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Wirecard Der Finanzdienstleister steht am Abgrund

Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters zu sehen. Quelle: dpa

Das Ende kommt schnell und mit Schrecken: Luftbuchungen in Milliardenhöhe haben Wirecard in die Pleite getrieben. Eine Katastrophe für die 5800 Mitarbeiter und die Aktionäre.

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Der in einen Milliardenskandal verstrickte Zahlungsdienstleister Wirecard ist pleite. Das Unternehmen hat wegen Überschuldung und drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz angemeldet. Das Amtsgericht München hat am Donnerstagabend den Eingang des Insolvenzantrags bestätigt. Möglicherweise werden große Teile des Konzerns in den Abgrund stürzen: Der Wirecard-Vorstand prüft, ob auch die Tochtergesellschaften des Konzerns Insolvenz anmelden müssen. Ausgenommen bleiben soll die Wirecard Bank, diese wird laut Wirecard mit Einverständnis der Finanzaufsicht Bafin finanziell und organisatorisch von der Muttergesellschaft abgekoppelt. Weltweit beschäftigt Wirecard etwa 5800 Menschen.

An der Frankfurter Börse kam es zu Panikverkäufen: Die Wirecard-Aktien hatten innerhalb der vergangenen sieben Tage bereits neunzig Prozent ihres Wertes verloren, nach der Insolvenzmitteilung rauschten die Papiere auf knapp 4 Euro in die Tiefe. Unter den Leidtragenden, die nun auf quasi wertlosen Papieren sitzen, sind sehr viele Kleinaktionäre ebenso wie der frühere Vorstandschef Braun, der im Februar noch Großaktionär und Milliardär war.

Ein sofortiger Abstieg aus dem Dax droht aus heutiger Sicht nicht: „Bei einem regulären Insolvenzverfahren dagegen bleibt die Aktie bis zum nächsten regulären Anpassungstermin im Dax“, erläuterte ein Sprecher der Deutschen Börse die Regeln für alle Dax-Mitgliedsunternehmen. Der nächste reguläre Anpassungstermin ist der 3. September. Dann allerdings hat Wirecard keine Chance mehr, unter den Top 30 der deutschen Börsenschwergewichte zu bleiben: Das Unternehmen war am Donnerstag bei einem Kurs von knapp 4 Euro pro Aktie weniger als eine halbe Milliarde wert.

Bei Wirecard wird nun zunächst ein Gutachter beauftragt, der die Lage des Unternehmens beurteilt. Im nächsten größeren Schritt nach dem Eingang des Insolvenzantrags beim Münchner Amtsgericht wird ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt. Eine entscheidende Frage bei Wirecard wird sein, ob das Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb fortsetzen kann oder nicht.

Laut Wirecard laufen Mitte nächster Woche insgesamt 1,3 Milliarden Euro an Krediten aus, für die kein Ersatz in Sicht ist: „Ohne eine Einigung mit den Kreditgebern bestand die Wahrscheinlichkeit der Kündigung und des Auslaufens von Krediten mit einem Volumen von 800 Millionen Euro zum 30. Juni 2020 und 500 Millionen Euro zum 1. Juli 2020.“ Die Fortführbarkeit des Unternehmens sei „nicht sichergestellt“. Nach Informationen der Nachrichtenagenturen dpa und Bloomberg hatten die Banken Wirecard gerade erst einige Tage Aufschub gewährt, um die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens zu prüfen, bevor sie die ausstehende Summe zurückfordern.

Damit ist ein vor einer Woche noch als solvent und zukunftsträchtig geltender Dax-Konzern in atemberaubender Geschwindigkeit in den Abgrund gerutscht. Die Anlegervereinigung DSW forderte rückhaltlose Aufklärung. „Das ist eine Katastrophe“, sagte Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. „Bei Wirecard hat das System versagt“ - das bezieht sich auf Vorstand und Aufsichtsrat ebenso wie auf die Bilanzprüfer der Gesellschaft EY, die die Jahresabschlüsse testierte, und die behördliche Aufsicht durch die Bafin.

EY selbst sieht in dem milliardenschweren Bilanzskandal bei dem Zahlungsverkehrs-Dienstleister einen weltumspannenden Betrugsfall. „Es gibt klare Anzeichen dafür, dass das ein aufwendiger und ausgeklügelter Betrug war, in den unterschiedlichste Parteien rund um die Welt aus verschiedenen Institutionen involviert waren, mit dem Ziel der Täuschung“, heißt es in einer Stellungnahme der Deutschland-Tochter von EY (Ernst & Young) vom Donnerstag.

