Nürburgring-Desaster: Eine Blamage für alle Beteiligten
Die legendäre Rennstrecke versinkt immer tiefer im Sumpf der Unfähigkeit von Sanierern und Beratern, Managern und Politikern.
Foto: dpaDer Mythos Nürburgring ist weltbekannt, er steht für dramatische Rennen, für grandiose Siege und für bittere Niederlagen. Auf der Piste macht der schmale Grat zwischen Triumph und Tragödie die Spannung aus, abseits des Renngeschehens aber fabriziert die „Grüne Hölle“ seit geraumer Zeit recht einseitige Resultate: massenweise Verlierer. Jetzt steht der Verkauf des insolventen Nürburgrings an den Düsseldorfer Automobilzulieferer Capricorn und dessen Co-Investor Getspeed vor dem Aus – und das schier unendliche Ring-Drama hat ein neues, düsteres Kapitel.
Die jüngste Episode ist eine Blamage für alle Beteiligten, vom Käufergespann über die Insolvenzverwalter und ihre Berater von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, von der rheinland-pfälzischen Landesregierung bis zur EU-Kommission. Keiner von ihnen hat sich mit Ruhm bekleckert, alle haben sie dazu beigetragen, dass sich nun noch viel größere Probleme abzeichnen.
Zwischen Rücktrittsforderungen und Bonitätszweifeln, zwischen Klageandrohungen und der verzweifelten Suche nach neuen Geldgebern bleibt inzwischen nur noch eine sinnvolle Lösung: Ein radikaler Schnitt und eine komplette Neuausschreibung.
Der von 2007 bis 2009 gebaute Freizeit-, Gastronomie- und Hotelkomplex an der weltbekannten Rennstrecke in der Eifel wurde mit öffentlichen Mitteln finanziert, weil private Geldgeber absprangen. Statt der veranschlagten 150 kostete das Projekt rund 330 Millionen Euro. Weil der Freizeitpark rote Zahlen schreibt, diskutieren rheinland-pfälzische Politiker dessen Schließung.
Foto: PressebildDie superschnelle, 13 Millionen Euro teure Achterbahn wurde 2009 gebaut. Sie beschleunigt in 2,5 Sekunden von 0 auf 217 Stundenkilometer.
Nach zwei Test-Unfällen mit sieben Verletzten verweigert der TÜV die Betriebsgenehmigung und legte einen neuen Termin auf Juni 2011.
Foto: PressebildEin 15 000 Quadratmeter großer Indoor-Freizeitpark, der für 500 000 Gäste pro Jahr geplant war. Tatsächlich kamen 2010 weniger als halb so viele. Die neue Planzahl liegt bei 170 000 Besuchern pro Jahr.
Foto: PressebildDer Boulevard ist eine 350 Meter lange, 9000 Quadratmeter große Einkaufspassage parallel zur Start- und Zielgeraden. Statt Läden gibt es einen Nissan-Showroom, ein RWE-Infocenter, Büros von ADAC und TÜV und einen wochentags geschlossenen Klettergarten. 2009 wurde ein Zehntel der geplanten Mieteinnahmen erzielt, für 2010 liegen noch keine Angaben vor.
Foto: PressebildEine Veranstaltungshalle am Ring-Boulevard mit 3500 Sitzplätzen und 1800 Quadratmeter Innenraum. Ende 2010 und Anfang 2011 fielen nach Angaben des Ring-Managements drei von vier geplanten Konzerten „wegen mangelnder Nachfrage“ aus.
Foto: PressebildDie Feier-Meile mit sieben Restaurants, Café und der Disco Eifel- Stadl sollte auch im Winter Leben in die Eifel bringen. Stattdessen sind Lokalitäten wie das Steakhaus „El Chueco“ derzeit oft geschlossen.
Foto: PressebildSeit 2009 betreibt Lindner das Congress- & Motorsporthotel (vier Sterne) mit 154 und das Eifeldorf Grüne Hölle (drei Sterne) mit 65 Zimmern. Das ältere Dorint-Hotel (vier Sterne) hat 207 Zimmer. Lindner vergibt die Doppelzimmer im Vier-Sterne- Haus schon mal für 65 Euro pro Nacht.
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Groß angelegte Geldsuche
Noch versuchen Käufer und Verkäufer, genau das zu verhindern, noch läuft die groß angelegte Geldsuche. Doch sie erscheint zunehmend als der hilflose Versuch, ein heillos wackliges und schiefes Konstrukt noch irgendwie durchzubringen. Die Lage am Ring ist verfahren bis zum Anschlag.
Die zweite Kaufpreisrate ist offen, die vom Käufer gegebenen Sicherheiten stehen in Frage. Capricorn um seinen Chef Robertino Wild, bisher Seniorpartner im Bietergespann, hat keine Kontrolle mehr über seine Anteile an der Käufergesellschaft, musste sie an einen Treuhänder übertragen. Capricorn und Getspeed sind mittlerweile zerstritten, das Geld für den Kaufpreis aber hat derzeit offensichtlich keiner.
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die den Käufern nach dem Zuschlag groß die Aufwartung gemacht hatte, gerät damit zunehmend in die Bredouille. Ende April noch hatte sie eine groß angelegte PR-Offensive für Capricorn und Getspeed gestartet, beide Firmen besucht, den Nürburgring besucht, mehrere Pressetermine absolviert.
„Der Nürburgring blickt nun mit dem neuen Investor in eine neue Zukunft“, sagte Dreyer damals. Am Dienstag nun musste sie in einer Regierungserklärung auch auf die aktuellen Entwicklungen eingehen. „Erfüllen Sie die Verträge“, sagte Dreyer an die Adresse der Käufer gerichtet – doch die stecken in weit größeren Schwierigkeiten, als bisher bekannt ist.
Kontopfändung bei Capricorn
Das Amtsgericht Düsseldorf bestätigte der WirtschaftsWoche auf Anfrage, dass es vor einem Monat, im September dieses Jahres, einen Kontopfändungsbeschluss gegen die Capricorn Holding GmbH erlassen hat. Mit dieser Maßnahme setzte ein Düsseldorfer Notar seine Forderung in einer Größenordnung von etwa 50.000 Euro gegen Capricorn durch, das Amtsgericht erließ einen so genannten „Pfändungs- und Überweisungsbeschluss“ für ein Firmenkonto bei der Düsseldorfer Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt. Die Forderung sei mittlerweile beglichen.
