Wirecard: Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek soll für Russland spioniert haben
Jan Marsalek: Der ehemalige Wirecard-COO ist seit fast drei Jahren auf der Flucht.
Foto: Leopold FialaDer frühere Wirecard-Manager und Justizflüchtige Jan Marsalek wird von britischen Ermittlern verdächtigt, Teil eines Spionagenetzwerks für Russland gewesen zu ein. Das geht aus einer Mitteilung der britischen Staatsanwaltschaft hervor. Zuvor hatte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel” über die Vorwürfe berichtet.
Demnach soll Marsalek eine zentrale Rolle als Vermittler zwischen Moskau und einer Gruppe von Bulgaren gespielt haben, die sich als mutmaßliche russische Spione in London vor Gericht verantworten müssen. Fünf Bulgaren, die gemeinsam mit dem Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek für Russland spioniert haben sollen, sind am Dienstag in London vor Gericht erschienen. In der kurzen Anhörung per Video ordnete der Westminster Magistrates' Court in London an, dass die Angeklagten weiter in Untersuchungshaft bleiben. Ein nächster Gerichtstermin wurde für den 13. Oktober angesetzt. Der seit der Pleite des Zahlungsabwicklers Wirecard im Juni 2020 flüchtige Österreicher wird in Russland vermutet. Er ist selbst in Großbritannien keiner Straftat beschuldigt, wird aber in der Anklage gegen das Quintett aus Bulgarien als Mitverschwörer genannt. Marsaleks Anwalt wollte sich dazu auf Reuters-Anfrage nicht äußern.
Fünf Bulgaren - drei Männer und zwei Frauen -, die seit Dienstag in London vor Gericht stehen, hätten ihre Befehle von Marsalek empfangen, sagte Staatsanwältin Kathryn Selby. Koordiniert wurde die Operation laut der Anklage in Großbritannien, die Beteiligten waren aber auch in anderen Ländern aktiv. Der seit der Pleite des Zahlungsabwicklers Wirecard im Juni 2020 flüchtige Österreicher wird in Russland vermutet. Er ist selbst in Großbritannien keiner Straftat beschuldigt, wird aber in der Anklage gegen das Quintett aus Bulgarien als Mitverschwörer genannt. Marsaleks Anwalt wollte sich dazu auf Reuters-Anfrage nicht äußern.
Die Bulgaren werden beschuldigt, zwischen 30. August 2020 und dem 8. Februar 2023 "Informationen gesammelt zu haben, die direkt oder indirekt einem Feind dazu dienen sollten, der Sicherheit und die Interessen des Staates zu schaden", wie es in der Anklage heißt. Selby sagte, sie seien Teil eines Netzwerks, das im Auftrag Russlands Ziele ausgekundschaftet und ins Visier für mögliche Entführungen genommen habe. Die fünf Angeklagten, die sich weiter in Gewahrsam befinden, wurden am Dienstag per Videolink in den Gerichtssaal von Old Bailey zugeschaltet. Sie waren im Februar von der Terrorismusabwehr festgenommen worden. Alle fünf lebten in London und Norfolk. Die Schaltzentrale habe sich in der Wohnung eines der Angeklagten befunden, sagte Selby. Drei von ihnen waren bereits wegen Fälschung von Ausweisdokumenten angeklagt worden. Großbritannien verschärft seit einiger Zeit sein Vorgehen gegen Bedrohungen von außen. Die Regierung hatte im Juli Russland als "akuteste Bedrohung" für die Sicherheit des Landes bezeichnet.
Marsalek hatte Berichten zufolge bereits während seiner Zeit bei Wirecard regelmäßig Geheimdienstkontakte gepflegt. Er hatte sich abgesetzt, nachdem ein Milliardenloch in der Bilanz des Zahlungsabwicklers entdeckt worden war, worauf die damals im Leitindex Dax gelistete Firma Insolvenz anmelden musste. Der damalige Vorstandschef Markus Braun und zwei andere Manager müssen sich zurzeit in München wegen Bandenbetrugs verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, das - von Marsalek verantwortete - Asien-Geschäft nur vorgespiegelt zu haben. Braun weist die Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft bekräftigte, ihre Ermittlungen gegen Marsalek dauerten an. Zu den Vorwürfen in Großbritannien wollte sie sich nicht äußern.
Marsalek war früher Vertriebsvorstand des Finanzdienstleisters Wirecard, ist seit Längerem abgetaucht und wird in Russland vermutet. Er gilt als Hauptverdächtiger im Wirecard-Skandal. Marsalek verantwortete das Geschäft mit sogenannten Drittpartnerfirmen – externen Zahlungsdienstleistern, die im Wirecard-Auftrag Kreditkartenzahlungen überwiegend in Asien abwickelten oder abgewickelt haben sollen.
Im Sommer 2020 war der einstige Dax-Konzern zusammengebrochen, weil 1,9 Milliarden Euro angeblicher Erlöse aus diesem Drittpartnergeschäft nicht auffindbar waren. Marsalek hatte sich daraufhin ins Ausland abgesetzt, als sich der Kollaps des Konzerns abzeichnete.
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