente dafür, sagen die einen. Nur stimmen die leider nicht (mehr). 1947 stellte man die Uhren sogar zwei Stunden vor, damit „es länger hell“ ist und man mehr Tageslicht beim Wiederaufbau der Infrastruktur hatte. Mittlerweile ist das völlig überflüssig, wie auch Zahlen des Umweltbundesamtes zeigen: Zwar knipsen wir im Sommer abends seltener das Licht an – ist ja länger hell. Dafür müssen wir im Frühjahr und Herbst morgens mehr heizen. Energie wird also nicht gespart.

Was halten Experten von der Umstellung?

Letztlich gehen bloß alle eine Stunde früher zur Arbeit, so der bekannte Chronobiologe Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er sagt: „Wir reden uns die Umstellung schön: Es ist nicht länger hell, ich komme nur früher nach Hause und wir stellen nicht die Zeit um, sondern unsere Uhren.“

Wie viele Stunden verschiedene Personengruppen im Durchschnitt schlafen

Gegner der Zeitumstellung müssten sich seiner Erfahrung nach oft anhören, dass es sich doch nur um eine Stunde handele und man sich bei der Reise nach London oder Sankt Petersburg wegen einer Stunde auch nicht so aufrege – von Flügen in ganz andere Zeitzonen einmal ganz abgesehen. Im Urlaub fliege man allerdings auch in einen anderen Hell-Dunkel-Wechsel. „Hier spielt sich alles nur auf der Armbanduhr ab.“

Warum halten wir an der Umstellung fest, wenn sie überholt ist?

Roenneberg ist sicher, dass der Wahnsinn mit der Sommerzeit irgendwann ein Ende haben wird – schließlich ist auch die Mehrheit in der Bevölkerung irgendwie dagegen. Allerdings käme die Uhrumstellung vielen auch entgegen, wie er sagt: „Die sagen sich: Ich gehe doch lieber verpennt zur Arbeit und habe dann in meiner Hochphase frei.“ Das sollte Arbeitgebern vielleicht zu denken geben. Denn: „Es sind nicht diejenigen faul, die sagen, dass sie am liebsten erst um zehn zur Arbeit kommen wollen, wenn sie leistungsfähig sind, sondern diejenigen, die um sieben kommen und erstmal Kaffee trinken und quatschen, bis sie fit sind.“

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