Das Amtsgericht Düseldorf bestätigte zudem, dass gegen die Capricorn Composite GmbH bereits im vergangenen Jahr ein Zwangsvollstreckungsverfahren lief. Capricorn Composite betreibt im Gewerbegebiet des kleinen Örtchens Meuspath unweit des Nürburgrings ein Werk, in dem Bauteile für Rennwagen aus Verbundwerkstoffen hergestellt wurden.
Auch an der Zahlungsmoral von Getspeed werden Zweifel laut. Das Unternehmen um Hauptgesellschafter Axel Heinemann – einen früheren Partner der Boston Consulting Group – sitzt ebenfalls in Meuspath im Gewerbegebiet und betreut unter anderem Rennfahrer, die ihre Autos dort für die Rennen vorbereiten lassen können.
Erst im September erhielt auch Getspeed unangenehmen Besuch: Ein Handwerker aus der Region hatte den Gerichtsvollzieher vorbei geschickt, um eine offene Rechnung einzutreiben. Die Forderung, die er erst mit Hilfe des Gerichtsvollziehers beglichen bekam, betrug vergleichsweise lächerliche 4500 Euro. Entsprechende Dokumente liegen der WirtschaftsWoche vor.
Flughafen Zweibrücken
Nach dem insolventen Nürburgring steht ein weiteres Projekt mit Steuergeld in Rheinland-Pfalz vor dem finanziellen Crash: Der Flughafen Zweibrücken in der Pfalz wird nach Ansicht von Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) Insolvenz anmelden müssen. Er rechne damit, dass die EU-Kommission die Rückzahlung von bis zu 56 Millionen Euro staatlicher Beihilfen fordern werde, sagte Lewentz. Der Flughafen Zweibrücken - wie der verschuldete Airport Frankfurt-Hahn ein früheres Militärgelände - hatte 2012 ein Minus von 4,6 Millionen Euro eingefahren. Im vergangenen Jahr stiegen die Verluste dann weiter, nach Ministeriumsangaben auf knapp 3 Millionen Euro.
Der Flughafen befindet sich zur Hälfte in Hand des Landes und zur Hälfte in kommunaler Hand. Er liegt nur rund 30 Kilometer vom Flughafen Saarbrücken entfernt. Die neuen Flugleitlinien der EU-Kommission verbieten Subventionen für zwei Airports, die weniger als 100 Kilometer auseinanderliegen.
Flughafen Leipzig/Halle
1994 wollte Sachsens damaliger Landesvater Kurt Biedenkopf (CDU) Leipzig, der einstigen DDR-Messehochburg ein Tor zur Welt zu bauen. Seit der deutschen Wiedervereinigung hatte der Landeplatz Leipzig/Halle von 600 000 auf gut zwei Millionen Kunden zugelegt. „Bald werden wir mehr als sechs Millionen Passagiere haben“, frohlockte der damalige Geschäftsführer Wolfgang Hesse und investierte eine Milliarde Euro, größtenteils in einen Terminal für 4,5 Millionen Passagiere pro Jahr.
Doch die Hoffnungen entpuppten sich als Größenwahn. Das Passagierwachstum stockte bereits, als der Terminal öffnete. 2011 hatte Leipzig/Halle gerade mal 86 000 mehr als vor eineinhalb Jahrzehnten.
Foto: Uwe SchoßigNürburgring 2009
Deutschlands bekannteste Formel-1-Rennstrecke sollte zum ganzjährigen Publikumsmagneten werden: Auf dem Nürburgring sollten Besucher einkaufen, Achterbahn fahren und bei den Gastronomen essen und trinken – auch abseits der Motorsportwochenenden. Das war das Ziel des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck, der das Projekt "Nürburgring 2009", das eigentlich privatwirtschaftlich finanziert werden sollte, mit Steuergeldern in Höhe von 330 Millionen Euro unterstütze.
Doch die Bilanz ist verheerend: Eine der Hauptattraktionen, die Stahlachterbahn „ring racer“, ist aufgrund von Sicherheitsbedenken jäh ausgebremst worden; aufgrund dubioser Geschäftspraktiken musste der ehemalige rheinland-pfälzische Finanzminister Ingo Deubel gehen – und die anvisierten Besucherzahlen von 500.000 pro Jahr wurden bei Weitem nie erreicht.
Foto: dpaTransrapid-Versuchsanlage Emsland
Der Transrapid war das Vorzeigeobjekt deutscher Ingenieurskunst. Die Magnetschwebebahn, geplant und entwickelt von Siemens und ThyssenKrupp, sollte zum Exportschlager werden. Um zu zeigen, was der Schnellzug kann, wurde im Emsland eine Teststrecke gebaut. Doch das Interesse blieb gering – sowohl im In- als auch im Ausland.
So scheiterte 2008 das letzte kommerzielle Projekt in Deutschland, die geplante Trasse zwischen dem Münchner Flughafen und dem Hauptbahnhof. Kommerziell vermarktet werden konnte die Technik damit nur einmal: Seit 2003 fährt der Transrapid in der chinesischen Metropole Shanghai.
Der Bund investierte rund 1,5 Milliarden Euro in den Transrapid und trägt nun auch die Kosten für den Abbau der Strecke in Höhe von etwa 40 Millionen Euro.
Foto: dpa
Kernkraftwerk Kalkar
Für etwa 3,4 Milliarden Euro (etwa sieben Milliarden Deutsche Mark) wurde bis 1985 das Kernkraftwerk Kalkar am Niederrhein gebaut. In Betrieb ging es aber nie. Der Grund: Nach massiven Protesten der Bevölkerung verweigerte die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen gegen den Willen der damaligen Bundesregierung die Betriebsgenehmigung. Die Risiken des Meilers seien nicht kalkulierbar, so die Begründung. Im März 1991 folgte das endgültige Aus, das Projekt wurde zu einer der größten Investitionsruinen Deutschlands. Zwar wurde das Gelände an einen niederländischen Investor verkauft, der den Vergnügungspark Wunderland Kalkar aufbaute, doch der Kaufpreis lag mit 2,5 Millionen Euro dramatischen unter dem verbauten Sachwert.
Foto: APCargolifter-Halle Brandenburg
In der brandenburgischen Gemeinde Halbe sollte ein Logistik-Zentrum für den wiederbelebten globalen Luftschiffverkehr erschaffen werden. Zu diesem Zweck wurde für rund 78 Millionen Euro die größte freitragende Halle der Welt gebaut: das Aerium. Das Problem: In ihr wurden hauptsächlich Testluftschiffe geparkt, 2002 ging die Cargolifter AG insolvent. Der malaysische Konzern Tanjong kaufte die Halle für 17,5 Millionen Euro und baute sie zu einem überdimensionierten Spaßbad aus, dem Tropical Islands.
