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Impfprogramme gegen Corona Analysten: Herdenimmunität in der EU im September möglich

Die Gesundheitsämter melden heute so viele Tote wie noch nie. Quelle: dpa

In der EU könnte es bereits ab September eine Herdenimmunität gegen Corona geben – in den USA schon ab April. Damit rechnet das Analyseinstitut für den Gesundheitssektor Airfinity. Die Impfprogramme zeigen Wirkung.

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Das Analyseinstitut für den Gesundheitssektor Airfinity geht davon aus, dass mit den geplanten Impfprogrammen in den USA schon im April eine Herdenimmunität gegen Corona erreicht werden könnte. In Großbritannien sei das im Juli, in der Europäischen Union Anfang September möglich, sagte Airfinity-Gründer Rasmus Bech Hansen. Impfskepsis sei in den Modellrechnungen berücksichtigt, betonte Airfinity-Analyst Matt Linley. Herdenimmunität wird nach Modellrechnungen erreicht, wenn 60 bis 70 Prozent der Menschen immun sind. Skeptisch seien nach Airfinity-Analysen je nach Land bis zu 35 Prozent der Menschen.

Allerdings 70 Prozent der Deutschen wollen sich aktuell gegen Corona impfen lassen. Sobald der Impfstoff marktreif ist, werden es aber deutlich weniger sein, warnt der Verhaltensökonom Gerhard Fehr. Er fordert daher eine Impfpflicht.

Derweil gibt es auch Neuigkeiten aus den Forschungslaboren der Pharmakonzerne: Der Corona-Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer soll künftig auch ohne die zur Zeit nötige Lagerung bei minus 70 Grad zur Verfügung stehen. „Wir arbeiten an einer Version, um die minus 70 Grad zu vermeiden“, sagte Pfizer-Chef Albert Bourla am Dienstag bei einer Pressekonferenz des in Genf ansässigen internationalen Pharmaverbandes IFPMA. Gleichwohl seien die zur Zeit nötigen tiefen Temperaturen aber kein Problem. Die Ingenieure hätten spezielle Boxen entwickelt, die den Transport des Impfstoffs ohne Kühlung von außen möglich machten. Daten dazu, ob der Impfstoff nicht nur vor der Erkrankung Corona schützt, sondern auch eine Ansteckung verhindert, sollten Anfang nächsten Jahres vorliegen, sagte Bourla.

Als erstes Land der Welt hatte Großbritannien dem Mainzer Pharma-Unternehmen Biontech und seinem US-Partner Pfizer eine Notfallzulassung für den Impfstoff erteilt. Am Dienstag begann dort die größte Impfkampagne in der Geschichte des Landes. Anträge auf Zulassung dieses sowie weiterer Impfstoffe von anderen Firmen laufen auch in der EU, den USA und anderen Ländern. Nach Angaben von Bourla wollen Biontech und Pfizer in diesem Jahr 50 Millionen, im nächsten Jahr 1,3 Milliarden Dosen des Impfstoffs herstellen. Mehr sei mangels Produktionsstätten nicht möglich.

Wenige Tage vor der erwarteten Entscheidung über eine Notfallzulassung in den USA hat die US-Arzneimittelbehörde FDA dem Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer ein erstes gutes Zeugnis ausgestellt. Schon rund zehn Tage nach der ersten Dosis des Impfstoffes liege ein starker Schutz gegen die Krankheit Corona vor, geht aus Dokumenten hervor, die die FDA am Dienstag veröffentlichte. Größere Sicherheitsbedenken gebe es keine. „So sieht ein Zeugnis voll mit der Note 1+ für einen Impfstoff aus“, kommentierte Akiko Iwasaki, Immunologe an der Yale-Universität, gegenüber der „New York Times“.

Impfstoff von Astrazeneca kommt auf den Prüfstand

Für den Pharmakonzern Astrazeneca, der ebenfalls einen als aussichtsreich geltenden Corona-Impfstoff entwickelt, kommt zunehmend Kritik auf. Es gab zuletzt Zweifel am Design der klinischen Studien und der hohen Wirksamkeit des Impfstoffs. Der schwedisch-britische Konzern plant daher zusätzliche Untersuchungen. Sie sollen die Daten „bereits vorhandener Studien ergänzen“, teilte eine Sprecherin von Astrazeneca der Deutschen Presse-Agentur in London mit, ohne Details zu nennen. Die umstrittenen Impfstoff-Ergebnisse des Pharmakonzerns werden derzeit im Auftrag der britischen Regierung geprüft. Dies sei ein „erster, bedeutender Schritt bei der Zulassung des Vakzins, wenn er die Sicherheits-, Wirksamkeits- und Qualitätsstandards erfüllt“, teilte das Gesundheitsministerium in London vergangene Woche mit. Die Prüfung soll von der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel durchgeführt werden.

Der mit der Universität Oxford entwickelte Impfstoff soll nach den bisherigen Studiendaten im Mittel einen 70-prozentigen Schutz vor Corona bieten. Bei spezieller Dosierung könnte die Wirksamkeit dem Konzern zufolge womöglich noch deutlich höher liegen. Berücksichtigt wurden Daten zweier klinischer Studien mit verschiedener Dosierung.

