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Einblick in die Kunststoffanlage Eine Milliarde PET-Flaschen pro Jahr! Das ist Lidls gigantisches Recyclingwerk

Volle Förderbänder: Das Recycling-Werk der Schwarz-Gruppe nahe Aachen gehört zu den größten seiner Art in Europa. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Mit eigenen Recyclingwerken versucht die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) Plastikmüll zu reduzieren. So setzt Discountriese Lidl bei seinen PET-Mineralwasserflaschen im Schnitt 50 Prozent Recyclingmaterial ein. 

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Meterhoch türmen sich Ballen mit zerquetschten blauen, grünen und weißen Plastikpullen in der überdachten Lagerhalle. Ein Gabelstabler kurvt durch die Schluchten, packt zwei der riesigen Quader, die mit dicken Drähten vertäut sind, und verschwindet damit im Nachbargebäude, der Recyclinganlage der Schwarz Gruppe am Ende der Borsigstraße in Übach-Palenberg.

Das Recycling- und Kunststoffwerk PET Recycling West in Übach-Palenberg unweit von Aachen ist eines von drei Kunststoff- und Recyclingwerken der Schwarz-Gruppe, zu der unter anderem die beiden Handelsketten Lidl und Kaufland gehören. In Übach-Palenberg beschäftigen sich rund 100 Mitarbeiter damit, aus zurückgeführten PET-Pfandflaschen lebensmitteltaugliches Granulat zu gewinnen. Dieses Granulat wird dann vor Ort zu Flaschenrohlingen weiterverarbeitet.

Anfang 2019 wurde die Produktionskapazität durch eine neue Anlage um mehr als 10.000 Tonnen PET-Granulat erhöht. Dadurch wurde die Kapazität des Werkes nahezu verdoppelt. Jährlich können jetzt bis zu rund einer Milliarde PET-Flaschen an der Borsigstraße recycelt werden. Damit ist die Anlage einer der größten ihrer Art in Europa.

Der Weg der PET-Flaschen
Das Kunststoffwerk PET Recycling West in Übach-Palenberg unweit von Aachen ist eines von drei Kunststoff- und Recyclingwerken der Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland). Die Anlage zählt zu den größten ihrer Art in Europa. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Jährlich können dort bis zu rund einer Milliarde PET-Flaschen recycelt werden. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Um diese Quote zu schaffen, laufen die Förderbänder unter hoher Auslastung. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Bis zu 1,8 Tonnen PET-Flaschen pro Stunde passieren Förderbänder, Sortiermaschinen, Waschanlagen und Schreddern, bevor sie am Ende als Granulat aus einer Maschine rieseln. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Aus dem Granulat entstehen schließlich sogenannte Preforms. Sie können zu neuen PET-Flaschen aufgeblasen werden. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Lidl und die Schwarz-Produktion, zu der neben Backwaren-, Speiseeis- und Schokoladenwerken auch der Mineralwasserabfüller MEG gehören, konnten seit 2010 als erste Unternehmen einen eigenen Wertstoffkreislauf für PET-Einwegflaschen mit Pfand aufbauen. Alle Erfrischungsgetränke und Mineralwasserflaschen, die an einem der rund 6200 Lidl-Pfandautomaten abgegeben werden, werden wieder zu neuen Flaschen verarbeitet, heißt es in einer Präsentation des Discount-Riesen. Im Schnitt werden dabei mehr als 50 Prozent Recyclingmaterial in neuen Lidl-Flaschen eingesetzt. Teilweise kommen sogar bis zu 100 Prozent Recyclingmaterial zum Einsatz, heißt es weiter. Ziel sei es, in den kommenden fünf Jahren in allen Flaschen einen Recyclinganteil von 75 Prozent zu erreichen. Der gruppeneigene Wertstoffkreislauf spare jährlich insgesamt rund 60.000 Tonnen neues PET und mehr als 100.000 Tonnen CO2 ein – Tendenz steigend. Laut Schwarz-Produktion belaufe sich seit 2008 die Gesamteinsparungen auf 420.000 Tonnen PET und insgesamt mehr als 800.000 Tonnen CO2.