Foto: dpa/dpawebDortmunder U
Die Sanierung des Dortmunder U-Turms – das denkmalgeschützte frühere Gär- und Lagerhochhaus der Union-Brauerei – sollte das Dortmunder Highlight im Kulturhauptstadtjahr 2010 werden und die Stadt zu einem Zentrum der Kreativwirtschaft machen. Doch die Bauarbeiten zogen sich in die Länge, die Kosten explodierten. So wurden aus rund 54 Millionen Euro schnell 83 Millionen Euro. Der Bund der Steuerzahler bilanziert in seinem Schwarzbuch 2011: „Die Sanierung des Dortmunder U-Turms liegt wie ein schwarzer Schatten auf dem städtischen Haushalt. Um 2010 den U-Turm in neuem Glanz wiederauferstehen zu lassen, nahm sie Baukostensteigerungen bewusst in Kauf.“
Foto: PRSpace Park Bremen
Im Frühjahr 2004 wurde in Bremen der erste Indoor-Freizeitpark Deutschlands eröffnet: der Space Park. Neben Fahrgeschäften sollten vor allem der Einzelhandel und die Gastronomie für Besucherströme sorgen. Dazu kam es nicht. Die Verkaufsflächen wurden nur spärlich vermietet, die Besucher blieben aus. Nach nur sieben Monaten schloss der Space Park, der knapp 700 Millionen Euro gekostet hatte. Das überschuldete Bremen allein hatte rund 170 Millionen Euro für Infrastruktur, Marketing, Kredite sowie für eine zehnprozentige Beteiligung an der Space Park KG gezahlt. Aus dem Space Park wurde anschließend ein Einkaufszentrum, die Waterfront Bremen.
Foto: APKohlekraftwerk in Datteln
Nach seiner Fertigstellung sollte das Kraftwerk „Datteln IV“ mit einer Leistung von rund 1.050 Megawatt eines der größten und modernsten Steinkohlekraftwerke Europas werden. Die Gesamtinvestition des Betreibers E.On beträgt rund 1,2 Milliarden Euro. Doch das Projekt droht zu einer Investitionsruine zu werden. Da der Bebauungsplan wegen zahlreicher Verstöße gegen das Umwelt- und Planungsrecht letztinstanzlich für unwirksam erklärt wurde, sind die Fertigstellung und Inbetriebnahme des Kraftwerkes ungewiss. Die rot-grüne Landesregierung geht davon aus, dass „Datteln IV“ nicht realisiert werden kann.
Foto: dpaKohlenmonoxid-Pipeline der Bayer AG
Die Kohlenmonoxid-Pipeline der Bayer AG von Dormagen nach Krefeld ist seit Ende 2009 fertig gebaut und wurde auch schon einmal genehmigt. Dennoch ist sie noch nicht in Betrieb, da ein Rechtsstreit läuft. Kläger kritisieren, dass von dem geruchlosen und giftigen Kohlenstoffmonoxid eine Gefahr für Mensch und Natur ausgehe, insbesondere, da die Pipeline durch teils dicht besiedeltes Gebiet führt. Der Chemiekonzern verweist auf regelmäßige Kontrollen der Leitung.
Foto: APGrand Hotel Heiligendamm
Bundeskanzlerin Angela Merkel lud 2007 die mächtigsten Politiker der Welt zum G8-Gipfel ins 5-Sterne-Grand-Hotel Heiligendamm. Damit wurde es zu den bekanntesten Hotels Deutschlands. Profit daraus machen, konnten die Betreiber aber nicht. Das Hotel erklärte sich vor wenigen Wochen für zahlungsunfähig. Mehr als 200 Millionen Euro wurden in den Komplex investiert, doch die Gästezahlen blieben überschaubar. Die Auslastung des Hotels lag zuletzt im Jahresdurchschnitt bei 44 Prozent, 80 Prozent im Sommer und 12 Prozent im Winter. Im Jahresdurchschnitt wären 60 Prozent nötig.
Foto: dpa
Getspeed bestätigte den Vorgang ebenfalls, möchte „die Angelegenheit in der Presse aber nicht weiter kommentieren“. In Unternehmenskreisen ist von „einer Verkettung unglücklicher, sehr ärgerlicher Missverständnisse die Rede“. Der Handwerker ist unterdessen immer noch verärgert: Neben der inzwischen eingetriebenen Forderung von rund 4500 Euro hat das Amtsgericht Bad Neuenahr-Ahrweiler im Juni dieses Jahres entschieden, dass Getspeed auch Verfahrenskosten in Höhe von knapp 1200 Euro zahlen muss. Auf diese warte er bislang ebenfalls vergeblich, teilte der Handwerker der WirtschaftsWoche mit, auch hier sei die Vollstreckung beantragt.
Warten auf die zweite Kaufpreisrate
Der Nürburgring kommt aus den Turbulenzen einfach nicht raus. Im Juli 2012 hatte die weitgehend landeseigene Nürburgring GmbH Insolvenz angemeldet, rund eine halbe Milliarde Euro hat die SPD-geführte Regierung in den zurückliegenden Jahren dort versenkt. Insolvenz-Sachwalter Jens Lieser und Sanierungsgeschäftsführer Thomas Schmidt beschlossen, den Ring zu verkaufen.
Am 11. März vergab der Gläubigerausschuss den Zuschlag an Capricorn und Getspeed, für einen offiziell ausgewiesenen Kaufpreis in Höhe von 77 Millionen Euro. Hauptbestandteile: Eine Fremdkapitalfinanzierung in Höhe von 45 Millionen Euro über die Deutsche Bank und ein Eigenkapitalanteil von 15 Millionen Euro, zahlbar in drei Raten zu je fünf Millionen Euro Ende März, Ende Juli und Ende Dezember.
Capricorn Robertino Wild hatte mit Anteilen von zwei Dritteln das Sagen in der Käufergesellschaft, Getspeed war mit einem Drittel Juniorpartner. Die erste Rate von fünf Millionen Euro – aufgebracht von Getspeed – war noch gezahlt worden, doch schon bei der zweiten, Ende Juli fälligen Rate, begannen die Schwierigkeiten.
Als sie bis Mitte August nicht eingegangen war, verlängerte Sachwalter Lieser das Zahlungsziel rückwirkend bis zum 31. Oktober dieses Jahres. Ohne Zustimmung des Gläubigerausschusses, die laut Liesers Sprecher nicht erforderlich war. Für den Aufschub ließ sich Lieser Sicherheiten stellen, unter anderem Pfandrechte auf die private Kunstsammlung von Capricorn-Chef Wild.
