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VorstandserweiterungÄrger bei Thyssenkrupp: „So nicht, Herr López“

Die Erweiterung des Thyssenkrupp-Vorstands gegen den Willen der Arbeitnehmer sorgt erneut für Ärger. Rechtfertigt der Nutzen des Umbaus diesen Preis? Und was bedeutet die Kampfansage für 2024?Florian Güßgen 08.12.2023 - 14:45 Uhr

Kann er sein Programm gegen den Widerstand der Gewerkschaften durchziehen? Thyssenkrupp-Chef Miguel López

Foto: REUTERS

Thyssenkrupp kommt auch im Advent nicht zur Ruhe. Im Gegenteil. Mit einem Flugblatt, adressiert an die Beschäftigten des Konzerns, hat die Gewerkschaft IG Metall am Freitag erneut die gerade beschlossene Erweiterung des Vorstands angegriffen. Thyssenkrupp-CEO Miguel López habe einen „Hammer ausgepackt“ und gemeinsam mit Aufsichtsrats-Chef Siegfried Russwurm zwei neue Vorstände „durchgedrückt“, heißt es.

Zitiert wird auch IG-Metall-Vize Jürgen Kerner, der auch Vize-Chef des Aufsichtsrats ist. Die „Kultur der Mitbestimmung“ liege in Scherben. Das sei eine „Kampfansage“ an die IG Metall und ihre „Zehntausenden“ Mitglieder im Konzern. Die Gewerkschaft „wappne“ sich gegen „einen Arbeitgeber, der das Konzernschicksal im Alleingang“ bestimmen wolle. Ähnlich scharf hatten die Gewerkschafter direkt nach der Entscheidung formuliert. Das Flugblatt soll signalisieren: Dieser Konflikt wird andauern.

Der Aufsichtsrat der AG hatte mit Ilse Henne und Volkmar Dinstuhl vergangene Woche zwei zusätzliche Vorstände berufen und den Vorstand so von drei auf fünf Posten erweitert – gegen den Willen und die Stimmen der Vertreter der Arbeitnehmerseite. Entscheidend war dadurch die „Doppelstimme“ von Aufsichtsratschef Russwurm geworden. Schon vergangene Woche hatten die IG-Metall-Vertreter einen vermeintlichen „Kulturbruch“ kritisiert.

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In der Tat markiert das Vorgehen von CEO Miguel López und auch Aufsichtsratschef Russwurm einen Bruch mit der vorherigen konsensorientierten Unternehmenspolitik gegenüber den Arbeitnehmern unter López-Vorgängerin Martina Merz. Die hatte das Ziel verfolgt, aus Thyssenkrupp eine vor allem dezentral gesteuerte „Group of Companies“ zu formen mit weitgehend eigenständigen Sparten. Die Stahlsparte Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE) und die Schiffbausparte Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) wollte Merz in großen Teilen verkaufen, den Elektrolyseur-Hersteller Nucera an die Börse bringen. Nur, Merz hat keines dieser Ziele erreicht und musste deshalb im vergangenen Frühjahr gehen.

Die Devise lautet: Schluss mit lustig

Insofern ist es nachvollziehbar, dass López, der immer noch neue Chef, nun versucht, Pläne vor allem endlich umzusetzen – auch gegen Widerstände. Nucera hat er an die Börse gebracht, mit dem tschechischen Investor Daniel Křetínský verhandelt er über ein Joint Venture beim Stahl, Křetínský soll möglichst die Hälfte der Sparte übernehmen. Bei TKMS gibt es seit einiger Zeit Verkaufsgespräche, auch über einen Einstieg des Bundes. Chef ist hier Oliver Burkhard, in Personalunion Personalvorstand. Dazu hat López die Sparten aufgeräumt und vor allem ein neues Segment „Decarbon Technologies“ geschaffen, in dem grüne Zukunftstechnologien – wie Anlagenbauer Thyssenkrupp Uhde – zusammengefasst werden. Die Idee ist, Thyssenkrupp zu einem sichtbareren Player bei der Transformation ins Grüne werden zu lassen.

Auch ein sogenanntes „Performanceprogramm“ hat López aufgesetzt, „Apex“ getauft, das die einzelnen Sparten auf Effizienz trimmen soll. Die Botschaft ist immer dieselbe: Schluss mit lustig. Wir machen jetzt mal. Sonst wird das nie etwas. Und es gibt gute Argumente dafür, genau diese Strategie zu verfolgen. Zu lange war der Konzern gelähmt. Eigentlich ist der Name Thyssenkrupp mittlerweile ein Synonym für Fehlinvestition und Lähmung. Insofern schadet es nicht, zuzupacken.

