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Medizinische Versorgung Wie krank unser Gesundheitssystem ist

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Patienten gegen Laptop

Gerade in der Urologie ist so ein wenig aussagekräftiger Test sehr gebräuchlich: der sogenannte PSA-Blut-Test. Er ist so unscharf, dass er in über 70 Prozent der Untersuchungen fälschlicherweise einen Krebsverdacht erbringt. Doch jeder Verdacht muss mit einer Gewebeprobe-Entnahme unter Voll- oder Teilnarkose geklärt werden. Allein in Deutschland werden jährlich schätzungsweise 500.000 solcher Eingriffe grundlos durchgeführt: Sie stellen sich als falscher Alarm heraus.

Mit Mischaks 443 Euro teurem Test ließen sich viel bessere Ergebnisse erzielen. Nur etwa 10 bis 20 Prozent der Untersuchungen dürften fälschlicherweise Krebs anzeigen, behauptet Mischak. Eine exakte Angabe sei nicht möglich, da 30 Prozent der Tumore auch mit den gängigen Methoden der Biopsie übersehen werden. Sicher ist laut Mischak aber: In über 90 Prozent der Fälle findet der Test den Tumor. Das hatte Mischak 2005 an über 580 Probanden nachgewiesen, die Studie publiziert und den Test unter dem Namen DiaPat zugelassen.

Bedrohte Einnahmequelle

Doch statt Lob erntete Mischak Widerstand. Verschiedene Ärzte stemmten sich mit dubiosen Mitteln gegen den Urintest. Denn der bedrohte eine wichtige Geldquelle der Urologen: Mischaks Methode würde einen großen Teil der Biopsien überflüssig machen. Gerade damit verdienen Urologen bestens, zwischen 250 und 1000 Euro pro Eingriff.

Da auch diese Methode ungenau ist – nicht immer trifft die Hohlnadel, mit der die Proben aus der Prostata gestanzt werden, den Tumor –, wird oft mehrfach biopsiert. Mitunter bis zu zehn Mal. Ein schönes Sümmchen für den Arzt oder die Klinik, eine Tortur für den Patienten.

Als Mischaks Test auf den Markt kam, war Urologe Semjonow schon aus dem Projekt ausgestiegen. Zuvor hatte er laut Mischaks Schilderung noch versucht, ihn davon zu überzeugen, dass man den Test bei Patienten erst nach der ersten oder zweiten Biopsie anbieten sollte. Offenherzig habe er zugegeben: Anders ließe sich das Verfahren in der Ärzteschaft nicht durchsetzen. Doch Mischak lehnte ab – und der Kleinkrieg begann.

Dubiose Studie

Mischak fragte bei der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) an, ob er seine Methode beim DGU-Kongress vorstellen oder in der DGU-Postille „Der Urologe“ veröffentlichen könne. Doch die DGU lehnte ab. Mischak vermutet Semjonow als Strippenzieher hinter der Abfuhr, denn der damalige DGU-Präsident war Semjonows Chef in Münster.

Unterdessen initiierte Semjonow eine eigene Studie, in der er und weitere Urologen-Kollegen 18 Proben von Patienten, die definitiv Krebs hatten, bei Mischaks Unternehmen Mosaiques einschickten.

Das vernichtende Ergebnis, das Semjonow kurz darauf dann in „Der Urologe“ publizierte: Nur in gut 62 Prozent habe die neue Diagnosetechnik den Krebs gefunden und nicht in über 90 Prozent.

Schon die mickrige Zahl von 18 Probanden müsste jedem Fachmann zu denken geben. Sie ist viel zu gering, um statistisch irgendetwas zu beweisen. Zusätzlich pikant ist die Tatsache, dass Mischak anhand der Mosaiques-Laborprotokolle nachweisen kann, dass einer der Autoren fünf Proben eingeschickt haben muss, die nachher in der Studie nicht auftauchten. Proben willkürlich auszuwählen verstößt allerdings gegen alle Kriterien wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit.

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