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Twitter, Tesla, SpaceXElon Musks Thron wackelt – nicht nur bei Twitter

Nicht nur Deutschland, sondern auch Elon Musk braucht eine Zeitenwende. Sie ist ihm schon mal in höchster Not gelungen. Aber auch die Herausforderungen jenseits von Twitter nehmen derzeit zu.Matthias Hohensee 21.12.2022 - 09:30 Uhr

Elon Musk braucht eine Zeitenwende. Diese könnte mit seinem Unternehmen SpaceX kommen – unter einer Voraussetzung.

Foto: imago images

Weihnachten steht vor der Tür. Es sind die bislang dunkelsten Stunden im Leben von Elon Musk. Die Scheidung von seiner Frau Justine ist noch frisch. Sein Elektroautohersteller Tesla steht vor der Pleite, hat nicht mehr genug Kapital, um die Gehälter zu bezahlen. Der Solarhersteller Solar City, an dem er und seine Familie beteiligt sind, steckt ebenfalls in finanziellen Schwierigkeiten. Zu allem Überfluss ist auch noch der dritte Start in Folge bei seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX gescheitert, wo das Geld ebenfalls knapp wird. Genauso wie das persönliche Vermögen von Musk. Die Gelder aus dem Verkauf des Online-Bezahldienstes PayPal, mit dem er sein Mini-Imperium finanziert hat, sind aufgebraucht.

„Es war zum Verzweifeln“, erinnert sich Musk. Dann wendet sich das Blatt abrupt. Am Heiligabend steigt der Stuttgarter Autokonzern Daimler für 50 Millionen Dollar bei Tesla ein, rettet damit den späteren Wettbewerber. Die US-Weltraumagentur NASA vergibt einen Auftrag von 1,1 Milliarden Dollar an SpaceX. Der vierte Raketenstart gelingt schließlich. Und Musk verliebt sich frisch in die britische Schauspielerin Tallulah Riley.

Das war 2008. Vierzehn Jahre später ist die Lage für Musk zwar bei weitem nicht so prekär wie damals. Aber ähnlich dramatisch, seit Musk sein langjähriges Hobby Twitter zu seinem Hauptberuf gemacht hat. Vorher litt nur der Führungszirkel bei seinen Unternehmen unter seinen Stimmungsschwankungen, jetzt schaut die ganze Welt zu. Selbst Anhänger wie der Silicon-Valley-Gründer-Papst Paul Graham sind nur noch schockiert über die erratischen Entscheidungen von Musk. Steckt System dahinter? Will Musk Twitter bewusst in den Konkurs steuern, um bei einer Neuorganisation die 13 Milliarden Dollar Kredite, die auf dem Unternehmen lasten, umzuschulden? Oder ist Musk einfach Musk, dessen Instinkt ihn immerhin zum zweitreichsten Menschen der Welt gemacht hat?

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Wieder steht viel auf dem Spiel für ihn. Erstmals wackelt sein Thron bei seinem Vorzeigeunternehmen Tesla. Aktionäre wie der indonesische Milliardär Leo Koguan, der sich vor kurzem noch als der größte Fan von Musk bezeichnete, fordern nun offen seine Ablösung. „Tesla braucht und verdient einen CEO, der sich rund um die Uhr um das Unternehmen kümmert“, tweetete Koguan. Tatsächlich ist Tesla mit etlichen Baustellen konfrontiert und läuft Gefahr, sein Jahresziel von 1,3 Millionen ausgelieferten Fahrzeugen zu verfehlen.

Wie viel Einfluss Koguan hat, ist umstritten. Doch anders als Meta-Chef Mark Zuckerberg, der derzeit wegen seiner enormen Ausgaben fürs Metaversum ebenfalls heftig kritisiert wird, hat Musk bei Tesla keine Aktien mit Mehrfachstimmrechten. Im Gegensatz zu Zuckerberg, der seinen Konzern so kontrolliert, kann Musk von seinen Aktionären des Amtes enthoben werden. Bislang ist das nie in Frage gekommen. Wegen seines Images als genialer Macher konnte Musk sogar ein milliardenschweres Vergütungspaket, bislang einzigartig in der Wirtschaftsgeschichte, durchdrücken. Doch wegen der Misere bei Twitter ist sein Image heftig angekratzt. Selbst bei der US-Weltraumagentur NASA, dem wichtigsten Partner von SpaceX, ist man ins Grübeln gekommen. NASA-Chef Bill Nelson ließ sich unlängst von SpaceX Operativchef Gwynne Shotwell versichern, dass Twitter „keine Ablenkung“ sei.

