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WeltmarktführergipfelMarie-Christine Ostermann: „Brauchen ein Moratorium für die Bürokratie“

Die Präsidentin des Verbandes „Die Familienunternehmer“ hat beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer einen dramatischen Appell an das Publikum und die Politik gerichtet. Die WirtschaftsWoche hat die Keynote im Wortlaut dokumentiert. 07.02.2025 - 16:04 Uhr

Marie-Christine Ostermann ist Familienunternehmerin in vierter Generation.

Foto: Foto Vogt GmbH

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute hier bei Ihnen in Schwäbisch Hall zu sein. Ich bin aus Nordrhein-Westfalen angereist. Dort sitzt mein Familienunternehmen Rullko mit 230 Mitarbeitern und 95 Millionen Euro Jahresumsatz.

Und so gerne würde ich heute mit Ihnen eigentlich nur über positive Dinge sprechen. Zum Beispiel darüber, wie ich vor 30 Jahren zu meinem Vater sagte: „Papa, ich möchte unser Familienunternehmen in die vierte Generation führen“ – und genau das habe ich dann auch gemacht. Heute, 20 Jahre später, kann ich sagen, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war, weil es einfach so unglaublich viel Spaß macht, ein Familienunternehmen zu führen. Wir sind über 100 Jahre alt. Wir sind ein sehr resilientes Unternehmen mit sicheren Arbeitsplätzen und es macht sehr viel Freude, mit den Mitarbeitenden zusammenzuarbeiten.

Ich könnte mit Ihnen heute auch über den Verband „Die Familienunternehmer“ sprechen, dem ich als Präsidentin seit Mai 2023 bundesweit vorstehe. Wir haben uns schon vor 75 Jahren gemeinsam mit Ludwig Erhard dafür eingesetzt, dass wir die soziale Marktwirtschaft in Deutschland installieren: Keine Kartelle, sondern ein freier, fairer Wettbewerb, Privateigentum, Verantwortung. Dafür und auch für den Wertekompass, der dahinter steht, haben wir uns eingesetzt und diesen durchgesetzt. Gerade die Familienunternehmen stehen heute, nachdem wir über viele Jahrzehnte das Wirtschaftswunder erwirtschaftet haben und viel Wohlstand in Deutschland haben, für sehr viel Stabilität.

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Wir sind ein Verband bestehend aus Eigentümerunternehmern. Dahinter stehen Unternehmen sämtlicher Größen und sämtlicher Branchen, zum Beispiel Industrie, Dienstleistung und Handel. Wir haben keinen Tunnelblick, sondern vertreten die ganze Breite des Mittelstandes in Deutschland. Deswegen engagieren wir uns auch sehr stark politisch. 

Und genau darüber möchte ich heute mit Ihnen sprechen. Es steht eine Bundestagswahl bevor. Wir haben Forderungen an die Politik, was jetzt durch eine hoffentlich wirtschaftskompetente, nächste Bundesregierung passieren muss, so dass wir weiter Wachstum, Investitionen und Wohlstand mit unseren Mitarbeitenden in Deutschland erwirtschaften können. Denn der Mittelstand hier steht für 60 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer und 80 Prozent aller Ausbildungsplätze im Land.

Wir leben Verantwortung und sind grundsätzlich optimistisch. Zuversicht und Zukunftsverantwortung gehen bei uns Hand in Hand. Aber wir sind auch realistisch und unser Verband – bestehend aus über 6500 Mitgliedern – macht regelmäßig Umfragen, wie die Lage des Mittelstandes in Deutschland ist. Im Herbst 2024 haben 50 Prozent unserer Mitglieder gesagt, dass sie aktuell nicht mehr am Standort Deutschland investieren möchten.

Und nur noch 18 Prozent der Familienunternehmer wollen Erweiterungsinvestitionen tätigen. Die eigene Geschäftslage und erwartete Auftragslage ist so schlecht wie noch nie seit Erhebungsbeginn dieser Umfragen – also seit 15 Jahren. Und somit auch noch schlechter als in der Coronazeit.

Das größte Hemmnis, warum die Unternehmen aktuell nicht investieren?

Auf Platz 1 liegt, weit abgeschlagen, die Bürokratie. Über 90 Prozent der Familienunternehmer haben so abgestimmt. Auf Platz 2 liegt die Unberechenbarkeit der Finanz- und Wirtschaftspolitik. Und damit meine ich ganz konkret die Detailregulierung der letzten Jahre: Sehr viel Mikromanagement, aber auch sehr viele Subventionen, die verteilt wurden und dazu führen, dass es keine verlässlichen Rahmenbedingungen gibt, auf die Investoren sich langfristig verlassen können.

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Wir haben zu Beginn 2025 auch eine Jahresausblicksumfrage gemacht und da speziell die international tätigen Familienunternehmer befragt. Vor einem Jahr haben knapp 32 Prozent von ihnen gesagt, dass sie in Deutschland nicht mehr investieren möchten. In diesem Jahr sind es schon über 40 Prozent. Zum ersten Mal ist es auch so, dass mehr Familienunternehmen Arbeitsplätze in Deutschland abbauen, als aufbauen wollen. Und ein Drittel der Familienunternehmen will hier am Standort nicht mehr ausbilden.