Kunstsammlung doppelt verpfändet
Doch Lieser – der als Sachwalter in der persönlichen Haftung ist – griff daneben, wie sich mittlerweile herausgestellt hat: Die Kunstsammlung war zu diesem Zeitpunkt bereits verpfändet. Dies berichtete die Koblenzer „Rhein-Zeitung“ am Montag, diese Information haben die Insolvenzverwalter wie auch Wild auf Nachfrage bestätigt.
„Hierzu habe ich mich vom Verkäufer nötigen lassen, mein Fehler. Aber was machen Sie, wenn man Ihnen die geladene Pistole an den Kopf hält?“, teilt Wild mit. Konsequenz: Wild musste seine Anteile von zwei Dritteln an der Käufergesellschaft auf einen Treuhänder übertragen. „Ich bin leider Opfer meiner Naivität geworden, und dafür werde ich nun die Verantwortung übernehmen“, sagt Wild. Bedeutet konkret: Er versucht nun, neue Geldgeber aufzutreiben.
Schon für den Zuschlag hatte Wild im März umfangreiche Sicherheiten stellen müssen, darunter eine Briefgrundschuld auf seine Villa in bester Lage des Düsseldorfer Nobelstadtteils Oberkassel mit direktem Blick auf den Rhein. Doch Insolvenz-Sachwalter Jens Lieser und Sanierungsgeschäftsführer Thomas Schmidt stellten später fest, dass zuvor bereits andere Grundschulden auf die Villa im Grundbuch eingetragen worden waren. Auch diese Information bestätigten die Insolvenzverwalter auf Nachfrage über ihren Sprecher. Die Grundschuld sei lediglich im dritten Rang eingetragen.
Laut Grundbuchunterlagen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, ist die Villa in Oberkassel mit insgesamt zwölf Millionen Euro belastet, sieben Millionen waren zuvor eingetragen, fünf Millionen entfallen auf die Briefgrundschuld der Insolvenzverwalter. Ihre Chancen, das Geld im Vollstreckungsfall zu bekommen, sind damit eher gering. Laut Protokoll der Sitzung des Gläubigerausschusses ergab eine Plausibilitätsprüfung, dass die Villa für fünf Millionen Euro gut ist.
Dass die „Ring-Sanierer“ – so ließen sich Lieser und Schmidt in Pressemitteilungen nennen – nicht früher die Reißleine zogen, sorgt nun für Unmut im Gläubigerausschuss, dessen Mitglieder bisher über die Mehrfach-Belastungen nicht informiert waren. Auch von der Tatsache, dass die Finanzierung der Fremdkapitalrate über die Deutsche Bank nicht mehr besteht, erfuhren Gläubigerausschussmitglieder erst durch Recherchen der WirtschaftsWoche.
KPMG unterschätzte die Risiken
Dem Gläubigerausschuss dagegen war in der entscheidenden Sitzung noch mitgeteilt worden, die Finanzierung über die Deutsche Bank sei „banküblich und valide“ und auf ein Jahr befristet. KPMG-Berater Alexander Bischoff teilte den Mitgliedern des Gremiums laut Protokoll der Sitzung sogar mit, dass es sich bei dem Angebot von Capricorn um das „wirtschaftlich beste Angebot“ handele: „Das einzige Risiko bei Capricorn ist das Risiko der Beihilferückforderung und dass bis 15. Dezember 2014 keine Beihilfeentscheidung vorliegt.“
Doch inzwischen sind noch ganz andere Risiken offenkundig geworden, obwohl die Beihilfeentscheidung am 1. Oktober ergangen ist. Die Kommission hat der Landesregierung darin Beihilfen in dreistelliger Millionenhöhe um die Ohren gehauen, den Verkauf an Capricorn aber abgesegnet.
Im März 2012, noch vor der Insolvenz der Nürburgring GmbH, hatte die Kommission ein Verfahren wegen des Verdachts auf illegale Beihilfen der SPD-Landesregierung unter Kurt Beck eingeleitet. Aus diesem Grund muss ein Verkaufsverfahren europarechtskonform ablaufen, was unter anderem erfordert, dass den Bietern die Auswahlkriterien vorab bekannt gegeben werden.
Dilettantischer Verkaufsprozess
Nur wenn die europarechtlichen Anforderungen eingehalten werden, gehen die Beihilfen nicht auf den Erwerber über. Ein entscheidendes Kriterium, das die Verkäufer den Bietern mitgeteilt hatten, ist die Finanzierungssicherheit – die nun durch die tatsächlichen Entwicklungen immer mehr in Zweifel gezogen wird.
Noch am 1. Oktober hatte die EU-Kommission den Verkauf auf Vorschlag des zuständigen Wettbewerbskommissars Joaquin Almunia abgesegnet. Eigene Prüfungen zur Finanzierung hatte die Kommission laut ihrer Beschlussvorlage nicht vorgenommen, sondern sich nahezu ausschließlich auf die Angaben der Insolvenzverwalter gestützt. Der CDU-Europaabgeordnete Werner Langen hatte direkt nach dem Beschluss die „Blauäugigkeit der Kommission“ gerügt. Keine zwei Wochen später fällt der EU-Kommission das Thema nun wieder vor die Füße.
„Die Kommission hat sich auf das Lügengebäude der Konkursverwalter verlassen“, sagt Langen nun. Doch mit der Blamage steht die Kommission keineswegs alleine da. Auch Lieser und Schmidt sowie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die sie mit dem Verkauf beauftragt haben, müssen unangenehme Fragen beantworten. Der Verkaufsprozess lief schon lange an dilettantisch ab.
Die Elbphilharmonie ist das teuerste Kulturprojekt in Deutschland. Die Kostenexplosion und Bauverzögerung wird ein Fall für die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt, ob Straftaten vorliegen.
Laut Abschlussbericht sind eine unfertige Planung, mangelnde Kontrolle vonseiten der Politik und ein Chaos auf der Baustelle schuld am Desaster beim Bau. Die Kosten für den Steuerzahler bei dem Projekt sind von ursprünglich 77 Millionen auf 789 Millionen Euro gestiegen, die Eröffnung wurde von 2010 auf 2017 verschoben.
Erstmals nennt der Abschlussbericht, der die Ereignisse bis Ende 2008 untersucht, auch die Namen der Verantwortlichen. Demnach ist die städtische Realisierungsgesellschaft (Rege) mit ihrem Chef Hartmut Wegener für wichtige Fehlentscheidungen verantwortlich. Die politisch Verantwortlichen, allen voran Hamburgs damaliger Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und sein Chef der Senatskanzlei Volkmar Schön (CDU), seien dagegen ihrer Aufsichtspflicht nicht gerecht geworden. Aber auch die Architekten Herzog & de Meuron und der Baukonzern Hochtief kommen in dem Bericht nicht gut weg.
