1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Auto
  4. Entlassungswelle bei E-Autobauer Tesla: Darum feuert Elon Musk so viele Mitarbeiter

Entlassungswelle bei TeslaDarum feuert Elon Musk so viele Mitarbeiter

Der US-Autobauer Tesla veröffentlich bald Zahlen für das zweite Quartal. Schafft der E-Auto-Pionier neue Auslieferungsrekorde? Eine jüngste Entlassungswelle wirft Fragen auf – die Ursachenforschung führt nach Buffalo.Matthias Hohensee 30.06.2022 - 10:04 Uhr

Die Stimmung bei Tesla ist brenzlig, alles andere als entspannt

Foto: Bloomberg

Im Silicon Valley herrscht Sommerferienstimmung. Das Wetter ist traumhaft. Ein langes Wochenende naht. Am 4. Juli ist der Unabhängigkeitstag, den die Amerikaner mit Ausflügen, öffentlichen Feuerwerken und Barbecues feiern. Diesmal fällt er auf einen Montag. An den Pazifikstränden ums Silicon Valley werden bereits Schilder aufgehängt, die vor privater Knallerei warnen und empfindliche Strafen androhen. Es ist knochentrocken. Kalifornien befindet sich in einer „Jahrtausenddürre“.

Brenzlig ist auch die Stimmung bei Tesla und alles andere als entspannt. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass am Donnerstag das zweite Quartal zu Ende geht. Bis dahin müssen so viel wie möglich produzierte Teslas bei ihren Käufern stehen, damit sie in der Auslieferstatistik gezählt werden können. Jedes Quartal bei Tesla ist eine Hauruck-Aktion, aber diesmal ist es besonders stressig. Was wieder mal am obersten Chef liegt.

Am zweiten Juni hatte Tesla-Chef Elon Musk eine E-Mail an seine Führungskräfte geschickt. Betreffzeile: „Stoppt alle Einstellungen weltweit.“ Er habe ein „superschlechtes Gefühl“ über die globale Wirtschaftslage. Tesla müsse sich dafür rüsten und Personal abbauen. Zuvor hatte er darüber gewettert, dass zu viele Tesla-Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten würden. „Jeder bei Tesla muss mindestens 40 Stunden pro Woche im Büro verbringen“, forderte Musk. „Wenn Sie nicht erscheinen, dann gehen wir davon aus, dass Sie gekündigt haben.“ Das sei auch eine Frage der Fairness, legte er später gegenüber Führungskräften nach, denn die Arbeiter in der Produktion könnten ihren Job nicht einfach von zu Hause aus erledigen oder an „einen exotischen Ort ihrer Wahl umziehen.“

Führungsverständnis

Diese E-Mail ist für einen Chef mit 70.000 Mitarbeitern schlichtweg dumm

Kommentar von Varinia Bernau

Zunächst war die Rede von zehn Prozent Personalabbau, allerdings nur bei festangestellten Mitarbeitern. Dann korrigierte Musk die Zahl auf zunächst 3,5 Prozent. Allerdings waren nun auch auf Stundenbasis angeheuerte Kräfte betroffen, auch in der Produktion. Tesla hat derzeit rund 110.000 Mitarbeiter weltweit und ist einer der größten Arbeitgeber Kaliforniens. Es könnte also in der Spitze bis zu 11.000 Leute treffen.

Am Dienstag zündete Musk die nächste Granate. Diesmal trifft es nicht die Stammfabrik in Fremont, am Rande des Silicon Valley. Sondern ein Büro in San Mateo, mitten im Silicon Valley, wo rund 300 Mitarbeiter an Teslas Fahrassistenzsystem arbeiten, als „Autopilot“ bezeichnet. Die meisten von ihnen werkeln daran, auf von den Fahrzeugkameras erfassten Videoclips Gegenstände zu identifizieren, ob es sich etwa um einen schmalen Baum oder ein Straßenschild handelt. Normalerweise machen das Bilderkennungssysteme automatisch. In Grenzfällen oder um die Entscheidung des Computers zu prüfen, muss zusätzlich menschliche Intelligenz ran.

Die Schließung des Büros war bereits angekündigt, weil der Mietvertrag ausgelaufen war. Aber die Mitarbeiter hatten angenommen, dass sie einfach in ein neues Büro in Palo Alto versetzt werden würden. An der Page Mill Road, in der Nähe zur Stanford Universität, hatte Tesla im Herbst mehrere Bürogebäude mit 30.000 Quadratmetern gemietet, die zuvor zu Hewlett Packard gehörten. Dort baut der Konzern aus.

Stattdessen mussten rund 200 der betroffenen Mitarbeiter am Dienstag ihre Laptops und Firmenausweise abgeben. Sie werden noch für die nächsten zwei Monate bezahlt und müssen sich nun einen neuen Job suchen. Tesla konzentriert das Auswerten der Videos auf seinen Standort Buffalo im US-Bundesstaat New York, gegenüber der kanadischen Grenze.

