BMW i Interaction Ease: CES: Das steckt hinter der „Sitzkiste“ von BMW
„Wir sind zum siebten Mal bei der CES, und es war immer unser Ziel, die Besucher zu überraschen“, sagt Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich über das Modell BMW i Interaction Ease.
Foto: BMWBMW i Interaction Ease heißt das Ding, das mehr an eine Sitzkiste erinnert, also das 1:1-Modell, mit dem Designer den Innenraum eines neuen Wagens darstellen. „Bewusst abstrakt“ habe man das Äußere dieser Studie gehalten, heißt es bei BMW, der i Interaction Ease hat denn auch nichts mit dem zu tun, wofür BMW-Fans typischerweise ihre Marke so schätzen: Design, Fahrdynamik, Fahrleistungen. Vielmehr zeigt die Studie, wie in wenigen Jahren auch BMW-Fahrer möglicherweise durch die Städte rollen: autonom und vollständig vernetzt mit ihrer Umgebung.
Immerhin, das machen sie bei BMW so konsequent, wie sie sonst die „Freude am Fahren“ in ihre Autos hineinkonstruieren. Die Designstudie ohne Außendesign lässt in Sachen Elektronikangebot keine Wünsche offen. Da wird die komplette Windschutzscheibe zu einem gigantischen Head-up-Display, auf das sich Schicht für Schicht neue Informationen legen können. Wann welche Dinge angezeigt werden, bestimmt dabei nicht nur die Stimme oder eine bestimmte Geste des Fahrers, sondern nun auch sein Auge. Fällt etwa der Blick auf das Schild eines Cafés am Straßenrand, so zeigt sich auf der Frontscheibe gleich, wie das Geschäft heißt, und wie viele Bewertungssterne es von anderen Menschen bekommen hat. Wenn das alles zuverlässig funktioniert, sind der Kreativität der Ingenieure und Designer für das Anbieten weiterer Informationen kaum Grenzen gesetzt.
„Wir sind zum siebten Mal bei der CES, und es war immer unser Ziel, die Besucher zu überraschen“, sagt Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich. Das ist mit der intelligenten Sitzkiste gelungen – auch und vor allem auf den zweiten Blick. Denn um so eine Studie Wirklichkeit werden zu lassen, muss man ebenfalls das vollständig autonome Fahren anbieten können. In dem Werbefilm, den BMW auf der Messe zeigt, ist das schon gelungen, die Fahrerin des i Interaction Ease sieht während der Fahrt nicht immer nur auf Straße und Cafés, sondern es läuft auch ein Video auf der Windschutzscheibe. (Ganz nebenbei: Der Film zeigt die kalifornische Insel Catalina, so wie es aktuelle Apple-Computer tun.) Zudem lassen sich die Scheiben per Handgeste verdunkeln, und der Fahrersitz kann in eine Beinahe-Liegeposition gebracht werden.
„ZeroG Lounger“ nennt BMW den Sitz im BMW i Interaction Ease, den man um 40 bis 60 Grad nach hinten neigen kann.
Foto: BMWDieser Liegesitz ist sogar schon in der Entwicklung, als Beifahrerplatz für große Autos à la BMW X7. Drei seiner Mega-SUVs hat BMW schon mit Sitzprototypen ausgestattet und verspricht einzelnen Messebesuchern ein Erlebnis der „Schwerelosigkeit“: ZeroG Lounger heißt der Sitz, den man um 40 bis 60 Grad nach hinten neigen kann, was man sonst wohl nur beim Zahnarzt erlebt. Zu kaufen gibt es den ZeroG Lounger allerdings erst dann, wenn die Ingenieure sichergestellt haben, dass es auch in der Serienversion keine Einbußen bei der Crashsicherheit gibt.