„Wenn wir konkrete Anhaltspunkte für eine verfolgbare Straftat finden würden, würden wir entweder einen Ermittlungsvorgang gegen einen bestimmten namentlich bekannten Beschuldigten oder mehrere einleiten oder wir würden ein Unbekannt-Verfahren einleiten, wenn wir noch nicht wüssten, wer der Beschuldigte ist“, erklärt die Sprecherin Nana Frombach.
Foto: dpaAuf der Baustelle im Hafen der Hamburger Elbphilharmonie herrscht mittlerweile seit rund anderthalb Jahren Stillstand, weil sich die Vertragspartner lange nicht einigen konnten. Erst im März hatte Scholz mit Hochtief einen Vertrag geschlossen, wonach der Essener Baukonzern künftig sämtliche Risiken übernimmt und das Konzerthaus bis Ende Oktober 2016 zum „Globalpauschalfestpreis“ von 575 Millionen Euro zu Ende baut. Nicht berücksichtigt waren dabei jedoch unter anderem die Finanzierungs- und Baukosten für den kommerziellen Teil und die Vorplanungskosten. Nun geht aus dem vertraulichen zweiten Entwurfs des Abschlussberichts des Untersuchungsausschusses hervor, der Spiegel Online vorliegt. Die Schuldigen sollen die Projektkoordination, Bauunternehmer und Architekt, sowie auch der damalige Erster Oberbürgermeister, Ole von Beust, sein.
Foto: REUTERSDie sogenannte 'Kanzlerbahn', die derzeit zwischen dem Hauptbahnhof, Kanzleramt und dem Brandenburger Tor verkehrt, soll um 92 Millionen Euro teurer werden. Laut Berliner Morgenpost beläuft sich das Gesamtvolumen künftig auf 525 Euro, die das Land und der Bund zahlen müssen.
Foto: dpaIn Schlangen winden sich Hunderte Besucher durch den Saal, bestaunen historische Exponate, erhaschen per Kurzfilm einen Einblick in die Arbeit der Bundestagsabgeordneten. In einem Miniplenarsaal mit originalgetreuen blauen Sesseln lauschen sie einer gespielten Debatte und ergreifen selbst das Wort. Dann geht es durch den unterirdischen Gang ins Reichstagsgebäude, hinauf in die gläserne Kuppel. Zum Abschluss noch ein Imbiss an einem der 16 Bistro-Tische, die die 16 Bundesländer repräsentieren. So soll es aussehen, das Besucher- und Informationszentrum des Bundestages (BIZ).
Ursprünglich sollte es 200 Millionen Euro kosten. Im Januar dann lag der anvisierte Preis schon bei 330 Millionen Euro. "Ein Bau für 330 Millionen Euro, das wird nicht kommen", sagte damals Eduard Oswald, CSU-Bundestagsvizepräsident und Vorsitzender der inneren Kommission, gegenüber WirtschaftsWoche. Nun heißt es in einem Bericht der Welt, dass der Bau mit bis zu 500 Millionen Euro zu Buche schlagen werde. das gehe aus einem Bericht der 36-köpfigen "Reformkommission Bau von Großprojekten" der Bundesregierung hervor.
Foto: dpaDie Stuttgarter waren nicht ohnmächtig: Stuttgart 21 steht für einen politischen Umbruch in Baden-Württemberg und den Einzug neuer Formulierungen in die deutsche Sprache, wie zum Beispiel das Wort „Wutbürger”. Der alte Kopfbahnhof soll zu einem Tunnelbahnhof umgebaut werden. Eine riesige Protestwelle überrollte die baden-württembergische Landeshauptstadt, seit der Abriss des alten Bahnhofs startete. In einer Abstimmung Ende 2011 sprach sich eine Mehrheit der Bevölkerung jedoch für das Projekt aus. Gestritten wird vor allem über die Kosten des Umbaus...
Foto: dpaImmer wieder wurden die prognostizierten Baukosten nach oben korrigiert. Zwischenzeitlich sprach die Deutsche Bahn von 4,5 Milliarden Euro, mittlerweile hat sie die Zahlen um ganze zwei Milliarden erhöht.. Andere Experten veranschlagen Kosten von bis zu elf Milliarden Euro. Auch der Bundesrechnungshof hat diese Summe bereits vor drei Jahren als viel zu gering bezeichnet. Die DB hatte damals die Einschätzung zurückgewiesen. Inzwischen sind viele Dokumente ans Tageslicht gekommen, die beweisen, dass die Bahn hohe Mehrkosten vorsätzlich verschwiegen hat. Nicht zuletzt die mangelnde Transparenz bezüglich der Gesamtkosten des Projekts hat viele Bürger auf die Straße getrieben. Die ersten Züge werden wohl nicht vor 2022 im unterirdischen Bahnhof einfahren.
Foto: dpaEigentlich sollte die Erweiterung des Saarland-Museums und der Modernen Galerie in Saarbrücken ein Prestigeprojekt werden. Allerdings haben sich die veranschlagten Kosten mehr als verdreifacht. Ursprünglich sollte der Bau neun Millionen Euro kosten. Wie tief der Steuerzahler dafür in die Tasche greifen muss, ist noch offen. Bisher steht in bester Lage in Saarbrücken unweit des Staatstheaters ein hässlicher Betonklotz im Rohbau, dem ein Gutachten jetzt zahlreiche Mängel bescheinigt hat. Die Landesregierung will aber auf jeden Fall an dem schon weit vorangeschrittenen Projekt festhalten, obwohl viele vor einer „zweiten Elbphilharmonie“, wenn auch in sehr viel kleinerer Größenordnung, warnen.
Foto: dpaDie ständig neuen Meldungen über die steigenden Kosten für den Bau des Berliner Hauptbahnhofs sorgten 2007 für großen Ärger. Anfangs kalkulierte man mit „nur“ 300 Millionen Euro – letztlich wurden es 1,2 Milliarden. Allein 200 Millionen gingen für die beiden Büro-Gebäuderiegel über dem Glasdach drauf. Im April kam dann der Paukenschlag: 2015 muss der dann erst acht Jahre alte Hauptbahnhof drei Monate lang gesperrt und saniert werden. Grund dafür sind mangelhafte Schrauben an den Übergängen der Gleisbrücken. Die Bahn rechnet mit einem Sanierungsaufwand von 25 Millionen Euro.
