Autonomes Fahren: Selbstfahrende Autos werden kommen – aber nicht überall gleich schnell
Pünktlich um 10:45 Uhr erscheint Alex Kendall auf der Bühne, und das hat er der Technik seines Start-ups zu verdanken: „Ich bin gerade vom Flughafen mit einem unserer selbstfahrenden Autos angereist“, erzählt Kendall, Gründer des britischen Start-ups Wayve. Der Sicherheitsheitsfahrer habe nicht einmal eingreifen müssen. „Es war wirklich sehr spannend, das zu sehen.“
Kendall ist der Konferenz TECH 25 in Heilbronn gekommen, um über die Zukunft des autonomen Fahrens zu sprechen. Mit ihm sind auch zwei deutsche Manager auf der Bühne, die das Thema massiv vorantreiben: Stefan Hartung, Chef des Autozulieferers Bosch, und Hendrik Kramer, Gründer und CEO des Start-ups Fernride. Gemeinsam loten sie aus, wann es denn soweit ist mit dem selbstfahrenden Auto.
Vor ein paar Jahren waren die Erwartungen an die Technologie gigantisch – haben sich aber nicht in dem Tempo erfüllt, das sich viele versprochen haben. Werden sie nun endlich in wenigen Jahren Wirklichkeit? Teils, teils, glauben die Experten: „In manchen Gebieten werden wir sie sehen, in anderen nicht“, sagt Bosch-Chef Hartung. Das hänge von verschiedenen Faktoren ab – etwa, ob im Einsatzgebiet zuverlässige Kommunikationsnetze vorhanden seien, auf die sich die Robotautos künftig auch stützen würden.
Das nächste Billionenunternehmen?
Die Technik an sich hat in den vergangenen Jahren weiter große Fortschritte gemacht. Wayve-Gründer Kendall zeigt etwa ein Video von einer Testfahrt in London: Da steuert das selbstfahrende Auto durch eine Straße, die durch einen parkenden Lkw eingeengt wird. Das Robotauto steuert sicher daran vorbei, weicht entgegenkommenden Radfahrern, einem Bauarbeiter und einem Taxi aus. „Das zeigt, wie komplex das Fahren in unseren Städten ist“, sagt Kendall. Seine Autos würden immer besser darin.
Möglich macht es ein so genanntes Foundation-Modell, das das Team von Wayve entwickelt hat – jene Art KI, wie sich auch hinter dem Bot ChatGPT steckt. Doch während ChatGPT mit rund ein Petabyte an Daten trainiert habe, seien es bei Wayve bald hunderte. Alle möglichen Fahrszenarien speist das Team in die KI ein, Videodaten von Fahrversuchen in den USA, Europa oder Japan. Und je mehr verschiedene Weltregionen mit ihren unterschiedlichen Verkehrsregeln die KI lerne, desto besser werde sie.
So gut sei die KI geworden, dass das Interesse an seinem im Jahr 2017 gegründeten Start-up massiv gewachsen sei. „In den ersten sechs Jahren wollte kein Autohersteller mit uns reden“, sagt Kendell. Jetzt seien viele Chefs führender Konzerne mit seinem Start-up im Gespräch. Wayve soll Zulieferer fürs autonome Fahren werden.
Doch der Weg vom Start-up zum gewinnbringenden Unternehmen kann mitunter weit sein – das hat auch Fernride erlebt. „Als wir gegründet haben, kam das autonome Fahren schon in das Tal der Desillusionierung“, sagt Gründer Kramer. So nennen Marktforscher die Phase, in der die Hoffnungen auf eine neue Technologie erst einmal abflauen. Fernride habe darum von Beginn an auf ein Geschäftsmodell gesetzt, das schnell funktioniere: Autonomes Fahren in abgegrenzten Profi-Bereichen, etwa Logistikhöfen oder Häfen. Getestet wird die Technologie etwa in einem Hafenterminal bei Tallin.
Rund 20 ähnliche Anwendungsbereiche haben die Fernride-Gründer identifiziert, die sich schnell umsetzen lassen. „Viele Berufe sind heute wie für Roboter gestaltet, aber Roboter sind noch nicht gut genug“, sagt Kramer, „darum müssen es noch Menschen machen.“ Mit Fernride will Kramer nun in diese Domäne vordringen – und Logistik und Unternehmensabläufe dank autonomer Transportfahrzeuge effizienter machen.
Autonomes Fahren: Der Fahrer bleibt verantwortlich
Wann aber kommen die Robovehikel vom Firmenhof auch auf die Straßen? Als erstes werde es vermehrt ums assistierte Fahren gehen, sagt Bosch-Chef Hartung: „Das Auto kann alles, was Sie können, aber Sie sind immer noch verantwortlich.“ Und wenn die Situation unübersichtlich wird, gibt das Auto das Steuer wieder an den Menschen ab. In China sehe man diesen Ansatz nun massenhaft auf der Straße. „Die Kunden dort lieben autonome Fahrfunktionen."
30 Millionen Autos würden jährlich in China produziert, schon etwas mehr als in Europa und den USA zusammen. Für Unternehmen wie Bosch sei es darum essentiell, dort vertreten zu sein. „Es ist absolut notwendig, einen guten Fußabdruck in China zu haben.“
Für das völlig autonom fahrende Auto seien dann noch weitere Schritte nötig, sagt Hartung. Etwa absolut verlässliche Hardware und Kommunikationsnetzwerke. Technische Zulassungen, Regularien – die Branche und die Politik müssen noch einige Rahmenbedingungen für die Technik schaffen. Autonome Fahrfunktionen sicher in ein Serienauto zu bekommen, sei ein großer Schritt – aber Unternehmen wie Bosch seien erfahren darin, sagt Hartung.
Wayve-Gründer Kendall schickt seine Autos nun schon in verschiedenen Märkten zum Test auf die Straße – auch in Stuttgart hat sein Unternehmen einen Standort. Dort kann er sich von seinem Robotaxi chauffieren lassen. Allerdings noch mit einem Sicherheitsfahrer an Bord.
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