Hüttenes-Albertus: „Deutschland bleibt nur zukunftsfähig, wenn es diesen Bürokratiewahnsinn stoppt“
Christoph Koch führt seit April 2015 gemeinsam mit Franz Friedrich Butz die Hüttenes-Albertus Chemische Werke GmbH.
Foto: Theodor Barth/laifWirtschaftsWoche: Herr Koch, Deutschland steckt in der Rezession, die Weltwirtschaft schwächelt. Wie stark ist Ihr Unternehmen davon betroffen?
Christoph Koch: Unser Geschäft ist im ersten Halbjahr global sehr gut gelaufen und in der gesamten Gießereibranche ist die konjunkturelle Entwicklung solide. Zwar ist das Produktionsvolumen in Deutschland nicht mehr auf dem Niveau früherer Jahre, aber das kann unser Unternehmen durch seine starke globale Präsenz und das Wachstum in Auslandsmärkten ausgleichen. Unser Geschäft etwa in der Türkei, in Mexiko, in der USA und auch in Europa läuft stabil. Ich glaube, der deutschen Wirtschaft geht es insgesamt nicht so schlecht, wie es manchmal dargestellt wird.
Gehen Sie davon aus, dass die positive Geschäftsentwicklung anhält?
Nach der üblichen Sommerpause ist das Geschäft im September wieder solide angesprungen und wir erwarten ein stabiles zweites Halbjahr für die HA-Gruppe, auch wenn unser Unternehmen zu fast 40 Prozent von der Automobilindustrie abhängig ist und unsere größte Kundenindustrie momentan bekanntlich viele Probleme bewältigen muss. Auf der anderen Seite gibt es nach wie vor eine hohe Nachfrage nach großen Gussteilen in der Industrie, seien es Gussteile für die Windenergie, den Nutzfahrzeugbau oder Landwirtschaftsmaschinen. Wir blicken vorsichtig optimistisch auf die kommenden Monate – und auch auf 2024.
Wie positioniert sich Ihr Unternehmen in China? Werden Sie Ihr Engagement dort zurückfahren – analog zur neuen Chinastrategie der Bundesregierung?
Der chinesische Markt bietet nach wie vor ein enormes Potenzial für uns. Obwohl wir derzeit die Nummer vier im Land sind, sehen wir mit unserer Technologie noch erhebliche Wachstumschancen. Natürlich beobachten wir die politische Entwicklung vor Ort genau, aber bisher gibt es keine Anzeichen für Importbeschränkungen oder Steuererhöhungen, die uns betreffen würden. Und ehrlich gesagt: selbst wenn wir unsere Aktivitäten dort plötzlich einstellen müssten, könnten wir das verkraften. Schließlich macht China weniger als zehn Prozent unseres Gesamtumsatzes aus.
Wollen Sie trotz steigender Zinsen und aller Standortprobleme weiter in Deutschland investieren?
Wir haben seit Jahren ein strategisches Investitionsprogramm und allein in den vergangenen zehn Jahren 200 Millionen Euro in unsere Anlagen investiert. Hinzu kamen 150 Millionen Euro für Akquisitionen, insbesondere die Übernahme von Mehrheitsanteilen an seit Jahrzehnten bestehenden Joint Ventures. Alle Investitionen, die wir für strategisch notwendig hielten, haben wir trotz Krise umgesetzt.
Wieso haben Sie an Ihren Investitionsplänen festgehalten?
Als Chemieunternehmen muss man immer ein bis drei Prozent des Umsatzes in Anlagen investieren, um den Bestand auf einem stabilen Niveau zu halten. Wir bauen derzeit aber keine komplett neuen Chemieanlagen, unsere Strategie gleicht eher einem Puzzle: Es sind modulare Investitionen in unser Produktionsnetzwerk, mit denen wir uns immer wieder der Nachfrage anpassen können. Unsere Investitionsplanungen für 2024 konzentrieren sich daher vor allem auf unsere größten Wachstumsmärkte Indien, Türkei und Mexiko.
Ihr weltweit größtes Werk befindet sich in Hannover. Halten Sie auch künftig am Standort Deutschland fest?
Ja, Deutschland ist das Rückgrat unseres Konzerns. Hier ist auch das Zentrum unserer Forschung und Entwicklung. Unsere Wurzeln reichen hier mehr als 100 Jahre zurück. Ein Rückzug aus Deutschland kommt für uns nicht in Frage.