Foto: dpaDoch die gestiegenen Baukosten sind nicht das einzige Übel. Denn mit der Miete, die die Bahn jedes Jahr von den Geschäften kassiert, nämlich zwischen sechs und acht Millionen Euro, kann sie die Baukosten niemals wieder hereinholen.
Foto: dpaNach der Deutschen Einheit bildeten sich mehrere Vereine, die für einen Wiederaufbau des Schlosses kämpften. Sie betonten die Identität stiftende Funktion des Schlosses für die Deutschen, das zudem einen neuen architektonischen Mittelpunkt der berühmten Prachtstraße Unter den Linden bilde. Gegner des Schlosses argumentierten gegen den Rückgriff auf die Ära Preußens und die hohen Kosten des Projekts.
Die Planung für den Wiederaufbau des Stadtschlosses begannen kurz nach der Vereinigung, doch lange Jahre war die Finanzierung nicht gesichert. "Mit der Grundsteinlegung wird die Realisierung dieses großen Kulturvorhabens nun endlich für alle sichtbar", erklärte Neumann am Mittwoch. In den Nachbau sollen Einrichtungen aus Kultur, Kunst und Wissenschaft ziehen, Architekt ist der Italiener Franco Stella.
Foto: dpaDer Bau soll rund 595 Millionen Euro kosten und nach dem Willen der Bauherren 2019 eingeweiht werden. 2007 hatte der Berliner Haushaltsausschuss noch 552 Millionen Euro als Obergrenze festgelegt, allerdings habe sich eine Kostensteigerung durch höhere Preise im Baugewerbe ergeben, so das Finanzministerium. Die Kosten der Rekonstruktion der historischen Fassade in Höhe von 80 Millionen Euro sollen private Spender aufbringen.
Angesichts der chronischen finanziellen Probleme der Hauptstadt betonte Bürgermeister Wowereit, dass für etwaige Mehrkosten beim Bau der Bund zuständig sei. Falls ein Betrag fehlen sollte, müsse das aus Bundesmitteln ausgeglichen werden. Laut einer Umfrage der Zeitschrift "Stern" stößt die Rekonstruktion des Stadtschlosses bei den Bundesbürgern auf wenig Gegenliebe. Fast zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) gaben demnach an, sie fänden den Wiederaufbau nicht gut. 30 Prozent befürworten ihn.
Foto: dpaDie im Bau befindliche Nord-Süd-Stadtbahn in Köln soll mit einer Tunnelstrecke unter der Altstadt zwischen dem Innenstadttunnel und dem Rhein das bestehende Netz der Kölner Stadtbahn erweitern. Die Baukosten werden auf mindestens 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Doch das Projekt ist nicht nur teuer, immer wieder wurde das Bauvorhaben von Zwischenfällen überschattet - wie dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs. Die komplette Strecke soll nach aktuellen Plänen erst im Jahr 2017/2018 fertig sein, ab 2016 werden Teilbereiche im Süden der Domstadt in Betrieb genommen.
Foto: dpaEine riesige Stahlkonstruktion, die „Waldschlösschenbrücke“, ist Schuld daran, dass dem Dresdner Elbtal der Weltkulturerbetitel der UNESCO aberkannt wurde. Die Brücke verschandele eine einmalige Kulturlandschaft. Der Stahlkoloss soll im November 2011 fertig gestellt werden, der Verkehr soll ab 2012 rollen. Auch dieses Projekt wurde im nachhinein teurer als geplant: Der gesamte Straßenzug und die Tunneleinfahrten sollen rund 180 Millionen Euro kosten. Bisher hatte man mit 157 Millionen Euro kalkuliert.
Foto: dapdEigentlich eine kreative Idee: Ein teils frei schwebender Kubus auf den Silos des Kunstmuseums Küppersmühle in Duisburg sollte ein Zeichen im Kulturhauptstadtjahr 2010 setzen (hier als Computeranimation). Fraglich ist bis heute, ob der Stahlkubus überhaupt jemals auf dem Dach des Museums landen wird. Die Kosten des Vorhabens sind in die Höhe geschossen: Zuerst wurden die Kosten auf 25 Millionen Euro geschätzt, dann später auf 40 Millionen Euro korrigiert und inzwischen gehen jüngste Schätzungen von einem Kostenvolumen von 69 Millionen Euro aus. Der Kunst-Kubus ist bisher nicht fertig geworden und es bleibt abzuwarten, ob und wann das für den Bau verantwortliche Wohnungsunternehmen Gebag sich mit dem Mäzen-Ehepaar Ströher auf eine neue Finanzierung einigt.
Foto: dpaIst diese Aussicht nicht schön? Nein, sagen Gegner des Hochmoselübergangs, einer 25 Kilometer langen Neubaustrecke der B50 mitten durch das Moseltal. Dies ist zwar nur eine Computergrafik des Straßen- und Verkehrsamtes Trier, aber so in etwa soll ein Teilstück bei Ürzig dann später aussehen. Ein Argument für den Hochmoselübergang: eine bessere Anbindung an den Flughafen Frankfurt-Hahn. Die Gegner bezweifeln den Nutzen des Projekts und warnen vor einem erheblichen Eingriff in das Landschaftsbild, der sich negativ auf den Tourismus auswirken könnte. Und billig ist das Ganze auch nicht: die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 330 Millionen Euro.
Foto: dpaDer Ausbau des Nürburgrings im Jahr 2009 sollte eigentlich komplett privat finanziert werden, allerdings wurde kein Investor gefunden. Trotzdem zahlte Rheinland-Pfalz das Projekt vorläufig aus Steuergeldern, so dass mit dem Bau begonnen werden konnte. Inzwischen sind um die 350 Millionen Euro an Steuergeldern in das neue Freizeit- und Erlebniszentrum geflossen. Landesfinanzminister Ingolf Deubel trat am 7. Juli 2009 zurück. Er wollte den Ausbau über hochspekulative Fonds, Liechtensteiner Konten und unbekannte Geschäftspartner in Dubai finanzieren. Formel 1-Rennen auf dem Nürburgring werden vom Land mit Millionenbeträgen subventioniert. Diese als „Strukturhilfe“ aufgeführten Zahlungen werfen nicht nur bei der oppositionellen CDU die Frage nach dem richtigen Umgang mit Steuergeldern auf, auch die Gastronomen im Umland lehnen die subventionierte Konkurrenz ab.
