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Booking und ExpediaEU-Regelung soll Hoteliers stärken – und nützt nur den US-Plattformen

Das EU-Gesetz über digitale Märkte soll Verbraucher und heimische Unternehmen stärken. Tatsächlich drohen vor allem US-Portale wie Booking und Expedia zu profitieren.Rüdiger Kiani-Kreß 03.12.2024 - 17:19 Uhr

Ein neues EU-Gesetz sollte kleine Hotels stärken. Tatsächlich jedoch bringt es sie in Bedrängnis.

Foto: WirtschaftsWoche

Die beiden Politiker waren bester Laune, als sie Ende März 2022 im EU-Parlament in Brüssel standen. „Wir können stolz sein auf die neuen Regeln“, lobte die damalige Wettbewerbskommissarin Margarethe Vestager das gerade beschlossene „Gesetz über digitale Märkte“. Das auf Englisch Digital Markets Act (DMA) genannte Regelwerk werde die Macht der großen Internetkonzerne bremsen. So bekämen kleinere europäische Unternehmen einen besseren Marktzugang und Verbraucher niedrige Preise. „Das ist eine neue Ära“, jubelte ihr für den Binnenmarkt zuständige Kabinettskollege Thierry Breton.

Zumindest im Hotelgeschäft jedoch verkehrt sich seit einer Woche die gute Absicht ins Gegenteil. Denn um die Verordnung zu erfüllen, hat Digitalriese Google auf seinen Seiten die Zimmersuche stark verändert. Doch davon würden „nur große Online-Plattformen wie Booking.com auf Kosten der Hotels profitieren“, fürchtet Otto Lindner, Vorsitzender des Hotelverbands Deutschland (IHA) und Mitinhaber der Lindnerhotels. 

Zweistelliger Gegenwind

Der Wettbewerb im Übernachtungsgeschäft ist ohnehin bereits recht einseitig wegen der starken Stellung von US-Zimmervermittlern wie Expedia und der Booking Holding, zu der neben Booking.com auch weitere Hotelplattformen wie Agoda oder Momodo gehören. Beide zusammen kommen bei Onlinebuchungen auf einen Marktanteil von 85 Prozent. Wegen des DMA werde die Konkurrenz aber derzeit keineswegs „fairer und intensiver“, wie es Breton und Vestager versprachen. Stattdessen sei bei der Zimmersuche im Internet gerade für die vielen mittelständischen Betriebe zunehmend. „Die Sichtbarkeit verringert sich und die Abhängigkeit von Drittanbieter-Plattformen nimmt weiter zu“, so der Verband.

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Selbst bei Online-Plattformen wie die weltweit führende Hotelsuchmaschine Trivago aus Düsseldorf leiden die Buchungen. „Wir erfahren einen starken zweistelligen Gegenwind“, sagt Johannes Thomas, der Chef des Portals, das zwar zu gut 60 Prozent Expedia gehört, aber wirtschaftlich weitgehend eigenständig agiert. „Die Taktiken von Google ersticken Innovationen, da kleine und mittlere Unternehmen Schwierigkeiten haben, wettbewerbsfähig zu sein.“

Dagegen bekommen laut einer Untersuchung der Branchenplattform Mirai die Marktführer Booking und Expedia derzeit deutlich mehr Buchungen. Zwar nennen beide keine Zahlen. „Bei denen müssen die Kunden landen, die den anderen fehlen“, so die Untersuchung.

Gedacht war das eigentlich anders. Der DMA soll „Gatekeeper“ genannten führenden Startpunkten im Internet wie Amazon, der Facebook-Mutter Meta oder Google unter anderem verbieten, eigene Angebote „gegenüber ähnlichen Dienstleistungen oder Produkten, die von Dritten auf der Plattform des Gatekeepers angeboten werden, in puncto Reihung bevorzugt behandeln“, heißt es von der EU

Bis zu 80 Milliarden Strafe drohen

Wer dagegen verstößt, muss hohe Strafen fürchten „von bis zu 10 Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes des Unternehmens bzw. bis zu 20 % bei wiederholter Zuwiderhandlung“, so die EU-Vorschrift. Das wären etwa bei Amazon bis zu 80 Milliarden Euro und bei der Google-Mutter Alphabet bis zu 60 Milliarden.