Von den elektronischen Möglichkeiten des i Interaction Ease werden laut Fröhlich einige schon im 2021 erscheinenden BMW iNext verfügbar sein. Dieses elektrisch angetriebene Pendant eines BMW X5 wird das neue Elektro-Flaggschiff des Autoherstellers, das unter anderem autonomes Fahren auf Level 3 anbietet – der Fahrer kann sich hier über längere Zeit aus dem Führen seines Autos ausklinken, darf das Steuer auch loslassen, muss es aber auf Aufforderung binnen Sekunden wieder übernehmen können. E-Mails checken während der Fahrt ist also okay, schlafen dagegen nicht. Level-3-Autonomie ist allerdings derzeit noch nicht zugelassen.
Unbedingte Voraussetzung für alle weiteren Schritte in Richtung kompletter Autonomie (Level 5) wie im i Interaction Ease, der folgerichtig weder Lenkrad noch Pedale hat, ist das flächendeckende Angebot eines 5G-Mobilfunknetzes. Hier kommt BMWs langjähriger Technikpartner Harman ins Spiel, seit drei Jahren unter dem Dach des koreanischen Elektronikriesen Samsung zu Hause. Von hier werden die 5G-Chips für den iNext zugeliefert, und laut Young Sohn, dem Harman-Vorstandsvorsitzenden, der gleichzeitig Samsung-Strategievorstand ist, werde der iNext „wahrscheinlich das erste Serienauto mit 5G-Fähigkeiten sein“.
Nur mit dem 5G-Mobilfunkstandard ist die Vernetzung der Autos mit anderen Verkehrsteilnehmern und der Infrastruktur quasi in Echtzeit möglich. „Es ist einfach alles zehnmal schneller als mit dem heutigen 4G-Standard“, sagt Young Sohn. „Was im 4G-Netz zehn Millisekunden dauert, dauert mit 5G nur noch eine Millisekunde.“ Außerdem könne das 5G-Netz viel mehr Geräte, also auch Autos, gleichzeitig ertragen. „In den Innenstädten von London oder New York kann einen das 4G-Netz auch mal rauswerfen“, sagt Sohn, und das wäre für eine Level-5-Autonomie ein Worst-Case-Szenario. Ein funktionierendes 5G-Netz verkrafte aber pro Quadratkilometer eine Million Mobilfunkgeräte – so hätten vollautonome Fahrer nur noch den Stromausfall zu fürchten.
Der südkoreanische Autobauer Hyundai kündigte auf der Technikmesse CES an, künftig auch ein Lufttaxi bauen zu wollen. Das Fluggerät soll vier Passagieren und einem Piloten Platz bieten und auf der Lufttaxi-Plattform des Fahrdienst-Vermittlers Uber eingesetzt werden. Die an eine Riesen-Drohne erinnernden Maschinen sollen in „Größenordnungen der Autoindustrie“ produziert werden, sagte Hyundai-Manager Youngcho Chi in Las Vegas. Das Hyundai-Lufttaxi mit Elektromotoren werde deutlich leiser als ein Hubschrauber fliegen und auch ein Fallschirm-System zur sicheren Landung in Notsituationen haben, hieß es. Zudem stellte Hyundai das Konzept des Mehrzweck-Fahrzeugs S-Link vor, das autonom Menschen und Güter transportieren soll, aber auch als mobiles Geschäft, Büro oder Hotelzimmer dienen kann. Eine ähnliche Vision hatte vor zwei Jahren schon Toyota auf der CES präsentiert.
Foto: dpaDer japanische Autobauer Toyota kündigte auf der Technikmesse in Las Vegas den Bau einer eigenen kleinen Retortenstadt zum Testen von Zukunftstechnik wie Roboterwagen an. Dafür soll das Gelände einer stillgelegten Fabrik des Autobauers in der Nähe des Bergs Fuji umgebaut werden, wie Firmenchef Akio Toyoda ankündigte. Das Gelände hat den Angaben zufolge eine Fläche von gut 70 Hektar. Als Stadtplaner wurde der dänische Star-Architekt Bjarke Ingels engagiert. Ein großer Teil der Infrastruktur – zum Beispiel Brennstoffzellen-Anlagen für die Energiegewinnung – werde unter die Erde verlegt. In der kompakten „Woven City“ („Verflochtene Stadt“) sollten zunächst rund 2000 Menschen leben – unter anderem Toyota-Mitarbeiter mit ihren Familien, Ruheständler und Forscher. Die Grundsteinlegung sei für kommendes Jahr geplant.