Solche Bekenntnisse sind derzeit eher selten: Aktuell denkt laut Umfragen jeder vierte Mittelständler über eine Produktionsverlagerung ins Ausland nach.
Wir bekennen uns zum Standort Deutschland – aber ich habe nicht gesagt, dass hier alles gut läuft.
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Und was läuft falsch?
Wir haben viel zu viele Vorschriften. Deutschland bleibt nur zukunftsfähig, wenn die Regierung endlich diesen Bürokratiewahnsinn stoppt. Ich wünsche mir eine radikale Entbürokratisierung: Für jede neue Vorschrift sollten zwei alte abgeschafft werden. Das wäre ein riesiges Konjunkturprogramm nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa.
Welche alten Zöpfe würden Sie abschneiden?
Eines unserer größten Probleme sind die langen Genehmigungsverfahren. Nehmen wir unser neues Verwaltungsgebäude: Sie können sich nicht vorstellen, wie lange es gedauert hat, die Genehmigung für den Abriss des alten Baus zu bekommen! Und glauben Sie, dass es unser Telekommunikationsanbieter innerhalb eines Jahres geschafft hat, eine Internetleitung für das neue Gebäude zu verlegen? Nein, stattdessen mussten wir für viel Geld das Kabel aus dem alten Gebäude temporär verlängern. Das ist für mich typisch deutsch. Wir müssen viel agiler und schneller werden.
Ein zentraler Standortnachteil in Deutschland sind aktuell die hohen Energiepreise. Die Gießereibranche braucht viel Gas und Strom. Spüren Sie als Zulieferer diesen Kostendruck?
Klar. Wir haben Kunden, die sehr unter den hohen Energiepreisen leiden. Und ja, es gibt leider auch Gießereien, die in die Insolvenz gehen. Einige verlagern auch ihre Produktion ins Ausland, zum Beispiel in die Türkei, wo Energiekosten und Löhne niedriger sind. Während in Deutschland vor fünf Jahren noch 5,4 Millionen Tonnen Guss produziert wurden, sind es dieses Jahr nur noch ca. 3,5 Millionen – also etwa ein Drittel weniger.
Und das hat für Sie keine Folgen?
Natürlich wird der Markt für uns in Deutschland kleiner. Aber wenn die Gussvolumen in die Türkei, nach China oder Indien abwandern, haben wir den Vorteil, dass wir in diesen Ländern bereits vertreten sind. Wir verfügen über ein globales Produktionsnetzwerk, was uns vor den Auswirkungen von Marktverschiebungen und geopolitischen Schocks schützt.
Sie bleiben also vor allem durch Ihre globale Aufstellung zukunftsfähig?
Ja. Die Globalisierung und unsere internationale Verflechtung sind unser Rettungsring für schwere Zeiten. Wir bestehen im Wettbewerb, weil wir im Ausland profitable Geschäfte machen. In Deutschland haben wir in den vergangenen vier Jahren wirtschaftlich gelitten. Hätten wir in dieser Zeit nur in Deutschland produziert, würden wir heute sicher keine Gewinne machen.
Kann man den Abwanderungsprozess mittelständischer Unternehmen noch stoppen?
Ich glaube, wir müssen anfangen, wieder in langfristigen Zyklen zu denken. Im Moment erleben wir in Deutschland und Europa viele negative Entwicklungen: Hohe Energiepreise, Fachkräftemangel und der Konflikt in der Ukraine sorgen für ein schwieriges Umfeld. Das heißt aber nicht, dass es immer so bleiben wird. Früher oder später wird sich das Blatt für unsere Region wieder wenden, und dafür müssen wir jetzt die richtigen Weichen stellen. Wer als Unternehmen heute abwandert, kommt in ein paar Jahren vielleicht wieder zurück.
Welche Note geben Sie dem Wirtschaftsstandort Deutschland?
Das mag jetzt überraschen, aber ich würde Deutschland immer noch eine gute Zwei geben. Wir haben hier tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eine vorhandene – aber sicherlich verbesserungswürdige – Infrastruktur und langfristige Perspektiven. Wir stehen nicht vor einem Scherbenhaufen und müssen morgen nicht einpacken. Wir sollten uns als Standort nicht kleiner machen, als wir sind.
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