Man muss es also ganz klar sagen: Die wirtschaftliche Lage ist desolat und es muss etwas passieren. Wenn jetzt nichts passiert, werden immer mehr Familienunternehmen im außereuropäischen Ausland investieren und somit noch mehr Arbeitsplätze abwandern. 

Deswegen brauchen wir dringend Reformen. Und wir haben ganz viele Vorschläge, was gemacht werden muss und auch schnell gemacht werden kann, damit sich die Lage wieder dreht. Denn Deutschland ist aktuell die einzige Industrienation weltweit, die nicht wächst.

Wir hatten schon zwei Rezessionsjahre, vielleicht folgt jetzt das dritte, begleitet von Insolvenzen, Arbeitsplatzabbau, Investitionen im Ausland. Letzte Woche haben sich die Familienunternehmer gemeinsam mit über 140 Wirtschaftsverbänden zusammengeschlossen und in ganz Deutschland demonstriert. Es ist einmalig in der deutschen Geschichte, dass sich so viele Verbände zusammengeschlossen haben, um ein Zeichen zu setzen. Unser Ziel ist, die Bürger dafür zu sensibilisieren, dass wir bei der nächsten Bundestagswahl über die zukünftige Wirtschaftspolitik in unserem Land abstimmen können und eine Wirtschaftswende brauchen. Wir brauchen Wirtschaftskompetenz in der nächsten Bundesregierung, damit wir wieder Investitionen und Wachstum in unserem Land sehen können.

Die Basis, die Substanz, die Resilienz sind hier noch gegeben. Aber nachdem schon viel zu lange nichts passiert ist, haben wir einen 10-Punkte-Plan aufgestellt, der jetzt umgesetzt werden muss, damit die Familienunternehmen mit ihren Mitarbeitenden hier wieder Wachstum schaffen können. 

Der 10-Punkte-Plan

Punkt 1 ist, dass wir ein Moratorium bei der Bürokratie brauchen. Das könnte man nach der Wahl ganz schnell einführen, sodass jetzt keine neuen Gesetze kommen, die weitere Bürokratielasten verursachen. Mein Unternehmen befasst sich aktuell mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Das sind wichtige Ziele. Wir tun auch super viel in dem Bereich. Aber die Zeit, die wir mit der Dokumentation befasst sind, steht einfach in keiner Relation, wenn man nur 200 Mitarbeitende hat und nicht zehntausende und eigene Rechtsabteilungen.

Wir haben 20.000 Artikel in unserem Unternehmen, die auch weltweit gehandelt werden. Allein das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz mit 20.000 Artikeln und 200 Mitarbeitern in Deutschland umzusetzen, ist für den Mittelstand nicht praktikabel. Wir setzen uns für Lösungen ein, die praktikabel sind, zum Beispiel eine Zertifizierung. Wenn weltweit Zulieferer zertifiziert wären – mit einmaligem Aufwand – könnte man sich darauf verlassen, dass Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden und man ohne Bedenken und riesige Haftungsrisiken auch als Mittelständler weltweit Handel betreiben kann.

Oder zum Stichwort „digitale Verwaltung“: Dass ich als Mittelständler nicht die Geburtsurkunden der Kinder meiner Mitarbeiter einsammeln muss, um die an die Pflegeversicherung zu melden. Das sind Daten, die dem Staat vorliegen, nur eben nicht digital. Und dieser Aufwand – der auch zu viel Ärger im Betrieb führt, weil die Mitarbeiter diese Infos gar nicht mit ihrem Arbeitgeber teilen wollen – ist ja nicht produktiv. Und wir wollen produktiv, innovativ, kreativ sein und Wertschöpfung betreiben. Dafür brauchen wir einfach mehr Zeit, mehr Kapazität.

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Punkt 2 sind Steuersenkungen: Wenigstens auf europäischen Durchschnitt müssen die Unternehmenssteuern gesenkt werden. Aber auch für unsere Mitarbeitenden, die dringend mehr Netto vom Brutto brauchen. Denn wir wollen ja auch, dass internationale, gut qualifizierte Fachkräfte nach Deutschland kommen und Lust haben, an unserem Standort weiterzuarbeiten.

Damit ganz eng zusammen hängt Punkt 3: Die Lohnnebenkosten. Die müssen wieder bei 40 Prozent des Bruttolohns für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gedeckelt werden, damit unser Standort auch in dem Bereich für alle Menschen attraktiv ist, die was leisten wollen, die spüren wollen, dass es sich lohnt zu leisten. 

Wir, die Familienunternehmen, haben ein Gutachten erstellen lassen mit Doktor Christian Hagist und Doktor Fetzer von der WHU, das besagt: Wenn jetzt keine Strukturreformen bei der Rente kommen, dann steigt in der nächsten Legislaturperiode dieser Sozialabgabenbeitrag auf bis zu 45 Prozent an – und ab 2030 auf 50 Prozent. Und dann prophezeie ich ihnen, werden weitere Unternehmen ins Ausland abwandern müssen, auch Arbeitnehmer werden eher im Ausland arbeiten wollen. Und wenn hier aber 30 Prozent aller Arbeitnehmer bald in Rente gehen, dann muss man ja nur ein bisschen rechnen, um festzustellen, dass das alles nicht funktioniert. 

