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Tesla Quartalszahlen „Unsere Fertigung wird unterschätzt“ – Musk ärgert sich trotz neuer Rekorde

Elon Musk hat Grund zum Tanzen: Mit seiner Strategie erreicht Tesla erneut einen Quartalsgewinn. Quelle: imago images

Tesla hat zum fünften Mal in Folge einen Quartalsgewinn erzielt. Die eigentliche Stärke, verrät Firmenchef Elon Musk, sei eine Besonderheit, die traditionelle Autohersteller nicht nachahmen können.

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Elon Musk hielt sich gar nicht lange mit der Vorrede auf. „Wir hatten das beste Quartal unserer Geschichte“, jubelte der Tesla-Chef bei der Diskussion der Zahlen des dritten Quartals 2020. „Ich war noch nie so optimistisch wie heute“. Mit einem Umsatz von 8,7 Milliarden Dollar hat Tesla die Schätzungen der Wall Street um eine beachtliche halbe Milliarde Dollar übertroffen. Zum fünften Mal in Folge gelang ein Quartalsgewinn, diesmal von 331 Millionen Dollar, wobei ein großer Teil aus dem Handel mit Emissionsrechten stammt. Das Finanzpolster ist auf 14,5 Milliarden Dollar angeschwollen. Vom baldigen Bankrott redet außer einigen Leerverkäufern niemand mehr. Der erste Jahresgewinn der Geschichte rückt in greifbare Nähe.

Obwohl die Coronapandemie das Werk in Fremont im Frühjahr für sechs Wochen lahmlegte, ist Finanzchef Zach Kirkhorn zuversichtlich, das Jahresziel von einer halben Million ausgelieferten Fahrzeuge zu erreichen: „Es ist herausfordernd, aber möglich.“ Dabei hilft, dass im vierten Quartal traditionell viele Fahrzeuge verkauft werden. Tesla muss bis Jahresende noch mindestens 182.050 Fahrzeuge ausliefern, um seine Vorgabe zu erreichen. Für nächstes Jahr wird wahrscheinlich eine neue Zielmarke von einer Million Teslas gesetzt, auch wenn Kirkhorn und Musk das erst Ende des Jahres bekanntgeben wollen.

In Shanghai ist Tesla dabei, das Werk zu erweitern. Nahe Berlin und im texanischen Austin werden neue Fabriken hochgezogen. Wobei Musk bei Giga Berlin in Sachen Fortschritt kurz zögerte, um dann aber den Produktionsstart im nächsten Jahr zu bekräftigen. Allerdings werde es - wie generell bei neuen Werken üblich - zwischen 18 und 24 Monate dauern - bis die volle Kapazität erreicht sei. Berlin bekomme eine eigene Akkuproduktion, die derzeit in einer Pilotanlage im Stammwerk Fremont entwickelt wird. Allerdings erwartet Musk, erst 2022 in größerem Umfang die eigenen Akkus zu nutzen. Sollte es zu unerwarteten Schwierigkeiten bei der Entwicklung kommen, habe man Vorsorge getroffen. Die oft geäußerte Befürchtung, dass Tesla Milliarden von Dollar in eigene Akkus investiere, die dann von neuer Technologie überholt werden könnten, sieht Musk nicht. „Wir sind da total agnostisch“, betont er. Was heißen will, dass man die Beschaffenheit der Akkuzellen schnell ändern kann, wenn es Besseres gibt. Wobei der Tesla-Chef bei Festkörperakkus, die als neue Wundertechnologie gehandelt werden - unter anderem von Volkswagen - skeptisch ist. Aber wenn sie tatsächlich verfügbar und günstiger sei, werde man sich dem nicht verschließen.

Da Musk mit Tesla schon seit zehn Jahren an der Börse operiert, obwohl er das zwischenzeitlich wegen der ständigen Kritik bereut hat, ist ihm bewusst, dass gegenwärtige Erfolge weit weniger gelten als zukünftige Errungenschaften. Anleger bei Laune gehalten werden müssen. Besonders jetzt, wo Tesla mächtig bei der Börsenbewertung zugelegt hat und mit fast 400 Milliarden Dollar mit Abstand der wertvollste Autohersteller der Welt ist.



Musk tat dies am Mittwoch, indem er auf die vielen Möglichkeiten hinwies, die noch in Tesla stecken. Vor allem im Solargeschäft, dessen Übernahme strittig ist. Bei den Solardächern werde man „im nächsten Jahr sehen was dort noch drin steckt und viele werden überrascht sein“, lockte er.