25 Milliarden PET-Flaschen

Es ist laut in der Recyclinghalle. Bis zu 1,8 Tonnen PET-Flaschen pro Stunde rasen durch das Labyrinth aus Förderbändern, Sortiermaschinen, Waschanlagen und Schreddern, bevor sie am Ende als Granulat aus einer Maschine rieseln. In Deutschland werden pro Jahr rund 25 Milliarden PET-Flaschen verbraucht – das ist pro Bürger fast eine Flasche pro Tag. Für die Getränkekonzerne wird das Thema Recycling immer wichtiger. Coca-Cola will noch bis Ende dieses Jahres alle PET-Flaschen seiner Getränkemarke Vio in Deutschland komplett auf Flaschen umstellen, die zu 100 Prozent aus recyceltem Material hergestellt werden. Bislang verwendet der weltweit größte Getränkehersteller in Europa für die Herstellung seiner PET-Flaschen im Schnitt rund 30 Prozent an recyceltem Material, bis 2023 sollen es 50 Prozent sein. Der Konzern erfüllt damit bereits heute die künftigen EU-Vorgaben, wonach alle Hersteller 25 Prozent ihrer PET-Flaschen bis zum Jahr 2025 aus recyceltem Material herstellen müssen, bis zum Jahr 2030 sollen es 30 Prozent sein. Zudem wird durch die Reduzierung der Verpackungsgewichte immer mehr Material eingespart.

Lidl verkauft sein Wasser ohne Kohlensäure der Eigenmarke Saskia in der 1,5 Liter-Flasche schon seit einem Jahr in vollrecycelten Flaschen. Wog die Flasche 2008 noch 38 Gramm, so sind es heute weniger als 27 Gramm. „Sie ist eine der leichtesten PET-Flaschen auf dem Markt und besteht zugleich vollständig aus Recycling-PET,“ heißt es auf der Homepage der Schwarz-Produktion. Diese Aussage bezieht sich allerdings nur auf den Flaschenkörper, nicht auf die Verschlusskappe und das Etikett.

Geburtshelfer Pfandautomat

Das neue Leben einer PET-Flasche beginnt beim Einwurf am Pfandautomaten in einer Lidl-Filiale. Darin werden die zurückgebrachten Flaschen vorsortiert, gepresst und in das nächstgelegene Lidl-Zentrallager transportiert. Dort werden die Flaschen zu Ballen gepresst und platzsparend zu den Recyclingwerken in Neuensalz bei Plauen im Vogtland oder nach Übach-Palenberg an der niederländischen Grenze gebracht. Was an 0,7-Liter-Glasflaschen sonst auf 26 LKW verladen werden müsste, passe dann auf einen einzigen Laster, rund 400.000 Flaschen in Ballen, heißt es bei Lidl.

Das Recyclingwerk in Übach-Palenberg besteht aus einer riesigen Halle, in der die Flaschen von den Etiketten befreit und erneut sortiert werden. Anschließend werden sie nach Farben sortiert, gemahlen, gewaschen, auf 280 Grad erwärmt und geschmolzen. Danach werden sie zu sogenannten Flakes, dem Regranulat verarbeitet. Zusammen mit neuem Granulat bildet es den Rohstoff für die Rohlinge, die sogenannten Preforms – einer neuen PET-Flasche. Millionen von Preforms verlassen Übach-Palenberg in Richtung der fünf Wasserwerke der Schwarz-Gruppe. Dort werden sie erhitzt und zu neuen Flaschen aufgeblasen.

Aldi rudert zurück

Seit Mitte Oktober stellt Lidl „die ökologischen Vorteile von Einweg mit Pfand“ in der Kampagne „Saskia. So geht Wasser“ in den Vordergrund. In Print- und Onlinemedien, in Radio- und TV-Spots, in den Läden und in sozialen Netzwerken skizziert Lidl den Weg der bepfandeten Kreislaufflasche und ihre Vorzüge für die Umwelt.

Einen anderen Weg wollte Erzrivale Aldi Süd einschlagen. Seit dem Frühjahr hatte der Wettbewerber Bier und Mineralwasser regionaler Marken in Mehrwegflaschen aus Glas verkauft. In rund 50 Filialen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wurde das getestet – und nun beendet. Man habe entschieden, dieses Konzept zunächst nicht weiterzuverfolgen, teilte eine Sprecherin des Discounters mit und verwies darauf, dass PET-Einwegflaschen, die meist aus wiederverwendetem Kunststoff bestünden, umweltfreundlicher geworden seien.


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Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sieht das völlig anders. Angesichts steigender Müllberge sei es ein „Skandal“, dass Aldi jetzt wie der Hauptkonkurrent Lidl wieder komplett auf Einweg setze. Die DUH empfiehlt wie das Umweltbundesamt Mehrwegflaschen wegen ihrer besseren Ökobilanz, wenn die Transportwege kurz sind und sie bis zu 50 Mal wieder befüllt werden.

Mehr zum Thema: Lidl baut seine Lebensmittelproduktion aus – und erhöht den Preisdruck auf Zulieferer.

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