
Es dürfte unangenehmere Termine geben für Harald Krüger. Am Mittwoch stellt der BMW-Chef nicht nur seine mit allerhand Rekordzahlen garnierte erste Bilanz vor, sondern auch seine Arbeit des vergangenen Jahres: eine neue Strategie, mit welcher der Autobauer selbstbewusst in die Zukunft steuern soll.
Das Selbstbewusstsein hat einen guten Grund: 2015 konnte Krüger den Umsatz um fast 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigern, den Gewinn um rund zehn Prozent – auf mehr als beachtliche 6,4 Milliarden Euro. Einziger Wermutstropfen ist die operative Rendite, die von 9,6 Prozent auf 9,2 Prozent zurückging – wegen hoher Ausgaben für neue Modelle oder Werke, aber auch für Preiskämpfe blieb pro verkauftem Fahrzeug weniger hängen. Analysten hatten mit einem stärkeren Rückgang gerechnet. Audi fuhr 2015 eine Rendite von 8,3 Prozent ein, Mercedes hatte mit 10,0 Prozent die Nase vorn.
Beim Absatz sind die Stuttgarter BMW bedrohlich nahe gekommen, mit 2,2 Millionen verkauften Autos der Marken BMW, Mini und Rolls-Royce hatten die Münchner aber die Nase noch vorne. Auch der Start in das laufende Jahr dürfte Krügers Selbstbewusstsein steigern: Im Januar und Februar konnte die BMW-Gruppe jeweils neue Absatzrekorde verzeichnen – mit einem Plus von über sieben Prozent.
Meilensteine der BMW-Geschichte
Gründung der Bayerischen Flugzeugwerke in München
Umbenennung in Bayerische Motorenwerke (BMW)
Bau des ersten Motorrads, der R32
Übernahme der Fahrzeugwerke in Eisenach und Bau des ersten BMW-Autos Dixi, mit Lizenz des englischen Autobauers Austin
BMW entwickelt den 303 – mit der seither charakteristischen Niere als Kühlergrill.
BMW baut Motoren für die Luftwaffe und beschäftigt rund 25.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Nach Kriegsende verliert das Unternehmen das Werk Eisenach.
Erstes Nachkriegsauto ist 1952 der große „Barockengel“ 501, 1955 folgt die winzige Isetta.
BMW steckt tief in den roten Zahlen, die 6500 Mitarbeiter fürchten um ihre Arbeitsplätze, Daimler will BMW übernehmen. Überraschend steigt der Batteriefabrikant Herbert Quandt als Sanierer ein.
Das Mittelklasse-Auto BMW 1500 bringt den Durchbruch.
Eberhard von Kuenheim wird Vorstandschef. In seiner 23-jährigen Amtszeit expandiert BMW weltweit.
Start der 3er-Reihe – bis heute das meistverkaufte BMW-Modell
Das US-Werk Spartanburg wird eröffnet, zudem wird der englische Autohersteller Rover (Land-Rover, MG, Mini) gekauft.
Nach Milliardenverlusten mit Rover zieht BMW die Reißleine, nur der Mini bleibt im Konzern. Joachim Milberg löst als Vorstandschef Bernd Pischetsrieder ab.
BMW startet das erste Joint Venture in China
BMW verkauft mehr Autos als der bisherige Marktführer Mercedes – auch dank des 2003 erstmals eingeführten Kompaktmodells der 1er Baureihe.
Im BMW-Werk Leipzig läuft das Elektroauto i3 vom Band – mit einer modernen Kohlefaser-Karosserie.
Das Hauptinteresse des BMW-Chefs liegt derzeit aber nicht in irgendwelchen Monatszahlen. Krüger arbeitet am Blick auf das große Ganze. Die Automobilindustrie steht vor einschneidenden Veränderungen. Autos entwickeln sich immer stärker zu rollenden Smartphones. Neue Spieler wie Tesla, Uber, Google und Apple haben die Bühne betreten. Und nicht zuletzt fordern die Staatengemeinschaften immer strengere Abgasgrenzwerte. Dafür muss Krüger sein Unternehmen rüsten.
Aufgabe 1: Die Modellpalette
Das gute Abschneiden im vergangenen Jahr verdankt Krüger seiner ausgewogenen Produktpalette. Zu den Topsellern gehören die Limousinen 3er und 5er mit je weit über 300.000 verkauften Modellen (siehe Grafik), mit etwas Abstand folgen der BMW Mini mit über 200.000 Stück, danach der 1er und die Geländewagen X5, X3 und X1 mit je über 100.000 verkauften Modellen.
Margenträchtig sind dabei die großen Geländewagen und Limousinen – vom Flaggschiff BMW 7er verspricht sich Krüger besonders üppige Gewinne. Nach den Daten des Analysehauses IHS Automotive in Frankfurt kann er das auch. Die Prognoseprofis gehen davon aus, dass vom nagelneuen S-Klasse-Rivalen 2016 fast doppelt so viele Modelle produziert werden wie 2015 (siehe Grafik). Der wichtigste Markt ist China, wohin rund 45 Prozent aller 7er verschifft werden. Zum Vergleich: Nur jede dritte S-Klasse geht ins Reich der Mitte. Die Bayern sind damit aber auch abhängiger vom chinesischen Markt als die Schwaben.
In der Branche kursieren zudem Gerüchte über einen geplanten 8er. Details sind noch nicht bekannt. Die Münchner wollen offenbar den Wettbewerb mit Mercedes in der Klasse der sportlichen Luxusmodelle verstärken. Noch ist die S-Klasse mit über 100.000 verkauften Modellen im Jahr 2015 die meistverkaufte Luxuslimousine weltweit.
Kompakt-SUV X2 soll 2017 antreten
Von den größten zu den kleinsten: Auch für den neuen Mini Clubman sagt IHS stark anziehende Produktionszahlen voraus (2015: 20.500, 2016: 72.000). „Der Clubman hat sich zum geräumigen Alltagsfahrzeug der Kompaktklasse entwickelt. Dem neuen Konzept trauen wir daher sehr viel mehr zu als dem Vorgänger“, erklärt IHS-Senior-Analyst Mario Franjicevic den großen Sprung nach oben.
Spannend werden die Neuentwicklungen. Unter dem Projektnamen „XCITE“ arbeitet BMW auf Basis des 1er an einem X2 – füllt also die Lücke in der Geländewagen-Familie. Das kompakte SUV soll 2017 die Konkurrenz zum Mercedes GLA antreten. Das Gleiche gilt für ein neues 2er Gran Coupé, das ab 2019 in Europa und den USA gegen den Mercedes CLA auffährt. Ausschließlich für den chinesischen Markt arbeitet BMW unter dem Projektnamen "Code F52" an einer 1er Limousine. Sie soll in den aufstrebenden asiatischen Märkten neue Kundschaft anlocken.





Keine Zukunft gibt es dagegen für den 3er GT, er wird eingestellt. Das Modell basiert auf der 5er-Plattform, ist offenbar dadurch zu teuer und kannibalisiert wohl auch die 5er-Limousine. Die Lücke, die der 3er GT hinterlässt, soll allem Anschein nach der neue i5 schließen. BMW plant einen elektrisierten Crossover mit Reichweiten-Verlängerer.