Solche betrügerische Absprachen, die mit hohem Aufwand falsche Fährten zur Dokumenten legten und auf eine Täuschung von Anlegern und der Öffentlichkeit abzielten, ließen sich selbst mit den besten und aufwendigsten Prüfmethoden nicht aufdecken, rechtfertigte sich das Unternehmen, das zu den vier größten Wirtschaftsprüfern in Deutschland gehört.

EY habe während der Prüfung der 2019er-Bilanz aufgedeckt, dass Bestätigungen zu den Treuhandkonten falsch waren. „Das wurde an die zuständigen Behörde, den Vorstand und den Aufsichtsrat des Unternehmens gemeldet.“

Der Fall Wirecard ist spätestens mit der Insolvenzankündigung zum Politikum geworden: Die Finanzaufsicht Bafin hätte frühzeitig eingreifen können, kritisierte Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter. „Olaf Scholz und Peter Altmaier als die zuständigen Minister stehen hier in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen das Fehlverhalten ihrer Behörden erklären.“

Bundesfinanzminister Scholz (SPD) selbst hat das Gebaren des Zahlungsdienstleisters Wirecard ebenfalls heftig kritisiert und bereits härtere Regulierung in Aussicht gestellt. „Der Fall Wirecard AG ist ein Skandal, der in der Finanzwelt schon seinesgleichen sucht“, sagte Scholz am Donnerstag in Berlin. „Wir müssen unsere Aufsichtsstrukturen auch überdenken.“

Was sich in dem Unternehmen zugetragen habe, müsse nun „schnell und gründlich“ aufgeklärt werden, sagte Scholz. „Ein solcher Skandal wie bei Wirecard muss ein Weckruf sein, dass wir mehr Aufsicht über und Kontrolle für die Finanzmärkte brauchen als wir sie heute haben.“ Der Staat müsse in der Lage sein, „komplizierte internationale Firmenkonstrukte wie Wirecard“ effizienter und wirksamer zu kontrollieren. Er habe sein Ministerium beauftragt, ihm in den nächsten Tagen ein Konzept dafür vorzulegen. Sollten rechtliche, gesetzgeberische oder regulatorische Maßnahmen nötig werden, werde man sie ergreifen.

Es stellten sich kritische Fragen an Vorstand und Management und auch die beteiligten Wirtschaftsprüfer, sagte Scholz, der aber auch auf die Rolle der Aufsichtsbehörden zu sprechen kam. „Auch hier müssen die Strukturen durchleucht, mögliche Fehler rasch identifiziert und dann natürlich sofort abgestellt werden.“ Er sei dem Chef der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, für seine klaren Worte dankbar und erwarte nun ebenso klare Taten. Hufeld hatte von einem „kompletten Desaster“ gesprochen und eingeräumt: „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert.“

Auch DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler fordert eine komplette Aufklärung des Falls. „Das darf nicht wieder so laufen wie bei Volkswagen, dass sich das jahrelang hinzieht und dann mit einer Geldbuße endet.“

Im Mittelpunkt des Skandals stehen mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Unmittelbarer Auslöser der Krise war das Eingeständnis finanzieller Unregelmäßigkeiten am Donnerstag vergangener Woche.

Am Freitag war Vorstandschef Markus Braun zurückgetreten, am Montag räumte Wirecard dann die Luftbuchungen ein - die 1,9 Milliarden, die angeblich auf philippinischen Treuhandkonten lagern sollten, existieren mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht, wie der Vorstand formulierte. Braun kam für eine Nacht in Untersuchungshaft, wurde am Dienstag aber gegen Kaution von fünf Millionen Euro wieder auf freien Fuß gesetzt.

Wirecard wickelt als Zahlungsdienstleister die bargeldlosen Geldflüsse zwischen Händlern auf der einen und Banken sowie Kreditkartenfirmen auf der anderen Seite ab. Die Aufklärung wird allein deshalb schwierig, weil sich ein wesentlicher Teil der Affäre in Südostasien abspielte: Zwei zentrale Figuren sind der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein Treuhänder, der bis Ende 2019 in Singapur für Wirecard aktiv war. Der Unternehmen betreute das - wie sich nun herausgestellt hat - in großen Teilen wahrscheinlich gar nicht existente Geschäft mit Drittfirmen, die angeblich für Wirecard Zahlungen im Mittleren Osten und in Asien abwickelten.

Ins Rollen gebracht hatte die Affäre die britische „Financial Times“, die Anfang 2019 über mutmaßliche Manipulationen in Singapur berichtete. Da es anschließend zu außergewöhnlichen Kursstürzen der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse gekommen war, hatten die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft zuerst Untersuchungen eingeleitet, ob illegale Manöver von Börsenspekulanten dahinter steckten.

Nun herrscht erst einmal Fassungslosigkeit: „Das ist von der Dimension her sehr schwer zu greifen“, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler.

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