Foto: REUTERSMit großem Aufwand rückte Autobauer Daimler bei der CES das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus. Vorstandschef Ola Källenius präsentierte ein Konzeptfahrzeug, das in Zusammenarbeit mit den Machern des Science-Fiction-Films „Avatar“ von Regisseur James Cameron konzipiert wurde. Der „Vision AVTR“ solle Möglichkeiten der Interaktion zwischen Mensch, Maschine und Umwelt aufzeigen – ein Motiv, das auch in dem 2009 erschienenen Film eine wichtige Rolle spielt. Der aus nachhaltigen Materialien gebaute „Vision AVTR“ orientiert sich auch optisch stark an „Pandora“, der Welt, in der der Film spielt. Zugleich ist er als Teil der Mercedes-Elektromarke EQ konzipiert. Er wird mit einer sogenannten organischen, also metallfreien Batterie auf der Basis von Wasser betrieben – in der Vorstellung seiner Entwickler jedenfalls. Bis ein solches System in der Praxis als Autoantrieb zum Einsatz kommen kann, dürfte es laut Daimler wohl noch um die 15 Jahre dauern.
Foto: REUTERSDer chinesische Hersteller Byton brachte die Serienversion seines ersten Modells M-Byte mit einem riesigen Display im Cockpit mit nach Las Vegas. Byton setzt als Kaufargument auf ein fast von Tür zu Tür reichendes Display mit einer Diagonalen von 47 Zoll (knapp 120 Zentimeter) sowie digitale Dienste. Dafür muss die Firma aber App-Entwickler überzeugen, ihre Anwendungen für die Fahrzeuge anzupassen. Dazu wurde in Las Vegas eine Entwicklerplattform an den Start gebracht. Das Fahrzeug soll Mitte des Jahres in die Produktion gehen, 45.000 Dollar beziehungsweise in Europa 45.000 Euro kosten und damit ebenfalls die etablierten Premium-Anbieter unter Druck setzen.
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Foto: REUTERSDie größte Überraschung zum CES-Auftakt: Der japanische Konzern Sony stellte den Prototypen eines Elektroautos vor. Das Konzeptauto namens Vision-S solle demonstrieren, welche Möglichkeiten in den technischen Entwicklungen aus dem Hause Sony steckten, sagte Konzernchef Kenichiro Yoshida. Dazu zählen Software, Sensoren und Sicherheitstechnik ebenso wie ein komplettes Entertainmentsystem. „Dieser Prototyp verkörpert unseren Beitrag zur Zukunft der Mobilität“, sagte Yoshida. Branchenkenner gehen davon aus, dass Sony das Auto nur als Anschauungsobjekt nutzen will. Ernsthafte Pläne, in die Autoproduktion einzusteigen, gelten den Experten als unwahrscheinlich.
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Foto: dpaDie Firma Fisker präsentierte auf der CES einen SUV mit Solarzellen im Dach und einem Innenraum aus Recycling-Materialien. Die Solarzellen sollen pro Jahr bis zu 1600 zusätzliche Kilometer Reichweite ermöglichen, wie Firmenchef Henrik Fisker sagte. Für den Teppich im Innenraum sollen Plastikflaschen wiederverwendet werden, für eine Zierleiste im Cockpit ausrangierte Bekleidung wie T-Shirts. Das alles soll den Fisker Ocean besonders nachhaltig machen. Zugleich macht Fisker eine Kampfansage an die Branche mit einem Startpreis von 37.500 Dollar vor Steuern und Elektroauto-Vergünstigungen. Der Fisker Ocean wurde für 2022 angekündigt.