Deswegen müssen wir alles tun, um die sozialen Sicherungssysteme durch strukturelle Reformen auch wieder tragbar und bezahlbar zu machen. Für die arbeitende Bevölkerung und für die Unternehmen, damit auch die Alten und Schwachen in Deutschland, die Rentner, die Kranken sich darauf verlassen können. Die können ja nicht ins Ausland abwandern und sich eine neue Existenz aufbauen, für die muss es hier auch sichere Verhältnisse geben. Es profitieren also alle davon, wenn wir strukturelle Reformen einführen: Zum Beispiel die Frühverrentung abschaffen für alle, die einen Schreibtischberuf haben und die fit sind oder auch das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung anpassen. Unpopulär, aber wir brauchen dringend viel, viel mehr Reformmut.

Eine weitere Reform, die wir dringend brauchen, ist eine Flexibilisierung des Arbeitsrechtes, zum Beispiel eine Wochenhöchstarbeitszeit und nicht eine tägliche Höchstarbeitszeit. Das ist einfach viel zu starr in der heutigen digitalen Welt.

Wir brauchen wettbewerbsfähige Energiepreise. Die USA oder China sind zwei- bis dreimal günstiger als wir. Es kann nicht sein, dass produzierende Unternehmen deswegen lieber im außereuropäischen Ausland ihre neuen Werkstätten aufmachen.

Es ist auch wichtig, dass der europäische Emissionshandel vorgezogen wird nach Deutschland, damit die Unternehmen selbst auf effiziente und innovative Weise entscheiden können, wo sie am meisten CO2 einsparen können. Dann haben wir auch den Klimaschutz gewährleistet. 

Wir brauchen Freihandel, keinen Protektionismus. Auch wenn das jetzt zu Zeiten von Trump und Zöllen super schwer ist, müssen wir weiter versuchen, als Europa stark zu sein und uns auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu fokussieren. Aber gerade den USA müssen wir die Hand ausstrecken und versuchen, Freihandelsabkommen abzuschließen, denn das ist ein kostenloses Konjunkturprogramm für die Unternehmen und für die Mitarbeitenden und sorgt für die dringend nötige Kostensenkung, die man unter dem Begriff „Angebotspolitik“ zusammenfassen kann: also Kostensenkung bei den großen, gerade auch vom Staat vorgegebenen Kostenblöcken wie Steuern, Sozialabgaben, Energiekosten und auch Bürokratie.

Und wir brauchen natürlich weiter den Euro, den europäischen Binnenmarkt, Weltoffenheit und eine Willkommenskultur auch für ausländische Fachkräfte. Dass sie eben gerne zu uns kommen, sich hier gut aufgehoben fühlen und attraktive Rahmenbedingungen haben. All diese Forderungen könnte man sehr gut umsetzen, wenn wir uns wieder auf den Rahmen der sozialen Marktwirtschaft fokussieren – mit dem Wert der individuellen Freiheit, die dann auch zu der wirtschaftlichen Freiheit führt, dass wir wieder eigenverantwortlich Entscheidungen treffen dürfen.

90 Prozent aller Investitionen im Land werden durch Private getätigt und eben nicht durch den Staat. Deswegen ist es auch so wichtig, die Schuldenbremse einzuhalten und nicht durch die sehr teuren Zinsen weitere Belastungen auf unseren Wirtschaftsstandort zu legen. Die Schuldenbremse führt auch dazu, dass Politiker die richtigen Prioritäten setzen müssen und gezwungen sind, auch unpopuläre Reformen durchzuführen.

Freier Wettbewerb ist der nächste Wert. Fairer, freier Wettbewerb ohne Subventionen, die den Wettbewerb verzerren und den Standort nur weiter verteuern. Bei Intel sind zum Glück die 10 Milliarden nicht geflossen. Bei Northvolt sind vielleicht 600 Millionen in der Insolvenzmasse mit drin. Das zeigt, dass Politiker nicht die besseren unternehmerischen Entscheidungen treffen, sondern wir – die Wirtschaft, die Unternehmer, die Manager – in unseren Branchen einfach bessere Investitionsentscheidungen treffen.

Es ist wichtig, die Verantwortung zu tragen. Und da bin ich auch schon beim letzten Punkt: Das eben auf eigenes Risiko zu tun, ohne Subventionen, sondern nach dem Haftungsprinzip, Risiko und Haftung in einer Hand. Wenn wir uns nach diesem ordnungspolitischen Kompass ausrichten, dann bin ich optimistisch und zuversichtlich, dass Deutschland schnell die Kurswende schafft.

Und ich rufe Sie alle dazu auf: Sprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern, mit den Bürgern des Landes, mit den Medien, mit jedem, der ihnen vor die Nase kommt, reden Sie darüber, dass wir bei der nächsten Bundestagswahl Wirtschaftskompetenz brauchen.

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