Seine künftige Robotaxi-Flotte, an der jeder Besitzer eines Teslas teilnehmen und Geld verdienen kann, pries er als eine neue Generation von Uber. Noch muss Musk beweisen, dass das autonome Fahren sicher genug ist, damit es im öffentlichen Straßenverkehr genehmigt und auch akzeptiert wird. Ein größerer Unfall könnte dies zunichte machen. Musk war beim Zeitplan des autonomen Fahrens zu optimistisch. Nun zielt er darauf, dank einer völlig neu geschriebenen Software die Betaversion des autonomen Fahrens bis Ende des Jahres in den USA auszurollen, allerdings weiterhin mit dem Fahrer hinter dem Steuer, der jederzeit eingreifen kann.

Musk vertraut auch weiterhin darauf, dass die Kameras der Teslas für die Navigation ausreichen. LiDAR-Sensoren, die Abstands- und Geschwindigkeit via Laserstrahl messen, was Wettbewerber wie Waymo aus Sicherheitsgründen für dringend nötig erachten, würde er nicht nutzen, selbst wenn sie gratis wären.

Am interessantesten sind jedoch Musks Ansichten zur Fahrzeugproduktion. Es ärgert ihn schon lange, dass „unsere Fertigung so unterschätzt wird, dabei ist sie unser größter Vorteil überhaupt.“ Zwar kommt natürlich Tesla nicht ohne Zulieferer aus, aber das Unternehmen macht so viel wie möglich intern. Da gereicht ihm zum Vorteil, dass ein Elektroauto weniger Komponenten benötigt.

Teslas geringen Zulieferer-Verbindungen gehen gegen den Branchentrend. Die traditionellen Autohersteller haben in den vergangenen Jahrzehnten viel an ein Netz von Zulieferern ausgelagert, eigene Produktion zurückgefahren und sich stärker auf Fahrzeugentwicklung und das Pflegen der Marke konzentriert. Dadurch sind viele Zulieferer und große Auftragsfertiger entstanden wie Magna International, wo Jaguar seinen Elektro-SUV i-Pace bauen lässt. Der ehemalige Jaguar-LandRover-Entwicklungsvorstand Wolfgang Ziebart wollte Fabriken noch nicht einmal geschenkt haben. Auch Ex- BMW-Finanzvorstand Stefan Krause sah sie eher als kapitalintensiven Klotz am Bein, besonders wenn die Nachfrage nach Fahrzeugen zurückging.

Musk hat das schon immer anders gesehen und sich noch nicht einmal gescheut, im teuren Kalifornien eine Autoproduktion hochzuziehen. Auch wenn seine Träume von einer vollautomatischen Fabrik nicht aufgegangen sind. Peter Rawlinson, ehemaliger Chefingenieur des Tesla S und nun CEO des Tesla-Herausforderers Lucid Motors sieht die Vorteile einer eigenen Fertigung ebenso wie sein ehemaliger Chef. In Casa Grande in Arizona hat Lucid gerade trotz begrenzten finanziellen Ressourcen eine Fabrik gebaut, die vom ehemaligen Tesla-Produktionschef Peter Hochholdinger geleitet wird. Apples Auftragsfertiger Foxconn wittert eine große Chance in der Autoindustrie. Der iPhone-Produzent hat eine eigene Elektroauto-Plattform entwickelt, investiert in den chinesischen Tesla-Konkurrenten Xpeng und will für FiatChrysler Elektroautos fürs Reich der Mitte bauen.


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Laut Musk müsste die ganze Autobranche sich viel stärker vertikal integrieren, also noch mehr im eigenen Konzern machen, die Fertigungstiefe erhöhen. Tesla jedenfalls werde das ausbauen. Das Tesla so stark vertikal integriert sei, mache es auch schwer, Tesla zu kopieren. „Wir entwickeln sogar unsere eigenen Maschinen“, sagt Musk. „Wir schreiben unsere eigene Software, inklusive der für die Unternehmenssteuerung.“ Zudem habe man gegenüber klassischen Autoherstellern den Vorteil, dass man das Vertriebsnetz in der eigenen Hand habe. Zudem habe man durch den direkten Kontakt zu den Kunden auch ein eigenes Versicherungsgeschäft starten können, dessen Margen „sehr interessant“ seien.

Nehmen sich traditionelle Autohersteller nun Tesla zum Vorbild und integrieren zurück? Viele Zulieferer sind angeschlagen, die Preise günstig. Aber es ist unwahrscheinlich. Es wäre eine weitere Bürde für Autokonzerne, die den Wechsel vom Verbrenner auf elektrische Antriebe vollziehen müssen. Und schon jetzt an eigenen Programmen wie etwa autonomen Fahrzeugen sparen müssen, um ihre Kosten in den Griff zu bekommen. Tesla scheint derzeit uneinholbar.

Mehr zum Thema: Tesla steigt in die Produktion eigener Akkus ein, um in den nächsten drei Jahren endlich ein kostengünstiges Elektroauto auf den Markt zu bringen.

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