Wirtschaft von oben #301 – Sanktionen gegen Ölexporte: Hier staut sich Russlands Ostsee-Schattenflotte
Wartende Schiffe vor dem russischen Ostseehafen Ust Luga
Foto: LiveEO/SentinelRussland hat in den vergangenen zehn Monaten seine Schattenflotte offenbar deutlich ausgeweitet. Darauf lassen aktuelle Radarsatellitenbilder von Ust Luga schließen, dem wichtigsten russischen Ölhafen in der Ostsee.
Die Aufnahmen zeigen, dass sich nördlich vom Hafen mittlerweile regelmäßig rund zwei Dutzend Schiffe stauen. Etwas, dass vor April 2024 nicht zu beobachten war. Auch liegen neben dem Hafen heute jede Menge große Tanker vor Anker, die zum Teil durch kleinere Schiffe mit Öl oder Ölprodukten beladen werden.
Der Hafen von Ust Luga nahe der Grenze zu Estland ist einer der größten Umschlagplätze für russisches Öl überhaupt und damit essenziell, um die Kriegskasse von Präsident Wladimir Putin für den Ukraine-Feldzug zu füllen. Die neuen Aufnahmen lassen darauf schließen, dass die bisher verhängten Sanktionen wie die internationale Preisobergrenze von 60 Dollar je Barrel auf russisches Öl nur bedingt wirken.
Die scheidende US-Regierung von Joe Biden hatte wohl auch deshalb am Freitag neue Sanktionen gegen die russische Schattenflotte verhängt. Diese richten sich gegen Händler, Versicherer und 183 Schiffe, deren Eigentumsverhältnisse und Aktivitäten teilweise verschleiert sind. Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte beim Ostsee-Gipfel in Helsinki Mitte Januar an, dass Deutschland bereit sei, „mit seinen eigenen Möglichkeiten“ Verantwortung zu übernehmen. Ende vergangenen Jahres hatten mutmaßliche Schattenschiffe Russlands in der Ostsee mehrere Unterseekabel beschädigt.
Die von der WirtschaftsWoche analysierten Radarsatellitenbilder und MarineTraffic-Positionsdaten, welche von den Schiffen ausgesendet werden, zeigen einen regen Betrieb in und um den Hafen Ust Luga, von dem neben Öl auch Kohle und zum Teil Gas in alle Welt exportiert wird. Diese auffälligen Aktivitäten haben 2024 deutlich zugenommen.
Bilder: LiveEO/Sentinel
Eine detailliertere Analyse der Bilder offenbart zudem, dass viele der Schiffe hier nicht dauerhaft geparkt sind. Das spricht dagegen, dass es sich vorrangig um einen sogenannten „Floating Storage“ handelt, wie ihn der Iran während der Sanktionen Ende der 2010er Jahre aufbauen musste. Schiffe werden dabei als schwimmende Öllager verwendet, warten darauf, dass sie nach einer Lockerung von Sanktionen in See stechen und ihre Fracht in alle Welt verteilen können.
Allerdings scheinen einige Tanker auch länger hier zu liegen, warten vermutlich darauf, dass jemand ihre Fracht abkauft.
Bilder: LiveEO/Sentinel
Zahlen des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) zufolge waren russische Öleinnahmen in den ersten sechs Monaten nach Einführung der Preisobergrenze zwar stark zurückgegangen. In den vergangenen 18 Monaten hatten sie sich jedoch weitgehend erholt. Die wichtigsten Abnehmer von Rohöl waren laut CREA China und Indien. Mit großem Abstand folgte die EU.
Bei Ölprodukten war es vor allem die Türkei, gefolgt von China und Brasilien. Von den Schiffen versendete Transponderdaten stützen diese Informationen. Ihnen zufolge kommen die meisten der aktuell hier wartenden Tanker von Häfen in Indien, China und der Türkei. Die meisten sind in Barbados und Panama registriert.
Eine Detailaufnahme zeigt zudem, wie die Schiffe inzwischen auch abseits des Ölterminals mit kleineren lokalen Öltankern beladen werden. Das dürfte den Umschlag des Hafens noch einmal steigern. Den Aufnahmen nach hat der Hafen sieben Anleger für Öltanker.
Ust Luga ist einer von zwei russischen Ölhäfen in der Ostsee. Das 70 Kilometer nördlich gelegene Ölterminal Primorsk ist jedoch deutlich kleiner und den Satellitenbildern nach auch weniger frequentiert.
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Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 14. Januar 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir haben ihn aktualisiert.