Foto: dpaIm November 2013 etwa berichtete die WirtschaftsWoche über einen dubiosen Bieter namens La Tene Capital aus Hongkong, der sich mit geklauten Selbstbeweihräucherungstexten auf seiner Webseite, aber ohne belastbare Finanzierung einen Zugang zum so genannten Datenraum der Nürburgring GmbH erschleichen konnte.
Im Datenraum durften ausgewählte Bieter vertrauliche Geschäftsunterlagen der Nürburgring GmbH einsehen. Voraussetzung dafür war nach den mitgeteilten Kriterien ein Finanzierungsnachweis, den La Tene Capital allerdings nie hatte.
14 Millionen Euro erlässt Bernie Ecclestone der Nürburgring GmbH. Normalerweise müssen die Streckenbetreiber dem Formel-1-Organisator Millionensummen dafür zahlen, dass die Königsklasse des Motorsports überhaupt antritt. Aber seit Sommer 2012 ist die Nürburgring GmbH insolvent, seit Mitte Mai stehen alle Vermögenswerte zum Verkauf. Wenigstens 120 Millionen Euro sind in dem Bieterverfahren aufgerufen, in das nun auch der ADAC eingestiegen ist.
Foto: AP60 Millionen Euro erwirtschaftet ein Formel-1-Lauf während eines Wochenendes im Umkreis der Strecke. Nicht zu vergessen die Tickets für normale Besucher (ab 109 Euro) und VIPs. Eine Lounge für 80 Personen kostet für das Wochenende 110.000 Euro.
Foto: dpa34 Millionen Euro haben private Investoren aufgebracht, um einen ehemaligen Nato-Stützpunkt im Teutoburger Wald ins Drive Resort Bilster Berg zu verwandeln – ein Renn-, Test- und Erlebniszentrum für Autohersteller und Auto-Enthusiasten. Für 1200 Euro pro Stunde können sie die 4,2 Kilometer lange Gesamtstrecke mieten, für 300 Euro nur den Offroad-Parcours. Dennoch ist die Anlage bis zum Jahresende fast schon ausgebucht. Für 2013 sind Einnahmen von 4,6 Millionen Euro eingeplant.
Foto: WirtschaftsWocheDie Teststrecke Boxberg.
Foto: WirtschaftsWoche
Vier Tage nach dem Bericht der WirtschaftsWoche, so zeigt es die Beschlussvorlage der EU-Kommission, warfen Lieser, Schmidt und KPMG den Bieter La Tene Capital aus dem Verfahren. Von der ursprünglich geforderten Bankgarantie auf erstes Anfordern, die zunächst von den Bietern für den finalen Zuschlag verlangt worden war, rückten die Insolvenzverwalter und ihre Helfer von KPMG im Laufe des Verkaufsverfahrens ebenfalls ab. Statt der Garantie auf erstes Anfordern begnügten sie sich mit einer einfachen Finanzierungsbestätigung.
Abstruse Begründungen
Dass diese längst nicht mehr besteht und der Wunschkäufer Capricorn seit Monaten ohne gesicherte Finanzierung unterwegs war, legten die die Insolvenzverwalter gegenüber der EU-Kommission bis zum Beschluss am 1. Oktober nicht offen. Auf Nachfrage hierzu teilen die Pleite-Profis nun mit: „Wir haben keine Offenlegungspflicht. Allein entscheidend war, dass die Finanzierung zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses banküblich nachgewiesen wurde. Wann die Käuferin einen Kreditvertrag unterschreibt, ist schlicht Sache der Käuferin.“ Sie unterschrieb allerdings nie und kann es mittlerweile auch nicht mehr, weil die Bestätigung ausgelaufen ist.
Noch abstruser wirkt die Begründung der Insolvenzverwalter, warum sie seit Mai keine Sitzung des Gläubigerausschusses mehr einberufen haben – obwohl es durch den Zahlungsausfall bei der Ende Juli fälligen zweiten Rate gute Gründe für eine Dringlichkeitssitzung gegeben hätte.
„Eine Einberufung der Gläubigerausschuss-Sitzung ist dann erforderlich, wenn wesentliche Entscheidungen zu treffen sind. Da bisher der Kaufvertrag erfüllt wurde, stünde eine solche Entscheidung frühestens Anfang November 2014 an“, lassen sie ihren Sprecher mitteilen.
Exklusive Einschätzungen
Die Einschätzung, dass der Kaufvertrag bisher erfüllt wurde, haben sie ziemlich exklusiv. Genauso wie den Titel ihres Vortrags Anfang Juli in Frankfurt, als sie vor den Kollegen vom Verband der Restrukturierungsexperten über „Die Rettung des Nürburgrings“ schwadronierte. Jetzt müssen sie selbst ihre Haut retten. Denn die Vorfälle sind kaum mehr vermittelbar, der Unmut im Gläubigerausschuss wächst. Und der 31. Oktober, an dem die zweite Kaufpreisrate nach dem Aufschub erneut fällig wird, rückt immer näher.
Wild teilt der WirtschaftsWoche mit, dass er derzeit versuche, das Geld noch aufzutreiben. Zudem wolle er seinen Mitgesellschafter Heinemann loswerden, von dem er sich hintergangen fühle. Die Insolvenzverwalter wie auch Heinemann sehen dagegen in Wild den Schuldigen.
Daran, dass Wild das Geld noch aufbringen kann, glauben beide nicht mehr. Per Presseerklärung teilten Lieser und Schmidt mit, dass Wilds Capricorn-Holding nun nicht mehr Gesellschafterin der Käufergesellschaft ist. Es obliege nun dem Mitgesellschafter Getspeed und dem Treuhänder, „für eine ordnungsgemäße Erfüllung des am 11. März 2014 geschlossenen Kaufvertrages zu sorgen.“
Heinemann sagte am Samstag bei einer Veranstaltung am Nürburgring, dass er nun an einem alternativen Finanzierungskonzept ohne Capricorn arbeite. Das nötige Geld scheint Heinemann aber trotz größter Bemühungen bisher nicht beisammen zu haben. Nach Informationen der WirtschaftsWoche gab es am Freitag – wiederum mit Unterstützung von KPMG – Verhandlungen mit potenziellen Investoren, die Gespräche sollen über das ganze Wochenende fortgesetzt worden sein und weiter andauern.
Unter den verbliebenen Kandidaten soll sich nach Informationen der WirtschaftsWoche eine Investorengruppe aus drei vermögenden Geschäftsleuten befinden, die auch an der Test- und Präsentationsstrecke „Bilster Berg“ beteiligt sind. Eine Einigung mit einem der Interessenten habe es allerdings bislang nicht gegeben.
