Gigafactory in Grünheide startet Das bemerkenswerte Timing von Elon Musk

Tesla-Fans posieren am Dienstag mit einem Pappaufsteller von Elon Musk vor der neuen Gigafactory in Grünheide. Quelle: REUTERS

Mitten in der Debatte um Energiepreise und Tankrabatte eröffnet Tesla in Brandenburg Europas größte E-Auto-Fabrik. Während die Politik den Standort feiert, zeigt sich Deutschlands Abhängigkeit dadurch umso deutlicher.

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Elon Musk hat ein Händchen für besonderes Timing. Ausgerechnet am Weltwassertag eröffnet der Tesla-Chef heute seine neue „Gigafactory“ im Speckgürtel von Berlin. Zwar ist das Zusammentreffen beider Ereignisse wohl Zufall – doch dürften sich Kritiker nur bestätigt fühlen in der Rücksichtslosigkeit, die sie dem US-Unternehmen unterstellen.

Brandenburg, Grünheide, eine der trockensten Regionen Deutschlands. 9000 Menschen leben in der Gemeinde, Tesla aber wird so viel Wasser benötigen wie eine 40.000-Einwohner-Stadt. Naturschutzverbände hatten gegen die Grundwasserentnahme geklagt und wegen eines Formfehlers vor dem Verwaltungsgericht recht bekommen. 

Das Verfahren geht nun in eine weitere Runde, aber das Landesamt für Umwelt (LfU) erteilte kürzlich trotzdem eine Duldung – und so wird heute nicht nur der Wasserhahn aufgedreht, sondern auch das Werkstor geöffnet, quasi von Tesla-Chef Elon Musk persönlich.

„Sieht das hier etwa aus wie eine Wüste?“

Hatte er im vergangenen August noch das Gelände mit dem damaligen CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet beschritten und sich schlapp gelacht über die Frage einer Journalistin zum Wassermangel („Sieht das hier etwa aus wie eine Wüste?“, „lächerlich“), will er nun Regierungschef Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) persönlich durch die Werkshallen führen, die seine Mitarbeiter mit Milliarden-Subventionen errichtet haben. Alles glänzt, so schön neu? Keineswegs.

Elon Musks Eröffnungsshow in Grünheide – das sind die Bilder
Zu Feuerwerk, Musik und Applaus Hunderter Tesla-Mitarbeiter fuhren die Elektro-SUV aus der Halle. Quelle: AP
Der US-Elektroauto-Pionier Tesla hat am Dienstag im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz seine Fabrik in Grünheide bei Berlin eröffnet und die ersten Modelle "made in Germany" an Kunden übergeben. Quelle: REUTERS
Der aus den USA angereiste Konzernchef Elon Musk präsentierte das Werk mit Stolz: "Tesla wird sicherstellen, dass das ein Juwel ist für diese Region, für Deutschland und die Welt", sagte er bei der Eröffnungsfeier im brandenburgischen Grünheide. Quelle: REUTERS
"Deutschland kann schnell sein", betonte Scholz (SPD) mit Blick auf die Rekord-Bauzeit von gut zwei Jahren. Das Werk sei ein Ansporn und ein Zeichen für den Fortschritt der Industrie am Standort Deutschland. Quelle: REUTERS
„Dankeschön für alles“, sagte Musk fast ein wenig schüchtern. Quelle: AP
Vorher und Nachher: Die zweiteilige Bildkombo zeigt das Baugelände für das Werk der Tesla-Fabrik Berlin Brandenburg am 04.03.2020 (unten) und die gleiche Stelle etwa zwei Jahre später (Luftaufnahmen mit einer Drohne). Die erste europäische Fabrik des E-Autobauers in Grünheide, die auf 500.000 Fahrzeuge jährlich ausgelegt ist, ist eine wichtige Säule der Zukunftsstrategie von Tesla. Quelle: dpa
„Ein besonderer Tag für die Region, ein besonderer Tag auch für Deutschland und ein besonderer Tag für die Mobilitätswende in Deutschland“, lobte Grünen-Politiker Habeck in Grünheide. Tesla habe sich für Deutschland entschieden, weil das Unternehmen hier den Leitmarkt für Elektromobilität erwarte. Das sei auch sein Ziel, sagte der Minister. Er freue sich, dass die Abkehr vom Öl damit noch einmal einen neuen Schub bekomme. Quelle: REUTERS

Inmitten der Debatte um Energiepreise, Tankrabatte und Mobilitätsprämien steht die Eröffnung von Europas größter E-Auto-Fabrik symbolisch für die wirtschaftspolitische Herausforderung, die Deutschland nicht erst seit Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine bewältigen muss. 

12.000 Beschäftigte, 500.000 Fahrzeuge jährlich, ein Standort mit Strahlkraft weit über die Grenzen der Region hinaus soll Grünheide sein. Doch eröffnet wird das Werk eben nicht von einem deutschen Autobauer, sondern von der Konkurrenz aus den USA.

Will Deutschland ernsthaft unabhängiger werden von Nicht-EU-Ländern, muss das auch für Schlüsselindustrien gelten. Das weiß auch Wirtschaftsminister Habeck, der erst in der Nacht zuvor zurückgekehrt ist von seiner Energie-Einkaufstour in den Emiraten und Katar.

