1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. IT
  4. Amazon-Web-Services-Chef Adam Selipsky: „Bei generativer KI stehen wir erst am Anfang“

Amazons Cloud-Chef im Interview„Bei generativer KI stehen wir gerade erst am Anfang eines langen Rennens“

Amazons Cloud-Sparte AWS wächst nicht mehr so schnell wie noch vor wenigen Monaten und wirkt abgehängt bei generativer künstlicher Intelligenz. AWS-Chef Adam Selipsky erklärt, warum er Besserung erwartet.Michael Kroker 09.09.2023 - 12:04 Uhr
Foto: REUTERS

WirtschaftsWoche: Mr. Selipsky, AWS war jahrelang der Wachstumstreiber für Amazon, aber seit drei Quartalen ebben die Zuwächse ab, von 20 über 16 auf 12 Prozent im zweiten Quartal 2023. Warum?
Adam Selipsky: Wir befinden uns in einer mehrjährigen Phase wirtschaftlicher Unsicherheit. Unsere Kunden müssen mit diversen Krisen zurechtkommen, von der weltweiten Inflation über hohe Zinssätze und Rezessionsprognosen bis hin zum Krieg in Europa sowie einer Reihe von Unterbrechungen der Lieferketten. Sie sind deshalb bei ihren Ausgaben eher konservativ. Dieses Phänomen ist in vielen Branchen und Unternehmen zu beobachten. Wir haben immer gesagt, dass eines der Versprechen der Cloud die hohe Elastizität ist, das bedeutet: Es ist sehr einfach, die Cloud-Kapazität zu erhöhen, wenn Bedarf besteht – und andersherum ist es einfach, diese Kapazität wieder zurückzufahren. Genau das geschieht gerade bei vielen unserer Kunden. Ich bin mir sehr sicher, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder neue Aufgaben in die Cloud verlagern werden.

Wann wird das sein – oder anders gefragt: Wie lange wird die derzeitige Unsicherheit anhalten? 
Ich bin kein Makroökonom und kann die Zukunft nicht vorhersagen. Ein gewisser Teil unserer Kunden hat die Kostenoptimierungen bereits abgeschlossen; andere stecken noch mittendrin. Eine genaue Prognose ist daher schwierig.

Adam Selipsky

Foto: PR
Zur Person
Adam Selipsky, 56, führt Amazon Web Services seit Mitte 2021 als Nachfolger von Andy Jassy, der seinerzeit an die Spitze des Gesamtkonzerns rückte. Der ehemalige Unternehmensberater war bereits bei der Gründung der Cloud-Sparte von Amazon im Jahr 2006 dabei. Vor seiner Rückkehr zu Amazon leitete er vier Jahre als CEO die Geschicke des Softwareunternehmens Tableau.

AWS ist seit vielen Jahren der unangefochtene Marktführer auf dem Markt für Cloud Computing. Lassen sich Ihre sinkenden Wachstumsraten auch dahingehend deuten, dass Ihre Konkurrenten, allen voran Microsoft und Google, Ihnen Marktanteile wegnehmen?
Unser Cloud-Geschäft ist, wenn man externen Schätzungen Glauben schenkt, weiterhin mit Abstand das größte, gut doppelt so groß wie das unseres nächsten Konkurrenten und deutlich größer als das aller anderen Rivalen. Für 2023 rechnen wir aktuell mit einem projizierten Jahresumsatz von 88 Milliarden Dollar. Bei einem Unternehmen unserer Größe sind die absoluten Wachstumsraten natürlich geringer. Zudem sind die Wachstumsraten bei fast allen Technologieunternehmen, einschließlich der großen Cloud-Anbieter, im Vergleich zu den letzten vier oder sechs Quartalen gesunken. Dies ist also ein verbreitetes Phänomen – und kein Indiz, dass wir Marktanteile verlieren.

Noch vor wenigen Monaten erwarteten Marktbeobachter, dass AWS bis zum Ende dieses Jahres die Umsatzschwelle von 100 Milliarden Dollar erreicht. Ist dieses Ziel noch erreichbar
Amazon hat nie eine Prognose zu AWS veröffentlicht. Beobachter sollen beobachten. Ich bin aber sehr optimistisch, was das zukünftige Wachstum von AWS angeht.

Schneller schlau: So lernen Maschinen das Denken
Mit Kameras, Mikrofonen und Sensoren erkunden die Maschinen ihre Umwelt. Sie speichern Bilder, Töne, Sprache, Lichtverhältnisse, Wetterbedingungen, erkennen Menschen und hören Anweisungen. Alles Voraussetzungen, um etwa ein Auto autonom zu steuern.
Neuronale Netze, eine Art Nachbau des menschlichen Gehirns, analysieren und bewerten die Informationen. Sie greifen dabei auf einen internen Wissensspeicher zurück, der Milliarden Daten enthält, etwa über Personen, Orte, Produkte, und der immer weiter aufgefüllt wird. Die Software ist darauf trainiert, selbstständig Muster und Zusammenhänge bis hin zu subtilsten Merkmalen zu erkennen und so der Welt um sie herum einen Sinn zuzuordnen. Der Autopilot eines selbstfahrenden Autos würde aus dem Auftauchen lauter gelber Streifen und orangefarbener Hütchen zum Beispiel schließen, dass der Wagen sich einer Baustelle nähert.
Ist das System zu einer abschließenden Bewertung gekommen, leitet es daraus Handlungen, Entscheidungen und Empfehlungen ab – es bremst etwa das Auto ab. Beim sogenannten Deep Learning, der fortschrittlichsten Anwendung künstlicher Intelligenz, fließen die Erfahrungen aus den eigenen Reaktionen zurück ins System. Es lernt zum Beispiel, dass es zu abrupt gebremst hat und wird dies beim nächsten Mal anpassen.

Sie sagen nicht, wann Sie diese Schwelle erreichen? 
Nein. Aber viele Indikatoren zeigen, dass wir auch in Zukunft stark wachsen werden. Blicken Sie nur auf die Aufträge aus der Automobilindustrie.

Viele Autohersteller sind Kunden von AWS – die meisten haben aber zusätzlich Verträge mit weiteren Cloud-Anbietern. Volkswagen beispielsweise baut seine Industrie-Cloud mit AWS auf, setzt aber für seine Auto-Cloud auf Microsoft Azure. Warum vertraut VW Ihnen nicht alle Cloud-bezogenen Aufgaben an? 
AWS ist in der Automobilbranche weltweit eindeutig führend. Wir haben enge Beziehungen zu praktisch allen Anbietern. Toyotas vernetzte Mobilitätsinitiativen nutzen unsere Cloud. Mit Stellantis sind wir vor anderthalb Jahren eine umfassende Partnerschaft eingegangen: Der Konzern nutzt AWS, um die Fertigung und die Lieferkette zu steuern. Auch die softwaredefinierten Fahrzeuge des Unternehmens – also Autos, die regelmäßig mit Softwareupdates versorgt werden – sind mit unserer Cloud verbunden.  Andersherum verkauft Stellantis Elektrofahrzeuge an Amazon für die Auslieferung von Paketen. Solche umfassenden Partnerschaften nehmen zu, siehe zuletzt BMW, die ihre Plattform für autonomes Fahren auf AWS aufbauen wollen. Wir betonen aber immer auch, dass es im Cloud Computing nicht nur einen Gewinner geben wird. Sehr große Unternehmen mit mehreren Dutzenden oder sogar Hunderten von Milliarden Dollar Umsatz im Jahr wie BMW oder VW vertrauen eben nicht nur einem einzigen Anbieter ihre kompletten Aktivitäten an.

Lesen Sie auch: Sicherheit in der Cloud ist nur eine Illusion!

Ende des vergangenen Jahres hat das derzeitige Megathema generative künstliche Intelligenz (KI) mit ChatGPT an vorderster Front die Bühne betreten. In der Wahrnehmung scheint es so, als hinke AWS auf dem Feld Konkurrenten wie Microsoft mit OpenAI, aber auch Google und Meta hinterher.
Amazon verfügt bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert über breites Know-how im Bereich maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz. Schon die im Jahr 1998 eingeführte Personalisierung auf der Amazon-Website basierte auf KI-Algorithmen. Zudem haben wir seit einigen Jahren eigene generative KI-Modelle innerhalb von Amazon laufen; so werden beispielsweise viele der Alexa-Sprachantworten von Modellen gesteuert, die Amazon entwickelt hat. 

Nicht alle Unternehmenskunden können diese KI-Modelle bislang für eigene Anwendungen einsetzen. In dieser Hinsicht sind etwa Microsoft und Google Ihnen voraus.
Bei generativer KI stehen wir gerade erst am Anfang eines langen Rennens. Es ist nicht entscheidend, welcher Läufer gerade voraus ist oder zurückliegt. In vielerlei Hinsicht ist die Situation übrigens vergleichbar mit dem Internet im Jahr 1996: Die Frage nach dem führenden Internet-Unternehmen zum damaligen Zeitpunkt hätte wenig Sinn ergeben. Denn damals konnte sich niemand wirklich vorstellen, wie sich die Technologie weiterentwickeln würde – auch wenn bereits viele Menschen erkannten, dass es sich um eine grundlegende Technologie handeln würde. Ähnlich ist es mit generativer KI: Sie ist eine grundlegende Technologie, die viele Unternehmensanwendungen verändern wird. Was die Welt jetzt wirklich benötigt, sind Wahlmöglichkeiten – genau diesen Ansatz verfolgt AWS bei generativer KI.

Amazon-Deutschland-Chef

„Dieser Prime Day war der erfolgreichste aller Zeiten“

Während der Onlinehandel insgesamt schwächelt, will Amazon weiter in Logistik investieren. Im Interview erzählt der Deutschland-Chef, was Kunden beim Prime Day besonders reizt – und warum er trotz Krise positiv bleibt.

von Artur Lebedew

Was genau heißt das?
Unsere KI-Strategie besteht darin, Lösungen auf drei Ebenen anzubieten: Auf der ersten Ebene steht Hardware auf der Basis unserer selbst entwickelten Chips Trainium und Inferentia. Sie schafft die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen eigene KI-Modelle entwickeln und trainieren können. Auf der zweiten Ebene bieten wir fertige Modelle an, auf deren Grundlage Kunden Anwendungen programmieren können. Die dritte Ebene besteht aus KI-Diensten, die sich sofort einsetzen lassen.

Welche KI-Sprachmodelle bietet AWS denn an?
Amazon hat eigene Modelle entwickelt. Diese werden bis zum Ende dieses Jahres unter der Marke Titan auf den Markt kommen. Zudem bieten wir auf unserer Plattform schon heute mehrere offene Sprachmodelle an, etwa die von Anthropics und Cohere, sehr leistungsfähige Modelle also. Wir haben auch eines der führenden Modelle für die Bilderzeugung im Angebot, nämlich Stability AI. Mit der Zeit werden weitere KI-Modelle hinzukommen. Auf all diese können unsere Kunden über dieselbe Schnittstelle und dieselben Befehle zugreifen.

In vielen Unternehmen weckt generative KI Sorgen um den Datenschutz. Wie sicher sind Ihre Modelle?
Für AWS ist Sicherheit die wichtigste Komponente überhaupt. Jedes der bei AWS verfügbaren Sprachmodelle wird isoliert sein – das bedeutet: Es wird sich in einer eigenen virtuellen privaten Cloud des Kunden befinden. Wenn Kunden diese Modelle anpassen, werden keine der übermittelten Daten oder veränderten Modelle den Weg zurück zu dem Anbieter dahinter finden. Uns ist völlig klar, dass keiner unserer Kunden ein Modell zum Nutzen seines Konkurrenten verbessern möchte.