Zu Feuerwerk, Musik und Applaus Hunderter Tesla-Mitarbeiter fuhren die Elektro-SUV aus der Halle.

Foto: AP

Der US-Elektroauto-Pionier Tesla hat am Dienstag im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz seine Fabrik in Grünheide bei Berlin eröffnet und die ersten Modelle "made in Germany" an Kunden übergeben.

Foto: REUTERS

Der aus den USA angereiste Konzernchef Elon Musk präsentierte das Werk mit Stolz: "Tesla wird sicherstellen, dass das ein Juwel ist für diese Region, für Deutschland und die Welt", sagte er bei der Eröffnungsfeier im brandenburgischen Grünheide.

Foto: REUTERS

"Deutschland kann schnell sein", betonte Scholz (SPD) mit Blick auf die Rekord-Bauzeit von gut zwei Jahren. Das Werk sei ein Ansporn und ein Zeichen für den Fortschritt der Industrie am Standort Deutschland.

Foto: REUTERS

„Dankeschön für alles“, sagte Musk fast ein wenig schüchtern.

Foto: AP

Vorher und Nachher: Die zweiteilige Bildkombo zeigt das Baugelände für das Werk der Tesla-Fabrik Berlin Brandenburg am 04.03.2020 (unten) und die gleiche Stelle etwa zwei Jahre später (Luftaufnahmen mit einer Drohne). Die erste europäische Fabrik des E-Autobauers in Grünheide, die auf 500.000 Fahrzeuge jährlich ausgelegt ist, ist eine wichtige Säule der Zukunftsstrategie von Tesla.

Foto: dpa

„Ein besonderer Tag für die Region, ein besonderer Tag auch für Deutschland und ein besonderer Tag für die Mobilitätswende in Deutschland“, lobte Grünen-Politiker Habeck in Grünheide. Tesla habe sich für Deutschland entschieden, weil das Unternehmen hier den Leitmarkt für Elektromobilität erwarte. Das sei auch sein Ziel, sagte der Minister. Er freue sich, dass die Abkehr vom Öl damit noch einmal einen neuen Schub bekomme.

Foto: REUTERS

Umweltschützer protestieren hingegen weiter, vor allem aus Sorge um die Versorgung mit Trinkwasser in der Region. Bedenken und Einwendungen im Verfahren seien ignoriert und „Recht gebeugt“ worden, erklärte die Bürgerinitiative Grünheide. Tesla-Elektroautos seien „alles andere als klimafreundlich“.

Foto: REUTERS

So sehen die ersten Tesla-Modelle aus, die in der Gigafactory in Grünheide vom Band laufen.

Foto: PR

Der Chef ist auch da: Elon Musk im Medienrummel während der Eröffnungszeremonie.

Foto: REUTERS

Dort befindet sich die sogenannte Giga Factory 2, in der Tesla Solarpanele sowie seine Supercharger fertigt. Sie gehörte einst zum Solaranbieter Solarcity, der von den Cousins von Musk gegründet und im Sommer 2016 von Tesla übernommen wurde. In Buffalo kann Tesla nicht einfach Mitarbeiter abbauen, weil dem Staat gegen Gewährung von Steuererleichterungen Arbeitsplätze versprochen wurden. Davon soll Tesla jedoch nur einen Bruchteil erfüllt haben, weshalb es bereits Forderungen gibt, Vergünstigungen zu streichen oder zurückzuzahlen.  

Klar ist, dass die dortigen Lebenshaltungskosten weit unter denen im Silicon Valley liegen. Die Gegend in Kalifornien zählt zu den teuersten Regionen der Welt, wo man mit einem Jahreseinkommen von unter 100.000 Dollar schon als bedürftig gilt. Als Musk von Toyota im Mai 2010 die Fahrzeugfabrik in Fremont übernahm, hatten sich viele Experten gewundert. Eine Autofabrik, ausgerechnet am Rande des ultrateuren Silicon Valley? Das hatte schon für die Voreigentümer Toyota und General Motors wirtschaftlich nicht funktioniert.

Doch für Tesla war es ein Schnäppchen, weil man nur 42 Millionen Dollar zahlen musste.  Nicht nur vom Grundstückswert her, sondern auch weil man so auf die Schnelle zu einem Fabrikgebäude kam und Mitarbeiter anheuern konnte, die sich mit der Produktion von Fahrzeugen bereits auskannten. Zudem kaufte sich Toyota zeitgleich bei Tesla ein. Was kurz vor dem Börsengang Glaubwürdigkeit verschaffte.

Dass Tesla nun nach Texas umgezogen ist und dort sein neuestes Werk errichtete, hat nicht nur mit den dort wesentlich geringeren Steuern zu tun. Sondern auch mit den geringeren Lebenshaltungskosten, selbst am Rande einer Boomstadt wie Austin.

