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Audi Entwicklungschef Knirsch verlässt Konzern

Erst im Januar hatte Stefan Knirsch die Nachfolge von Audi-Technikvorstand Hackenberg angetreten, der über den Dieselskandal gestolpert war. Der geplante Befreiungsschlag wurde für den VW-Konzern zum Rohrkrepierer.

Audi: Entwicklungschef Knirsch verlässt Konzern Quelle: REUTERS

Diese Sätze dürfte Audi-Chef Rupert Stadler inzwischen wohl bereuen: „Stefan Knirsch ist mit dem Konzern und der Technischen Entwicklung von Audi gut vertraut. Wir kennen ihn als kreativen und visionären Macher. Mit ihm werden wir gerade in dieser fordernden Situation durchstarten.“ So begründete der Manager im Dezember Knirschs Berufung zum Audi-Vorstand für Technische Entwicklung. Nun sieht es so aus, als hätte man den Bock zum Gärtner gemacht.

Die Ingolstädter VW-Konzerntochter hat sich von Knirsch getrennt. Denn die US-Kanzlei Jones Day soll bei ihren Untersuchungen zum Dieselskandal aufgedeckt haben, dass der 50-jährige Ingenieur von den Software-Manipulationen wusste. Auch Mitarbeiter sollen ihn belastet haben, verlautet aus dem Umfeld des VW-Konzerns. Audi teilte am Montag lediglich mit, Knirsch „legt seine Funktion mit sofortiger Wirkung nieder und verlässt das Unternehmen im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat“. Medien hatten bereits vor mehr als einer Woche über das bevorstehende Aus berichtet.

Vor Beginn der Automesse in Paris hat Audi das Thema damit erst mal abgeräumt. Aber es platzt mitten in Audis Verhandlungen mit den US-Behörden. Diese hatten in Audis Drei-Liter-Dieselmotor nicht erlaubte Software entdeckt. Rund 85.000 Audis, Porsche Cayennes und VW Touaregs fahren damit in den USA umher. Audis Rückrufplan vom Februar reicht der US-Justiz nicht. Bis 24. Oktober muss Audi dem zuständigen Richter Charles Breyer in Kalifornien einen besseren Plan vorlegen.

Das neue Who is Who im VW-Konzern
Stefan Knirsch Quelle: Audi
Hinrich Woebcken Quelle: dpa
Neuer Generalbevollmächtigter für die Aggregate-Entwicklung: Ulrich EichhornVolkswagen hat einen neuen Koordinator für die Aggregate-Entwicklung auf Konzernebene. Der WirtschaftsWoche bestätigte Ulrich Eichhorn, dass er im Frühjahr zu VW zurückkehrt. Der 54-Jährige kommt vom Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA), wo er die Verantwortung für die Bereiche Technik und Umwelt inne hatte. Zuvor war Eichhorn neun Jahre lang Entwicklungsvorstand bei der VW-Tochter Bentley. Eichhorn wird nicht Mitglied des Vorstands, sondern berichtet als Generalbevollmächtigter direkt an VW-Chef Matthias Müller – ähnlich wie der neue Chef-Stratege Thomas Sedran. Quelle: Presse
Der neue Generalbevollmächtigte für Außen- und Regierungsbeziehungen: Thomas StegEs ist kein Wechsel der Funktion, sondern der Zuordnung: Thomas Steg ist seit 2012 Generalbevollmächtigter des Volkswagen-Konzerns für Außen- und Regierungsbeziehungen. Bislang war dieser Bereich Bestandteil der Konzernkommunikation. Jetzt ist das Team um Steg als eigenständiger Bereich in das Ressort von VW-Chef Matthias Müller zugeordnet, an den Steg persönlich berichtet. Der diplomierte Sozialwissenschaftler wird zusätzlich das Thema Nachhaltigkeit verantworten. „Mit der Bündelung der Konzernzuständigkeiten und der neuen Zuordnung des Themas Nachhaltigkeit trägt Volkswagen dessen wachsendem Gewicht Rechnung“, teilte der Konzern mit. Steg begann seine berufliche Laufbahn 1986 als Redakteur der Braunschweiger Zeitung. Danach war er Pressesprecher zunächst des DGB Niedersachsen/Bremen, ab 1991 des Niedersächsischen Sozialministeriums und ab 1995 der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen. 1998 übernahm er im Bundeskanzleramt die stellvertretende Leitung des Büros von Bundeskanzler Gerhard Schröder, ab 2002 war er stellvertretender Regierungssprecher, ab 2009 selbstständiger Kommunikationsberater. Quelle: Presse
Der neue VW-Entwicklungsvorstand: Frank WelschKurz nach dem Bekanntwerden von Dieselgate wurde der Entwicklungsvorstand der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer, beurlaubt. Bei der Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember ernannte das Kontrollgremium Frank Welsch zu seinem Nachfolger. Der promovierte Maschinenbau-Ingenieur ist seit 1994 im Konzern. Über verschiedene Stationen in der Karosserie-Entwicklung, als Entwicklungsleiter in Shanghai und Leiter der Entwicklung Karosserie, Ausstattung und Sicherheit der Marke Volkswagen arbeitete er sich zum Entwicklungsvorstand von Skoda hoch. Diesen Posten hatte Welsch seit 2012 inne.Sein Vorgänger Neußer verlässt den Konzern allerdings nicht, sondern steht laut VW-Mitteilung "dem Unternehmen für eine andere Aufgabe zur Verfügung". Quelle: Volkswagen
Der neue VW-Beschaffungsvorstand: Ralf BrandstätterRalf Brandstätter wird Vorstand für Beschaffung der Marke Volkswagen. Der 47-Jährige folgt in seiner neuen Funktion auf Francisco Javier Garcia Sanz, der die Aufgabe als Markenvorstand in Personalunion zusätzlich zu seiner Funktion als Konzernvorstand für den Geschäftsbereich Beschaffung wahrgenommen hatte. In Zukunft wird Garcia Sanz zusätzlich zu seinen Aufgaben als Konzernvorstand Beschaffung die Aufarbeitung der Diesel-Thematik betreuen. Brandstätter kam 1993 in den Konzern. Seit dem ist der Wirtschaftsingenieur in verschiedensten Posten für die Beschaffung verantwortlich gewesen, zuletzt als Leiter Beschaffung neue Produktanläufe. Zwischenzeitlich war er auch Mitglied des Seat-Vorstands. Seit Oktober 2015 ist Brandstätter auch Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG. Brandstätter berichtet wie der ebenfalls neu berufene Entwicklungschef Frank Welsch direkt an VW-Markenvorstand Herbert Diess. Quelle: Volkswagen
Neuer VW-Personalvorstand: Karlheinz BlessingMitten in der größten Krise der Konzerngeschichte bekommt Volkswagen mit dem Stahlmanager Karlheinz Blessing einen neuen Personalvorstand. Der Aufsichtsrat stimmte am 9. Dezember bei seiner Sitzung dem Vorschlag der Arbeitnehmerseite für den vakanten Spitzenposten bei Europas größtem Autobauer zu. Blessing folgt damit auf den bisherigen Personalvorstand Horst Neumann, dieser war Ende November in den Ruhestand gegangen. Der Ernennung war eine lange Suche nach einem geeigneten Kandidaten vorausgegangen. Blessing (58) ist seit 2011 Vorstandsvorsitzender der Stahlherstellers Dillinger Hütte. Zuvor war er Büroleiter des damaligen IG Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler und Anfang der 1990er Jahre Bundesgeschäftsführer der SPD. 1993 ersetzte er als Arbeitsdirektor bei der Dillinger Hütte Peter Hartz, der damals zu VW nach Wolfsburg ging. Blessing sei gut in der IG Metall vernetzt, habe aber auch unternehmerische Erfahrung, hieß es in den Konzernkreisen. Quelle: dpa

Wie die Amerikaner Knirschs Abgang bewerten, ist noch offen. Die Optimisten bei Audi und VW hoffen, dass die schnelle Trennung als positives Signal gesehen wird: Audi habe einen Bremser bei der Aufklärung entdeckt und sofort gefeuert. Aber es gibt auch die umgekehrte Lesart: Vor einem Jahr schon ist der Skandal um weltweit elf Millionen manipulierte Diesel-Fahrzeuge aufgeflogen – und noch immer sitzen mögliche Mitwisser an den Schaltstellen des Konzerns.

Knirsch hatte als junger Ingenieur 1990 bei Audi angefangen und ab 1996 bei Porsche, dann bei einem Zulieferer gearbeitet. 2013 kehrte er zu Audi zurück, als Leiter der Motorentwicklung. Nach dem Auffliegen des VW-Dieselskandals und dem Abgang des Audi-Technikvorstands Ulrich Hackenberg Ende 2015 wurde er zu dessen Nachfolger berufen.

Die Beförderung war die erste Personalentscheidung des neuen VW-Konzernchefs Matthias Müller als Audi-Aufsichtsratschef. Knirsch galt allen als Hoffnungsträger – er „verfügt über eine breite Erfahrung in der Automobilindustrie“, lobte Müller, und der stellvertretende Audi-Aufsichtsratschef Berthold Huber von der IG Metall äußerte die Erwartung, dass Knirsch „Stadler bei der weiteren Aufklärung unterstützen“ müsse.

Die Folgen von Dieselgate

Vor der Berufung war Knirsch auf mögliche Verwicklungen in die Affäre abgeklopft worden. Er hatte sogar eine Ehrenerklärung abgegeben, wonach er vor September 2015 nichts von Manipulationen gewusst habe.

Ist Knirsch ein Einzelfall?

VW sieht den Diesel-Skandal als „Fehler einiger Weniger“, für die US-Behörden ist er das orchestrierte Werk eines Netzwerkes bis hinauf in die Vorstandsebenen.

Die illegale Software geht auf anfänglich legale Bemühungen bei Audi 1999 zurück, das laute Klopfen von Dieselmotoren nach dem Kaltstart zu mindern. Daraus wurde einige Jahre später bei VW die versteckte Software, die den Prüfstand der Behörden erkannte und das Abgas reinigte, wie es real auf der Straße nie der Fall war. Aber wie wurde aus dem legalen ein Betrugsprogramm, und welche Querverbindungen gab es dabei von Audi zu VW und zurück? Und welchen Weg nahm das Wissen darüber im Konzern, wer war Täter, Mittäter und Mitwisser?

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen 30 Beschuldigte, und US-Staatsanwälte ermitteln auch gegen Audi-Ingenieure, die an Gesprächen über Entwicklung und Einbau der Software beteiligt gewesen sein sollen. Bereits 2007 habe ein Audi-Ingenieur einem größeren Kreis von Managern per Mail erklärt, „ganz ohne Bescheißen“ seien die US-Grenzwerte nicht einzuhalten, berichteten die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR unter Berufung auf Erkenntnisse von Jones Day. Stadler, seit 2003 im Audi-Vorstand und seit 2007 Chef, hat versichert, nichts gewusst zu haben, und der VW-Aufsichtsrat steht hinter ihm.

Audi und VW haben gegenüber ihren Konkurrenten Boden verloren. Eigentlich hatte der VW-Konzern den Jahrestag des Skandals Ende September nutzen wollen, um die Reihen zu schließen und den Blick endlich wieder nach vorne zu richten. Aber die Vergangenheit hängt ihnen am Bein wie Dieselruß.

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