Rad-Infrastruktur: „Berlin läuft Gefahr, den Anschluss an europäische Städte zu verlieren“
Radfahrer im Sonnenuntergang am Brandenburger Tor.
Foto: imago imagesDie Chefs der Fahrrad-Abo-Anbieter Swapfiets und Cycle sehen bei den Bedingungen für Radfahrer in Deutschland noch deutlichen Nachholbedarf. „Insbesondere zwischen Holland und Deutschland sehe ich noch einen großen Unterschied“, sagte der Zentraleuropa-Chef von Swapfiets, Andre Illmer, der Deutschen Presse-Agentur. „Wenn man in Holland unterwegs ist, sieht man, dass die Aufteilung der Infrastruktur relativ fair zu jeweils einem Drittel zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern aufgeteilt ist. In Deutschland ist das nicht so.“
Besonders die jüngste Diskussion um Radwege in Berlin bereite ihm Sorgen, betonte Illmer. „Berlin läuft Gefahr, den Anschluss zu anderen europäischen Städten zu verlieren. Denn die schaffen mehr Lebensraum – statt Straßen für Autos.“ Ähnlich äußerte sich im Frühjahr auch der Chef des E-Roller-Anbieters Lime Wayne Ting im Interview mit der WirtschaftsWoche: „Auch Autos müssen den vorhandenen Platz mit anderen Verkehrsmitteln teilen.“
Die neue Berliner Landesregierung hatte kurz nach ihrem Antritt Dutzende Radwegeprojekte in den Bezirken vorübergehend gestoppt, um sie zu überprüfen. Inzwischen hat der Senat für die meisten Projekte erneut grünes Licht gegeben. Drei Vorhaben wurden allerdings gestoppt.
Andre Illmer ist der Zentraleuropa-Chef des niederländischen Unternehmens Swapfiets, das Mieträder mit den markanten blauen Vorderreifen anbietet. Das Unternehmen wurde 2014 von vier Studenten der Universität Delft gegründet. Swapfiets ist der weltweit erste Fahrrad-Abonnement-Anbieter.
Foto: imago imagesEtwas nachsichtiger bewertet Cycle-Co-Gründer Luis Orsini-Rosenberg die Lage in den deutschen Städten. „Holland ist bei weitem das Land mit der besten Infrastruktur“, meint auch er. „Aber Deutschland ist nicht weit abgeschlagen, vor allem, wenn wir es vergleichen mit Polen oder Italien.“ Dennoch habe auch ihn die Debatte in Berlin überrascht. „Wir sind als Branche sehr gut vernetzt und haben uns schnell organisiert und inzwischen bin ich froh zu sehen, dass die meisten Radwegeprojekte wieder freigegeben sind.“
Bei Swapfiets können Verbraucherinnen und Verbraucher Fahrräder und E-Bikes im Abo nutzen. Bekannt ist die Marke vor allem für die stets blauen Vorderreifen. Das Unternehmen ist inzwischen in 18 deutschen Städten aktiv.
Mit dem Abo buchen die Kundinnen und Kunden auch einen Reparatur-Service, den sie bei Problemen zu sich nach Hause bestellen können und der das abonnierte Fahrrad entweder repariert oder gegen ein neues austauscht. Das Unternehmen wurde 2014 von Studenten in der niederländischen Stadt Delft gegründet, 2018 erfolgte der Markteintritt in Deutschland.
Cycle wiederum verleiht robuste E-Bikes an Großkunden wie Lieferdienste, die damit ihre Fahrer und Fahrerinnen ausstatten. Orsini-Rosenberg hat das Berliner Start-up während der Corona-Pandemie mitgegründet. „Wir sind 2020 mit vier Mitarbeitern gestartet und hatten zwei Jahre später bereits 130“, sagt er. Die Lieferdienste würden die Fahrräder häufig langfristig bei Cycle leasen.
Von den Problemen mancher Anbieter und der Konsolidierung der Branche sei Cycle deshalb nur bedingt getroffen gewesen. „Inzwischen sehen wir bei den Essenslieferungen wieder einen deutlichen Anzug der Nachfrage.“
Auch Swapfiets verleiht E-Bikes für den gewerblichen Einsatz. Der Großteil der Kundinnen und Kunden sind aber private Nutzer. Wie auch der Rest der Fahrradindustrie verzeichnet das Unternehmen eine deutliche Nachfrage nach E-Bikes. „Die elektrischen Fahrräder machen inzwischen zwischen 15 und 20 Prozent des Abo-Geschäfts aus“, sagt Europachef Illmer. „Am Anfang waren wir vor allem bei Studierenden stark nachgefragt.“ Mit dem E-Bike-Angebot kämen nun auch zunehmend ältere Kunden.
Fahrradbranche unter Druck
Abseits der Fahrrad-Abo-Anbieter ist die Branche hierzulande nach der coronabedingten Sonderkonjunktur unter Druck. Hochwertige Fahrräder – insbesondere E-Bikes – waren in der Corona-Zeit sehr gefragt und zweitweise nur schwer erhältlich. Während den Händlern damals Lieferengpässe aufgrund der hohen Nachfrage zu schaffen machten, ist der Boom der Branche auch wegen der getrübten Verbraucherstimmung vorbei.
In den vergangenen Monaten kam es bei einigen Händlern aufgrund von nun vollen Lagern teils zu erheblichen Preisnachlässen. „Selbst für aktuelle Fahrradmodelle gibt es zum Teil ruinöse 20 Prozent Rabatt und mehr“, sagte Robert Peschke, Geschäftsführer von Little John Bikes, der WirtschaftsWoche im Juni.
Noch 2022 konnten die Händler ihren Umsatz trotz der hohen Inflation und Lieferproblemen steigern. Aktuell sieht es in dem kleinteiligen Markt nach einer großflächigen Konsolidierung aus. Am Ende dürften vor allem die großen Anbieter profitieren.
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