Start der Oldtimer-Weltleitmesse Techno-Classica: Die Oldtimer-Szene ist in Sorge
Zeitlos schön: Der Mercedes-Benz 300 SL Roadster.
Foto: Mercedes-BenzDie stilprägende Motorhaube mit den zwei Wölbungen, die sich als klare, geschwungene Linien bis kurz vor der Windschutzscheibe fortsetzen, die schlank geschnittene Form, die senkrechten Scheinwerfer – wenige Autos haben einen derartigen Wiedererkennungswert wie der Mercedes 300 SL Roadster. Ein Zweisitzer, der beliebt war bei Stars wie Romy Schneider, Sophia Loren und Clark Cable – es gibt für viele Autofans kaum ein besseres Symbol für Eleganz und Freiheitsliebe.
Auch Klaus Kienles Herz schlägt für diesen Mercedes-Klassiker. „Die Karosserie und der Viertaktmotor mit der Benzin-Direkteinspritzung sind nur zwei von vielen Gründen, warum ich nach all den Jahren immer noch staune, wenn ich einen 300 SL sehe“, sagt der 74-jährige, der mit seinem Unternehmen Kienle Automobiltechnik den weltweit größten von Daimler unabhängigen Mercedes-Oldtimer-Restaurateur aufgebaut hat.
Kein Unternehmen habe ein größeres Mercedes-Klassiker-Ersatzteillager als Kienle, sagt er. Doch um dieses Alleinstellungsmerkmal zu behalten, muss Kienle viel Geld in die Hand nehmen. Bereits vor der Pandemie lag die Eigenkapitalquote des Unternehmens bei knapp 5,9 Prozent und die Verbindlichkeiten bei knapp 16,8 Millionen Euro.
Geliehenes Geld, das irgendwann zurückgezahlt werden muss. Ein riskantes Geschäft, denn die Nachhaltigkeits-Diskussionen machen auch vor der Oldtimer-Branche nicht halt. Viele Oldtimer-Fans fürchten Fahrverbote, die hohen Spritpreise kommen erschwerend hinzu. Während der Coronakrise konnte Kienle zudem sein auf internationale Kunden ausgerichtetes Geschäft nicht so fortsetzen, wie er wollte. Die paradiesischen Zeiten für Oldtimer-Restaurateure scheinen vorbei zu sein.
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Kienle hat noch die Zeiten miterlebt, als Autos für Freiheit standen und kein Symbol für Umweltverschmutzung waren. 1964 begann er, bei Daimler Autos zu schrauben, arbeitete sich hoch bis zum KfZ-Meister. In dieser Zeit hat er miterlebt, wie heutige Mercedes-Klassiker wie der 300 SL Flügeltürer oder Roadster sowie der Mercedes 600 von gängigen Wagen zu Raritäten wurden. In den 1980ern sind sie schließlich mehr und mehr zu Sammlerstücken geworden. „Doch anders als heute wurden diese Autos nicht nur zu ein paar wenigen Ausflugsfahrten im Sommer aus der Garage geholt, sondern regelmäßig gefahren“, erinnert sich Kienle. Dennoch hätte Mercedes zunehmend Reparaturaufträge für diese Modelle abgelehnt. „Ich hatte bemerkt, dass an diesen Reparaturen aber durchaus Interesse bestand und machte mich selbstständig“, erzählt er.
Als er 1984 in seiner eigenen Garage Kienle Automobiltechnik gründete, hätte er nie gedacht, dass er mehr als 37 Jahre später einmal drei Werke leiten würde. „Ein halbes Jahr nachdem ich mich selbstständig gemacht habe, war die Garage schon zu klein und ich musste die Autos in der gesamten Straße parken, sehr zum Verwundern der Nachbarn“, erzählt er. Heute ist er längst nicht mehr als einziger für das Unternehmen verantwortlich: Er teilt sich die Führung mit seinen beiden Söhnen Alexander und Marc Kienle. „Wir sind eine autobegeisterte Familie“, sagt er.
Immobilien, Aktien, Kryptowährung – in der jüngeren Vergangenheit waren vor allem diese Anlageformate gefragt. Doch wer clever investiert, kann sein Glück auch mit gebrauchten Autos machen, wie jetzt der Gebrauchtwagenhändler Carvago aufzeigt. Fünf Automodelle hat das Portal zusammengetragen, deren Wertsteigerungspotenzial überraschen dürfte. Es handelt sich nicht um hochbetagte Oldtimer, sondern um relativ neue Autos.