Musk braucht also einen Befreiungsschlag. Diesmal ist kein Retter wie Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche in Sicht. Dafür aber die Chance, sich in der Raumfahrtbranche nicht nur ein Denkmal zu setzen, sondern auch der Konkurrenz davon zu galoppieren.

Denn in den nächsten Wochen soll SpaceX ehrgeizigstes Vorhaben, das Raketensystem Starship, in den Orbit fliegen. Es ist nicht nur die bislang größte Rakete, die ins All abheben soll. Das System ist wiederverwendbar, was künftige Starts wesentlich kostengünstiger macht. Das sind die bisherigen SpaceX Flugkörper Falcon 9 und Falcon Heavy zwar auch, zumindest teilweise. Aber das Starship hat mit über 100 Tonnen eine weit höhere Nutzlast und soll ihre beiden Vorgänger ersetzen.

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An SpaceX firmeneigenen Weltraumflughafen im Süden von Texas wird der historische Flug seit Monaten vorbereitet. Die Großrakete ist 119 Meter hoch, hat einen Durchmesser von neun Metern und besteht aus zwei Teilen. Einem 65 Meter hohen Booster und einer oberen Stufe, die zugleich als Raumschiff dient und bis zu 100 Personen Platz bietet oder alternativ viel Fracht aufnehmen kann.

Der Booster soll das Raumschiff in den Orbit befördern und dann senkrecht wieder zur Erde zurückkehren. Das Raumschiff soll die Erde umkreisen und anderthalb Stunden später in den Gewässern vor Hawaii niederkommen. So weit der Plan.

Es ist eine Premiere. Zwar testet SpaceX das System seit zweieinhalb Jahren auf suborbitalen Flügen, hat bislang jedoch nur die Oberstufe auf die Reise geschickt, bei sieben Versuchen gab es drei Bruchlandungen. Nun wird erstmals das gesamte System erprobt und das Raumschiff in den Orbit befördert.