Warum feuert Musk nun Leute, obwohl noch nicht sicher ist, ob es tatsächlich eine Rezession gibt? Zumal Tesla weiterhin besonders in seinem Heimatmarkt USA Markanteile gewinnt. Laut Kelley Blue Book hielt Tesla bei Elektroautos in den USA im ersten Quartal einen Marktanteil von 75 Prozent. Mit weitem Abstand folgen mit fünf Prozent Kia und dann mit 4,4 Prozent Ford.

Die Nachfrage ist ungebrochen. Wer heute ein Model Y in den USA ordert - Teslas kompakten SUV – bekommt ihn frühestens im Januar nächsten Jahres geliefert, eher im April. Tesla hat mehrfach die Preise erhöht, bei seinem Model X um 6000 Dollar. Trotzdem bestellen Kunden immer weiter, was auch an den hohen Preisen für Benzin liegt, die auch in den USA Rekordstände erreicht haben.

Teslas Bilanz sieht also gut aus. Das Unternehmen ist hochprofitabel, nahezu schuldenfrei, hat 17,5 Milliarden Dollar auf der hohen Kante. Andererseits befindet sich Tesla in einer kritischen Situation. Seine neuen Werke in Austin und Brandenburg fahren gerade erst die Produktion hoch, die Stückzahlen sind noch klein. „Sie sind gigantische Geld-Brennöfen“, warnte Musk kürzlich in einem Gespräch mit dem Tesla Owners of Silicon Valley Fanclub.

Gartner Analyst Mike Ramsey sagt, dass Musk einfach vorsichtig ist und vorbaut. Es gehe nicht nur um eine mögliche Rezession und milliardenschwere Investitionen. Sondern auch um „Risiken, die Tesla im Besonderen betreffen.“ Beispielsweise ein möglicher Rückruf seines Fahrassistenzsystems Autopilot, welches die US-Verkehrsbehörde NHTSA gerade untersucht. Musk hatte zudem den Tesla-Käufern autonomes Fahren versprochen, ohne Investitionen in zusätzliche Hardware. Es könnte sein, dass er dieses Versprechen nicht erfüllen kann, weil er ohne Sensoren wie beispielsweise Lidar keine Zulassung von den Behörden bekommt. Das würde kostspielige Sammelklagen nach sich ziehen.

Hinzu kommen Unsicherheiten mit dem Werk in Shanghai, falls die chinesischen Behörden wegen Covid wieder die Wirtschaft lahmlegen. Allerdings kann Tesla diesmal mit seinen Werken in Austin und Grünheide bei Berlin gegensteuern und ist für den Export so nicht mehr so stark von Shanghai abhängig.

Allerdings beschäftigt Tesla im Verhältnis zur jährlichen Fahrzeugproduktion viel mehr Mitarbeiter als andere Autokonzerne. Toyota beispielsweise stellt mit 366.283 Mitarbeitern rund zehn Millionen Fahrzeuge her. Tesla stellte im vergangenen Jahr mit rund 100.000 Mitarbeitern – wobei nicht alle in der Autoproduktion arbeiten – 930.000 Fahrzeuge her.

Volkswagen-Chef Herbert Diess, der Tesla noch in dieser Dekade überflügeln will, warnt, dass Tesla sich mit dem gleichzeitigen Hochfahren von Austin und Brandenburg sowie dem Ausbau von Shanghai übernehmen könnte. „Das raubt ihm die Kraft“, sagte Diess vor VW-Mitarbeitern. Zu allem Überfluss befindet sich Musk auch noch in Übernahmeverhandlungen mit Twitter, wo er den Preis drücken möchte. Und dann ist da noch seine wiederverwendbare Großrakete Starship, die noch im Juli abheben soll und wo es noch technische Probleme gibt.

Die Branche wartet nun auf die neuesten Produktionszahlen von Tesla. Sie werden fürs Wochenende erwartet. Analyst Emmanuel Rosner von der Deutschen Bank erwartet wegen Schwierigkeiten in der Lieferkette und dem kurzzeitigen Stillstand der Produktion in Shanghai im zweiten Quartal wegen Covid, dass Tesla statt 310.000 Fahrzeugen nur 245.000 ausliefern kann, was den Umsatz um 3,7 Milliarden Dollar drücken könnte.

Allerdings sorgt Tesla gern für Überraschungen. Als im Frühjahr 2020 das Stammwerk in Fremont wochenlang stillgelegt werden musste, schaffte Tesla trotzdem Rekordauslieferungen. So oder so – zum Feiern dürften die Tesla-Mitarbeiter nicht aufgelegt sein.

Lesen Sie auch: Die WiWo-Titelgeschichte: Musks großer Irrtum


Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick