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Herrenausstatter in der Krise Wer braucht im Homeoffice schon Hemd und Krawatte?

Mann mit Anzug und Krawatte vor einem Laptop Quelle: Getty Images

Die Kleiderordnung in Büros ist schon länger im Wandel. Jetzt kommt auch noch das Homeoffice dazu. Das trifft Herrenausstatter hart.

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Ein Aufschrei ging durch die Modewelt, als Brooks Brothers, einer der ältesten Herrenausstatter der Welt, Insolvenz anmeldete. Schon Abraham Lincoln trug Brooks-Brothers-Anzüge, John F. Kennedy war bekennender Fan des Herrenausstatters und auch Barack Obama und Donald Trump hüllten sich in Mäntel der Nobelmarke.

Am selben Tag gab der deutsche Schuhhersteller Lloyd bekannt, das deutsche Werk zu schließen. Zwei Häuser mit langer Tradition, die die Coronakrise schwer getroffen hat. Gibt es noch Hoffnung für traditionelle Herrenausstatter? Oder war die Branche schon vorher dem Untergang geweiht?

„Wer trägt heute schon noch eine Krawatte oder unbedingt einen Anzug?“ Die Frage wirft Thomas Schmitz auf, der als Inhaber des Labels John Crocket in seinem Geschäft in Köln und über einen Versandhandel im Internet klassische britische Mode verkauft. Schon nach der Bankenkrise 2008 habe das Geschäft mit klassischer Businessmode zu schwächeln begonnen. Das habe sich dann auch nie mehr erholt. Selbst Spitzenmanager waren ohne Krawatte und in Sneakern unterwegs. Das galt als Ausweis ihrer Digitalkompetenz.

Businessmode im Büro: An manchen Arbeitsplätzen wirkte das wie von gestern. Im corona-bedingten Homeoffice trägt man jetzt eher Jogginghose. Kaum vorstellbar, dass selbst der Chef einer traditionsreichen Privatbank in Lackschuhen vor dem Computer sitzen soll. Schmitz hat sich dann vor allem auf Tweed-Anzüge für besondere Anlässe wie Hochzeiten spezialisiert.

Zwar habe die Coronakrise auch bei ihm anfangs „sehr gerüttelt“ – im März betrug sein Umsatz weniger als die Hälfte des Vorjahresmonats – doch seit Juni läuft es bei ihm im Laden mit seinen acht Mitarbeitern wieder besser und vermutlich könne er das Minus bis Ende des nächsten Monats wieder ausgleichen. In seine Karten spielt auch, dass der warme Tweet-Stoff vorrangig in den Wintermonaten gekauft wird. Da war hierzulande von der Pandemie noch wenig zu spüren. Und mittlerweile merke er, dass seine Kunden weniger Geld für Reisen ausgeben und stattdessen in seinen Laden kommen.

Corona als „Dolchstoß“ für die Branche

Mit so viel Glück durch die Krise kommen aber bei Weitem nicht alle Herrenausstatter, wie die Beispiele von Brooks Brothers und Lloyd zeigen. In Großbritannien verkündete der Herrenausstatter TM Lewin kürzlich, alle 66 Niederlassungen auf der Insel aus Kostengründen zu schließen und sich im Heimatmarkt nurmehr auf den Online-Handel zu konzentrieren.

Auch in Deutschland bangen Unternehmen um ihre Existenz. Vor allem kleinere Unternehmen mit oft nur einem Standort scheinen besonders stark betroffen zu sein. Für die sei die Coronakrise aber nur der „Dolchstoß, der Beschleuniger“, in einer Branche, die schon lange schwierig sei, wie John-Crocket-Inhaber Schmitz vermutet. Ein Beispiel dafür liefert das Stuttgarter Traditionshaus Breitling. Nach mehr als 70 Jahren schließt es seine Pforten zum Jahresende. Die fünfwöchige Schließung durch die Pandemie, habe ihnen den Rest gegeben, erklärte Geschäftsführerin Mirella Breitling der Stuttgarter Zeitung. Doch schon davor hätten das veränderte Einkaufsverhalten und die Konkurrenz durch den Online-Handel dem Ausstatter zu schaffen gemacht. Die Coronakrise als Brandbeschleuniger, die vorhandene Schwächen schneller zum Vorschein bringt.

Auch der deutsche Hersteller Olymp spürt die Krise deutlich, es gebe einen „wahnsinnigen Warenstau“, wie Inhaber Mark Bezner gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte. Durch die Schließung der stationären Geschäfte sei die Grundlage des Geschäftsmodells entfallen. Denn auch bei Olymp mache der stationäre Handel einen Großteil – 80 Prozent – des Geschäfts aus. Olymp-Inhaber Bezner zeigte sich zwar zuversichtlich, dass sein Unternehmen die Krise durchstehen kann. Das sei allerdings nicht repräsentativ für den gesamten Modemarkt.

Auch bei der Maßkonfektion Kuhn, die in Deutschland und Österreich insgesamt 18 Filialen betreibt, hinterlässt die Krise ihre Spuren – auch deshalb, weil der Onlinehandel bei Kuhn bisher weniger als ein Prozent zum Umsatz beiträgt. Als zu Beginn der Saison, die eigentlich umsatzstärkste Zeit, alle Läden schließen mussten, „saßen wir auf vollen Stofflagern“,  erzählt Inhaber Michael Kuhn am Telefon. „In der Zeit haben wir praktisch gar keine Umsätze gemacht.“ Danach seien viele Kunden sehr vorsichtig und zurückhaltend geworden.



Arbeiten im Homeoffice und verschobene Hochzeiten belasten außerdem die zwei Hauptsäulen von Kuhns Geschäft: die klassische Businessmode und Mode für Hochzeiten. Aktuell lägen die Umsätze deutlich unter denen im Vorjahr. Kuhn erwartet, dass das auch bis zum Ende des Jahres so bleibt. Den Trend weg von Businesskleidung hin zum Casual-Look habe es schon vor Corona gegeben. Doch Kuhn ist sich sicher: „Den gehobenen, wertigen Business-Anzug, den wirds auch immer geben.“

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Nach dem Coronaschock will Online-Modehändlerin Renata DePauli ihr Unternehmen in die neue Normalität führen. Ihr Ziel: Sich der schon tobenden Rabattschlacht zu entziehen und bisherige Umsatzverluste wieder aufzuholen.

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