Fiat-Chrysler-Chef: "Abgas-Vorwürfe nicht mit Fall VW vergleichbar"
Sergio Marchionne, Chef von Fiat Chrysler
Foto: dpaDer Chef des italienisch-amerikanischen Autokonzerns Fiat Chrysler (FCA) hat nach den Vorwürfen der Abgas-Manipulation einen Vergleich mit VW scharf zurückgewiesen.
„Wir haben keinerlei Betrug begangen“, sagte Sergio Marchionne in einem Interview italienischer Medien, das die Zeitung „La Repubblica“ veröffentlichte. Die Geschäftsziele von FCA würden durch die Anschuldigungen nicht beeinflusst. Dennoch erhöhte auch die EU den Druck auf das Unternehmen und auf die italienischen Behörden, die seit langem prüfen sollen, ob bei den Abgaswerten geschummelt wurde.
In den USA steht der Branchenriese im Verdacht, bei rund 100.000 Dieselwagen die Emissionswerte von Stickoxiden gefälscht zu haben. Dies hatte das Umweltamt EPA am Donnerstag in Washington mitgeteilt. Es geht um Software zur Abgaskontrolle, die Fiat Chrysler nicht offengelegt und so gegen Umweltgesetze verstoßen habe.
Die EU-Kommission nannte die Anschuldigungen aus den USA gegen Fiat „besorgniserregend“. Man werde mögliche Auswirkungen für in Europa verkaufte Fahrzeuge prüfen, sagte eine Sprecherin. In Brüssel war von Schätzungen die Rede, wonach in der EU ungefähr 33.000 Wagen der beiden betroffenen Modelle von Jeep und Dodge im Umlauf sein dürften.
Volkswagen hatte im Herbst 2015 eingeräumt, bei Diesel-Abgastests getäuscht zu haben. Betroffen waren Millionen von Autos. Dies hatte VW in eine schwere Krise gestürzt und enorme Kosten verursacht. Ob es sich bei den bei Fiat Chrysler beanstandeten Programmen wie bei Volkswagen um illegale Abschalteinrichtungen („defeat devices“) handelt, muss laut EPA erst noch ermittelt werden.
Marchionne sagte, sein Unternehmen stehe seit Monaten mit der US-Umweltbehörde im Kontakt: „Unsere Emissionen sind ganz klar berichtet worden.“ Er sei sehr verärgert über die Anschuldigungen und hoffe, dass der bevorstehende Regierungswechsel von US-Präsident Barack Obama zu Donald Trump keine Rolle bei dem Fall spiele. „Offensichtlich gab es jemanden bei der EPA, der das Dossier schließen musste, bevor die neue Regierung da ist. Aber ich will hoffen, dass es keine politische Angelegenheit ist.“
Volkswagen
Seit Monaten tobt der Dieselskandal bei Volkswagen. Der Auslöser: eine Software, die erkennt, ob ein Auto auf dem Prüfstand steht. Um die Abgasprüfer hinters Licht zu führen, erkannten die Fahrzeuge mit 1.2-, 1,6- und 2.0-Liter TDI-Motor beispielsweise ob das Lenkrad bewegt wurde. Mittlerweile müssen etliche Modelle des Konzerns, darunter auch Passat und Golf darum zurück in die Werkstatt.
Foto: dpaVolkswagen
Auch bei den Nachprüfungen des Kraftfahrtbundesamtes sind Modelle der Wolfsburger negativ aufgefallen. Fast 200.000 Fahrzeuge müssen zurück in die Werkstatt, weil eine gesetzliche Ausnahmeregelung wohl zu weit ausgelegt wurde. Bei einer zu hohen oder zu niedrigen Außentemperatur schalten die Fahrzeuge ihre Abgasreinigung ab. Die Hersteller begründen das mit dem Motorenschutz. Der Gesetzgeber sieht das offenbar anders. Betroffen sind der Amarok, aber auch der Lieferwagen Crafter.
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Und auch die VW-Premiumtochter Audi spielt im Dieselskandal eine größere Rolle als zunächst angenommen. Das illegale Abschaltung der Abgasreinigung, die den Skandal auslöste, soll sogar in Ingolstadt mitentwickelt worden sein. Auch in den jüngsten KBA-Nachprüfungen überschritten einige Audi-Modelle den gesetzlichen Grenzwert für den Stickoxid-Ausstoß. Unter anderem muss der Q5 zurückgerufen werden.
Foto: CLARK/obsPorsche
Auch bei Porsche gehörte der Betrug zum Geschäft. Wenige Wochen nach dem Ausbruch des Dieselskandals musste auch der Sportwagenbauer eingestehen, dass seine 3-Liter-Dieselmotoren eine illegale Abschalteinrichtung enthalten. Auch bei den Nachprüfungen des KBA fiel ein Porsche-Modell unangenehm auf: ausgerechnet der kompakte Macan überschreitet die Stickoxid-Grenzwerte bei niedrigen Außentemperaturen.
