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Carsharing in der Coronakrise „Die Zeit ist perfekt, um die Mobilität dauerhaft zu verändern“

Gunnar Froh, Gründer von Wunder-Mobility. Quelle: Schoesslers gmbh

Die Coronakrise ließ die Sharing-Nutzerzahlen rasant abstürzen. Nun bessert sich die Lage langsam, sagt Wunder-Mobility Gründer Gunnar Froh. Er glaubt, dass die Zeit gekommen ist, neue Mobilitätskonzepte zu entwickeln.

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Sharing-Größen wie Miles, emmy und Daimler (ShareNow) zählen zu seinen Kunden: Gunnar Froh entwickelt mit seinem Unternehmen Wunder Mobility die Technologie und Software für Car- und Ridesharing-Anbieter. Durch die Coronakrise mussten viele Sharing-Betreiber allerdings auf neue Probleme reagieren und eigene Lösungen entwickeln. Eine zentrale Übersicht für die Nutzer mit den veränderten Angeboten gab es nicht.

Das brachte Froh dazu, die Plattform #weallmove ins Leben zu rufen. Mit dem Netzwerk will er die verschiedenen Angebote der Sharing-Anbieter zentral bündeln. Firmen und Einzelpersonen, etwa aus dem medizinischen Bereich oder von Lieferdiensten, sollen so das zu ihren Bedürfnissen passende Sharing-Angebot finden. Mittlerweile haben sich dem Projekt mehr als 65 Mobilitätsunternehmen aus Europa, den USA und Südamerika angeschlossen.

WirtschaftsWoche: Herr Froh, Deutschland fährt langsam wieder hoch und die Homeoffice-Zeit geht zu Ende. Die Bahn wollen trotzdem viele Menschen wegen hygienischer Bedenken nicht so gerne für den Weg zur Arbeit nutzen. Müsste sich die Lage für Sharing-Anbieter nicht jetzt wieder verbessern?
Gunnar Froh: Nachdem vor sieben Wochen hierzulande viele Anbieter 60 bis 80 Prozent weniger Fahrten hatten, sehen wir, dass die Nachfrage wieder ins Rollen kommt. Aktuell liegen die Zahlen wieder auf dem Vor-Krisenniveau aber noch nicht da, wo sie saisonal bedingt eigentlich sein sollten. Im Mai rechnen wir damit, dass die Zahlen auch in anderen Ländern wie Spanien wieder steigen werden.

Mit #weallmove wollen Sie die verschiedenen Angebote für die Sharing-Nutzer bündeln und übersichtlicher machen. Klappt das bisher?
Wir haben es geschafft, dass sich die Kommunikation zwischen Sharing-Anbieter und den Städten verbessert hat. Es gibt schon dutzende Beispiele weltweit, in denen Unternehmen über die Plattform ihre Fahrzeuge finden konnten. Mittelfristig soll das Projekt dazu beitragen, dass eine Art Interessenvertretung für die Anbieter entsteht.

Der Anbieter ShareNow hat wegen der Coronakrise einen Teil seiner Flotte vom Markt genommen. Dahinter stehen die großen Autobauer Daimler und BMW. Befürchten Sie, dass die Konzerne den Betrieb aus Kostengründen ganz einstellen?
Schon im letzten Jahr vor Corona war das komplette Now-Angebot auf dem Weg in die Konsolidierung. Verschiedene Projekte wurden nicht mehr fortgeführt. Ich vermute, dass es bei ShareNow zu einer Fokussierung auf bestimmte Angebote kommt auch vor dem Hintergrund, dass BMW wohl aus dem Unternehmen aussteigen will. Daimler wird ShareNow trotzdem weiter fortführen und investiert aktuell weiter in die Flotte. Einen großen Vorteil hat ShareNow auch gegenüber seinen Konkurrenten: Durch die Größe und Reichweite könnte das Unternehmen in Zukunft auch regional nicht nur seine Angebote, sondern auch die der anderen Anbieter in seiner App zeigen.

Was sollten Sharing-Anbieter ändern, um die Menschen wieder häufiger anzulocken?
Sie sollten weg von ihren starren Preismodellen und sich vielmehr mit flexiblen Nutzungsmodellen an die Anforderungen ihrer Nutzer anpassen. Da haben die Betreiber jetzt die Chance, sich um die Kunden zu kümmern, die bisher den ÖPNV genutzt haben und den jetzt meiden. Viele dieser Menschen suchen nun angemessene und flexible Fahrzeuge als Alternative, ohne sich sofort ein eigenes Auto zuzulegen. Darüber hinaus können Städte Fahrräder pushen. Sie könnten die Leute damit weg von motorisierten Fahrzeugen und rauf auf elektrische oder ganz klassische Räder bekommen. Die Zeit ist perfekt, um die Mobilität dauerhaft zu verändern.

Bedeutet das für die Anbieter auch, Alternativen zu den klassischen Sharing-Autos zu finden?
Zumindest sollten sie es in Betracht ziehen. Elektrische Zweiräder etwa sind im starken Wachstum in Deutschland. Vor drei Jahren hatten wir noch 8000 Elektro-Moped Zulassungen in Deutschland, letztes Jahr fünfzigtausend und in diesem Jahr rechnen wir mit über einhunderttausend Neuzulassung. In den kommenden Jahren kommen wir in Größenordnungen, die, wenn sie für Leute das Auto ersetzen, auch für die Autoindustrie interessant werden müssen. Die Autobauer gehen bisher davon aus, dass sie Autos bauen und wenn sie wollen auch im Carsharing-Markt mitmischen. Es geht dann aber nicht nur darum, dass ihre Autos gebucht werden, sondern auch neue Fahrzeugklassen, wie die Elektro-Mopeds in das Sortiment aufzunehmen.

Machen die Hersteller das denn?
Die Autobauer haben zwar alle eigene Roller-Modelle, die sind in der Produktion aber viel zu teuer, um sie in das Sharing-Sortiment aufzunehmen. Aktuell profitiert VW beispielsweise durch die Miles-Polos. Das wird aber nicht mehr lange funktionieren, da die Städte solche Diesel-Fahrzeuge langfristig nicht mehr erlauben werden. In Zukunft werden mehr Elektro-Zweiräder als Autos im Sharing-Einsatz sein. Solche Fahrzeuge hat VW nicht bzw. nicht zum richtigen Preis.

Mehr zum Thema
Die Carsharing-Flotten von Share Now, Cambio und Miles bekommen die Beschränkungen der Coronakrise unterschiedlich zu spüren. Wie die Anbieter damit umgehen, lesen Sie hier.

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