Und welche fertigen Anwendungen für generative KI bietet AWS schon an?
Ein frühes Beispiel, von dem wir sehr begeistert sind, heißt CodeWhisperer – ein generativer KI-Service für das Schreiben von Programmcode. Ein Nutzer der Anwendung kann sein gewünschtes Programm in natürlicher Sprache beschreiben – und erhält Softwarecode zurück. CodeWhisperer ist seit dem Frühjahr allgemein verfügbar. Das Angebot wird sehr, sehr schnell angenommen. Und wir werden CodeWhisperer weiterhin innovativ und schnell weiterentwickeln, um es zu einem wirklich leistungsstarken Tool für Softwareentwickler in allen Branchen zu machen. Nach ähnlichem Strickmuster werden sowohl wir als auch viele unserer Kunden und Partner in den kommenden Monaten und Jahren eigene Anwendungen auf Basis der verschiedenen KI-Sprachmodelle aufbauen.

Inwiefern sind Trainium und Inferentia – die eigenen KI-Chips von AWS – wichtige Differenzierungsmerkmale im Wettbewerb? 
AWS investiert bereits seit fast einem Jahrzehnt in eigene Chipdesigns. Wir bieten bereits seit längerem unsere Graviton-Chips an, deren dritte Version im Vergleich zu anderen Chips für allgemeine Anwendungsfälle erhebliche Preis- und Leistungsvorteile bietet. So ist der Graviton 3 um 60 Prozent stromsparender als andere Universalchips – ein Faktor, der für unsere Kunden unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit sehr wichtig geworden ist. Mit Trainium und Inferentia übertragen wir solche Vorteile auf das spezielle und sehr rechenintensive Segment des Trainierens und Optimierens von Sprachmodellen. Das ist durchaus ein Unterscheidungsfaktor zur Konkurrenz.

Wird sich AWS eines Tages ganz von den traditionellen Chip-Anbietern abwenden? 
Nein, zumindest nicht auf absehbare Zeit. Im allgemeinen Computing haben wir enge Partnerschaften zu Intel und AMD. Eine ähnlich enge Beziehung haben wir zu Nvidia, um Computing auf Basis von Grafikchips anbieten zu können. Letztlich steht für uns – genauso wie bei den KI-Sprachmodellen – die Wahlmöglichkeit für unsere Kunden im Mittelpunkt.

AWS ist nicht gerade für größere M&A-Aktivitäten bekannt. Ist jetzt die Zeit gekommen, um zuzukaufen?
Wir sind immer sehr offen für potenzielle Übernahmen oder andere Formen von Investitionen, wenn sie denn sinnvoll sind. Die Übernahme von Annapurna im Jahr 2015 war enorm wichtig, um unsere eigenen Chips entwerfen zu können. Zukäufe sind interessant für uns, wenn sie uns schneller machen oder unseren Kunden zusätzliche Innovationen bieten. Wir werden also auch weiterhin mit offenen Augen nach passenden Möglichkeiten Ausschau halten.

Nach Schätzungen entfallen aktuell erst zehn Prozent aller IT-Ausgaben auf Cloud Computing. Wann wird der überwiegende Teil der IT-Budgets in die Cloud fließen? 
Die Zahlen zeigen, dass wir mit der Einführung der Cloud immer noch sehr am Anfang stehen. Die Entwicklung wird sich weiter beschleunigen. Und dennoch: Wir haben noch einen langen Weg vor uns: Es wird noch einige Jahre dauern, bis der Großteil der IT in der Cloud stattfindet.

In Anbetracht der mittlerweile enormen Größe von AWS: Könnten Sie sich als eigenständiges Unternehmen besser entwickeln? 
Lassen Sie es mich so sagen: Unsere Kunden sind mit AWS als Teil von Amazon sehr zufrieden. Viele wünschen sich eine umfassende Beziehung über mehrere Teile von Amazon hinweg. Nehmen Sie etwa ein Unternehmen aus der Medien- und Unterhaltungsbranche, das nicht nur AWS als Cloud-Infrastruktur nutzt, sondern auch eine Beziehung zu Prime Video unterhält, um eigene Produktionen auf der Streaming-Plattform anzubieten. Durch solche Mehrfachverknüpfungen wird Amazon noch stärker und leistungsfähiger. Wir haben daher keine Pläne, unsere Struktur zu ändern.

Lesen Sie auch: Berater für Amazon Marketplace – die Kampfzone im Hintergrund

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick