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Nächster Knall Wirecard-Vorstandschef Braun tritt zurück

Markus Braun, Wirecard-Chef, gibt seinen Posten mit sofortiger Wirkung auf. Quelle: Foto: Getty Images, Illustration: WirtschaftsWoche

Aktionärsvertreter fordern schon länger den Abgang von Wirecard-Chef Markus Braun. Jetzt wirft der Österreicher, der das IT-Start-up zu einem Dax-Konzern aufgebaut hat, das Handtuch. Anleger hoffen auf rasche Aufklärung.

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Wirecard-Vorstandschef Markus Braun tritt im Zuge des Bilanzskandals bei dem Dax-Konzern mit sofortiger Wirkung zurück. Interimschef wird der erst am Vorabend in den Vorstand berufene US-Manager James Freis, wie Wirecard am Freitag in München mitteilte. Braun hat den in Not geratenen Konzern nach seinen Worten aus eigenem Antrieb verlassen.

Wirecard habe ein exzellentes Geschäftsmodell, herausragende Technologie und ausreichende Ressourcen für eine große Zukunft, schrieb Braun am Freitag in einer auf Englisch verfassten persönlichen Erklärung an Mitarbeiter und Aktionäre. „Ich will diese Zukunft nicht belasten.“ Er habe den Vorsitzenden des Aufsichtsrats am Vormittag über seine Entscheidung informiert. „Mit meiner Entscheidung respektiere ich die Tatsache, dass die Verantwortung für alle geschäftlichen Transaktionen beim Vorstandschef liegt.“

Der Führungswechsel ist bei Anlegerschützern auf Zustimmung gestoßen. „Der Rücktritt ist konsequent und überfällig“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler, am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. Durch den Abgang von Vorstandschef Braun sei der Weg für eine Aufklärung frei geworden. „Das kann aber erst der Anfang sein“, betonte DSW-Experte Tüngler. „Wir erwarten weitere Schritte. „Vor allem muss geklärt werden, wo das Geld geblieben ist.“

Der Zahlungsabwickler ist seit über einem Jahr in Bedrängnis, seit die Londoner „Financial Times“ dem Management in einer Serie von Artikeln Bilanzmanipulationen vorwarf. Am Donnerstag hatte Wirecard schließlich offenbart, dass die Bilanzprüfer Zweifel an der Existenz von 1,9 Milliarden Euro haben, die auf Treuhandkonten in Asien verbucht wurden. Es gebe Hinweise auf falsche Angaben zu Täuschungszwecken. Daher hatte Wirecard die Vorlage der Jahresbilanz erneut verschoben. Wirecard selbst fürchtet einen „gigantischen“ Milliardenbetrug und will Strafanzeige erstatten.

Die Ungereimtheiten bei Wirecard haben bei Aufsichtsräten Sorgen vor einer Beschädigung des Börsenstandorts Deutschland ausgelöst. „Der Fall macht einen sprachlos. Die Kontrollmechanismen haben offenbar versagt“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD), Peter Dehnen, zu Reuters. Zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sei es bislang nicht gelungen, Klarheit zu schaffen. Die offenen Fragen müssten rasch geklärt werden. „Geschieht dies nicht oder erweist sich, dass die genannten Gelder weg sind, werden noch mehr aus der Aktie aussteigen.“ Schon jetzt sei der Börsenwert so stark gefallen, dass ein Investor das Unternehmen vergleichsweise günstig übernehmen könnte. „Es ist viel Vertrauen verspielt worden. Dies ist eine Gefahr für den Börsenstandort Deutschland. Wir brauchen mehr Aktionäre und nicht weniger.“

Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab, sowohl an Ladenkassen als auch online. Aktionärsvertreter hatten den Rücktritt Brauns mehrfach gefordert, um rasch für Aufklärung zu sorgen. Auch drohen eine Klagewelle sowie der Verlust von Milliardenkrediten. Wenn das Unternehmen bis zum heutigen Freitag keinen von Wirtschaftsprüfern testierten Jahres- und Konzernabschluss vorlege, könnten Kredite von etwa zwei Milliarden Euro gekündigt werden, hatte Wirecard am Donnerstag bekannt gegeben.

Der neue Chef Freis hat nun eine Mammutaufgabe vor sich, dabei kennt er das Unternehmen noch gar nicht. Eigentlich hätte er erst am 1. Juli starten sollen. Nun muss er Verhandlungen mit Banken führen, das Vertrauen bei Investoren wieder herstellen und dafür sorgen, dass sich wegen des Bilanzskandals nicht auch noch Kunden abwenden. Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann, der selbst erst seit Jahresanfang das Kontrollgremium leitet, holt sich einen Vertrauten an Bord. Die beiden kennen sich von ihrer gemeinsamen Zeit bei der Deutschen Börse. Freis leitete dort das Compliance-Geschäft, Eichelmann war einige Jahre Finanzvorstand.

Die Staatsanwaltschaft München will sich derweil bei ihrem Vorgehen im Fall Wirecard vorerst nicht in die Karten schauen lassen. „Wir ermitteln insgesamt ergebnisoffen im gesamten Sachverhalt Wirecard, einschließlich der aktuellen Ereignisse“, teilte eine Sprecherin am Freitag mit. Die Strafverfolger hatten Ermittlungen gegen die bisherigen vier Vorstandsmitglieder aufgenommen. Diese werden beschuldigt, den Markt über eine Sonderprüfung durch KPMG nicht korrekt informiert zu haben. Wirecard hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Zudem steht eine Reihe von Anlegern und Journalisten seit längerer Zeit im Visier der Ermittler, ebenfalls wegen des Verdachts der Marktmanipulation.

Im Zusammenhang mit dem Bilanzskandal hat die Staatsanwaltschaft München nach eigenen Angaben keine Anzeige der Wirecard erhalten und erwartet auch keine. „Möglichweise sollte diese Anzeige im Ausland erstattet werden“, erläuterte die Sprecherin. Die Ermittlungen in Deutschland seien laut Gesetz in diesem Fall ohnehin nicht davon abhängig, ob jemand Anzeige erstatte.

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