Drohen Demonstrationen in Essen?

Die Gewerkschafter kritisieren nun – Überschrift des Flugblatts: „So nicht, Herr López“ – dass die Anteilseigner mit ihrem Vorgehen im Aufsichtsrat die Mitbestimmung „torpedierten“. Außerdem mache López eine „Rolle rückwärts“ und verlagere alle Macht in die Zentrale in Essen. Und er werfe „Geld zum Fenster“ heraus. Es sind eher weiche, fast schon allgemeine Punkte, die die Gewerkschafter anprangern, vor allem ohne Androhung von konkreten Konsequenzen. Konkret dürften sie allerdings versuchen, den Druck vor der Hauptversammlung des Konzerns Anfang Februar zu erhöhen – möglicherweise mit Widerstand in den Aufsichtsräten der Sparten oder sogar Demonstrationen in Essen.

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Der Knackpunkt ist dabei weniger die Ernennung Hennes, die auch etwa für Prozessdigitalisierung und Cybersecurity zuständig sein soll, sondern vor allem die Ernennung von Volkmar Dinstuhl, bis jetzt Chef der Sparte Multi Tracks. Dinstuhl soll sich auch um M&A-Prozess kümmern. Bei Anteilseignern – allen voran der Krupp Stiftung, die rund 21 Prozent an dem Unternehmen hält – wird Dinstuhl wegen des Verkaufs der Aufzugsparte, aber auch wegen des Verkaufs weiterer Unternehmen sehr geschätzt. Seine Wahl gilt als Signal für die strategische Bedeutung des Verkaufs der Stahlsparte, aber auch der Marinesparte. Die Arbeitgeber werfen ihm vor, massiv Arbeitsplätze abgebaut zu haben.

Aber selbst, wenn man dieser Argumentation folgt, ist es zweifelhaft, ob der Nutzen dieses Umbaus die Kosten – den Bruch mit den Arbeitnehmern – tatsächlich aufwiegt. Warum etwa hat López, wenn er denn die Konzernteile zentraler verwalten will, nicht prioritär die Chefs der wichtigen Sparten zu Vorständen gemacht, also etwa auch den Stahlchef Bernhard Osburg? Das hätte eine gewisse Logik gehabt – TKMS-Chef Burkhard ist ja auch im Vorstand. Und was für ein Signal sendet es in den Betrieb, da haben die Gewerkschafter ja recht, wenn der Chef einerseits die Effizienz beschwört, aber andererseits zwei neue Vorstände bestallt? So zerstört López die Glaubwürdigkeit des Apex-Programms.

Gegner ohne Not

Das Auffallende ist, dass López sich die Gewerkschaften offenbar ohne Not zu Gegnern gemacht hat. Beim Verkauf des Stahls sorgen die milliardenschwere Förderung von Land und Bund dafür, dass der mögliche Investor sich an enge Vorgaben halten muss. Sicher gibt es dort auch heikle Fragen, etwa wie viele Direktreduktionsanlagen ein künftiger Investor in Duisburg mittragen will? Und freilich auch, wie am Ende der Preis aussieht. Aber hier ist, Stand jetzt, eher Druck aus dem Kessel gewichen, seitdem die Gewerkschafter mit Daniel Křetínský persönlich gesprochen haben. Für Ärger hatte hier nur López gesorgt, weil er zunächst einen sehr engen Zeitplan für den Verkauf vorgegeben hatte.

Und auch bei Apex ist López offenbar erfolgreich Bedenken der Gewerkschaften begegnet, dass es sich um ein reines Stellenabbauprogramm handeln könnte. All die Annäherung hat López durch seinen jüngsten Schritt wieder zerstört – und erweckt so den Eindruck, die richtige Strategie zu verfolgen, auch bei der Umsetzung mehr zu leisten als seine Vorgängerin, aber durch taktisches Ungeschick seinen eigenen Spielraum zu begrenzen. In der Regel macht so eine Methode den Erfolg nicht unmöglich, aber erschwert ihn.

Lesen Sie auch: Wie viel Rohstahl müssen wir künftig in Deutschland erzeugen? Hier sind die wichtigsten Argumente.

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