Noch am Montag bat Heinemann zudem offenbar dringend um ein Treffen mit Vertretern aus dem Umfeld des ADAC Nordrhein, um weitere Finanzierungsmöglichkeiten zu besprechen. Auch hier gibt es keine Einigung. Heinemann teilte auf Anfrage mit, es gebe ein „reges Investoreninteresse“. In Unternehmenskreisen heißt es, man sei zuversichtlich, eine zum Nürburgring passende neue Gesellschafterstruktur auf die Beine stellen zu können. Lieser und Schmidt erklärten derweil in Interviews mit Blick auf die laufenden Gespräche, sie seien „vorsichtig optimistisch“.
Immer bessere Klagechancen
Doch die Situation für den Nürburgring wird derweil immer schlimmer. Mit jedem zusätzlichen Detail, das über die zahlreichen finanziellen Ungereimtheiten ans Tageslicht kommt, verbessern sich die Chancen der unterlegenen Nürburgring-Interessenten, die gegen den Zuschlag für Capricorn rechtlich vorgehen wollen. Ein Konsortium um den US-Finanzinvestor HIG Capital zählt dazu, ebenso das US-Technologieunternehmen Nexovation, aber auch der gemeinnützige Verein „Ja zum Nürburgring“ um ADAC-Ehrenpräsident Otto Flimm.
Sollten sie – wie bereits von mehreren angekündigt – vor den Europäischen Gerichten gegen den Zuschlag klagen, schwebt über dem Nürburgring jahrelang das Damoklesschwert eines jahrelangen Rechtsstreits. Etwas Erleichterung sollte Capricorn immerhin ein Pachtvertrag verschaffen. Lauf Kaufvertrag gibt es ein entsprechendes Übergangsmodell, mit dem das Bietergespann Capricorn-Getspeed den Ring zunächst pachten kann, wenn bis Ende des Jahres noch gar keine Entscheidung der EU-Kommission vorliegt oder eine positive Entscheidung, die aber noch nicht bestandskräftig ist. Doch auch gegen den Pachtvertrag rüsten sich unterlegene Bieter offenbar: Nach Informationen der WirtschaftsWoche gibt es Überlegungen, nicht nur den Zuschlag für Capricorn anzugreifen, sondern auch den Pachtvertrag als Übergangslösung.
Wichtige Verträge fehlen noch
Die Nürburgring Betriebsgesellschaft mbH, die derzeit das operative Geschäft führt, bemüht sich derweil nach den dramatischen Entwicklungen um Capricorn, die Wogen zu glätten. Das operative Geschäft des Nürburgrings gehe uneingeschränkt weiter und sei von dem Gesellschafterwechsel in keiner Weise betroffen. „Wir halten ausdrücklich fest, dass die bereits geschlossenen Verträge der capricorn NÜRBURGRING GmbH (CNG) mit Veranstaltern, Kunden und Lieferanten selbstverständlich eingehalten und umgesetzt werden. Alle Veranstaltungen sind gesichert“, sagte Geschäftsführer Carsten Schumacher.
Wichtige Verträge allerdings hängen in der Schwebe. Die Langstreckenserie VLN etwa, die pro Jahr zehn Rennen am Nürburgring ausrichtet, will einen neuen Vertrag bisher nicht unterschreiben, sie verlangt wegen der unklaren Situation entsprechende Garantien und aufschiebende Bedingungen.
Das bestätigte ihr Geschäftsführer Karl Mauer. Auch für eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres, das 24-Stunden-Rennen, soll es nach Informationen der WirtschaftsWoche noch keinen unterschriebenen Vertrag für 2014 mit dem ADAC Nordrhein geben.
Das Pulverfass Nürburgring verliert also trotz des Verkaufs nichts an Brisanz. Heinemann muss nun dringend bis 31. Oktober die zweite Rate von fünf Millionen Euro auf den Tisch legen. Sonst drohen ihm selbst empfindliche Verluste. Die erste, von Getspeed aufgebrachte Rate, liegt auf einem Treuhandkonto.
Sollte der Kaufvertrag nicht eingehalten werden, können die Insolvenzverwalter vom Vertrag zurücktreten, womit auch eine Vertragsstrafe zulasten des Käufers in Höhe von 25 Millionen Euro fällig wird. Die Raten, die bis zu diesem Zeitpunkt auf dem Treuhandkonto eingegangen sind, werden für die Vertragsstrafe herangezogen.
Eine brenzlige Situation für Heinemann, der die fünf Millionen nicht vollständig selbst aufgebracht hat, sondern sich einen Teil der Summe bei der Sparkasse Krefeld geliehen hat. Dies bestätigte er der WirtschaftsWoche. Er wäre damit nicht nur fünf Millionen Euro los, sondern würde auch auf den Schulden sitzen bleiben.
Es ist absehbar, dass Heinemann alles tun wird, die fünf Millionen Euro irgendwie aufzutreiben – zumal ihm die Zahlung der zweiten Kaufpreisrate einen eleganten Ausweg aus seinem Dilemma eröffnet.
Es bleibt nur die Neuausschreibung
Im Dezember gibt es die Möglichkeit für den Käufer, vom Kaufvertrag zurückzutreten. Voraussetzung ist, dass es bis dahin noch keine bestandskräftige Entscheidung der EU-Kommission gibt. Die Kommission hat ihren Beschluss bisher noch nicht veröffentlicht, ab Veröffentlichung beträgt die Frist für unterlegene Bieter zur Einreichung einer Klage zwei Monate.
Bis Dezember kann die Entscheidung damit auf keinen Fall rechtskräftig werden; wenn er die zweite Rate aufbringt, kann Heinemann im Dezember vom Vertrag zurücktreten und bekommt dann die bereits gezahlten Raten zurückerstattet.
Damit aber würde das Problem Nürburgring wieder an die Insolvenzverwalter zurückfallen – und indirekt an das Land, das sein Dauer-Desaster endlich loswerden will. Die CDU-Oppositionschefin Julia Klöckner fordert schon die Rücktritte von Finanzminister Carsten Kühl, Infrastrukturminister Roger Lewentz und Fraktionschef Hendrik Hering (alle SPD), der beste Weg seien gleich Neuwahlen.
Ministerpräsidentin Dreyer wies die Forderungen zurück. „Die aktuellen Entwicklungen erfüllen mich auch mit Sorge“, gestand Dreyer ein, eine Neuausschreibung aber müsse unbedingt „vermieden“ werden. Dabei wäre es angesichts der verfahrenen Situation und den drohenden jahrelangen Rechtsstreiten das Beste, genau diesen Schnitt jetzt direkt zu machen.