Nach nur kurzer Zeit zu einer Wertanlage hat sich zum Beispiel der 2018 von Suzuki eingeführte Jimny entwickelt. Das Kultmobil mit eingeschworener Fangemeinde wurde trotz hoher Nachfrage in nur begrenzter Stückzahl nach Deutschland gebracht. Seit 2021 wird es außerdem als Neuwagen nur noch als zweisitziges Nutzfahrzeug angeboten, was die in den ersten Jahren verkauften Viersitzer-Varianten noch begehrlicher macht. Top ausgestattete Exemplare mit Tageszulassung und geringer Laufleistung kosten bis 40.000 Euro. Selbst ältere Jimny mit bereits mehreren zehntausend Kilometern auf der Uhr werden immer noch deutlich über dem einstigen Listenneupreis gehandelt. Bei seinem Marktstart kostete der kleine Kraxler in der Basisversion rund 17.900 Euro, Carvago hat einen Durchschnittspreis von 36.200 Euro ermittelt, was einem Zuwachs von über 100 Prozent entspricht.
Foto: PRAuch wenn der Mercedes-Maybach G 650 Landaulet bei der relativen Wertsteigerung auf lediglich 30 Prozent kommt, ist es in absoluten Zahlen eine stolze Summe. Ursprünglich hat die 2017 aufgelegte Cabrio-Langversion des Offroad-Klassikers G-Klasse rund 750.000 Euro gekostet. Der mit Luxus-Fond und 630 PS starkem 12-Zylinder protzende Stuttgarter steht heute bei rund 980.000 Euro. In nur fünf Jahren hat man als kluger Investor also gut 230.000 Euro eingestrichen.
Foto: PRFerraris sind bei Sammlern als lohnende Anlage bekannt. Vor allem ältere Baureihen erzielen auf Auktionen zum Teil astronomische Summen. Doch auch jüngere Modelle machen aus viel Geld noch deutlich mehr Geld. So zum Beispiel der bis zu 325 km/h schnelle 458 Speciale Aperta, der im Jahr 2014 offiziell zum Preis von 232.530 Euro gehandelt wurde. Heute soll der V8-Bolide, von dem lediglich 499 Exemplare gebaut wurden, einen Durchschnittspreis von 703.000 Euro erzielen, was einer Wertsteigerung von 202 Prozent entspricht.
Foto: PREine immerhin solide Wertanlage verspricht der Porsche 911 GT2 RS aus dem Jahr 2017. Damals hat Porsche 285.220 Euro für den über 700 PS starken Sportwagen aufgerufen. Der spitz ausgelegte und in 2,8 Sekunden von null auf 100 km/h sprintende GT2 RS wurde lediglich 1000mal gebaut, worin wohl ein Grund für den deutlichen Wertzuwachs von 60 Prozent liegt. Heute müsste man für das Tracktool nämlich im Schnitt 459.000 Euro investieren.
Foto: PRDie Marken Ferrari oder Porsche sind hinlänglich für ihr Wertsteigerungspotenzial bekannt, die Toyota-Tochter Lexus hingegen nicht. Doch mit dem LFA gibt es einen Lexus, der deutlich an Wert zugelegt hat. 2010 kostete der lediglich 500mal gebaute V10-Flitzer bereits stolze 375.000 Euro. Inzwischen werden gebrauchte Exemplare sogar für siebenstellige Summen angeboten. Durchschnittspreis heute: 1.010.000 Euro, was einem Wertzuwachs von 170 Prozent entspricht.
Foto: PRDoch auch, wenn die Frage, wer das Unternehmen nach ihm führt, geklärt ist, kann Kienle nicht sorgenfrei in die Zukunft blicken. Denn die Nachhaltigkeitsdebatte beunruhigt die Oldtimer-Szene. Das zeigte sich ganz deutlich im vergangenen Jahr, als über 50.000 Oldtimer-Fans mit einer Petition auf eine geplante Änderung des Straßenverkehrsgesetzes reagierten, die vorsah, dass Behörden Schutzmaßnahmen vor Lärm und Abgasen verhängen können. Die Oldtimer-Szene fürchtete, dass dies ein Einfallstor für Fahrverbote sein könnte, auch wenn der Parlamentskreis Automobiles Kulturgut, der im Bundestag die Interessen von Oldtimer-Fans vertritt, dies vehement abstritt.
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Bisher wurden Oldtimer von Fahrverboten und Umweltbeschränkungen verschont. Wer einen Autoklassiker mit einem H-Kennzeichen fährt, hat freie Fahrt in Umweltzonen und zahlt nur 191 Euro KfZ-Steuer. Doch dass es mit diesen Privilegien schnell vorbei sein kann, zeigt ein Blick auf das Nachbarland Belgien. Denn die Stadt Gent – mit über 260.000 Einwohnern immerhin die zweitgrößte Stadt des Landes – verbietet seit Anfang Februar allen Oldtimern, in die Genter Umweltzone zu fahren. Nur noch achtmal pro Jahr dürfen Oldtimer-Fahrer mit einem Tagespass in die Niedrigemissionszone fahren.
Sollten auch deutsche Oldtimer-Fahrer beunruhigt sein? Jens Berner, Oldtimer-Experte bei der Südwestbank, kann diese Ängste nicht ganz zerstreuen. Er erwarte, „dass die aktuellen Regelungen und die damit verbundenen Privilegien für den Erhalt eines H-Kennzeichens in den kommenden Jahren verschärft werden.“ Die Südwestbank erstellt jedes Jahr den Oldtimerindex, der aus 20 süddeutschen Autoklassikern besteht. Von 2005 bis einschließlich 2020 hat der Index um 452,2 Prozent zugelegt. Autoklassiker ab einem sechsstelligen Preis eigenen sich demnach durchaus zur Wertanlage. Doch mittlerweile stagniert die Preisentwicklung ein wenig. 2020 fiel der Index um 0,1 Prozent. Für 2021 liegen der Südwestbank noch keine endgültigen Daten vor, aber es sieht nur nach einem leichten Anstieg aus.
Im Index enthalten ist auch der Mercedes 300 SL Flügeltürer, er legte im selben Zeitraum um 360 Prozent zu und kostet derzeit im Schnitt 966.000 Euro. Solche Luxusoldtimer würden in der Regel nur einige Hundert Kilometer im Jahr bewegt, erklärt Berner. „Da fallen auch sehr hohe Spritpreise nicht ins Gewicht.“
Doch wer aus Sparsamkeit sein Auto wegen der hohen Spritpreise gar nicht mehr fährt, riskiert Schäden. Einige der Autos, die Kienle zur Restaurierung erhält, hätten oft 20 oder 30 Jahre in einer Garage in den USA gestanden. Denn dorthin seien 85 Prozent aller 300 SLer, auf die Kienle spezialisiert ist, geliefert worden. Viele der Oldtimer seien lange nicht gefahren worden. „Das ist genauso schlimm wie ein starker Verschleiß“, erklärt Kienle.
Die Restaurierung von Oldtimern sei deutlich anspruchsvoller als die von Neuwagen, sagt er. Wer in einer normalen Werkstatt sein Handwerk gelernt habe, müsse bei Kienle Automobiltechnik oft noch zwei bis drei Jahre lang dazulernen. Daher konzentriere sich Kienle auf die Ausbildung von Lehrlingen. Drei bis vier würden sie im Schnitt ausbilden, viele würden Auszeichnungen als Klassen- oder Landesbester erhalten. „Das sind richtig gute, junge Leute, die wissen, wie man ein Getriebe zerlegt oder wie man einen Keilriemen spannt“, sagt er.
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Zunehmend würde sich die Suche nach Fachkräften aber komplizierter gestalten. „Es ist schwer, gute Leute zu finden“, so Kienle. Zumal sich die Oldtimer-Welt von der Neuwagen-Welt zunehmend unterscheidet, auch weil sich die Automobilindustrie stärker auf Elektromobilität fokussiert. Kienle hält wenig von diesem Trend. „Abgesehen davon, dass Elektroautos einfach weniger Fahrspaß bringen, verschmutzt die Förderung von Rohstoffen, die für die Batterie benötigt werden, massiv die Umwelt.“
Doch auch, wenn die Menge an Schadstoffen, die bei der Produktion ausgestoßen werden, mitberechnet wird, sparen E-Autos im Vergleich zu Verbrennern je nach Strommix zwischen 73 und 89 Prozent CO2 ein. Das zeigte eine neue Studie der Universität der Bundeswehr München. Selbst in der Oldtimer-Szene wird mit elektronischen Antrieben experimentiert. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehrere Unternehmen, die Oldtimer zu Elektroautos umrüsten. Für Puristen eine gewöhnungsbedürfige Vorstellung, schließlich liegt ihnen viel daran, dass der Autoklassiker so nah wie möglich am Originalzustand ist. Auch Kienle Automobiltechnik verfolgt dieses Ziel.
Denn das ist auch das, was die gut betuchten Kunden wollen, die sich für die hochpreisigen Mercedes-Klassiker interessieren. Sie sitzen vor allem im Ausland, etwa im asiatischen oder arabischen Raum. Zu Kienles Auftraggebern gehören sogar Königshäuser, die ihre Autos eigens nach Deutschland einfliegen lassen. Die Pandemie setzte dem Mercedes-Restaurateur deshalb zu. „Wegen der Reisebeschränkungen hatten wir es besonders im ersten Pandemiejahr etwas schwer“, sagt Kienle.
Dass die Beschränkungen nun gelockert seien, beruhige ihn. Nun kann Kienle wieder der Verkauf ankuppeln, neue Netzwerke knüpfen. „Ich freue mich, dass wieder der persönliche Austausch, etwa auf Messen, möglich ist“, sagt er. So findet ab dem 23. März die als Oldtimer-Weltleitmesse geltende „Techno-Classica“ in Essen statt, erstmals seit Ausbruch der Pandemie.
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