Umso größer ist deshalb die Hoffnung, dass nicht nur der Wirtschaftsstandort Berlin und Brandenburg von Tesla profitiert, sondern auch die Industrie in ihrem Transformationsprozess angetrieben wird. Lobbyisten und Politik halten sich in ihrer Hoffnung jedenfalls nicht zurück.

Industrie hofft auf „Wettbewerb der Ideen“

„Dass Tesla sich für Grünheide entschieden hat, zeigt, wie attraktiv die deutsche Automobilindustrie ist“, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Durch die Ansiedlung werde der „Wettbewerb der Ideen“ angespornt, auch die Zulieferer würden profitieren.

Allerdings müssten sich die deutschen Automobilhersteller vor Tesla „keinesfalls verstecken“. Mit ihren Investitionen in Forschung und Entwicklung demonstriere die Branche „ihre Entschlossenheit, die Transformation zu einer Erfolgsgeschichte zu machen, international voranzugehen und die Standards zu setzen“, ist Müller, die Tesla gerne für ihren Verband gewinnen will, überzeugt: „Deutschland ist der automobile Innovationstreiber für die Welt.“

Auch von Verkehrsminister Wissing gibt es warme Begrüßungsworte. „Die Eröffnung des Tesla-Werks in Brandenburg zeigt, dass Deutschland der bedeutendste Automobilstandort Europas ist“, sagte der FDP-Politiker. Dies müsse allerdings auch über den Transformationsprozess hinaus erhalten bleiben. Beim Auto wie bei allen anderen Verkehrsträgern und Verkehrsbereichen unterstütze die Regierung den Umstieg hin zu klimafreundlicher Mobilität, erklärte Wissing – denn klar sei: „Das Auto bleibt für den Individualverkehr auch in Zukunft unverzichtbar.“

„Made in Germany“ dank Milliarden-Subventionen

Wie unverzichtbar sind aber solche „Gigafactorys“ ausländischer Investoren, wenn der Wirtschaftsstandort Deutschland zwar wachsen, aber gleichzeitig unabhängiger werden will? Wird „Made in Germany“ mit dieser Strategie tatsächlich „great again“? Kaum.

Vielmehr braucht es dafür mehr als Investoren aus dem Ausland, zu denen künftig auch US-Chiphersteller Intel mit einem neuen Werk in Magdeburg gehören will. Freilich unterstützt mit Milliarden-Subventionen. 

Reinhard Houben rät deshalb, von Elon Musk zu lernen. Er zeige, dass es „sich lohnt, technologisch ausgetretene Pfade zu verlassen und ganz neue Wege zu gehen“, sagt der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP im Bundestag. Denn bestehende Technologien zu optimieren, könne „durchaus sinnvoll sein, kommt früher oder später aber an ihre Grenzen und rechnet sich ab einem bestimmten Punkt auch nicht mehr“, mahnt er nicht nur in Richtung der deutschen Autoindustrie.

Habeck will „Tesla-Geschwindigkeit“ einschalten

Auch wenn die Gigafactory in Grünheide eine „immense Symbolwirkung für den Standort Deutschland“ habe, müsse an der eigenen Wettbewerbsfähigkeit gearbeitet werden, fordert Houben: „Deutschland muss beim Thema Digitalisierung endlich Gas geben – auch in ländlichen Regionen muss die Digitalisierung ankommen.“ Fast noch wichtiger sei jedoch, „das Planungsrecht zu entschlacken und zu beschleunigen.“

„Tesla-Geschwindigkeit“ hatte auch Robert Habeck kürzlich gefordert angesichts der Bauzeit von lediglich zwei Jahren, da ging es um die Energie-Infrastruktur – aber gilt das Ende der Schlafmützigkeit künftig auch für die gesamte Industrie?

Tesla zeige, dass „Planung und Genehmigung in Deutschland auch mal zügig über die Bühne gehen können“, ist Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen, überzeugt. Aber „auch mal“ reicht eben nicht angesichts des Transformationsprozesses, vor dem die Wirtschaft steht. Und Janecek warnt, nicht immer sofort das Portemonnaie zu öffnen: „Bei staatlichen Fördergeldern müssen wir immer genau hinschauen, was wirklich gebraucht wird und was nicht.“



Hunderte Stellen sind ausgeschrieben

Was Elon Musk aktuell noch braucht, sind Arbeitskräfte. Mehrere hundert Stellen sind auf der Website des Unternehmens für Grünheide ausgeschrieben, von Polierern bis Programmierern muss auch das Recruiting in Tesla-Geschwindigkeit ablaufen, um die Produktion hochfahren zu können.

Die ersten Wagen sind allerdings schon produziert, Musk will die ersten 30 Stück heute persönlich an Kundinnen und Kunden übergeben – gespielt wird dazu allerdings eine besondere Begleitmusik: Mit scheppernden Wassereimern und Kochlöffeln wollen Umweltverbände und die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) vorm Werkstor gegen die Eröffnung protestieren. Elon Musk wird sie wohl nicht hören.

Lesen Sie auch: Die wahre Gigafactory steht in Schwarzheide

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