Im Übernachtungsgeschäft zielt das bisher vor allem auf Google. Die dominierende Suchmaschine stellte bis zur vorigen Woche bei Anfragen vor die von Unternehmen bezahlten Werbeplätzen und normale Treffer gleich zwei eigene Gruppen von Ergebnissen: eine Hotelliste oft mit Fotos, Preisen und von Google gesammelten Kundenbewertungen. Dazu gab es eine Karte des hauseignen Dienstes Google Maps mit der Lage und einem Preis. Und wer auf ein bestimmtes Hotel ging, bekam meist eine Liste, was das günstigste Zimmer bei verschiedenen Vermittlern und dem Hotel direkt gebucht kostet. Klicks auf diese Angebote ließ sich der US-Konzern regelmäßig bezahlen.

Und die Felder wurden mit den Jahren immer größer, merkten hauptberufliche Hotelvermittler wie Trivago-Chef Thomas. „Google verkleinerte schrittweise die Sichtbarkeit organischer Suchergebnisse immer stärker, während bezahlte Anzeigen mehr Platz bekamen“, so der Manager. „Ich denke, das hat spürbar zum Rückgang der Direktbuchungen beigetragen.“ Dagegen half es den großen Vermittlern wie Booking zur mit Abstand wichtigsten Anlaufstelle für Hotelkunden zu werden.

Zahlen oder untergehen

Das Modell hielten vor allem kleinere Vermittlungsdienste wie Trivago, Tripadvisor oder die deutsche HRS für eine Art Verdrängungswettbewerb. Denn die erste Ergebnisseite bestand fast immer aus Google-Geschäften und den Werbeplätzen anderer Internetriesen wie Booking oder Expedia. Wollten Trivago & Co. dazwischen nicht untergehen , mussten auch sie zahlen. Zudem kopierte Google mit der Kombination aus Preisvergleich, Lage und Kundenbewertung nicht nur das Geschäftsmodell der kleinen Portale. Weil der Riese mehr Kundenkontakte hat, waren seine Daten oft ähnlich gut.

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Vor allem die kleineren Hotelunternehmen profitierten von diesem System jedoch auch. So konnten sie leere Zimmer günstiger füllen. Denn während Booking pro Buchung 15 Prozent und mehr der Rate verlange, kostete die Vermittlung bei Google Centbeträge.

Plötzlich nur noch Blue Links

Das ist jetzt anders. Angesichts der drastischen Strafen änderte Google nun das Modell in zwei Stufen. In der jüngsten verzichtet der Konzern seit Ende November komplett auf die eigenen Ergebnisfelder. Stattdessen gibt es wie in den ersten Jahren nur eine weitgehend schmucklose Reihe bezahlter und echter Treffer, nach der Farbe der Hauptzeile „Blue Links“ genannt. Offiziell ist das ein Test, der erstmal nur in Deutschland, Belgien und Estland läuft.

Mit der Schlichtheit erfüllt Google den DMA – aber bestenfalls dem Wortlaut nach, und definitiv nicht dem verbraucherfreundlichen Geist nach, glauben Hoteliers. „Nun fehlen wertvolle Funktionen wie Karten, Preisvergleiche und Direktbuchungslinks, die Reisenden Orientierung und Direktbuchungen erleichtern,“ kritisiert IHA-Geschäftsführer Tobias Warnecke. An die Stelle dieser Dienste treten nun vor allem gekaufte Ergebnisse. Sie füllen nun zunehmend die ersten Plätze der Trefferliste, über die nur wenige Kunden hinausgehen.

Darum fordern vor allem die Hoteliers, dass die EU nun erneute Änderungen durchsetzt. „Wir erwarten von den Europäischen Institutionen, Fairness, Transparenz und eine direkte Interaktion zwischen Anbietern und ihren Kunden auch auf digitalen Märkten und zu sichern, statt die Dominanz weniger mächtiger Online-Vermittler auch noch zu festigen,“ fordert IHA-Vorsitzender Lindner.

Und der Verband hat auch schon eine Lösung parat: eine Rückkehr der alten Hotelkästen in zwei Formen. Einer listet Angebote der Hotels selbst, die Google möglichst gratis auf die Buchungsseiten leiten sollte. Der andere enthält die Offerten der Vermittler.

Und damit könnte wohl auch Google leben. „Denn es bleibt ja noch genug Raum für Anzeigen“, so ein Hotelier.

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