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Unmittelbar nach der Übernahme Ende Oktober setzt Musk den damaligen Twitter-Chef Parag Agrawal, den Finanzvorstand Ned Segal und die Chef-Justiziarin Vijaya Gadde vor die Tür. Er selbst übernahm den Chefposten und leitet damit nun fünf Firmen, darunter den Elektroauto-Bauer Tesla und die Weltraumfirma SpaceX. Ob es dabei bleibt, ist nach einer von Musk gestarteten Umfrage auf dem Kurznachrichtendienst zu seiner Position als Chef unklar.
Musk feuert zunächst etwa 3700 Personen und damit die Hälfte der damaligen Belegschaft, um anschließend einige von ihnen um eine Rückkehr zu bitten. Kurz darauf schafft er die Möglichkeit zum Arbeiten im Homeoffice ab. Mitte November fordert der neue Twitter-Eigner die Beschäftigten ultimativ auf, „lange Arbeitszeiten mit hoher Intensität“ zu akzeptieren oder mit einer Abfindung zu gehen.
Am 5. November stellt Twitter das gebührenpflichtige Premium-Konto „Twitter Blue“ vor. Es bietet unter anderem einen blauen Haken, der einen Account als verifiziert kennzeichnet. Drei Tage später folgt die Ankündigung eines Siegels „Offiziell“ für Medien oder Regierungen, das gemeinsam mit dem Abo-Modell, das acht Dollar im Monat kostet, eingeführt werden soll. Am 9. November kassiert Musk das „Offiziell“-Label wieder. Am 11. November ist „Twitter Blue“ Geschichte, weil gefälschte Accounts wie Pilze aus dem Boden schießen. Dafür können sich einige Nutzer nun doch mit dem „Offiziell“-Siegel schmücken.
Anfang November kündigt Musk eine verbesserte Suchfunktion an. Die aktuelle erinnere ihn an die Suchmaschine Infoseek aus dem Jahr 1998. Außerdem sollen künftig längere Texte an Tweets angehängt werden können. Darüber hinaus werde er Nutzern ermöglichen, jede Form von Beiträgen zu Geld zu machen.
Twitter-Nutzer, die parodistische Accounts nicht klar als solche kennzeichnen, werden ohne Warnung von der Plattform geworfen, schreibt Musk am 6. November. Am selben Tag gibt er das Ziel aus, Twitter zur „genauesten Informationsquelle“ zu machen. Er will unter anderem die Verhaltensregeln auf der Plattform lockern.
Zahlreiche Konzerne wie der Autobauer Volkswagen oder die Fluggesellschaft United Airlines schalten vorerst keine Anzeigen mehr auf Twitter. Werbung ist bislang die Haupteinnahmequelle von Twitter. Der selbsternannte „Absolutist der Meinungsfreiheit“ Musk wirbt daraufhin um Vertrauen. Er wolle die Plattform zu einer Kraft der Wahrheit machen und Fake-Accounts stoppen. In einer Betriebsversammlung warnt er jedoch vor einer möglichen Pleite des Kurznachrichtendienstes.Auch deutsche Firmen distanzieren sich. Audi hat alle Aktivitäten auf Twitter eingefroren und will neben einem Werbestopp bis auf weiteres auch keine Tweets auf seinen Unternehmensaccounts veröffentlichen. Allerdings gelte die interne Absprache nicht für Zulieferer oder Manager von Audi. Damit geht der Autobauer aus Ingolstadt weiter als der Mutterkonzern Volkswagen, der als erster deutsche Dax-Konzern mitteilte, seine Werbeaktivitäten einstellen zu wollen. Mit Siemens, Siemens Healthineers, SAP, Fresenius, Brenntag und der Allianz stoppten weitere deutsche Konzerne laut Umfrage der WirtschaftsWoche ihre Werbeaktivitäten auf Twitter bis auf Weiteres.

Wenn das System funktioniert, sieht SpaceX' Zukunft rosig aus. Die Kosten pro Kilogramm werden in der Startphase auf 200 Dollar geschätzt, etwa ein Siebtel dessen, was die Falcon Heavy von SpaceX kostet. Musk ist überzeugt, dass er in den nächsten Jahren die Kosten für Weltraumstarts so drücken kann, dass das Befördern eines Kilogramms auf unter 10 Dollar sinkt.

Damit könnte ihm kein Wettbewerber das Wasser reichen. Falls es nicht funktioniert, hat SpaceX zwar noch immer seine Falcon-Systeme. Mit ihnen hat das Unternehmen allein in diesem Jahr 59 Missionen durchgeführt, ein Rekord.

Aber das Finanzieren des kostspieligen Starship-Programms wäre dann eine große Belastung. Musk warnte sogar, dass SpaceX während einer globalen Rezession bankrott gehen könnte.

Auch die NASA und nicht zuletzt die US-Regierung haben großes Interesse an einem solventen SpaceX. Das Starship-Raumschiff soll 2025 US-Astronauten zum Mond bringen und damit die Vormachtstellung der Amerikaner im All sichern, die von den Chinesen herausgefordert wird. Und Musk will sein Starship-System nutzen, um den Mars zu erreichen und – so seine Vision – ihn zu besiedeln.

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Momentan täte ein Erfolg bei dem riskanten Projekt ihm wohl. Nicht nur zum Aufpolieren des Images. Der Wert von SpaceX, das bislang 10,6 Milliarden Dollar eingesammelt hat, wird derzeit auf 140 Milliarden Dollar geschätzt. Eine Vormachtstellung bei Transporten ins Weltall würde ihn um ein Vielfaches erhöhen. Möglich wären sogar suborbitale Langstreckenflüge, bei denen jeder Punkt der Erde in unter einer Stunde erreichbar wäre. Daneben wirken die 44 Milliarden Dollar – 31 Milliarden Dollar davon sein eigenes Geld – für den Twitter Kauf bescheiden.

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