Foto: APDer japanische Elektronikriese Panasonic präsentierte auf der Technikmesse neue Fernseher, die sich künftig an die Beleuchtungsverhältnisse im Raum anpassen. In Las Vegas gibt es ein neues Modell zu sehen, das den entsprechenden technischen Standard „Dolby Vision IQ“ unterstützt. Zuvor hatte der Panasonic-Wettbewerber LG bereits die Funktion eingeführt. Mit „Dolby Vision IQ“ sollen die Video-Inhalte auch in hellen Räumen gut zu sehen sein. Panasonic-Manager Yasushi Murayama sagte, man habe damit auf die Bedürfnisse der Kunden reagiert. So hätten sich Zuschauer beispielsweise bei der letzten Folge der Serie „Game of Thrones“ darüber beschwert, bei den dunklen Nachtszenen kaum etwas erkennen zu können. Panasonic will seine Umsetzung der Helligkeitsanpassung unter der Bezeichnung „Filmmaker Mode with Intelligent Sensing“ für eine Reihe von Kontrastformaten anbieten. Mit dem Namen „Filmmaker Mode“ bezeichnen Panasonic, Samsung, LG und andere Hersteller einen TV-Betriebsmodus, bei dem die Inhalte so abgespielt werden, wie von den Regisseuren und Produzenten ursprünglich beabsichtigt. Dabei wird beispielsweise das Original-Bildseitenverhältnis eingestellt und eine manipulierende Zwischenbildberechnung deaktiviert.
Foto: REUTERSDer Autozulieferer Continental will Fahrer auf die Straße unter dem Motorraum blicken lassen. Dabei wird das Bild mehrerer Kameras zusammengerechnet, und zur Erkennung der Position werden auf dem Display auch Umrisse der Räder sowie der Karosserie eingeblendet, erläuterte Continental in Las Vegas. Die Funktion solle zum Beispiel bei Fahrten auf unwegsamem Gelände oder Straßen mit Schlaglöchern helfen.
Ein weiteres Projekt sind Sensoren, die auch feine Erschütterungen der Karosserie erkennen. Das könne zum Beispiel Regen sein – oder auch wenn das Auto angekratzt wird. Für den Innenraum wurde gemeinsam mit dem Hifi-Spezialisten Sennheiser eine lautsprecherlose Audioanlage entwickelt. Dabei werden Oberflächen wie zum Beispiel das Cockpit in Schwingungen versetzt, um Töne zu erzeugen. Mit dem System soll zum Beispiel der Sound eines von rechts kommenden Fahrzeugs räumlich eingespielt werden.
Foto: dpaChip-Konzern Qualcomm kündigte den Einstieg ins Geschäft mit Computern für automatisiertes Fahren und Robotaxis an. Erste Fahrzeuge mit Qualcomm-Systemen sollen zum Jahr 2023 auf die Straße kommen.
Foto: REUTERSDer chinesische Drohnen-Spezialist DJI will den Markt für Laserradare, mit denen Roboterwagen ihre Umgebung abtasten, mit deutlich günstigeren Geräten als bisher aufmischen.
Foto: REUTERSAch ja: Der BMW-Slogan heißt ja eigentlich „Freude am Fahren“. Doch wenn es darum nicht geht, muss man an den Messestand etwas anderes schreiben, in Las Vegas steht da: „Change your Perception“ – ändere dein Verständnis, deine Vorstellung, deine Auffassung, je nach Übersetzungsvorliebe. In jedem Fall müssen BMW-Fahrer offen für Neues sein. Klaus Fröhlichs Botschaft an die Fans: „Der iNext wird das coolste Auto auf der Straße sein, mit Fahrleistungen auf dem Level heutiger M-Fahrzeuge.“ Die Level-3-Autonomie werde „mit Geschwindigkeiten bis 80 Meilen pro Stunde“ funktionieren. Das deckt nahezu alles ab, was Amerikaner im Alltag fahren, und es entspricht ungefähr der deutschen Autobahn-Richtgeschwindigkeit von 130 km/h. Es gibt aber auch einen Hinweis darauf, wie rasant die Elektronik des iNext Entscheidungen treffen muss. Freude am Rechnen, könnte man wohl sagen.