Berücksichtigt wurden für die Zwischenergebnisse zum einen Daten einer kombinierten Phase-II/III-Studie, bei der die Versuchspersonen zuerst eine halbe Dosis des Impfstoffs und einen Monat später eine weitere volle Dosis erhielten. Die Effektivität lag den Angaben zufolge hier bei 90 Prozent. Zum anderen wurden Ergebnisse einer Phase-III-Studie berücksichtigt, bei der Probanden zwei volle Dosen bekamen. Die bisher errechnete Effektivität lag bei 62 Prozent. Zusammengenommen ergibt sich dem Konzern zufolge eine Wirksamkeit von 70 Prozent.

Kritiker bemängelten die Berechnungen der Wirksamkeit auf diese Weise, da unterschiedliche Dosen gegeben worden waren. US-Forscher kritisierten zudem, dass in der Studie, die zu einem hohen Impferfolg von 90 Prozent führte, kein Teilnehmer älter als 55 Jahre war. Doch gerade Senioren gelten als besonder gefährdete Gruppe. Ein großer Vorteil des Impfstoffs: Er kann den Angaben zufolge bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad aufbewahrt werden.

„Wir haben die Aufsichtsbehörde formell gebeten, den Impfstoff ... zu bewerten, die Daten zu verstehen und festzustellen, ob er den strengen Sicherheitsstandards entspricht“, teilte Gesundheitsminister Matt Hancock mit. „Wir arbeiten unermüdlich daran, in der bestmöglichen Lage zu sein, einen Impfstoff bereitzustellen, sobald er von der unabhängigen Aufsichtsbehörde MHRA genehmigt wird.“

Anders als die vielversprechenden Vakzine von Biontech -Pfizer sowie der US-Firma Moderna gehört das britisch-schwedische Präparat nicht zu den mRNA-Impfstoffen. Die Wirksamkeit der Vakzine von Pfizer/Biontech und Moderna liegt für Doppelimpfungen nach vorläufigen Daten bei rund 95 Prozent.

Der von Astrazeneca eingesetzte Wirkstoff AZD1222 beruht auf der abgeschwächten Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen. Es enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Das Mittel soll sowohl die Bildung von spezifischen Antikörpern als auch von T-Zellen fördern - beide sind für die Immunabwehr wichtig. Insgesamt haben weltweit Länder bereits Milliarden Dosen bei Astrazeneca geordert.

Curevac peilt Zulassung in der EU und in Lateinamerika an

Auch von Curevac gibt es Neuigkeiten: Das deutsche Biotech-Unternehmen will eine Zulassung seines Corona-Impfstoffkandidaten in der EU und in Lateinamerika beantragen. „Nordamerika ist für uns noch kein Markt. Die jetzige Administration hat sehr schnell und sehr viele Dosen vorbestellt und reserviert, von Johnson&Johnson, AstraZeneca und Sanofi-GSK, Moderna und auch Biontech/Pfizer“, sagte der Vorstandsvorsitzende Franz-Werner Haas in Tübingen.

Die zulassungsrelevante klinische Phase-III-Studie mit bis zu 30.000 Teilnehmern soll laut Haas bis Ende 2020 eingeleitet werden. Mit ersten Ergebnissen rechnet Curevac nach zwei bis drei Monaten. Zurzeit warte das Unternehmen darauf, dafür grünes Licht von den Behörden zu bekommen. „Wir von uns aus sind bereit“, sagte Haas.

Mit der EU-Kommission hat Curevac bereits einen Vertrag über den Kauf von bis zu 405 Millionen Impfdosen geschlossen. Wie viele Dosen nach Deutschland oder Baden-Württemberg gehen sollen, sagte das Unternehmen nicht.

„Wir sind bei Sars-CoV-2 in einer Situation, wo wir die Welt vakzinieren müssen. Das Virus kennt keine Hautfarbe, keine Religion, kein Geschlecht und keine Grenzen“, sagte Haas. Deshalb seien Logistik und damit verbunden die Robustheit des Impfstoffs von Bedeutung. „Ich muss schnell und effektiv vakzinieren können, weshalb man auch die Logistik sicherstellen muss.“ Wenn man in Ländern sei mit einer höheren Temperatur und der Impfstoff in entlegene Gegenden gebracht werden müsse, brauche man für den Transport Zeit. „Ein Impfstoff, der lange bei Kühlschrank-Temperaturen gelagert werden kann und auch einige Zeit bei Zimmertemperatur stabil bleibt, ist im Vorteil.“


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Der Tübinger Impfstoffkandidat ist auch bei einer Temperatur von plus fünf Grad mindestens drei Monate lang haltbar. Zudem bleibe CVnCoV, wie die Flüssigkeit heißt, bei Raumtemperatur bis zu 24 Stunden als gebrauchsfertiger Impfstoff stabil.

Die Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Pandemie in nur zehn Monaten bezeichnete Haas als Meilenstein. Die Risiken von Fehlern seien vorhanden, wenn auch in einem sehr geringen Umfang. „Die regulatorischen Behörden machen technologieunabhängig keine Abstriche bei Sicherheit und Verträglichkeit.“ Curevac schreibt noch rote Zahlen. Mit Gewinnen rechnet Haas erst im Jahr 2022. Haas sprach von rund 700 Millionen Euro Investitionskosten im Zusammenhang mit der Entwicklung des Impfstoffs.

Mehr zum Thema: Großbritannien hat als erstes Land der westlichen Welt einen Covid-19-Impfstoff zugelassen, heute werden die ersten Menschen geimpft. Der Gesundheitsminister behauptet, sein Land könne den Impfstoff früher als die EU zulassen.

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