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Die Sprachregelung bei Daimler wackelt: bisher hatten die Schwaben alle Vorwürfe, man habe beim Diesel betrogen weit von sich gewiesen. Doch bei den Nachprüfungen des KBA fielen A-Klasse, B-Klasse und V-Klasse aus dem Rahmen und müssen nun bei einem Rückruf überarbeitet werden. Alle haben übrigens eins gemeinsam...
Foto: dpaRenault
...Denn die Daimler-Diesel kommen aus einer Kooperation mit dem französischen Autobauer Renault. Der steht ohnehin schon unter Beobachtung der französischen Behörden, die nach dem Ausbruch des Dieselskandals mehrere Razzien bei Renault vornahmen. Der jüngste Bericht des KBA soll darum auch an die französischen Behörden weitergeleitet werden. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.
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Auch in Rüsselsheim sind die Dieselmotoren offenbar schmutziger als der Konzern es bisher zugegeben hat. Bei Zafira, Insignia und Cascada sind die Abgase wohl deutlich schmutziger, sobald die Temperatur unter 17 Grad fällt. Den vereinbarten Rückruf nennt man in Rüsselsheim "freiwillige Serviceleistung". Wohl auch um sich vor Schadenersatzforderungen zu schützen. Künftig sollen alle Modelle des Autobauers mit einem Harnstoff-Katalysator ausgerüstet werden.
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Beim französischen Autobauer ist der Harnstoff-Katalysator schon in der gesamten Modellpalette im Einsatz. Bei den Nachprüfungen des KBA gehören die Franzosen darum zu den großen Gewinnern - ihre Modelle bestanden. Trotzdem ist der Dieselskandal auch an PSA nicht spurlos vorbeigegangen. Auch beim größten Autobauer Frankreichs haben die Ermittler bereits eine Razzia durchgeführt, um Dokumente sicherzustellen.
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Auch die Dieselmodelle von BMW sind laut KBA-Prüfung sauber. Die Behörde hat nichts zu beanstanden. Ironie der Geschichte: die schlechten Abgaswerte des BMW X5 waren der Grund, dass die Umweltaktivisten des ICCT die deutschen Diesel genauer unter die Lupe nahmen und damit den Abgasbetrug bei Volkswagen aufdeckten.
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Welche internationalen Wellen Dieselgate noch schlägt, ist nach den KBA-Prüfungen offener denn je. Man gehe weiterhin einem Hinweis von Bosch nach, erklärte Verkehrsminister Alexander Dobrindt bei der Präsentation des Berichts. Offenbar soll der italienische Autobauer Fiat seine Diesel mit einer Art Zeitschalter ausgestattet haben, der die Dieselreinigung nach einer bestimmten Zeit abschaltet. Auch das wäre illegal. Der Skandal käme für die krisengeschüttelten Italiener wohl zur Unzeit. Ob in Italien schon gebetet wird?
Foto: APDeutschland geht davon aus, dass bei Fiat-Modellen eine unzulässige Abschaltung der Abgasreinigung eingesetzt wurde. Das hätten Tests des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) ergeben, bekräftigte eine Sprecherin des Verkehrsministeriums am Freitag in Berlin. Der Hersteller verneint das, italienische Behörden sehen keinen Grund für Beanstandungen. Die EU-Kommission agiert in dem Fall als Vermittler zwischen Deutschland und Italien. Ein für Ende Januar vorgesehener zweiter Termin sei von italienischer Seite aber abgesagt worden, sagte die Sprecherin. Die neuen Erkenntnisse der EPA lägen dem Ministerium bisher nicht vor.
Der italienische Vize-Verkehrsminister Riccardo Nencini nannte die „Beharrlichkeit“ der deutschen Regierung „unbegreiflich“. „Die italienische Regierung arbeitet mit der Europäischen Kommission zusammen“, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa Nencini am Freitag.
Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte: „Wir haben die italienischen Behörden wiederholt gebeten, so bald wie möglich überzeugende Antworten zu geben.“ Diese seien bislang ausgeblieben. „Uns geht allmählich die Zeit aus, weil wir die Gespräche über die Konformität von Fiat bald beenden wollen.“ In Brüssel war von einem Zeitrahmen von einigen Wochen die Rede.
Unterdessen leitete die französische Justiz Untersuchungen zu Abgaswerten bei Renault ein. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Täuschung, wie die Nachrichtenagentur AFP am Freitag unter Berufung auf die Behörde meldete. Nach dem Beginn des VW-Skandals waren bei Tests in Frankreich Überschreitungen von Abgasnormen bei Renault festgestellt worden. Die Wettbewerbsbehörde ermittelte und übergab ihre Erkenntnisse im November der Justiz.
Renault erklärte, noch keine offiziellen Informationen über ein Ermittlungsverfahren erhalten zu haben. Der Autobauer betonte erneut, dass er die Gesetzgebung einhalte und seine Fahrzeuge ordnungsgemäß zugelassen worden seien. Man habe keine Betrugssoftware eingesetzt.