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Gegen Amazon, Zalando und Co. Wie ein Modehaus in der Provinz der Übermacht trotzt

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Big Data in Minden?

75 Prozent der Kartennutzer sind Frauen, das Durchschnittsalter liegt bei 53 Jahren. Jeder Vierte hat dem Unternehmen zudem seine Handynummer und Mailadresse anvertraut. Die gewonnenen Informationen sollen die Verkäufer nutzen, um den Kunden maßgeschneiderte Angebote zu schicken und Artikel zu empfehlen. Für den Austausch werden künftig alle Formen digitaler Kommunikation genutzt. Denkbar sind für Co-Chefin Drabert WhatsApp-Gruppen, in denen sich Verkäufer mit ihren Kunden austauschen. Digital ließen sich „die individuellen Bedürfnisse der Kunden über direktes Feedback schneller erfassen und dann genauer und zielgruppenspezifischer reagieren“, sagt Jungchef Stephan Ahrens. Nur einen eigenen Onlineshop trauen sich die Mindener nicht zu. „Das machen wir nur, wenn wir Kundenbedürfnisse besser erfüllen können als der digitale Wettbewerb“, sagt Ahrens junior.

Maximaler Kontrast. Glasbau und Renaissancegiebel-Haus von Hagemeyer in Mindens Innenstadt. Quelle: PR

Trotz aller Ideen wäre der Kampf ohne Verbündete schwer. Deshalb haben sich rund 30 mittelgroße Modehäuser in Familienhand in sogenannten „Erfas“ – Erfahrungsaustausch-Gruppen – vernetzt. Da sie sich wegen der räumlichen Distanz keine Konkurrenz machen, ist der Austausch über neue Konzepte kein Problem. Zu der Gruppe zählen lokale Institutionen wie das Modehaus Lengermann und Trieschmann (L+T) aus Osnabrück, Engelhorn aus Mannheim und die Familie Wagener aus Baden-Baden, wo sich Daniela Drabert zwei Jahre als Assistentin der Geschäftsführung in die Finessen der Branche eingearbeitet hat. Der Blick geht auch ins Ausland. Drabert reiste zuletzt mit einer Gruppe nach Seoul, Jürgen Ahrens nach Stockholm und Mailand.

Dabei sucht jedes Mitglied des Netzwerks seinen eigenen Weg für die Zukunft und inspiriert die anderen. Das 125 Jahre alte Familienunternehmen Engelhorn etwa setzt noch stärker als Hagemeyer auf digitale Kommunikation. Nach einer kurzen Testphase bespielt das Team fast rund um die Uhr Twitter, Facebook, Instagram, Pinterest, YouTube, Snapchat und die Engelhorn-Blogs. Fast 30 Mitarbeiter machen mit. Offenbar lohnt sich der Aufwand. Bei Facebook kommt Engelhorn auf mehr als 93 000 Likes, mehr als 12 000 Menschen folgen dem Unternehmen bei Instagram.

Wenn die regionalen Modefürsten ihre Stärken konsequent ausspielen, sieht ihre Zukunft gar nicht mal so finster aus. Die Experten der Beratungsgesellschaft KPMG und des Instituts für Handelsforschung (IFH) prognostizieren mittelgroßen Filialbetrieben mit einem Umsatz von bis zu 50 Millionen Euro in ihrer Studie „Fashion 2025“ sogar ein leichtes Wachstum des Marktanteils von heute vier auf gut fünf Prozent. Als Lokalmatadoren seien sie näher am Kunden als bundesweit oder gar global operierende Ketten. Sie könnten schneller neue Konzepte ausprobieren und auf veränderte Marktbedingungen reagieren.

Hoffnung auch für Hagemeyer.

Über den adventlichen Straßen Mindens bilden Leuchtdioden den Schriftzug „min + din“. Das erinnert an die Gründungslegende der Stadt. Sachsenführer Widukind übergab nach jahrelangen Kämpfen vor 1200 Jahren seine Festung am Weserufer dem späteren Karolingerkaiser Karl dem Großen, auf Mittelhochdeutsch: „Disse Borch schall nun myn unde dyn seyn.“

Daniela Drabert und ihre Kollegen wollen ihre „Borch“ – die Galerie – gegen die Onlineimperien verteidigen. Entschieden ist noch nichts. Aber sie kämpfen. Tapfer. Zäh. Und mit Stil.

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